Ein Volk auf dem Weg zur Selbstbestimmung? Ein Blick auf die Autonomie-Bestrebungen der Sorben


Essay, 2019

22 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Allgemeine Informationen über die Sorben

3. Ein eigenes sorbisches Parlament
3.1 Die Idee dahinter
3.2 Der Weg zur eigenen Volksvertretung
3.3 Probleme des Parlaments
3.4 Blick in die Zukunft

4. Ein eigener sorbisch-wendischer Staat?
4.1 Historischer Hintergrund
4.2 Aktuelle Forderungen der PDS

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

2015 war das Jahr des großen Flüchtlingsstroms. Unter anderem durch die Kriege im Nahen Osten sind laut den Zahlen aus September 2016 etwa 890.000 Schutzsuchende nach Deutschland gekommen. Die Anzahl ging bereits im Jahr 2016 stark zurück, bis zum September seien laut Innenminister de Maizière 210.000 Asylsuchende in die Bundesrepublik eingereist. Das liegt zum größten Teil daran, dass im Frühjahr 2016 die Balkanroute geschlossen wurde. „Mittlerweile kommen in Deutschland nur noch so viele Flüchtlinge an wie vor der Krise. Im Juli dieses Jahres [2018] waren es etwas mehr als 13.000.“1 ,2

Die Zahl rechter Straftaten hat dagegen nicht abgenommen. „Die politische motivierte Kriminalität von rechts verharrt auf hohem Niveau“3 , ist in der Zeitung ‚nd‘ zu lesen. Von Januar bis September 2018 wurden laut Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (LINKE) schon weit mehr als 12.500 Straftaten von Neonazis und anderen Rechten durch die Polizei festgestellt. Und die Zahlen würden vermutlich noch steigen, da die Polizei erfahrungsgemäß viele Taten erst nachliefere. Die bisher vorliegenden Zahlen ließen vermuten, dass die Zahl der Taten auf dem Niveau des Vorjahres liegen werde, schreibt die Zeitung. Im Jahr 2017 hatte die Polizei insgesamt 20.520 Straftaten als ‚politisch motivierte Kriminalität – rechts‘ eingestuft.4

Betroffene rechter Gewalttaten sind dabei nicht nur Geflüchtete aus anderen Ländern, sondern auch Menschen, die schon seit Jahren oder auch seit ihrer Geburt in Deutschland leben. Ein Beispiel hierfür ist die nationale Minderheit der Sorben. „Sorbenfeindlich motivierte Straftaten, wie das die Polizei nennt, gab es schon immer. Hauptsächlich Sachbeschädigungen: Wegkreuze und Kruzifixe der katholischen Sorben werden zerstört, die zweisprachigen Ortsschilder beschmiert. Wände und Brückengeländer mit Aufschriften bemalt wie ‚Sorben raus‘ oder ‚Hooligans gegen Sorben‘.“5 Auch antisorbische Sprüche bei Fußballspielen gehörten seit vielen Jahren zum Alltag, so Experten.6 ,7

Dass Menschen vor allem im sächsischen Teil der Lausitz körperlich angegriffen werden, weil sie Sorben sind, kommt als neues Phänomen noch dazu. „Seit vier Jahren tauchen solche Fälle in der Polizeistatistik auf. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Vorfällen, etwa ein Dutzend ist allein dem Landeskriminalamt Sachsen bekannt.“8 Für Heiko Kosel, Abgeordneter der Linken im sächsischen Landtag und dortiger Sprecher für nationale Minderheiten, sind die Angriffe auf Sorben mit der gestiegenen Fremdenfeindlichkeit der vergangenen Jahre in Sachsen in Verbindung zu bringen. „Sorben würden von Teilen der Bevölkerung als Fremde wahrgenommen. Deswegen werte man die Übergriffe als fremdenfeindlich.“9 ,10

Um ihre Sprache und Kultur zu bewahren und damit schlussendlich auch etwaigen Straftaten vorzubeugen, wünschen sich viele Sorben mehr politische Mitsprache und zuweilen auch eine größere Autonomie vom deutschen Staat. In den letzten Jahren ist das westslawische Volk diesem Vorhaben in einigen Aspekten nähergekommen, so gibt es mittlerweile ein eigenes sorbisches Parlament. Doch einigen Menschen reicht selbst dieser Fortschritt noch nicht aus.

Dieser Essay erläutert anfänglich kurz, wer die Sorben sind und woher sie stammen, um sich im Anschluss mit dem sorbischen Parlament zu beschäftigen und zum Ende auf die historische sowie aktuelle Forderung nach einem sorbisch-wendischen Staat einzugehen.

2. Allgemeine Informationen über die Sorben

Die Sorben sind ein slawischer Volksstamm, der ursprünglich nordöstlich der Karpaten gelebt hatte. Seit etwa 600 n.Chr. lebt das Volk in der Lausitz, also im Gebiet zwischen der Ostsee und dem Erzgebirge, traditionell teilweise autonom. (Abb. 1) Das Siedlungsgebiet der Sorben ist auch heute noch eine aktive Bergbauregion. Heute gibt es schätzungsweise 60.000 Sorben, 40.000 davon leben in der sächsischen Oberlausitz, 20.000 in der brandenburgischen Niederlausitz. „Das Bekenntnis zum sorbischen Volk ist jedoch nach dem Gesetz frei und darf nicht überprüft werden. Somit geben diesbezügliche Zahlen nur Schätzungen ab.“11

Die sorbische Sprache, die bis zu 30.000 Menschen sprechen, gehört zu den westslawischen Sprachen der indoeuropäischen Sprachgruppe. Sie ist aufgeteilt in das Niedersorbische, das dem Tschechischen und dem Slowakischen ähnelt, und in das Niedersorbische, was Verbindungen zum Polnischen aufweist. Zweites wird in vier Landkreisen des Freistaates Sachsen gesprochen, während Erstes in vier Landkreisen im Südosten von Brandenburg gesprochen wird, allerdings vom Aussterben bedroht ist. (Abb. 2) Die Sprache wird vor allem im öffentlichen Leben und teilweise auch im privaten zunehmend durch Deutsch ersetzt. Das liegt unter anderem daran, dass die deutsche Bevölkerung in den sorbischen Gebieten gewachsen ist und daher die Dominanz der deutschen Sprache und Kultur zugenommen hat. Womöglich gerade deswegen identifizieren sich Sorben hauptsächlich durch ihre Sprache und ihr kulturelles Erbe, wie etwa traditionelle Musik, Trachten oder Feiertage.12

Allerdings gibt es ein großes Netzwerk an Vereinen und Organisationen, die die sorbische Kultur bewahren und die Interessen der Sorben vertreten wollen. Hierbei ist die Domowina, der Verein Bund Lausitzer Sorben mit Sitz in Bautzen, die Dachorganisation. Sie enthält fünf Regionalvereinigungen und zahlreiche Fachverbände kultureller, sprachlicher, beruflicher oder religiöser Ausrichtung und fungiert als Interessenvertretung gegenüber der Bundesregierung und den Landesregierungen Brandenburg und Sachsen sowie als Vertretung der Sorben im gemeinsamen Minderheitenrat. Außerdem gibt es nicht nur die Stiftung für das sorbische Volk mit Sitz in Bautzen, einer Außenstelle in Cottbus und drei Regionalbüros, sondern auch den Rat für sorbische Angelegenheiten in Sachsen.13

[...]


1 Bielicki, Jan, Drei Jahre „Wir schaffen das“ - eine Bestandsaufnahme, 31.08.2018, siehe: https://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-in-deutschland-drei-jahre-wir-schaffen-das-eine-bestandsaufnahme-1.4110671, letzter Aufruf: 26.03.2019.

2 Vgl. ebd.; Vgl. Deutschland korrigiert Flüchtlingszahl für 2015, 30.09.2016, siehe: https://www.welt.de/politik/deutschland/article158465433/Deutschland-korrigiert-Fluechtlingszahl-fuer-2015.html, letzter Zugriff: 26.03.2019.

3 Schon fast 13.000 rechte Straftaten im Jahr 2018, 14.11.2018, siehe: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1105609.gewalt-durch-nazis-schon-fast-rechte-straftaten-im-jahr.html, letzter Zugriff: 26.03.2019.

4 Vgl. ebd.

5 Herwig, Sophie, „Scheiß Sorben“, brüllen sie, 03.02.2019, siehe: https://www.zeit.de/2019/06/rechtsextremismus-sachsen-sorben-slawische-minderheit-opfer-angriffe, letzter Zugriff: 26.03.2019.

6 Vgl. Herwig, Sophie, Sachsens Sorben in Angst: „Seit 2014 haben die Angriffe eine andere Qualität“, 17.02.2019, siehe: http://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Sachsens-Sorben-in-Angst-Seit-2014-haben-die-Angriffe-eine-andere-Qualitaet, letzter Zugriff: 26.03.2019.

7 Vgl. ebd.; Herwig, Sophie, „Scheiß Sorben“, brüllen sie, 03.02.2019, siehe: https://www.zeit.de/2019/06/rechtsextremismus-sachsen-sorben-slawische-minderheit-opfer-angriffe, letzter Zugriff: 26.03.2019.

8 Ebd.

9 Herwig, Sophie, Sachsens Sorben in Angst: „Seit 2014 haben die Angriffe eine andere Qualität“, 17.02.2019, siehe: http://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Sachsens-Sorben-in-Angst-Seit-2014-haben-die-Angriffe-eine-andere-Qualitaet, letzter Zugriff: 26.03.2019.

10 Vgl. ebd.; Herwig, Sophie, „Scheiß Sorben“, brüllen sie, 03.02.2019, siehe: https://www.zeit.de/2019/06/rechtsextremismus-sachsen-sorben-slawische-minderheit-opfer-angriffe, letzter Zugriff: 26.03.2019.

11 Keller, Ines & Jacobs, Theresa, Sorben in Deutschland. Kulturelle Praktiken und kulturelle Sicherheit, in: LĚTOPIS. Zeitschrift für sorbische Sprache, Geschichte und Kultur 64, 2017, S. 291.

12 Vgl. Bundesinnenministerium des Innern, Nationale Minderheiten. Minderheiten- und Regionalsprachen in Deutschland, 2015, S. 40-50; Wolf, Sonja, Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland, in: APuZ Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung 67, Aus Politik und Zeitgeschichte. Fremd in der Heimat?, 2017.

13 Vgl. ebd.; Bundesinnenministerium des Innern, Nationale Minderheiten. Minderheiten- und Regionalsprachen in Deutschland, 2015, S. 40-50.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ein Volk auf dem Weg zur Selbstbestimmung? Ein Blick auf die Autonomie-Bestrebungen der Sorben
Hochschule
Universität Leipzig  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Wer ist das Volk?
Note
2,1
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V1170803
ISBN (Buch)
9783346607546
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sorben, Autonomie, Slawen, Selbstbestimmung, Parlament, Staat, PDS, Pates, Wagner, Tobias, Wissen, Macht
Arbeit zitieren
Tobias Wagner (Autor:in), 2019, Ein Volk auf dem Weg zur Selbstbestimmung? Ein Blick auf die Autonomie-Bestrebungen der Sorben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1170803

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