2015 war das Jahr des großen Flüchtlingsstroms. Unter anderem durch die Kriege im Nahen Osten sind laut den Zahlen aus September 2016 etwa 890.000 Schutzsuchende nach Deutschland gekommen. Die Anzahl ging bereits im Jahr 2016 stark zurück, bis zum September seien laut Innenminister de Maizière 210.000 Asylsuchende in die Bundesrepublik eingereist. Das liegt zum größten Teil daran, dass im Frühjahr 2016 die Balkanroute geschlossen wurde.
Die Zahl rechter Straftaten hat dagegen nicht abgenommen. Von Januar bis September 2018 wurden laut Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (LINKE) schon weit mehr als 12.500 Straftaten von Neonazis und anderen Rechten durch die Polizei festgestellt. Und die Zahlen würden vermutlich noch steigen, da die Polizei erfahrungsgemäß viele Taten erst nachliefere. Im Jahr 2017 hatte die Polizei insgesamt 20.520 Straftaten als ‚politisch motivierte Kriminalität – rechts‘ eingestuft.
Betroffene rechter Gewalttaten sind dabei nicht nur Geflüchtete aus anderen Ländern, sondern auch Menschen, die schon seit Jahren oder auch seit ihrer Geburt in Deutschland leben. Ein Beispiel hierfür ist die nationale Minderheit der Sorben. Sorbenfeindlich motivierte Straftaten, wie das die Polizei nennt, gab es schon immer.
Dass Menschen vor allem im sächsischen Teil der Lausitz körperlich angegriffen werden, weil sie Sorben sind, kommt als neues Phänomen noch dazu. Für Heiko Kosel, Abgeordneter der Linken im sächsischen Landtag und dortiger Sprecher für nationale Minderheiten, sind die Angriffe auf Sorben mit der gestiegenen Fremdenfeindlichkeit der vergangenen Jahre in Sachsen in Verbindung zu bringen.
Um ihre Sprache und Kultur zu bewahren und damit schlussendlich auch etwaigen Straftaten vorzubeugen, wünschen sich viele Sorben mehr politische Mitsprache und zuweilen auch eine größere Autonomie vom deutschen Staat. In den letzten Jahren ist das westslawische Volk diesem Vorhaben in einigen Aspekten nähergekommen, so gibt es mittlerweile ein eigenes sorbisches Parlament. Doch einigen Menschen reicht selbst dieser Fortschritt noch nicht aus.
Dieser Essay erläutert anfänglich kurz, wer die Sorben sind und woher sie stammen, um sich im Anschluss mit dem sorbischen Parlament zu beschäftigen und zum Ende auf die historische sowie aktuelle Forderung nach einem sorbisch-wendischen Staat einzugehen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Informationen über die Sorben
3. Ein eigenes sorbisches Parlament
3.1 Die Idee dahinter
3.2 Der Weg zur eigenen Volksvertretung
3.3 Probleme des Parlaments
3.4 Blick in die Zukunft
4. Ein eigener sorbisch-wendischer Staat?
4.1 Historischer Hintergrund
4.2 Aktuelle Forderungen der PDS
5. Schluss
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle politische Situation der nationalen Minderheit der Sorben in Deutschland unter Berücksichtigung ihrer historischen Autonomiebestrebungen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die sorbische Minderheit versucht, ihre Interessen durch die Etablierung eigener politischer Strukturen wie dem „Serbski Sejm“ zu wahren und welche Spannungsfelder sich daraus gegenüber dem deutschen Staat sowie etablierten Dachverbänden ergeben.
- Historischer Kontext der sorbischen Minderheit in Deutschland
- Entwicklung und Legitimation des sorbischen Parlaments (Serbski Sejm)
- Konfliktlinien zwischen politischer Autonomie und bestehenden Interessenvertretungen
- Historische und aktuelle Visionen eines sorbisch-wendischen Staates
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Idee dahinter
Die Idee für eine solche Institution begann mit der ‚Initiative für eine demokratisch legitimierte sorbisch/wendische Volksvertretung – Serbski sejmik‘. Seit 2011 ist der promovierte Kulturwissenschaftler Martin Walde Sprecher der Initiative. Früher war er als Vertreter der sorbischen wissenschaftlichen Vereinigung Maćica Serbska in der Bundesversammlung der Domowina aktiv. Nach einem Richtungsstreit dort begann er allerdings damit, an seiner Initiative zu arbeiten.
„Die Initiative verspricht, eine klaffende ‚Demokratielücke‘ im sorbischen Volk zu schließen: Nach innen will man eine allgemeine Meinungsbildungsplattform sein und etwa die Vergabe der Finanzmittel regeln, was bisher der Stiftung für das sorbische Volk obliegt. Nach außen soll der Sejm eine Volksvertretung sein“, erklärt Autor Jörg Schurig von der Zeitung nd. Die Verfechter eines sorbischen Parlaments sind der Meinung, die Sorben in Sachsen und Brandenburg bräuchten eine solche demokratisch legitimierte Vertretung – sehen sie die Domowina doch lediglich als Verein an, der sich um den Erhalt der Sprache und Kultur kümmert. „[E]ine Lobbygruppe, organisiert wie eine[n] Kaninchenzüchterverein“ – wie es die Initiative nennt.
„Und es gibt keine Institution, die ein Recht hätte, für alle Sorben zu sprechen, weil sie diese politische Kompetenz nicht hat. Wir haben eben keine demokratisch legitimierte Vertretung, die Rechte wahrnehmen würde, Klagerecht, oder Gelder zu verteilen, das Budget zu verteilen. Sorben werden erst dann informiert, wenn eine Schule geschlossen wird. Also die Sorben können nicht mitbestimmen“, so Walde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle gesellschaftliche Lage in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf politisch motivierte Kriminalität, und führt die Diskriminierung der Sorben als nationale Minderheit ein.
2. Allgemeine Informationen über die Sorben: Dieses Kapitel liefert einen Überblick über Herkunft, Siedlungsgebiet, Sprache und die bestehende Organisationsstruktur der Sorben, insbesondere durch den Dachverband Domowina.
3. Ein eigenes sorbisches Parlament: Dieser Abschnitt analysiert die Entstehung, die Zielsetzungen und die internen sowie externen Widerstände bei der Gründung des sorbischen Parlaments (Serbski Sejm).
4. Ein eigener sorbisch-wendischer Staat?: Hier werden die historischen Bestrebungen zur Staatsgründung nach 1945 sowie die aktuellen Forderungen der neu gegründeten Partei der Sorben (PDS) thematisiert.
5. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die komplexe Situation zusammen und betont die Notwendigkeit, die künftige Entwicklung der Interessenvertretung der Sorben zwischen Autonomiebestrebungen und bestehenden Strukturen abzuwarten.
Schlüsselwörter
Sorben, nationale Minderheit, Autonomie, Serbski Sejm, Domowina, Selbstbestimmung, politische Teilhabe, Lausitz, sorbisch-wendischer Staat, politische Rechte, Assimilation, Interessenvertretung, PDS, Minderheitenpolitik, kulturelle Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den aktuellen Autonomiebestrebungen der sorbischen Minderheit in Deutschland und der Frage, wie diese ihre politische Partizipation durch eigene Institutionen stärken möchten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Gründung des sorbischen Parlaments, den historischen Forderungen nach einem eigenen Staat und dem Spannungsfeld zwischen traditionellen Verbänden und neuen politischen Akteuren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Motive für die Forderung nach mehr politischer Mitsprache und die damit verbundenen Herausforderungen für die sorbische Minderheit darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit stützt sich auf eine deskriptive Analyse sowie die Auswertung von aktuellen Nachrichtenberichten, wissenschaftlichen Beiträgen und politischen Programmen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Sorben, die Analyse des sorbischen Parlaments sowie die historische und aktuelle Debatte um einen eigenen sorbisch-wendischen Staat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sorben, Serbski Sejm, Autonomie, nationale Minderheit, politische Mitsprache und Domowina.
Warum wird das "Serbski Sejm" von der Politik oft kritisch gesehen?
Die Politik sieht meist keinen zusätzlichen Regelungsbedarf, da sie die Partizipation durch den existierenden Dachverband Domowina für ausreichend und effektiv hält.
Welche Rolle spielt die Partei der Sorben (PDS) in der aktuellen Debatte?
Die PDS fungiert als neuer Akteur, der die historischen Forderungen nach einem eigenen, souveränen sorbisch-wendischen Staat offiziell in den politischen Diskurs einbringt.
- Arbeit zitieren
- Tobias Wagner (Autor:in), 2019, Ein Volk auf dem Weg zur Selbstbestimmung? Ein Blick auf die Autonomie-Bestrebungen der Sorben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1170803