Ich werde zunächst die Schwierigkeiten erläutern, die sich bei einer klaren Abgrenzung von Gesundheit und Krankheit ergeben. Bevor dann inhaltlich auf Antonovsky`s Konzept eingegangen wird, sollen zumindest einige wesentliche Charakteristika der Gegenposition kritisch beleuchtet werden. Damit soll nicht nur aufgezeigt werden, welche Implikationen (zB das Menschenbild) eine pathogenetische Orientierung beinhaltet, sondern auch später klargestellt werden können, welche Auswirkungen diese auf die sozialpsychiatrische Arbeit hat. Im Laufe der Zeit wurde das biomedizinische Krankheitsmodell zwar erweitert und einige Faktoren hinzugefügt, jedoch bleiben die Grundannahmen identisch und ich fokussiere mich deshalb nur auf dieses, um den Kontrast klar herausstellen zu können sowie den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Schwierigkeit der Abgrenzung von Gesundheit und Krankheit
3 Kritische Betrachtung des biomedizinischen Krankheitsmodells
4 Das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky
4.1 Salutogenese und das Kohärenzgefühl (SOC)
4.2 Kohärenzgefühl, Stressoren generalisierte Widerstandsressourcen
5 Zur Relevanz der salutogenetischen Perspektive für die sozialpsychiatrische Arbeit
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Vorteile der salutogenetischen Perspektive für die sozialarbeiterische Praxis im Kontext der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen, indem sie den Kontrast zum dominierenden biomedizinischen Krankheitsmodell herausarbeitet.
- Kritische Analyse des biomedizinischen Krankheitsmodells
- Einführung in das Konzept der Salutogenese nach Aaron Antonovsky
- Bedeutung des Kohärenzgefühls (SOC) für die Gesundheitsförderung
- Die Rolle von generalisierten Widerstandsressourcen
- Implikationen salutogenetischen Handelns für die sozialpsychiatrische Praxis
Auszug aus dem Buch
4.1 Salutogenese und das Kohärenzgefühl (SOC)
Das Modell der Salutogenese ist im Vergleich zu den oben dargestellten pathogenetischen weit umfassender, da es „[…] sowohl sozial-kognitive Aspekte als auch die sozialen Dimensionen der Lebensweise einschließt und zugleich eine positive Perspektive auf Gesundheit entwirft […]“ (Homfeldt/Sting 2006, S. 76). Anders als die WHO, welche Gesundheit als Freisein von Krankheit definiert, ist Gesundheit kein statischer Zustand, sondern wird als ein „[…] labiles, aktives und sich dynamisch regulierendes Geschehen […] verstanden (ebd., S. 77). Grundprinzip der menschlichen Existenz „[…] ist nicht Gleichgewicht und Gesundheit, sondern Ungleichgewicht, Krankheit und Leiden. Unordnung und die Tendenz zur Entropie sind allgegenwärtig […]“ (Bengel/Strittmatter/Willmann 1998, S. 25). Dabei meint Antonovsky mit dem, eigentlich aus der Thermodynamik stammenden, Begriff der „Entropie“ die Tendenz oder Fähigkeit aller menschlicher Organismen ihre aufgebaute Struktur zu verlieren, aber diese auch wieder aufzubauen bzw. in Ordnung bringen zu können (vgl. ebd.). Gesundheit und Krankheit sind laut Antonovsky nicht zwei voneinander abgrenzbare dichotome Zustände, sondern sie befinden sich auf einem „Gesundheits-Krankheits-Kontinuum“ (Antonovsky 1997, S. 23). Weiter schreibt er hierzu: „Wir sind alle sterblich. Ebenso sind wir alle, solange noch ein Hauch von Leben in uns ist, in einem gewissen Ausmaß gesund. Der salutogenetische Ansatz sieht vor, daß wir die Position jeder Person auf diesem Kontinuum zu jedem beliebigen Zeitpunkt untersuchen.“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Allgegenwärtigkeit von Gesundheits- und Krankheitsdiskursen und problematisiert die oft unhinterfragte Übernahme des biomedizinischen Krankheitsmodells in der Sozialen Arbeit.
2 Schwierigkeit der Abgrenzung von Gesundheit und Krankheit: Dieses Kapitel verdeutlicht, dass es keine universelle, objektive Definition von Gesundheit oder Krankheit gibt, da diese Begriffe gesellschaftlich konstruiert sind und von Machtverhältnissen abhängen.
3 Kritische Betrachtung des biomedizinischen Krankheitsmodells: Das Kapitel analysiert die pathogenetische Ausrichtung des medizinischen Modells, seine historische Herkunft und die daraus resultierende einseitige Fokussierung auf Symptombekämpfung und Normalitätsnormen.
4 Das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky: Hier wird der salutogenetische Ansatz als Gegenentwurf eingeführt, der Gesundheit als dynamischen Prozess auf einem Kontinuum begreift und das Kohärenzgefühl sowie Widerstandsressourcen in den Mittelpunkt stellt.
5 Zur Relevanz der salutogenetischen Perspektive für die sozialpsychiatrische Arbeit: Dieses Kapitel diskutiert, wie die Salutogenese als Orientierungshilfe dient, um die Lebenswelt und Biografie von Klienten stärker zu berücksichtigen und gesundheitsfördernde Potenziale zu aktivieren.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der Salutogenese als ethische und fachliche Orientierung zusammen, die soziale Arbeit dazu befähigt, über rein pathogenetische Ansätze hinauszublicken und Komplexität besser zu handhaben.
Schlüsselwörter
Salutogenese, Kohärenzgefühl, SOC, Biomedizinisches Krankheitsmodell, Sozialpsychiatrie, Gesundheit-Krankheits-Kontinuum, Widerstandsressourcen, Lebensweltorientierung, Pathogenese, Gesundheitsförderung, Soziale Arbeit, Normalität, Stressbewältigung, Antonovsky, Entropie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie eine salutogenetische Perspektive die sozialarbeiterische Praxis in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen bereichern und verbessern kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik am klassischen biomedizinischen Modell, das Konzept der Salutogenese nach Antonovsky sowie die Anwendung dieser Modelle im sozialpsychiatrischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Vorteile einer salutogenetischen Sichtweise gegenüber einer rein pathogenetischen Orientierung aufzuzeigen, um für Klienten bessere Unterstützungsansätze zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse und eine kritische Auseinandersetzung mit Fachdiskursen zu Gesundheit, Krankheit und sozialem Handeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schwierigkeiten bei der Abgrenzung von Gesundheit und Krankheit, kritisiert die medizinische Fixierung auf Pathologie und erläutert die Komponenten des Kohärenzgefühls.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Salutogenese, das Kohärenzgefühl (SOC), das biomedizinische Krankheitsmodell und die sozialpsychiatrische Lebensweltorientierung.
Wie unterscheidet sich die Salutogenese vom biomedizinischen Modell?
Während das biomedizinische Modell den Menschen auf seine Symptome reduziert (Pathogenese), betrachtet die Salutogenese den Menschen auf einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit und fragt nach Ressourcen, die gesund halten.
Warum ist das Kohärenzgefühl für die Soziale Arbeit bedeutsam?
Es bietet einen Anknüpfungspunkt, um die innere Verfasstheit und die Selbstwirksamkeit von Klienten zu verstehen und gezielt zu fördern, anstatt sie nur als "krank" zu etikettieren.
Welche drei Komponenten bestimmen das Kohärenzgefühl?
Das SOC setzt sich aus den Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit zusammen.
Was sind generalisierte Widerstandsressourcen?
Dies sind Faktoren – wie soziale Unterstützung oder persönliche Fähigkeiten –, die dazu beitragen, Krisen erfolgreich zu bewältigen und die Bewegung zum "gesunden Pol" auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Johannes Zeimet (Autor:in), 2020, Was sind die Vorteile einer salutogenetischen Perspektive in der sozialarbeiterischen Praxis mit psychisch erkrankten Menschen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1169327