Inwiefern stellten die Kriege gegen die Herero und Nama eine Zäsur in der deutschen Kolonialpolitik dar?
Das Thema der Kriege der deutschen Kolonisten gegen Hereo und Nama erreichte durch die Klage ersterer gegen die Bundesregierung erneut die Öffentlichkeit. Nach diesen Aufständen änderte das Kaiserreich seine Kolonialpolitik. Es gab Reformen gegen die Zwangsarbeit und die kolonialalltägliche Prügelstrafe. Hieraus könnte man schlussfolgern, dass die Verantwortlichen kolonialer Politik aus den Ausartungen der Kriege mit den „Eingeborenen“ lernten. Grundsätzlich lassen sich solche Reformen als Einsicht interpretieren, dass die zuvor betriebene „Eingeborenenpolitik“ nicht angemessen gewesen sei. Herauszufinden inwiefern eine solche Räson tatsächlich vorhanden war, ist das Ziel der vorliegenden Arbeit. Denn andererseits wurde nach den Kriegen die prokoloniale Meinung auf parteipolitischer Ebene gestärkt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Überblick der deutschen Kolonialpolitik bis 1904
2.1 Die Mission und die „Erziehung des Negers zur Arbeit“ in den deutschen Kolonien
2.2 Deutsche Sprache als Instrument zur Abgrenzung
2.3 Die „Eingeborenenpolitik“ unter Theodor Leutwein
3. Die Herero- und Nama-Kriege
3.1 Vorgeschichte
3.2 Verlauf
3.3 Konzentrationslager in Afrika als Anhaltspunkt für den brutalen Umgang mit den Eingeborenen während des Kriegszustandes
3.4 Die „Hottentottenwahlen“ – Direkte Auswirkung der Aufstände auf die (Kolonial-)Politik im Reich
4. Kolonialpolitik im Umbruch? Kolonialherrschaft während und nach den Herero- und Namakriegen
4.1 Die „Eingeborenenverordnungen“
4.2 Machtverschiebungen nach den „Hottentottenwahlen“ – Die Deutsche Kolonialgesellschaft und andere Verbände nach den Kriegen
4.3 Die Sicht auf die Kolonien und die „Eingeborenen“ anhand des Beispiels des Afrikareisenden Hans Jobelmann
4.4 Die „Ruhe des Friedhofs“ – Politik der Unterdrückung nach den Kolonialkriegen in Deutsch-Südwestafrika
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Kriege gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika als Zäsur in der deutschen Kolonialpolitik zu verstehen sind, indem sie die Entwicklung der Herrschaftsstrukturen und den Umgang mit der indigenen Bevölkerung vor und nach den Konflikten analysiert.
- Analyse der kolonialen „Eingeborenenpolitik“ unter Theodor Leutwein.
- Untersuchung der Rolle von Sprache und kultureller Identität im kolonialen Kontext.
- Betrachtung der Auswirkungen der Kriege auf die Reichspolitik, insbesondere der „Hottentottenwahlen“.
- Bewertung repressiver Maßnahmen wie der Konzentrationslager und der „Eingeborenenverordnungen“.
- Diskussion der Transformation von einer auf Verträgen basierenden Politik hin zu offener Unterdrückung.
Auszug aus dem Buch
3.3 Konzentrationslager in Afrika als Anhaltspunkt für den brutalen Umgang mit den Eingeborenen während des Kriegszustandes
Der Begriff des Konzentrationslagers kam im deutschkolonialen Kontext erstmals am 11. Dezember 1904 vor, in einem Telegramm von Reichskanzler Bernhard von Bülow an den Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika. In diesem gibt von Bülow die Order, die Gefangenenlager für die Herero – eben hier als Konzentrationslager betitelt – einzurichten.50
In der Folgezeit richteten die Kolonialherren Konzentrationslager in allen größeren Orten Deutsch-Südwestafrikas ein. In diesen Lagern wurden diejenigen interniert, die den Krieg und den Völkermord überlebt hatten. Eines der größten dieser Lager war das Konzentrationslager in Swakopmund. Dieses war eine Mischung bzw. eine Art Zusammenschluss von kleineren privaten und staatlichen Lagern. Einige Herero waren jedoch außerhalb des Konzentrationslagers interniert. Gesetzt dem Fall, dass sie in dem Dienst „Weißer“ standen, wohnten sie in der Nähe ebendieser.51
Die Behandlung der Gefangenen war allgemein betrachtet sehr schlecht. Die Befestigung des Lagers schützte unzureichend vor Wind und Wetter. Zudem mangelte es den Herero dort an passender Kleidung, sodass einige nur mit Säcken bekleidet waren. Zudem litten viele der Gefangenen an Fehl- und Mangelernährung. So wurde zum Beispiel Esel- und Pferdefleisch zum Essen vorgesetzt, was die Herero nicht gewohnt waren. Die Nahrung war außerdem sehr einseitig und somit vitaminarm, wodurch Skorbut zu einer häufig auftretenden Krankheit wurde.52
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die koloniale Motivationslage ein, stellt die Forschungsfrage zur Zäsur der Herero- und Nama-Kriege und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
2. Überblick der deutschen Kolonialpolitik bis 1904: Dieses Kapitel behandelt die frühen Strategien der deutschen Kolonialherrschaft, inklusive der Missionierung und der „Eingeborenenpolitik“ unter Leutwein.
3. Die Herero- und Nama-Kriege: Das Kapitel analysiert die Ursachen, den Verlauf der kriegerischen Auseinandersetzungen sowie die brutale Praxis der Konzentrationslager und die politischen Auswirkungen auf das Deutsche Reich.
4. Kolonialpolitik im Umbruch? Kolonialherrschaft während und nach den Herero- und Namakriegen: Der Hauptteil beleuchtet die repressive Nachkriegspolitik, die Enteignungsverordnungen, Machtverschiebungen innerhalb des Kolonialamtes und die Wahrnehmung durch Akteure wie Hans Jobelmann.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Kriege eine Zäsur markierten, die den Übergang zu einer flächendeckenden, gesetzlich legitimierten Unterdrückungspolitik darstellte.
Schlüsselwörter
deutsche Kolonialpolitik, Herero- und Nama-Kriege, Eingeborenenpolitik, Theodor Leutwein, Konzentrationslager, Hottentottenwahlen, Zwangsarbeit, Deutsch-Südwestafrika, koloniale Herrschaft, Unterdrückungspolitik, Völkermord, Eingeborenenverordnungen, Lothar von Trotha, Kolonialgeschichte, Reichspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der deutschen Kolonialpolitik in Afrika und analysiert, ob die Kriege gegen die Herero und Nama einen fundamentalen Wendepunkt – eine Zäsur – in der kolonialen Behandlung der indigenen Bevölkerung darstellten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die koloniale Missionierung, die Rolle der Sprache als Herrschaftsinstrument, die politische Bedeutung der „Hottentottenwahlen“ im Kaiserreich sowie die Lebensbedingungen in Konzentrationslagern und die Einführung restriktiver Eingeborenenverordnungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern die gewaltsamen Konflikte zwischen 1904 und 1908 eine Zäsur in der deutschen Kolonialpraxis darstellten und in welchem Maße sich die Herrschaftsstrukturen und die ideologische Behandlung der Afrikaner dadurch veränderten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer historischen Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung von Fachliteratur und zeitgenössischen Quellen basiert, um die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen in den Kolonien und der Parteipolitik im Deutschen Kaiserreich aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Kolonialpolitik vor 1904, den detaillierten Verlauf und die Auswirkungen der Kriege, die Analyse der parteipolitischen Umbrüche durch die Hottentottenwahlen sowie die Untersuchung der repressiven Nachkriegspolitik anhand von Verordnungen und persönlichen Zeugnissen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Kolonialpolitik, Zwangsarbeit, Unterdrückung, Völkermord, Herrschaftsstrukturen und die spezifische Situation in Deutsch-Südwestafrika während und nach den Aufständen.
Welche Rolle spielte Theodor Leutwein in der frühen Kolonialpolitik?
Theodor Leutwein verfolgte eine Politik, die zwar auf Machtsicherung und Ausdehnung deutscher Interessen basierte, jedoch primär über Verträge und Bündnisse mit indigenen Akteuren agierte, anstatt auf sofortige und totale Unterdrückung zu setzen.
Wie wirkten sich die „Hottentottenwahlen“ auf die SPD aus?
Die Wahlen führten zu einem Bruch innerhalb der SPD, da prokoloniale Strömungen erstarkten und einige Sozialdemokraten zunehmend von einer antikolonialen Haltung zu einer Akzeptanz der ökonomischen Notwendigkeit von Kolonien wechselten.
- Arbeit zitieren
- Merlin Roß (Autor:in), 2018, Die Kriege gegen Herero und Nama als Zäsur der deutschen Kolonialpolitik in Afrika?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1171479