Kafkas Roman Der Verschollene gibt auch heute noch Anlass für ständig neu zu diskutierende Fragen, die in der Forschung auf unterschiedlichste Arten und Weisen aufgegriffen werden. Kafka und sein Werk sind für den Rezipienten immer noch mehrdeutig, rätselhaft und durch die so bedingten immer neuen Deutungsversuche stets aktuell. Dieser Eindruck hat sich auch in der Auseinandersetzung mit Sekundärliteratur, wie in dem Diskussionsbedarf der Seminarteilnehmer zu Kafka bestätigt. Bei meinem ersten Leseeindruck des Verschollenen ist mir vor allem die prägnante Körpersprache der Figuren aufgefallen, die ich selbst nach Aktivierung meines Weltwissens nie zufrieden stellend deuten konnte und auch die dahinter liegende Intention des Autors war mir ein schwer zu lösendes Rätsel. Deshalb möchte ich in dieser Arbeit vor allem der Frage nachgehen, welche Funktion die Körpersprache in Kafkas Roman Der Verschollene hat. Um diese Frage beantworten zu können, werden ich zunächst analysieren, inwieweit Kafka von dem Medium seiner Zeit – dem Kino – beeinflusst wurde und ob sich dies in seinem Werk indirekt widerspiegelt. [...] Zum besseren Verständnis werde ich kurz auf die Entstehung und den Inhalt des Romans eingehen, sowie den Ursprung des Kinos und dessen Einfluss auf Kafka und sein Werk betrachten. Ich werde mich dann auf die Visualisierung des Figureninnenlebens mittels Körpersprache in Kafkas Roman konzentrieren, um einen wesentlichen Aspekt von Kafkas Beeinflussung durch das Filmbild zu zeigen. Im Hauptteil der Arbeit werde ich eine kurze Definition von Körpersprache geben und anhand bestimmter Aussagen von Autoren, namentlich von Jörg Wolfradt , Markus Vorauer und Georg Guntermann die Bedeutung der Gebärde näher zu fassen suchen. Am Text möchte ich dann exemplarisch zeigen, wie vor allem Hartmut Binder und Jörg Wolfradt die Gebärden im Verschollenen interpretieren. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass es den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde, alle im Roman beinhalteten Körperhaltungen zu analysieren. Deswegen werde ich mich vordergründig auf die Deutung der Arm-, Hand- und Fingergebärden in Kafkas Roman konzentrieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung und Inhalt des Verschollenen
3. Kafka und das Kino
3.1. Der Ursprung des Kinos
3.2. Kafka – Der Kinogänger
3.3. Kafka – ein reflektierter Kinogänger
3.4. Der Einfluss des Kinos auf Kafkas Werk
3.5. Die Verbindung zwischen der Kinematographie und dem Roman Der Verschollene
3.5.1. Die objektiven Bildaussagen
3.5.2. Die Montage
3.5.3. Die Handlungsaussagen
4. Eine allgemeine Bestimmung des Begriffs „Körpersprache“
4.1. Zur Funktion der Gebärde im Verschollenen
4.2. Die Gebärde des Händefassens und ihre Deutung
4.3. Die Analogie der Gebärde
5. Das Ergebnis der Analyse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die funktionale Bedeutung der Körpersprache in Franz Kafkas Roman "Der Verschollene" und analysiert, inwiefern der visuelle Erzählstil des Autors durch den frühen Kinematographen und dessen filmische Techniken beeinflusst wurde.
- Kafkas Auseinandersetzung mit dem Medium Kino und dessen Einfluss auf seine Prosa.
- Die visuelle Erzählweise als Vermittlung von Figureninnenleben und psychischen Zuständen.
- Die Funktion spezifischer Gebärden (Arm-, Hand- und Fingergestik) im Roman.
- Die Analyse der Analogiebildung durch Körpersprache als Strukturprinzip der Handlung.
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Gebärde des Händefassens und ihre Deutung
Hartmut Binder hat in seiner Monographie die Gestik und Mimik in Kafkas Werk untersucht und dabei die Verbindung von Kafkas Dichtungen und Lebenszeugnissen herausgestellt. Dadurch sind ihm sehr aufschlussreiche Erkenntnisse gelungen, die ich, wenn es um die Ausdrucksbewegung der Hände und ihre Interpretation im Text geht, aufzeigen und durch Beispiele im Text belegen möchte.
Auch er macht deutlich, dass Kafka psychische Zustände durchweg als Ausdrucksbewegungen des Körpers darstellt und hebt hervor, dass Kafkas Deutungen der Mimik und Gestik keine „Augenblickseingebungen sind, sondern auf festen Kategorien ruhen, also gewissermaßen ein zusammenhängendes Ganzes, ein System bilden.“ Weiterhin geht Binder davon aus, dass Gestik und Mimik für Kafka nicht nur die innere Verfassung an sich widerspiegeln, sondern auch die Beziehungen zwischen verschiedenen Partnern zum Ausdruck bringen.
Das besondere Interesse Kafkas an der Gebärde des Händefassens findet Binder sowohl in dessen Lebenszeugnissen als auch in seinem dichterischen Werk bestätigt. Kafka, der wohl auch selber schmale und ausdrucksvolle Hände besaß, reflektiert die geistige Verfassung seiner Figuren auch und vor allem durch deren Handgesten. Durch sie wird Müdigkeit in gleicher Weise wie der hängende Kopf zum Ausdruck gebracht. Aber die Einheitlichkeit der Ausdrucksbewegungen wird nicht mehr, wie sonst, gewahrt, sondern ein Organ entlastet die anderen. Häufig tritt die Handgestik aber auch allein auffällig hervor. Kafka lässt seine Figuren eben durch ihre Hände sprechen oder besser gestikulieren. Wenn Kafka Gesten als Bedeutungsträger einsetzt oder beobachtbare Handbewegungen interpretiert, so geschieht dies nie bloß im Sinne der literarischen Tradition oder üblichen Konvention. Binder zeigt auf, dass bei Kafka immer auch eigene Erfahrungen und große Menschenkenntnis dahinter stehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, welche Funktion die Körpersprache in Kafkas Roman einnimmt, und begründet das methodische Vorgehen durch die Analyse von Filmbezügen.
2. Entstehung und Inhalt des Verschollenen: Dieses Kapitel skizziert die Entstehungsgeschichte des Romans und ordnet ihn in den Kontext der anderen Werke Kafkas ein.
3. Kafka und das Kino: Es wird die historische Relevanz des Kinos für Kafka aufgearbeitet, wobei sein reflektiertes Verhältnis zur neuen Technik und deren indirekter Einfluss auf sein Schreiben im Zentrum stehen.
4. Eine allgemeine Bestimmung des Begriffs „Körpersprache“: Der Autor definiert den Begriff der Körpersprache theoretisch und leitet daraus die spezifische Analysemethode für die Untersuchung der Romanfiguren ab.
5. Das Ergebnis der Analyse: Das Fazit bestätigt, dass Kafka Körpersprache als funktionales Gestaltungsmittel nutzt, um das Innenleben seiner Figuren ohne direkte psychologische Berichterstattung visuell erfahrbar zu machen.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Der Verschollene, Körpersprache, Gebärde, Kinematographie, Stummfilm, Handgestik, Visueller Erzählstil, Symbolik, Literaturwissenschaft, Interpretation, Montage, Körperhaltung, Mimik, Romananalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Funktion der Körpersprache im Roman "Der Verschollene" von Franz Kafka und setzt diese in Bezug zu den Einflüssen der frühen Kinematographie auf den Schreibstil des Autors.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Literatur und Film, die spezifische Funktion von Gebärden (insbesondere Händefassen) sowie die Möglichkeiten der Charakterisierung durch visuelle Details statt durch innere Monologe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, welche Funktion die prägnante Körpersprache der Figuren hat und inwieweit Kafkas visuelle Erzählweise durch seine Erfahrungen als Kinogänger geformt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung stützt sich auf eine Literaturanalyse der Primärquelle sowie eine Auswertung einschlägiger Sekundärliteratur zur Filmrezeption Kafkas und zur Bedeutung von Gestik in seinem Werk.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zum Medium Kino, die Analyse filmischer Elemente im Roman, eine Definition der Körpersprache und eine detaillierte Auswertung von Gebärden wie dem Händefassen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Kafka, Der Verschollene, Körpersprache, Kinematographie, Handgestik und der visuelle Erzählstil.
Warum spielt das Händefassen eine zentrale Rolle in der Analyse?
Das Händefassen fungiert als Leitmotiv, welches die Abhängigkeitsverhältnisse und die sozialen Hierarchien zwischen den Figuren des Romans verdeutlicht.
Inwiefern beeinflusste das Kino Kafkas Schreibweise?
Die Arbeit legt nahe, dass Kafka durch "stummfilmhafte" Bildsequenzen und Montage-Techniken beeinflusst wurde, was zu einer hohen Visualität in seinem Roman führte.
- Arbeit zitieren
- Josephine Rittenbach (Autor:in), 2006, Zur Funktion der Körpersprache in Franz Kafkas Roman "Der Verschollene", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117050