Von den Möglichkeiten der Sexualpädagogik im Kontext Schule

Sexuelle Bildung in weiterführenden Schulen der Bundesrepublik Deutschland


Bachelorarbeit, 2021

54 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sexualität und ihre Dimensionen
2.1 Fortpflanzungsdimension
2.2 Lustdimension
2.3 Beziehungsdimension
2.4 Kommunikationsdimension
2.5 Identitätsdimension
2.5.1 Das biologische Geschlecht – Körpergeschlecht
2.5.2 Das soziale Geschlecht – Geschlechtsrollenidentität
2.5.3 Das psychische Geschlecht – Geschlechtsidentität
2.5.4 Die sexuelle Orientierung

3. Sexualität in der Bildung – Terminologie
3.1 Sexualerziehung
3.2 Sexualaufklärung
3.3 Sexualberatung
3.4 Sexualisation – sexuelle Sozialisation
3.5 Sexualpädagogik
3.6 Sexuelle Bildung

4. Sozialisationsinstanz Schule
4.1 Die Qualifikationsfunktion
4.2 Die Allokationsfunktion
4.3 Die Sozialisationsfunktion – Erziehungsauftrag
4.3.1 Enkulturationsfunktion
4.3.2 Legitimations- und Integrationsfunktion
4.4 Die Funktion der Bereitstellung einer Gruppe gleichaltriger – Peer-Group

5. Sexuelle Bildung in der Schule
5.1 Richtlinien und Lehrpläne – Ein zusammenfassender Überblick
5.1.1 Sexualitätsbegriff
5.1.2 Werthaltungen
5.1.3 Familie
5.1.4 Multi- und Interkulturalität
5.1.5 Homosexualität
5.1.6 Jugendsexualität
5.1.7 Sebstbefriedigung
5.1.8 Verhütung
5.1.9 Schwangerschaftsabbruch
5.1.10 Inklusion
5.1.11 Gleichberechtigung
5.1.12 Sexualisierte Gewalt
5.1.13 Kompetenzbereiche
5.1.14 Inhaltliches und methodisches Angebot
5.1.15 Einbettung in den Fachunterricht
5.1.16 Familie und Schule

6. Spannungsfelder, Herausforderungen und Möglichkeiten der sexuellen Bildung im Kontext Schule
6.1 Scham und Sprachlosigkeit
6.2 Stereotyp, Vorurteil und Diskriminierung
6.3 Unterschiedliche Lebenswelten und -Wirklichkeiten
6.4 Sprache und Kommunikation
6.5 Koedukation und Geschlecht
6.6 Sexuelle Identität und Heteronormativität
6.7 Regenbogenkompetenz
6.8 Tripelmandat der Sozialen Arbeit

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Bachelor-Thesis beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Sexualpädagogik im Kontext Schule. Die heutige Gesellschaft unterliegt einem immer schnelleren Wandel, der sich in allen Lebensbereichen widerspiegelt. Der demographische Wandel, die Globalisierung und die veränderten Arbeitsmarktanforderungen führen zu neuen gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklungen, die alle Bereiche des Lebens betreffen. So lässt sich auch eine Pluralisierung der Lebensentwürfe, Beziehungs- und Familienformen beobachten. Kinder und Jugendliche stehen vor der Aufgabe, ihre vielfältigen Entwicklungsaufgaben innerhalb dieser schnelllebigen, sich stetig verändernden Lebensrealität zu bewältigen, eine eigene Identität zu entwickeln und sich innerhalb der Gesellschaft zu verorten. Durch die Entwicklung des Schulwesens hin zu mehr Ganztagsschulen verbringen sie immer mehr der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit in der Institution Schule, sodass diese zu einer der wichtigsten Sozialisationsinstanzen in allen Lebensbereichen für Kinder und Jugendliche wird. Gleichzeitig führen die genannten Veränderungen zu neuen Rahmenbedingungen für die schulische Aufgabe der Qualifikation und auch die Sozialisationseffekte der schulischen Erfahrungen von Schüler:innen geraten in das Zentrum des Blickfeldes. Dadurch zeichnet sich für die Institution Schule ein Spannungsfeld hinsichtlich ihrer Aufgaben der Erziehung (Sozialisation) und der Wissensvermittlung (Qualifikation) ab. Dem Thema Sexualität kommt in Hinblick auf die Entwicklung und Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen ein großer Stellenwert zu, dem auch im Zuge ihrer Sozialisation Rechnung getragen werden muss. Vor dem Hintergrund, dass Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Sozialisation in der Schule durchlaufen, muss diese die Aufgabe der sexuellen Bildung wahrnehmen und qualitativ hochwertig umsetzen. Hierfür bedarf es geeigneter Konzepte und Rahmenbedingungen, die den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen gerecht werden und ihnen die Bewältigung der an sie gestellten Entwicklungsaufgaben in einem geschützten und sicheren Raum ermöglichen. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Bedeutung von Sexualität und dem Umgang mit dieser in der schulischen Bildung auseinander. Im ersten Schritt werden dafür die Sexualität und ihre Dimensionen definiert und erläutert. Darauffolgend werden die unterschiedlichen Termini, die sich mit Sexualität in der Bildung befassen, erläutert und voneinander abgegrenzt. Es schließt sich daraufhin eine Auseinandersetzung mit der Schule als Sozialisationsinstanz und den, sich aus dieser ergebenden, Funktionen hinsichtlich der Sozialisation an. Im fünften Schritt wird die gegenwärtige sexuelle Bildung in Schulen genauer betrachtet, um im Anschluss auf die Spannungsfelder, Herausforderungen und Möglichkeiten der sexuellen Bildung im Kontext Schule einzugehen. Abschließend werden die zentralen Erkenntnisse dargestellt und ein Resümee gezogen.

2. Sexualität und ihre Dimensionen

Den Begriff der Sexualität und dessen Inhalte zu definieren, gestaltet sich recht schwierig, da verschiedene Definitionen voneinander abweichen oder sich gar gegenseitig widersprechen. Häufig werden mit Sexualität Substantive wie Liebe, Lust, Befriedigung, Sinnlichkeit, Begehren oder Fortpflanzung assoziiert. Zwar gilt Sexualität als Grundbedürfnis menschlichen Daseins, jedoch umfasst sie mehr als die rein biologischen und körperlichen Komponenten, denn durch die Kontaktaufnahme zueinander entstehen soziale Beziehungen. Kommunikation ist immer Teil von Sexualität, denn der:die Einzelne tritt mit sich selbst oder dem:der Anderen in Kontakt. Ausgehend von diesem Diskurs existiert Sexualität nicht naturgegeben, sondern ist immer auch kulturell überformt (vgl. Leue-Käding 2004: 34). Zudem lässt sich Sexualität nicht nur der Adoleszenz und dem Erwachsenenalter zuordnen, sondern spielt bereits in frühkindlichem Alter eine zentrale Rolle. Durch die Herstellung des Zusammenhangs zwischen Sexualität und Identität ist Freud ein zentraler, wenn auch umstrittener, Bereiter auf dem Weg hin zu einem umfassenden Sexualitätsbegriff (vgl. Leue-Käding 2004: 33). Nach Paul Sporken lässt sich Sexualität in drei Bereiche aufteilen, wobei der erste Bereich alle Verhaltensweisen in zwischenmenschlichen Beziehungen umfasst. Der zweite Bereich beinhaltet Gefühle, Zärtlichkeiten und Erotik, während der dritte Bereich die genitale Sexualität darstellt (vgl. Bender 2012: 50). Neben der reproduktiven Fortpflanzungsdimension, der soziokulturellen Beziehungsdimension und der reaktiven Lustdimension (vgl. Beier/Loewit 2011: 13f.) kommt der Sexualität ebenso eine zentrale Rolle in Hinblick auf die Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung und somit der (sexuellen) Identität zu (vgl. Hopf 2002: 12ff.). Eine fünfte Funktion der Sexualität stellt, wie bereits erläutert, der Aspekt der Kommunikation dar (vgl. BZgA 2004: 23). Dabei stehen die genannten fünf Dimensionen in Wechselwirkung zueinander, sind jedoch nicht zwangsläufig untrennbar miteinander verbunden, sondern lassen sich vielmehr auch getrennt voneinander erleben (vgl. Kunstmann 1972: 45). Folglich sind Ausgestaltung und Erleben der Dimensionen individuell und unterliegen zudem äußeren Einflüssen der sexuellen Sozialisation (vgl. Dressler/Zink 2003: 485). Sexualität ist somit kein festlegbarer Begriff und lässt sich nicht klar begrenzen, sondern bleibt immer ein Stück weit unberechenbar, da sich Sexualität zwischen Menschen aber auch im Verlauf von Biografien jedes Einzelnen unterschiedlich verhält. Daraus folgt, dass der Begriff der Sexualität etwas sehr Individuelles ist und es um die Entfaltung des:der Einzelnen geht, weshalb sich keine Norm herleiten lässt (vgl. Bosch 2004: 85).

Diese Komplexität drückt Psychoanalytikerin Avodah Offit in ihrer Annäherung an eine Definition des Begriffes wie folgt aus: "Sexualität ist, was wir daraus machen. Eine teure oder billige Ware, Mittel zur Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein Werkzeug der Aggression (der Herrschaft, der Macht, der Strafe und der Unterdrückung), ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Luxus, Kunst, Schönheit, ein idealer Zustand, das Böse oder das Gute, Luxus oder Entspannung, Belohnung, Flucht, ein Grund der Selbstachtung, eine Form der Zärtlichkeit, eine Art der Rebellion, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Vereinigung mit dem Universum, mystische Ekstase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache, eine Form, Neugier und Forschungsdrang zu befriedigen, eine Technik, eine biologische Funktion, Ausdruck psychischer Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung." (Offit, 1979, zit. n. U. Sielert in „Einführung in die Sexualpädagogik“). Im Folgenden werden die genannten fünf Dimensionen der Sexualität sowie ihre jeweiligen Teilbereiche erläutert, um ein tieferes Verständnis für die Komplexität der Sexualität zu ermöglichen.

2.1 Fortpflanzungsdimension

In Hinblick auf die Reproduktion und somit das Bekommen von Kindern ist die Fortpflanzungsdimension von zentraler Bedeutung. Die Möglichkeit zur Fortpflanzung setzt mit dem Erlangen der sexuellen Reife im biologischen Sinne ein und beginnt mit dem Beginn der Pubertät. Bei Frauen besteht sie bis zum Einsetzen der Menopause und ist somit zeitlich beschränkt, wohingegen Männer biologisch gesehen bis ins höhere Alter fortpflanzungsfähig sind (vgl. Beier/Loewit 2011: 13). Anders als früher ist es heute möglich, die Fortpflanzung und damit einhergehend die Familienplanung gezielt zu steuern. Um diese zu verhindern, stehen diverse Verhütungsmittel zur Verfügung, derer sich sowohl Männer als auch Frauen bedienen können. Aber auch das gezielte Fördern der Fortpflanzung ist durch medizinische Errungenschaften, wie beispielsweise die künstliche Befruchtung, möglich (vgl. Beier/Loewit 2011: 13). In der Konsequenz sind insbesondere die Aspekte der Lust und der Fortpflanzung nicht mehr aufeinander angewiesen, sondern trennen sich voneinander ab (vgl. Kunstmann 1972: 45). Auch die Aspekte der Kommunikation und Beziehung spielen in Hinblick auf die Reproduktion keine Rolle mehr, sodass der Kinderwunsch nicht auf andere Dimensionen der Sexualität angewiesen, sondern unabhängig von diesen eigenständig plan- und realisierbar ist (vgl. Beier/Loewit 2011: 13).

2.2 Lustdimension

Der Lustdimension kommt im Hinblick auf das Sexualverhalten von Menschen eine bedeutende Rolle zu. Die positiven (Erregungs-) Gefühle, die durch sexuelle Handlungen herbeigeführt werden und zum Orgasmus führen können, werden durch das Lustempfinden hervorgerufen und angetrieben. Lust ist demnach der Ausgangspunkt, der sexuelle Handlungen beim Menschen antreibt. Zugleich stellt Lust, in Hinblick auf sexuelle Handlungen, auch eine Belohnung für das erlebende Individuum dar. Dies ist dann der Fall, wenn das, durch Lust ausgelöste, Erregungsgefühl durch sexuelle Stimulation gesteigert wird und zum Orgasmus führt (vgl. Beier/Loewit 2011: 13f.). Lust ist dabei nicht von den anderen Dimensionen abhängig und kann eigenständig erfahren werden, wenngleich sie durch Faktoren der anderen Dimensionen beeinflusst werden kann. Anders als die Fortpflanzungsdimension kommt der Lustdimension nicht erst mit Beginn der Pubertät eine Funktion zu. Vielmehr spielt sie bereits in der frühen Kindheit eine Rolle. Das Eigenrecht des Individuums, Glück, Genuss und Angenehmes erleben zu dürfen, wird durch den Lustaspekt der Sexualität hervorgehoben (vgl. BZgA 2004: 23).

Die moderne (gesellschaftliche geformte) Bedeutung der Sexualität legt den Schwerpunkt auf das individuelle Lustempfinden und -erleben. Lust kommt in diesem Verständnis die Rolle zu, dass alleinige Merkmal dafür zu sein, Sexualität wahrhaftig und absolut erfahren zu können (vgl. Kunstmann 1972: 45). In Hinblick auf gesellschaftliche und soziale Faktoren wird der Lust eine höhere Rolle als den anderen Dimensionen zugeschrieben. Dies zeigt sich beispielsweise in der Werbung, die sich sexualisierter Bilder, welche auf das Steigern des Lustempfindens abzielen, bedient, um Produkte zu vermarkten. Dementsprechend können der Sexualität auch negative Funktionen zukommen. Sexualität wird dabei in diesem Kontext auf sichtbare Leistungen reduziert und zu Konsum und Ware. Damit sie gesellschaftlich funktional und gewinnbringend ist, wird sie als Medium der Manipulation genutzt, um Menschen zum genannten Zweck wirtschaftlich anzupassen. Diese negative Funktion der Sexualität wird als Repressive Entsublimierung bezeichnet (vgl. Becker 2011: 23). Auch die Pornoindustrie richtet ihre Produktionen auf das Aussprechen der Lustdimension aus und lässt zumeist die anderen Dimensionen der Sexualität außen vor. Zugleich ist die derzeitig am weitesten verbreitete sexuelle Störung die Lustlosigkeit (vgl. Beier/Loewit 2011: 13f.). Dieses Phänomen zeigt, dass ein offener, jedoch auf einen Aspekt reduzierter, Umgang mit Sexualität nicht zwangsläufig mit Zufriedenheit und sexueller Erfüllung einhergeht. Dies zu erkennen und zu benennen ist, vor allem in Hinblick auf den Umgang mit Sexualität im Kontext Schule, wichtig. Denn auch Kinder und Jugendliche sind Adressat:innen der Werbeindustrie und werden kontinuierlich mit dem Lustaspekt der Sexualität konfrontiert. Da diese Konfrontation jedoch einseitig ist, keinen Raum für Austausch und Nachfragen lässt und zudem zielgerichtet zum Zwecke des Umsatzes stattfindet, ist sie abstrahiert und reduziert. Hierdurch wird Heranwachsenden ein unrealistisches und unvollständiges Bild über Sexualität vermittelt, welches Auswirkungen auf das Entwickeln ihrer eigenen Sexualität haben kann.

2.3 Beziehungsdimension

Die biosozialen Bedürfnisse eines Individuums stellen ein Grundbedürfnis dar, weswegen das Erfahren von Zuneigung, Nähe, Akzeptanz und Geborgenheit eine wichtige Rolle in Hinblick auf die Sexualität spielt (vgl. Beier/Loewit 2011: 14). Erotische Beziehungen befriedigen dieses Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit sowie Zugehörigkeit. Aber auch das Bedürfnis nach Selbstwahrnehmung und Bejahung des eigenen Körpers, sowie des eigenen Selbst als Individuum der Gesellschaft können durch erotische Beziehungen befriedigt werden (vgl. Bellmund 2011: 24). Die biopsychosozialen Bedürfnisse eines Menschen sind bereits im Säuglingsalter vorhanden und von Bedeutung. Während sich die Befriedigung dieser Bedürfnisse im Säuglingsalter auf nichtsexuelle Funktionen wie bspw. Kuscheln oder gestillt werden beschränkt, kommen im späteren Verlauf, durch das Ausleben der sexuellen Funktionen im Zuge der Beziehungsgestaltung, weitere sinnliche Erfahrungsmöglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung hinzu (vgl. Beier/Loewit 2011: 14).

2.4 Kommunikationsdimension

Die Kommunikationsdimension steht in enger Wechselwirkung mit der Beziehungsdimension. In der Literatur werden diese beiden Dimensionen der Sexualität daher häufig auch zu einer Dimension zusammengefasst. Kommunikation im Hinblick auf Sexualität umfasst dabei sowohl die körperliche und nonverbale Kommunikation als auch die verbale Kommunikation (vgl. BZgA 2004: 23). Sie erlaubt dem Individuum die Chancen und Möglichkeiten, der Sexualität und dem sexuellen Umgang mit anderen, auszuschöpfen. Denn nur wer in der Lage ist, die eigenen Wünsche, Vorstellungen und Probleme auch zu verbalisieren, kann Sexualität vollständig erfahren (vgl. BZgA 2004: 23). Kommunikation ist darüber hinaus das Instrument zum Aufbau von Bindungen und Beziehungen jeglicher Art. Sie ist somit Voraussetzung dafür, gelingende Beziehungen zu ermöglichen, weswegen sie starken Einfluss auf die Beziehungsdimension der Sexualität hat (vgl. Beier/Loewit 2011: 14). In Hinblick auf verbale Kommunikation ist dabei auch die Sprache als wesentliches Instrument zu berücksichtigen. Da Sprache Wirklichkeit konstruiert und zugleich Wahrnehmungsorgan ist, ermöglicht sie darüber hinaus die Konstruktion von Bewusstsein. Sie dient dem Austausch des Individuums mit anderen Individuen und ermöglicht den Austausch über die individuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit mit anderen. Darauf basierend erlaubt sie dem Individuum die eigene Konstruktion von Wirklichkeit fortwährend zu hinterfragen und die eigenen Konzepte sowie Selbst- und Weltdeutungsmuster weiterzuentwickeln (vgl. Schlippe/Schweizer 2016: 151f). Dieser Aspekt ist gerade im Hinblick auf sexuelle Bildung von zentraler Bedeutung, weswegen er im weiteren Verlauf nochmals aufgenommen und tiefergehend betrachtet wird.

2.5 Identitätsdimension

Die Definition der Dimension der (sexuellen) Identität gestaltet sich schwieriger als jene der anderen Dimensionen. Das liegt zum einen daran, dass (insbesondere im deutschsprachigen Raum) bisher keine allgemeingültige Definition des Begriffs existiert. Zum anderen lässt sich die (sexuelle) Identität, anders als die anderen Dimensionen der Sexualität, selbst in weitere Dimensionen aufgliedern. Diese wiederum bedürfen ebenfalls einer Definition, um verstehbar zu sein und unterliegen im Hinblick auf eine Definition der gleichen Prämisse wie der Begriff der (sexuellen) Identität. Die Identität eines Individuums beantwortet die Frage danach, wer dieses selbst oder jemand anderes sei. Darüber hinaus gibt sie Aufschluss darüber, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in Bezug auf die Wahrnehmung der eigenen Person möglich wird (vgl. Keupp o.J.). Identität ist dabei ein Akt sozialer Konstruktion, da die eigene Person oder andere Personen in einem Bedeutungsnetz erfasst und eingeordnet werden. Die Identität eines Menschen ist immer individuell und von diesem selbst konstruiert, wobei diese Konstruktion auf das Bilden einer individuellen sozialen Verortung abzielt. Dafür ist es notwendig, eine Passung zwischen den subjektiven Wahrnehmungen der eigenen Person und der gesellschaftlichen Wahrnehmung der eigenen Person herzustellen (vgl. Keupp o.J.). Die Bildung der eigenen Identität wird dabei auch durch verschiedene Aspekte beeinflusst. So auch durch das Alter, das Geschlecht und die Sexualität des Individuums sowie dessen ethnische und soziale Herkunft (vgl. Timmermanns 2013: 255). Die sexuelle Identität eines Menschen ist folglich nicht statisch, sondern dynamisch und verändert sich im Laufe der Biografie eines Individuums fortwährend, wenngleich einzelne Aspekte der sexuellen Identität auch dauerhaft bestehen können (vgl. Timmermanns 2013: 257). Die sexuelle Identität ist ein theoretisches Konstrukt, welches versucht, die Komplexität der Thematik verstehbar zu machen. Es bildet die Zusammenhänge zwischen den vielfältigen Geschlechterrollen, den diversen sexuellen Orientierungen und den unterschiedlichen Lebensweisen ab. Zugleich lässt es sich mit anderen Teilbereichen der Identität in Beziehung setzen. (vgl. Sielert 2005: 79). Unter sexueller Identität ist demnach das grundlegende Selbstverständnis eines Individuums in Bezug darauf zu verstehen, wer es als geschlechtliches Wesen ist. Dazu gehört auch, wie es sich selbst wahrnimmt und wie es durch andere wahrgenommen wird bzw. wahrgenommen werden will. Die sexuelle Identität beinhaltet daraus folgend sowohl das biologische als auch das soziale und psychische Geschlecht eines Menschen sowie die sexuelle Orientierung (vgl. Timmermanns 2013: 255).

2.5.1 Das biologische Geschlecht – Körpergeschlecht

Das biologische Geschlecht eines Menschen wird durch dessen innere und äußere Geschlechtsorgane, die Chromosomen und Hormone bestimmt (vgl. Watzlawik 2020: 25). Es betrachtet demnach nur physische Merkmale und teilt sich in männlich und weiblich auf. Die einzige Ausnahme hieran stellt Intersexualität dar. Als intersexuell werden Personen bezeichnet, bei welchen die biologischen Merkmale in Bezug auf das Geschlecht keine eindeutige Zuordnung zu einer der beiden Geschlechter zulassen. Das ist dann der Fall, wenn das chromosomale, gonadale und hormonelle Geschlecht sowie die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale nicht kohärent sind (vgl. Timmermanns 2013: 255).

2.5.2 Das soziale Geschlecht – Geschlechtsrollenidentität

Das soziale Geschlecht wird auch als Geschlechtsrollenidentität bezeichnet. Alle Handlungen, Aussagen und Verhaltensweisen eines Individuums haben Einfluss auf dessen Geschlechtsidentität (vgl. Watzlawik 2020: 25). Dabei haben gesellschaftliche Normen, Zuschreibungen und Erwartungen an Männer und Frauen bezüglich des Verhaltens Auswirkungen auf die Geschlechtsidentität. Die Geschlechterrollenstereotype einer Gesellschaft beeinflussen das Individuum beispielsweise im Hinblick auf Körpersprache und Handlungsweisen, aber auch in Bezug auf Aussehen, Kleidung und Frisur (vgl. Timmermanns 2013: 256).

2.5.3 Das psychische Geschlecht – Geschlechtsidentität

„Geschlechtsidentität meint das Bewusstsein, sich einem Geschlecht zugehörig zu fühlen. Dieses Geschlecht muss aber nicht zwingend das biologische Geschlecht sein, sondern kann davon abweichen“ (Louis 2014: 22). Sie ist eine subjektive Einschätzung einer Person zu sich selbst, die der Beurteilung der eigenen Person durch andere gegenübersteht. Die Entwicklung der Geschlechtsidentität ist ein lebenslanger Prozess, der ständigen neuen Einschätzungen und Definitionen ausgesetzt ist (vgl. Blank-Mathieu 2006). Für diese Entwicklung ist ein stimmiges Selbstbild Voraussetzung, denn „nur wenn ich mich in meinem [biologischen] Körper (der entweder männlich oder weiblich ist) zu Hause fühle, kann ich auch von einer gelungenen Geschlechtsidentität sprechen“ (Blank-Mathieu 2006).

Nach Freud findet die Entwicklung der Geschlechtsidentität in der phallischen Phase zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr statt. An diese Entwicklungsphase schließt die ödipale Phase und damit einhergehend die Errichtung des Über-Ichs an. Das Kind erwirbt die Geschlechtsidentität in diesem Zuge durch die Identifikation mit dem Elternteil des anderen Geschlechtes im Alter von ca. fünf Jahren. Die Entstehung des Über-Ichs impliziert die Übernahme gesellschaftlicher Normen und Geschlechternormen, die sich in Form von Geboten und Verboten des Über-Ich manifestieren, während das ES Ausdruck der eigenen Empfindungen, Bedürfnisse und Libido ist. Sowohl ES als auch Über-Ich wirken auf das Ich und sind maßgeblich an der Ausbildung des Selbstverständnisses und der Geschlechtsidentität beteiligt (vgl. Tillmann 2010: 83ff.). Kritisch ist an diesem Konzept laut Tillmann, dass Freud mit selbigem alles menschliche Handeln auf Triebspannungen, zwischen ES, Ich und Über-Ich, zurückführt und die gesellschaftlichen, strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen außer Acht lässt. Des Weiteren geht Freud in seinem Modell von einer bürgerlichen Kleinfamilie aus und auch das Frauenbild der damaligen Zeit hat Einfluss auf seine Darstellungen. Dies macht ein Übertragen des Konzeptes auf die heutige Zeit schwierig. Dennoch sind die frühkindliche Triebverarbeitung und die damit verbundenen unbewussten psychischen Prozesse wichtig in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Tillmann 2010: 93ff.).

Kohlberg betrachtet den Geschlechtsrollenerwerb aus kognitiver Sicht. Nach ihm ist die Nachahmung gleichgeschlechtlicher Modelle die Folge eines kognitiven Entwicklungsprozesses (vgl. Lohaus/Vierhaus 2015: 205f.). Kinder entwickeln ab der Mitte des dritten Lebensjahres eine Geschlechtsidentität und sind sich darüber bewusst, dass sie selbst und andere einem von zwei Geschlechtern angehören. Sie machen diese Zuschreibungen jedoch an äußeren Merkmalen fest und gehen davon aus, trotz bestehender Geschlechtsidentität, später Vater (bei Mädchen) oder Mutter (bei Jungen) sein zu können (vgl. Lohaus/Vierhaus 2015: 205). Sie verstehen vor dem Stadium der Geschlechtsstabilität, das etwa mit drei oder vier Jahren erreicht wird (vgl. Lohaus/Vierhaus 2015: 205), nicht, dass ein Mann in Frauenkleidung immer noch ein Mann ist, sondern gehen davon aus, dass sie zwischen den Geschlechtern wechseln können, indem sie die Wahl ihrer Kleidung verändern. Erst Mitte des fünften Lebensjahres erreichen Kinder eine Geschlechtskonstanz und sind sich ihrer eigenen Geschlechtszugehörigkeit bewusst. Dann wissen sie, dass die Geschlechtsidentität nicht durch zeitliche und äußere Einflussgrößen veränderbar ist. Voraussetzung für das Erreichen dieses Stadiums ist das Verständnis der genitalen Grundlagen und die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit (vgl. Lohaus/Vierhaus 2015: 206). Um die eigene Geschlechtsidentität zu stabilisieren sind das Wissen um die eigene Geschlechtszugehörigkeit, die Zufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht, die Wahrnehmung des sozialen Drucks, sich geschlechtskonform zu verhalten und die Einstellung zu den Geschlechtsgruppen entscheidend (vgl. Lohaus/Vierhaus 2015: 207). „Dabei zeigte sich, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht positiv und der wahrgenommene soziale Druck, sich geschlechtskonform zu verhalten, negativ mit der psychologischen Anpassung von Jungen und Mädchen assoziiert ist.“ (Lohaus/Vierhaus, 2015: 207).

2.5.4 Die sexuelle Orientierung

Die sexuelle Orientierung beschreibt, auf welches Geschlecht sich das sexuelle Begehren eines Individuums richtet (vgl. Timmermanns 2013: 256). Dabei sagt die sexuelle Orientierung jedoch nicht nur etwas über das Geschlecht der als anziehend empfundenen Personen aus, sondern trifft zugleich eine Aussage über das eigene Geschlecht (vgl. Watzlawik 2020: 25). Dies lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Während ein Mann, der auf Frauen steht, die sexuelle Orientierung heterosexuell zugeschrieben bekommt, gilt eine Frau, die sich von Frauen angezogen fühlt, als homosexuell bzw. lesbisch. Beide Individuen fühlen sich in diesem Beispiel von dem weiblichen Geschlecht sexuell angezogen, erhalten jedoch in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung unterschiedliche Zuschreibungen. Dies veranschaulicht deutlich, dass das Geschlecht einer Person auch hier für die Definition von maßgeblicher Bedeutung ist (vgl. Watzlawik 2020: 25). Dieser Umstand führt unter Umständen, aufgrund der bereits erläuterten Komplexität des Geschlechts einer Person, zu Problemen hinsichtlich der Einordnung der sexuellen Orientierung. Beispielsweise dann, wenn das biologische Geschlecht von dem psychischen Geschlecht abweicht oder Personen sich jenseits des heteronormativen Geschlechtsmodells verorten. Als Folge sind Beziehungen der sexuellen Orientierung entstanden, die Abstand von einem binären Geschlechtsmodell nehmen und versuch der Komplexität des Geschlechts Rechnung zu tragen. Aus einer Aufhebung des binären Geschlechtermodells ergeben sich in der Folge eine Vielzahl an Konstellationen hinsichtlich der sexuellen Orientierung, woraus eine Vielzahl an neuen Begriffen für die Beschreibung der sexuellen Orientierung resultieren. So lassen sich neben den, auf einem binären Geschlechtermodell basierenden, Beziehungen ‚heterosexuell‘, ‚homosexuell‘ (unterteilt in ‚lesbisch‘ und ‚schwul‘) sowie ‚bisexuell‘ auch Begriffe wie ‚pansexuell‘, ‚polysexuell‘, ‚allosexuell‘ oder ‚asexuell‘ finden. Die nicht-binären sexuellen Orientierungen sind bisher wenig erforscht, zugleich kommen stets neue Bezeichnungen für die sexuelle Orientierung hinzu (vgl. Watzlawick 2020: 25f.). Die sexuelle Orientierung eines Menschen basiert folglich nicht nur auf der sexuellen Anziehung. Sie beinhaltet auch das sexuelle Verhalten, die sexuellen Fantasien, die emotionalen und sozialen Präferenzen, die Selbstidentifikation sowie den Lebensstil eines Individuums (vgl. Watzlawik 2020: 26f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Von den Möglichkeiten der Sexualpädagogik im Kontext Schule
Untertitel
Sexuelle Bildung in weiterführenden Schulen der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
54
Katalognummer
V1170589
ISBN (eBook)
9783346589521
ISBN (eBook)
9783346589521
ISBN (eBook)
9783346589521
ISBN (Buch)
9783346589538
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, sexualpädagogik, kontext, schule, sexuelle, bildung, schulen, bundesrepublik, deutschland
Arbeit zitieren
Laura Linn (Autor:in), 2021, Von den Möglichkeiten der Sexualpädagogik im Kontext Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1170589

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