In dieser Hausarbeit wird die heterogene Gruppe der Angestellten in ihrem geschichtlichen Verlauf betrachtet. Die zentrale Frage, die hierbei bearbeitet wird, ist, ob und inwieweit die Angestellten als soziale Gruppe und damit verbunden als neuer Mittelstand gesehen werden konnten. Dabei wird die Gemeinschaft der Angestellten von ihrer Entstehung in der vorindustriellen Zeit bis hin zur Entwicklung in der Weimarer Republik beleuchtet. Für die Zeit des Dritten Reiches und die Rolle der Angestelltenverbände bei der Machtergreifung sowie ihre Neustrukturierung nach 1945 werden lediglich weiterführende Literaturhinweise gegeben, da die Analyse den Rahmen der Hausarbeit überschreiten würde.
Im ersten Schritt werden in der Hausarbeit die beiden Schlüsselbegriffe `Mittelstand´ und `Angestellte´ kurz im Bezug auf die Themenstellung historisch bestimmt und relevante Punkte erläutert.
Die darauffolgenden Kapitel widmen sich den drei Schwerpunkten der Analyse: historische Entwicklung, Organisation und gesellschaftliche Position. Zuerst wird die Entstehung der Angestellten im Verlauf der Industrialisierung betrachtet. Hierbei spielt der historisch gewachsene Sonderstatus des Angestellten, seine Nähe zum Beamtentum und die Abgrenzung zu den Arbeitern eine besondere Rolle. Auf diese Gegebenheiten baut das nächste Hauptkapitel über die Organisation auf. In diesem wird der Aufbau der Angestelltenverbände bis zur Weimarer Republik kritisch beleuchtet und auf seine Funktion für das Selbstverständnis als Angestellter und die öffentliche Akzeptanz dieser Gruppe betrachtet. In diesem Zusammenhang wird ebenso die Rolle der Angestellten als neuer Mittelstand skizziert, um im letzten Hauptkapitel zur gesellschaftlichen Rolle ausführlich und aufgrund verschiedener Analyserichtungen diskutiert zu werden. Hier wird die soziologische Ebene der Angestelltenforschung miteinbezogen und anhand der Untersuchung Coyners zum Konsumverhalten die Angestellten als Mittelstand kritisch betrachtet. Das Unterkapitel „Die Angestellten als neuer Mittelstand“ beschreibt den Einfluss des Staates auf die Entwicklung des neuen Mittelstandes. Zudem wird hier die weitreichende Argumentation zusammengeführt und in Verbindung mit den unterschiedlichen Tendenzen der Angestelltenforschung gebracht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsgeschichte
2.1 Entwicklung des Mittelstandes
2.2 Definitionsansätze `Angestellte´
3. Entstehung der Berufsgruppe `Angestellte´
3.1 Angestellte in der vorindustriellen Zeit
3.2 Angestellte während der Industrialisierung
4. Die Organisation der Angestellten
4.1 Harmonieverbände
4.2 Entwicklung der Verbände im Kaiserreich
4.3. Vergewerkschaftung während der Weimarer Republik
5. Gesellschaftliche Rolle der Angestellten
5.1 Soziologische Betrachtung
5.2 Angestellte als neuer Mittelstand
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und gesellschaftliche Rolle der Angestellten in Deutschland vom 18. Jahrhundert bis zur Weimarer Republik, mit besonderem Fokus auf ihre Verortung als „neuer Mittelstand“.
- Historische Entstehung und Differenzierung der Berufsgruppe der Angestellten
- Entwicklung und Wandel der Angestelltenorganisationen
- Rolle des Angestelltenversicherungsgesetzes (AVG) von 1911
- Gesellschaftlicher Status im Spannungsfeld zwischen Arbeitern und Beamten
- Vergleich soziologischer Ansätze zur Konsum- und Statusdeutung
Auszug aus dem Buch
3.2 Angestellte während der Industrialisierung
Im Zuge der Industrialisierung und der weitreichenden technischen Erfindungen wuchsen die Unternehmen enorm an und die Arbeitsweise änderte sich radikal. Die Expansion der Betriebe schuf enormen Bedarf an arbeitsvorbereitenden, kontrollierenden und allgemein verwaltenden Tätigkeiten. 31
Zwei Organisationsstrukturen der Telegraphenbauanstalt von Siemens und Halske32 verdeutlichen die Zunahme der Angestelltenberufe:
Waren es 1860 noch zehn verschiedene Positionen, die Angestellte in der Telegraphenbauanstalt innehatten, steigerten sich nun die verschiedenen Positionen auf über 18 verschiedene Berufsfelder. Die Anzahl der Mitarbeiter vergrößerte sich 1872 im Vergleich zu 1860 auf das Vierfache auf 581 Arbeitnehmer. Es entstanden auf allen Ebenen neue Berufe, so wurde der Werkstattbereich weiter unterteilt und das Labor kam neu hinzu. Diese Organisationsstruktur führte auch die Gehälter der jeweiligen Positionen auf. Die Spannbreite der Gehälter fällt hier besonders auf, die von 2 000 Talern für den Oberingenieur und Prokuristen bis hin zu 300-400 Talern für die Angestellten im Labor reicht.
Die Industrialisierung dehnte die vertikale Ausbreitung der Angestellten in den beruflichen Positionen enorm aus. „Dadurch [Anm.: durch die Industrialisierung] entstand eine breite Unter- und Mittelschicht von Büroarbeitern ohne die Merkmale, die den ersten Fabrikbeamten ihre Privilegierung eingetragen hatte.“ 34 Beispielsweise hatte auch das Unternehmen Siemens & Halske 1972 fünf gering bezahlte Zeichner in ihrem Konstruktionsbüro.35 Zwar kann hier noch von einer geistigen Tätigkeit gesprochen werden, allerdings bestand wohl kaum mehr ein besonderes Treueverhältnis zum Unternehmer.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert das Thema und die Fragestellung zur Rolle der Angestellten als sozialer Gruppe und neuer Mittelstand in historischer Perspektive.
2. Begriffsgeschichte: Erläutert die historische Entwicklung des Mittelstandsbegriffs und die Schwierigkeiten bei der Definition der „Angestellten“.
3. Entstehung der Berufsgruppe `Angestellte´: Beschreibt die Evolution der Berufsgruppe von der vorindustriellen Zeit bis hin zum massiven Wandel durch die Industrialisierung.
4. Die Organisation der Angestellten: Analysiert den Wandel von unpolitischen Harmonieverbänden hin zu interessenvertretenden Gewerkschaften in der Weimarer Republik.
5. Gesellschaftliche Rolle der Angestellten: Diskutiert soziologische Ansätze zum Lebensstil und die Rolle des Staates bei der Etablierung als „neuer Mittelstand“.
6. Fazit: Führt die Argumentationslinien zusammen und bewertet die Rolle der Angestellten als soziale Gruppe sowie die Schwierigkeiten der pauschalen Einordnung als Mittelstand.
Schlüsselwörter
Angestellte, Mittelstand, Industrialisierung, Angestelltenverbände, Privatbeamte, Weimarer Republik, AVG, Interessenvertretung, Sozialgeschichte, Berufsgruppe, Status, Siemens & Halske, Harmonieverbände, soziale Schichtung, Konsumverhalten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht den geschichtlichen Verlauf der Angestellten als heterogene soziale Gruppe in Deutschland und beleuchtet ihr Selbstverständnis sowie ihre Funktion als sogenannter „neuer Mittelstand“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die historische Entstehung der Angestelltenberufe, deren Organisation in Verbänden und die gesellschaftliche Rolle, die ihnen vom Staat und Arbeitgebern als Bollwerk gegen Arbeiterbewegungen zugeschrieben wurde.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob und inwieweit die Angestellten als soziale Gruppe und damit verbunden als neuer Mittelstand wahrgenommen werden konnten.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Analyse, die Primärquellen (Organisationsstrukturen, Gehaltslisten) und zeitgenössische sowie moderne sozialwissenschaftliche Fachliteratur zur Angestelltenforschung auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung vom 18. Jahrhundert bis zur Weimarer Republik, den Wandel der Organisationen von Harmonieverbänden zu Gewerkschaften und soziologische Aspekte des Lebensstils.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Angestellte, Mittelstand, Industrialisierung, Angestelltenverbände, Sozialgeschichte und Statusbildung.
Welche Rolle spielte das Angestelltenversicherungsgesetz (AVG) von 1911?
Das AVG von 1911 war entscheidend für die Identitätsbildung der Angestellten, da es eine rechtliche Grundlage schuf, Berufe als „Angestellte“ definierte und sie durch bessere Leistungen von der Arbeiterschaft abgrenzte.
Wie wirkte sich die Industrialisierung auf das Selbstverständnis der Angestellten aus?
Die Industrialisierung führte zu einer Ausdifferenzierung der Berufe und einem Nivellierungsprozess, der das traditionelle Treueverhältnis zum Arbeitgeber und den Exklusivstatus erschütterte, was schließlich den Wunsch nach organisierter Interessenvertretung weckte.
- Citation du texte
- Michaela Benner (Auteur), 2007, Selbstverständnis, Organisation und Funktion der Angestellten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117004