Die Relation zwischen dem Naturbegriff und dem Begriff der höfischen Kultur werden im Folgenden erörtert, um die Figuren anhand dieser Begrifflichkeiten genauer zu untersuchen. Ferner wird versucht, ihre Stellung mithilfe des Originaltextes zwischen den Punkten zu ermitteln. Ihre Konzeption zwischen Natur und Kultur wird anhand von diversen Textbelegen festgehalten.
Inwiefern stellt diese Natur als wilde Gegenwelt eine Opposition zu der höfischen Kultur dar? Um diese Fragestellung und die damit verbundenen Ungleichheiten genauer zu differenzieren, werden im Verlauf dieser Arbeit drei Figuren aus Hartmanns von Aue Iwein untersucht.
Im ‚Iwein‘ durchläuft der gleichnamige Held während seiner Entwicklung verschiedene Räume und reist von dem Artushof in die Wildnis, um âventiure zu vollführen. Während dieser Reise werden mehrere Figuren offenbart, welche die verschiedenen Gesichtspunkte von natūre und höfischer Kultur vereinen. Dazu zählt der bereits erwähnte Held Iwein selbst, welcher diese Räume während seiner Reise durchlebt und sich dadurch weiterentwickelt. Seine anfängliche Begegnung mit einem wilden Mann wirkt stark kontrastierend. Der wilde Mann wird als Herrscher über wilde Tiere beschrieben, tritt allerdings wenig höfisch auf. Letztlich ausschlaggebend für die Rehabilitation Iweins ist der Kontakt zum Löwen. Dieser ist durch seine Position im Tierreich bereits gesondert als Lebewesen zu betrachten, fällt allerdings ebenfalls durch menschliche Züge, insbesondere durch triuwe-Handlungen, auf.
Pfister benennt die Figurenkonzeption generell als „anthropologisches Modell, das der dramatischen Figur zugrunde liegt, und die Konvention seiner Fiktionalisierung [...]“ . Diese Lehre zum Drama lässt sich im Nachkommenden auf die drei Figuren Hartmanns von Aue anwenden. Demnach wird ebenfalls die Natur der einzelnen Figuren in Bezug auf verschiedene Aspekte, wie beispielsweise der Dynamik oder der Dimensionalität, untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorieteil
3. Figuren als Grenzgänger
3.1 Wilder
3.2 Iwein
3.3 Löwe
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Natur (natûre) und höfischer Kultur in Hartmanns von Aue Artusroman ‚Iwein‘. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die Natur als wilde Gegenwelt eine Opposition zur höfischen Kultur darstellt oder diese durch die Integration von Wildheit als konstitutive Bedingung sinnvoll ergänzt.
- Untersuchung der Raumsemantik und des Kontrasts zwischen Hof, Wildnis und Brunnenreich.
- Analyse der Figuren Iwein, des Wilden und des Löwen als Grenzgänger zwischen Natur und Kultur.
- Bedeutung der Wildheit als notwendiger Faktor für die Akkulturation und Identitätsfindung des Helden.
- Betrachtung von ‚Iwein‘ im Kontext der höfischen Ideale und der Minneverpflichtung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Wilder
Kalogreant beschreibt während des Pfingstfestes am Artushof seine misslungene âventiure. In dieser kommt ein wiltman vor. Bei seiner Schilderung werden viele theriomorphe Gestaltungsmuster verwendet: So was sîn houbet / grôzzer danne einem ûre (‘IW‘, Vv. 430-431), diu nase als einem ohsen grôz (‘IW‘, V. 447) und er was starch und gezan / als ein eber, niht als ein man (‘IW‘, Vv. 455-456). Diese Tiermetaphorik stellt eine klare Abgrenzung zu der aufgebauten Kultur des Königshofes dar: „[D]as Hässliche [fungiert demnach] als Abbild des Fremden und vor allem des Antihöfischen.“ Nach Pfister bleibt der Wilde eindimensional, da er lediglich von Kalogreant beschrieben wird und dessen Beschreibung im Verlauf ebenfalls von Iwein bestätigt wird. Zusätzlich tritt er wiederholt in der Handlung auf, entwickelt sich allerdings nicht, weshalb es sich bei dem Wilden um eine statische Figur handelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie Natur und höfische Kultur in ‚Iwein‘ in Beziehung zueinander stehen, und definiert die methodische Herangehensweise anhand dreier Schlüsselfiguren.
2. Theorieteil: Dieser Teil legt die theoretische Basis durch die Untersuchung der Raumsemantik (Hof, Wildnis, Brunnenreich) und erörtert die Diskrepanz sowie die Verschränkung von Wildem und Höfischem.
3. Figuren als Grenzgänger: Dieses Kapitel analysiert detailliert die Rollen des Wilden, des Helden Iwein und des Löwen, welche sich als hybride Figuren zwischen den kulturellen und natürlichen Zonen bewegen.
3.1 Wilder: Es wird die Funktion des Wilden als statische Figur mit theriomorphen Zügen untersucht, die trotz ihrer Wildheit ein geordnetes System über die Tiere unterhält.
3.2 Iwein: Die Analyse konzentriert sich auf die psychologische und soziale Entwicklung Iweins, dessen Identität im Wahn zwischen Wildheit und höfischer Zivilisation oszilliert.
3.3 Löwe: Der Löwe wird als ambivalente Figur beleuchtet, die einerseits natürliche Wildheit verkörpert, andererseits durch treues, höfisch anmutendes Handeln Iweins Rehabilitation unterstützt.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Natur in ‚Iwein‘ keine reine Gegenwelt darstellt, sondern eine notwendige Ergänzung ist, um die ritterliche Existenz und Reintegration des Helden zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Iwein, Hartmann von Aue, Mittelalter, Artusroman, Natûre, Höfische Kultur, Grenzgänger, Aventiure, Identitätsfindung, Wildheit, Raumsemantik, Löwe, Minne, Akkulturation, Rittertum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wechselverhältnis zwischen den Polen Natur und höfischer Kultur im Artusroman ‚Iwein‘ von Hartmann von Aue.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Raumsemantik im Mittelalter, die Repräsentation von Wildheit und Höfischkeit sowie die Identitätsentwicklung des Protagonisten Iwein.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die als wild angesehene Natur als konstitutives Element für die höfische Kultur und die persönliche Entwicklung des Ritters Iwein fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die zentrale Figurenkonzepte und Raumkategorien auf Basis des Originaltextes und der Sekundärliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zur Raumsemantik und eine detaillierte Analyse der Figuren Iwein, des Wilden Mannes und des Löwen als Grenzgänger.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Iwein, Natûre, Höfische Kultur, Wildheit und Identitätsfindung charakterisiert.
Warum spielt der Löwe eine so wichtige Rolle für Iwein?
Der Löwe agiert als treuer Begleiter und Spiegel, der die Brücke zwischen natürlicher Wildheit und höfischer Tugend schlägt und so Iweins Rehabilitation ermöglicht.
Ist der Wilde Mann nur als Gegenspieler zu verstehen?
Nein, der Wilde Mann wird zwar als Antihöfisch charakterisiert, aber auch als Herrscher über ein geordnetes System von Tieren beschrieben, was zivilisierte Dispositionen andeutet.
Welche Bedeutung hat Iweins Wahnsinn?
Der Wahnsinn markiert einen notwendigen sozialen Abstieg, der für Iweins letztliche Reintegration und das Erreichen einer höheren moralischen Identität am Artushof unerlässlich ist.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2021, Die Figuren des Iwein, des Löwen und des Wilden im Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur in Hartmanns von Aue "Iwein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1170359