Praxeologie gegen Rational Action Theory. Über die Aktualität der Kritik Bourdieus am Rational Choice


Seminararbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Praxeologie Pierre Bourdieus
2.1 Habitus
2.2 Feld und Kapital
2.3 Sozialer Raum

3. Die Theorie des Rational Choice
3.1 Kern- und Zusatzannahmen der Rational Choice Theorie
3.2 Der individuelle Akteur am Beispiel demokratischer Prozesse
3.3 Der kollektive Akteur am Beispiel des Umweltschutzes

4. Bourdieus Kritik an der Theorie des Rational Choice
4.1 Kritik an den Kernannahmen des Rational Choice.9
4.2 Kritik an den philosophischen Grundlagen des Ration Choice
4.3 Kritik an dem Konzept des kollektiven Akteurs
4.4 Abschließende Betrachtungen der Kritik

5. Fazit

1. Einleitung

Zeit seines Lebens rekurrierte Bourdieu bei der Darlegung seiner Handlungstheorie, der Praxeologie, auf die philosophische Strömung des Utilitarismus und der daraus entstandenen Handlungstheorie, Rational Choice oder Rational Action Theory genannt1. Im Focus dieser Arbeit steht die Auseinandersetzung Bourdieus mit dem soziologischen Ansatz des Rational Choice. Dabei soll explizit die Aktualität der Kritik von Bourdieu geprüft und kritisch untersucht werden.

Zu Beginn wird Bourdieus Praxeologie in seinen Grundbegriffen wie Habitus, Feld, Kapital und sozialer Raum dargestellt. Diese dienen als Grundlage seiner Kritik und zeigen gleichzeitig, wie Bourdieu versucht, die methodischen Probleme und Grundlagen des Rational Choice zu überwinden.

Des Weiteren werden die Grundideen und Grundzüge des Rational Choice dargelegt. Da jedoch keine einheitliche Theorie existiert, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, wird im Rahmen dieser Arbeit Bezug auf das Fundament aller Rational Choiceansätze, wie zum Beispiel den methodologischen Individualismus, genommen. Ferner können aufgrund der Begrenztheit dieser Arbeit nicht alle Ansätze behandelt werden. Dennoch wird auf einige Ansätze rekurriert, die versuchen, Bourdieus Kritik und Praxeologie zu entkräften.

Nach einer Darstellung beider Ansätze wird Bourdieus Kritik am Rational Choice einer kritischen Prüfung unterzogen und auf seine Aktualität hin untersucht. Dabei soll herausgestellt werden, ob die Kritik noch adäquat ist, oder ob die Theoretiker des Rational Choice die Einwände entkräften und überwinden konnten.

Zum Schluss wird diskutiert, inwieweit Bourdieus Kritik gegen den heutigen Rational Choice noch Bestand hat oder ob seine Kritik nicht mehr auf die heutigen Modelle Anwendung finden kann. Es ist evident, dass neben Bourdieus Kritik weiter Vorbehalte gegen die Theorie des Rational Choice bestehen. Jedoch soll geklärt werden, ob Bourdieus Kritik nicht sogar weitergreifen könnte. Zudem können sich weitere Probleme ergeben, die im Rahmen dieser Arbeit diskutiert werden.

2. Die Praxeologie Pierre Bourdieus

2.1 Habitus

Das Habituskonzept wurde von Bourdieu geschaffen, um den Antagonismus von Objektivismus und Subjektivismus zu überwinden. Ihn kennzeichnet, dass er weder das Individuum als bloßen Reflex objektiver Strukturen darstellt noch dass es, von allen Zwängen befreit, seine Handlungen vollzieht. Bei dem Habitus handelt es sich nach Bourdieu um ein „[…] System dauerhafter und übertragbarer Dispositionen, als strukturierende Strukturen […]“2 sowie „[…] als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen für Praktiken und

Vorstellungen […]“3. Habituelle Praktiken und Vorstellungen müssen vom Individuum nicht beherrscht werden und sind nicht bewusst auf Ziele angelegt.4 Diese habitualisierten Handlungen sind jedoch nicht durch Strukturen determiniert.

Der Habitus dient als Vermittlungsinstanz zwischen Struktur und Praxis. Ihm ist es möglich, unendlich viele Praktiken hervorzubringen. Allerdings wird er durch die Bedingungen, denen er während seiner Entwicklung unterlag, begrenzt. Sie bringen bestimmte Gedanken-, Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen hervor.5 Dabei werden die bereits bestehenden Strukturen nicht mechanisch, sondern immer individuell internalisiert.

Da in der Gesellschaft, an der Bourdieu das Habituskonzept entwickelte, Ungleichheit herrscht, gibt es keinen universellen Habitus.6 Somit erlernt der Habitus nur ein Teil von Dispositionen, die benötigt werden, um in allen Bereichen der Gesellschaften zu bestehen. Deshalb wählt der Habitus Milieus, die ihm vorangepasst sind und in denen er sich reproduzieren kann. Dadurch schützt er sich vor Krisen und kritischen Befragungen.7

Die Bedingungen, die unterschiedliche Habitusformen hervorbringen und die im Rahmen dieser Arbeit nötig sind, werden im Folgenden dargelegt.

2.2 Feld und Kapital

Ein weiterer Grundpfeiler von Bourdieus Praxeologie ist das Feld. Es definiert sich „…als ein Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen…“.8 Die Positionen geben einen bestimmten Ort der Distribution von Kapital im Feld an.

Das Kapital wird in drei verschiedene Grundkategorien unterteilt. Unter Kapital wird dabei akkumulierte Arbeit in materieller oder inkorporierter Form verstanden.9 Dieses kann als ökonomisches Kapital im Warentausch bestehen, deren Logik „[…]objektiv und subjektiv auf Profitmaximierung ausgerichtet und vorn (ökonomischen) Eigennutz geleitet ist.“10 Es äußert sich in Form von Geld und in institutionalisierter Form als Eigentumsrecht. Das kulturelle Kapital dagegen kann in drei verschiedenen Formen auftreten. In Form von Bildung, die das Individuum sich angeeignet hat, in objektivierter Form als kulturelles Gut wie Bücher oder institutionalisiert als Bildungstitel.11 Soziales Kapital definiert Bourdieu als „[…] Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit einer Gruppe beruhen.“12 Alle drei Kapitale können auch symbolisches Kapital bilden, welches von anderen Akteuren anerkannt wird, sofern ihr Habitus über die entsprechenden Wahrnehmungsdispositionen verfügt. Dabei kann es sich um einen Adelstitel handeln, wodurch der Akteur auf Privilegien Zugriff hat.

Zudem besteht die Möglichkeit, ökonomisches Kapital in andere Arten von Kapital zu transformieren. Dabei zeigt sich, dass jede Sorte von Kapital einer anderen Logik unterliegt. Zum einen lässt sich das transformierte Kapital nicht auf ihren Ursprung zurückführen, da es sonst nach Bourdieu seine spezifische Wirkung nicht hervorbringen kann. Zum anderen ist die

Akkumulation von sozialem Kapital, die Investition vom ökonomischen Kapital in soziale Netzwerke, vom ökonomischen Standpunkt Verschwendung, nicht aber vom sozialen.13

Dem Feld ist auch eine spezifische, einzigartige Logik inhärent. Diese lässt sich nicht auf die Logik eines anderen Feldes reduzieren. Damit wendet sich Bourdieu ausdrücklich gegen den Ökonomismus, der die Logik des ökonomischen Feldes auf alle Felder anwendet und seine Prinzipien und Bewertungskriterien als universell ansieht.14 Zudem ist ihr ein bestimmtes Kapital, welches sowohl als Einsatz als auch als Interessenobjekt fungiert, immanent.15

Bourdieu stellt die Vorgänge auf dem Feld metaphorisch dar, im Sinne eines Spieles. Die Akteure teilen den Glauben und die Anerkennung an das Spiel, was Bourdieu illusio nennt, wodurch das Feld erst seine Legitimation erhält. Das ermöglicht, dass die Spieler den Inhalt des Spieles bestimmen. Damit wird die „… Frage nach den Grenzen des Feldes ... immer im Feld selber gestellt und läßt folglich keine Antwort a priori zu.“16 Eintrittsbedingungen und Definitionen der Zugehörigkeit bilden dabei die Grenzmechanismen des Feldes. Des Weiteren haben die Akteure die Möglichkeit, entweder die Regeln des Feldes zu reproduzieren oder zu verändern. Ein unterlegener Akteur könnte versuchen die dominante Kapitalsorte zu entwerten und seine aufzuwerten, um sich besser Chancen zu verschaffen.17

Um jedoch auf einem Feld agieren zu können, benötigt der Habitus entsprechende Dispositionen, wie Bourdieu anhand der Genese des ökonomischen Habitus in der algerischen Gesellschaft darlegt. Um die Fähigkeit des rationalen Kalküls zu erwerben, sind bestimmte ökonomische und gesellschaftliche Grundlagen vonnöten. „Unterhalb einer gewissen Schwelle, definiert bzw. identifiziert als ein bestimmtes ökonomisches und kulturelles Niveau, können sich rationale Verhaltensdispositionen nicht ausbilden.“18 Verfügt der Habitus nicht über entsprechende Dispositionen, um zum Beispiel das Interessenobjekt wahrzunehmen und anzuerkennen19, kann er nicht gemäß der Logik des Feldes handeln. Diesen Zustand der Indifferenz, des interessenfreien Handelns, da das Interessenobjekt des Feldes nicht anerkannt wird, nennt Bourdieu Ataraxie.20

[...]


1 Im folgenden ausschließlich Rational Choice genannt

2 Bourdieu, 1993, S. 98

3 Bourdieu, 1993, S. 98

4 Über diese Praktiken muss ein kollektiver Konsens herrschen, damit sie als Struktur vom Habitus internalisiert werden (Vgl. Bourdieu, 1993, 99)

5 Vgl. Bourdieu, 1993, S. 102

6 Umstrittene Standpunkte, wie sie zum Beispiel Ulrich Beck in seinem Aufsatz „Jenseits von Stand und Klasse“ vertritt, werden bewusst nicht mit einbezogen

7 Vgl. Bourdieu, 1993, S. 114

8 Bourdieu, 2006, S. 127

9 Bourdieu, 1983, S. 183

10 Bourdieu, 1983, S. 184

11 Vgl. Bourdieu, 1983, S. 185

12 Bourdieu, 1983, S. 191 f.

13 Vgl. Bourdieu, 1983, S. 196

14 Vgl. Bourdieu, 1998b, S. 149

15 Vgl. Bourdieu, 2006, S. 127 f.

16 Bourdieu, 2006, S. 130

17 Vgl. Bourdieu, 2006, S. 129

18 Bourdieu, 2000, S. 20

19 Reize, auf die das Individuum reagiert, sind keineswegs universell, sondern müssen erst konditioniert werden und vom Habitus internalisiert werden (Vgl. Bourdieu, 1993, S. 99)

20 Bourdieu, 1998b, S. 141

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Praxeologie gegen Rational Action Theory. Über die Aktualität der Kritik Bourdieus am Rational Choice
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Einführung in die Praxistheorie Pierre Bourdieus
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V117081
ISBN (eBook)
9783640194629
ISBN (Buch)
9783640194704
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Praxeologie, Rational, Action, Theory, Aktualität, Kritik, Bourdieus, Choice, Einführung, Praxistheorie, Pierre
Arbeit zitieren
André Walter (Autor), 2008, Praxeologie gegen Rational Action Theory. Über die Aktualität der Kritik Bourdieus am Rational Choice, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117081

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