Darstellung und Legitimation von Reliquienraub- und Handel im Frühmittelalter anhand von Einhards "Die Übertragung und Wunder der Heiligen Marzellinus und Petrus"


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reliquienraub, -handel und -translation im Frühmittelalter

3. Einhards Translatio und seine Intention
3.1 Ablauf und Akteure des Reliquienraubs bei Einhard
3.2 Einhards Intentionen

4. Fazit und Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

1. Einleitung

Bei dem von Einhard geschriebenen und von Karl Esselborn übersetzten Text „Die Übertragung und Wunder der Heiligen Marzellinus und Petrus“ handelt es sich um einen frühmittelalterlichen Translationsbericht, der für die Karolingerzeit ebenso wie für die Entwicklung der Gattung der Translationsberichte ein signifikantes, literarisches Werk darstellt. Wie ich im folgenden Kapitel noch weiter ausführen werde, handelt es sich bei Einhards Werk um den Prototyp eines solchen Berichts, an dem sich darauf folgende Translationsberichte orientierten.1 Bemerkenswert ist, dass die von Einhard beschriebene Rahmenhandlung von späteren Autoren übernommen wurde und sich somit zur Blaupause einer typischen Translatio entwickelte: Ein oder mehrere Geistliche, zumeist handelt es sich um Mönche, reisen nach Rom, brechen dort in eine Gruft ein und stehlen die Überreste eines christlichen Heiligen, um sie über die Alpen in den Norden zu transportieren.2 Ihr unchristliches und kriminelles Verhalten wird dabei angeblich immer von den Heiligen beeinflusst oder sogar bewusst gelenkt, sodass man von einer Legitimation der Handlung durch die Heiligen sprechen kann. Dadurch, dass nachfolgende Translationsberichte sich augenscheinlich an Einhards Text orientieren und den Reliquiendiebstahl als „Furta Sacra“, also als einen von Gott legitimierten Akt darstellen, kann der Text als literarisches Vorbild dieser Textgattung gesehen werden.3 Hierdurch wird auch ersichtlich, dass diese Methode zur Relativierung eines kriminellen Akts erfolgreich war und genutzt werden konnte, um Reliquienraub und Reliquienhandel zu rechtfertigen.

Liest man einen solchen Text, speziell Einhards Translatio, als einen der ersten dieser Textgattung, stellen sich folgende Fragen: Was waren die Gründe für einen Reliquienraub? Wie lief ein solcher und der Handel mit Reliquien ab? Welche Wirkung wollte Einhard mit dem Verfassen seines Translationsberichts erzielen? Was ist an seiner Erzählung typisch oder untypisch für einen Translationsbericht? Welche inhaltlichen und stilistischen Mittel nutzt er, um einen unchristlichen, kriminellen

Akt in einen von der Christenheit Legitimierten zu wandeln? Meine Nachforschungen führten mich zu der These, dass sich das Rauben von Reliquien im Frühmittelalter, zu einem anerkannten Prozedere unter Geistlichen und Adeligen im Frankenreich entwickelte und durch das Niederschreiben der angeblichen Wunder der Heiligen legitimiert und infolgedessen von der Gesellschaft akzeptiert wurde.

Um meine These zu untermauern und die aufgeworfenen Fragen zu beantworten, werde ich in der folgenden Hausarbeit zunächst den Raub, den Handel und die Translation von Reliquien im Frühmittelalter näher beleuchten. Hiernach werde ich Einhards Translationsbericht und seinen Quellenwert in Bezug zu meiner Fragestellung erörtern. Nachfolgend werde ich das Phänomen Reliquienraub im Frühmittelalter anhand von Einhards Darstellung mit besonderem Fokus auf den Ablauf und die Akteure analysieren. Zudem wird sich diese Hausarbeit mit der Legitimation des Reliquienraubs und der Rolle der Heiligen in Einhards Werk befassen. Für diese Arbeit werden mir die Monographien „Furta Sacra“ des amerikanischen Historikers Patrick Geary, „Reliquientranslationen nach Sachsen im 9. Jahrhundert“ von Hedwig Röckelein und „Ich und Karl der Große“ von Steffen Patzold und der Aufsatz „Einhards Römische Reliquien“ von Prof. Dr. Hans Reinhard Seeliger als primäre Lektüre dienen. Der Textteil der Hausarbeit wird schließlich mit einem Fazit und einem Ausblick bezüglich zukünftiger Forschungsfragen und -möglichkeiten abgeschlossen.

2. Reliquienraub, -handel und -translation im Frühmittelalter

In seinem Werk „Furta Sacra“ beschreibt Patrick Geary, welche Charakteristika ein typischer Translationsbericht des 9. Jahrhunderts im Karolingerreich aufwies. Üblicherweise ging es um Geistliche, die Stadt Rom oder eine andere Region Italiens und die Reliquien eines Heiligen, die unter fragwürdigen Umständen beschafft wurden und die Begeisterung, die sie an ihrem neuen Standort auslösten.4 Er erklärt, dass im Karolingerreich des 9. Jahrhunderts ein regelrechter Heiligenkult herrschte, dieser jedoch keineswegs ein ausschließlich mittelalterliches oder auf Religion beschränktes Phänomen sei, da auch schon vorher die Gebeine wichtiger Persönlichkeiten angebetet worden seien.5 Der Kult um die christlichen Märtyrer begann nach Gearys Angaben, als die Zeit der Christenverfolgung zu Ende ging.6

Geary spricht von insgesamt sechs Gründen, den rein wirtschaftlichen Zweck für eine einzelne Person ausgenommen, die zu Reliquienraub, -handel und -translationen geführt hätten. Zuallererst nennt er die Expansion des Christentums in Europa, da für jede Kirchengründung auch Reliquien benötigt wurden.7 Dieser Darstellung schließt sich auch Hedwig Röckelein in ihrem Buch an.8 Die sterblichen Überreste eines Heiligen seien unter christlichen Adeligen und Klerikern zu äußerst begehrten Objekten geworden. Als die Zahl der Kirchen anstieg und das Christentum sich ausbreitete, die Zahl der Reliquienjedoch gleich blieb, wurde immer offensichtlicher, dass andere Möglichkeiten gesucht werden mussten, um an diese Objekte zu gelangen.9 In Wattenbachs Quellenkunde beispielsweise wird darauf hingewiesen, dass auch Einhards Translationsbericht und die darin beschriebenen Wunder, der katholischen Kirche im Frankenreich einen massiven Zulauf an neuen Mitgliedern bescherte und zudem die Ausbreitung des Christentums beispielsweise in den Gebieten der Sachsen maßgeblich förderte, was den wachsenden Mangel an Reliquien veranschaulicht.10

Ein signifikantes Problem war also, dass beinahe keine legalen Möglichkeiten mehr vorhanden waren, um in den Besitz von Reliquien zu kommen. Im Gegensatz zu legal erworbenen Reliquien, sei solchen die gestohlen wurden zudem eine höhere Authentizität nachgesagt worden.11 Dem Besitzer gestohlener Reliquien wurde ein hohes Maß an Prestige zuteil und obwohl es Reliquien auch in fernen Ländern wie Spanien, Nordafrika, im nahen Osten und in Aquitanien gab, wurden solche aus Rom bevorzugt, da Rom als einzig wahre orthodoxe Region angesehen wurde.12 Zudem erklärt Röckelein in ihrem Buch, dass Reliquien aus Rom bevorzugt wurden, da diese von den ersten christlichen Märtyrern stammten und den Besitzer mit dem päpstlichen Stuhl in Rom verbanden.13 Dennoch bestahlen sich andere christliche Gemeinden in diesen Regionen auch untereinander, da jede Gemeinde ihre eigenen Regeln und Ziele verfolgte und in ihren Augen, andere Gemeinden wiederum als unwürdig gesehen wurden, Reliquien zu beherbergen.14

Geary schreibt in seinem Buch, dass es zu Beginn des 9. Jahrhunderts durchaus eine gesetzliche Regelung bezüglich der Beschaffung von Reliquien gegeben habe:

When a hagiographer reported that a relic had been removed in the dead of night from a neighboring church or had been purchased from a custodian, the author was quite aware that such action was condemned by ecclesiastical law.15

Teilweise sollen Reliquienräuber, die erwischt wurden sogar mit einer Exkommunikation bedroht worden sein. Die Hagiographen seien sich zudem darüber im Klaren gewesen, dass ein Gewinn für sie, eines anderen Verlust war.16 Bedingt durch mögliche Sanktionen suchten Hagiographen daher nach besonderen Gründen um einen Reliquienraub rechtfertigen zu können.17

Weiterhin nennt er die Etablierung von bestimmten Standorten als Pilgerstätten, Zeiten der politischen Krisen und Instabilität, Konkurrenzmotive und Rivalitäten zwischen kirchlichen Einrichtungen, die Aufwertung des eigenen Standorts mithilfe von Reliquien und der Ausgleich von wirtschaftlichen Verlusten ganzer Kommunen in unterschiedlichen Bereichen, durch die Platzierung von Reliquien und das daraus resultierende Anlocken von Pilgern und Touristen als Gründe für Reliquienraub, -handel und -translation.18

Zudem erklärt Geary, dass einer Reliquie eine neue Funktion zugeteilt werden konnte, indem man sie von einem vorherigen Standort unbemerkt entfernte bzw. stahl und zu einem neuen transferierte.19 Diesbezüglich erläutert Röckelein, dass die vorherige Funktion auch von einem Standpunkt auf den nächsten übertragen werden konnte, wenn die Reliquientranslation im Rahmen einer Schenkung oder eines Gabenaustauschs stattfand, indem der Vorbesitzer angab die durch die Reliquien gewirkten Wunder würden durch seinen Glauben weiterhin an dem vorherigen Standort wirken.20

In ihrem Werk „Reliquientranslationen nach Sachsen im 9. Jahrhundert“ gibt Hedwig Röckelein Aufschluss über die Bedeutung sozialer Beziehungen und Netzwerke in Bezug auf den legalen Reliquienaustausch und deren Translation. Auch sie erklärt in ihrem Buch, dass Reliquien begehrte Objekte, allen voran Geschenke und Tauschobjekte unter Adeligen und Geistlichen waren.21 Diesbezüglich erklärt sie, dass Reliquien genutzt wurden, um eine dauerhafte soziale Bindung zwischen zwei, zumeist ranggleichen, Personen herzustellen. Die Reliquien ließen sich in Gaben und Gegengaben einteilen, so Röckelein. So wurde eine Gabe beispielsweise genutzt, um eine soziale Bindung aufzubauen, während eine Gegengabe normalerweise genutzt worden sei, um eine bereits vorhandene soziale Bindung zu stärken oder zu erneuern. Gaben und Gegengaben würden die Treue und Loyalität zwischen Spender und Empfänger immer wieder neu bekunden. Demnach war an diese Gaben also auch eine Art Verbindlichkeit gebunden.22

[...]


1 Vgl. Geary: Furta, S. 118.

2 Vgl. Ebd.,S.29.

3 Vgl. Seeliger: Reliquien, S. 62.

4 Geary: Furta, S. 29.

5 Geary: Furta, S. 29.

6 Ebd.,S.3O.

7 Ebd.

8 Röckelein: Reliquientranslationen, S. 137.

9 Vgl. Geary: Furta, S. 30.

10 Wattenbach: Art. „Einhard“, S. 154.

11 Vgl. Geary: Furta, S. 131.

12 Vgl. Ebd.

13 Röckelein: Reliquientranslationen, S. 137.

14 Vgl. Geary: Furta, S.131- 132.

15 Ebd., S. 111.

16 Vgl. Ebd., S. 112.

17 Vgl. Ebd.,S. 112-113.

18 Ebd., S. 129- 130.

19 Ebd., S. 7.

20 Röckelein: Reliquientranslationen, S. 141.

21 Ebd., S. 140.

22 Ebd., S. 141 - 142.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Darstellung und Legitimation von Reliquienraub- und Handel im Frühmittelalter anhand von Einhards "Die Übertragung und Wunder der Heiligen Marzellinus und Petrus"
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V1169268
ISBN (Buch)
9783346579911
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reliquienraub, Reliquien, Reliquienhandel, Frühmittelalter, Mittelalter, Einhard, Reliquientranslation, Heilige, Marzellinus, Petrus
Arbeit zitieren
M.Ed. Timmy Paul (Autor:in), 2019, Darstellung und Legitimation von Reliquienraub- und Handel im Frühmittelalter anhand von Einhards "Die Übertragung und Wunder der Heiligen Marzellinus und Petrus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1169268

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