Als antibürgerliche Literaturavantgardisten im reaktionären Nachkriegsösterreich knüpften die fünf Mitglieder der "Wiener Gruppe" an die kurz vorher noch als entartet verpönten Außenseiter der europäischen Moderne an. Anders als die populären zeitgenössischen Autoren des Landes verstanden sie Sprache nicht mehr als selbstverständlich gegebenes Ausdrucks- und Darstellungsmittel, sondern setzten sich in bewusster Reflektion kritisch mit ihr auseinander. In weit stärkerem Maß als ihre sprachexperimentellen Vorbilder ließen sie sich dabei von den Theorien und Erkenntnissen der sprachkritischen Philosophie beeinflussen. Als philosophische Teildisziplin beschäftigt sich die Sprachkritik, oder auch Sprachskepsis, vor allem mit der Beziehung zwischen Sprache, Wahrnehmung und Wirklichkeit; es ergeben sich vielfältige Berührungspunkte mit der Erkenntniskritik. Im Kontext der Wiener Gruppe sind vorwiegend die sprachkritischen Positionen der Moderne (Nietzsche, Mauthner, Wittgenstein, Whorf) von Bedeutung. Ob und auf welche Weise sie auf das Werk der Gruppe eingewirkt haben, wird in der vorliegenden Arbeit untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Philosophische Positionen der modernen Sprachkritik
2. 1 Friedrich Nietzsche
2. 2 Fritz Mauthner
2. 3 Ludwig Wittgenstein
2. 4 Die Sapir-Whorf-Hypothese
3. Sprachkritische Ansätze im Werk der Wiener Gruppe
3. 1 Hans Carl Artmann
3. 2 Gerhard Rühm und Friedrich Achleitner
3. 3 Konrad Bayer und Oswald Wiener
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss sprachkritischer philosophischer Positionen der Moderne auf das literarische Schaffen der österreichischen „Wiener Gruppe“. Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen den philosophischen Theorien und der experimentellen literarischen Praxis der fünf Gruppenmitglieder herauszuarbeiten, um zu verstehen, wie diese Autoren Sprache als Material kritisch reflektierten und neu konfigurierten.
- Die sprachphilosophischen Grundlagen von Nietzsche, Mauthner, Wittgenstein und der Sapir-Whorf-Hypothese
- Die experimentelle literarische Arbeit und ihre unterschiedlichen künstlerischen Verfahren
- Das Verhältnis zwischen sprachlicher Repräsentation, Wirklichkeit und Bewusstsein
- Die Entwicklung vom konstruktivistischen Sprachspiel hin zur radikalen Sprachskepsis und Sprachlosigkeit
- Die politische Dimension der Sprachkritik bei den Mitgliedern der Wiener Gruppe
Auszug aus dem Buch
2. 1 Friedrich Nietzsche
Als sprachkritischer Philosoph ist Nietzsche vor allem mit der bereits 1873 verfassten, aber erst 1903 posthum erschienenen Schrift Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne in Erscheinung getreten, deren „Kerngedanke prinzipieller sprachlicher Uneigentlichkeit […] eine radikale Skepsis hinsichtlich der Wahrheitsfähigkeit von Sprache überhaupt“ initiiert hat. Nietzsche zufolge legt der Mensch seine Wahrheit selbst fest, indem er „eine gleichmässig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erf[indet]“: die Sprache. In ihrem konventionalisierten Gebrauch offenbaren sich demnach nicht etwa „Erzeugnisse der Erkenntnis“, und ebenso wenig „decken sich die Bezeichnungen und die Dinge“ (878). Vielmehr versteht Nietzsche ein Wort als die „Abbildung eines Nervenreizes in Lauten“ (878) ohne Ursache in der außermenschlichen Wirklichkeit. Für ihn ist folglich die Sprache – wie später auch für de Saussure – eine willkürliche Übertragung: „Das ‚Ding an sich’ […] ist auch dem Sprachbildner ganz unfasslich und ganz und gar nicht erstrebenswerth. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen“ (879). Dabei arbeitet dieser Sprachbildner mit Metaphern, die den ursprünglichen Dingen in keiner Weise entsprechen – der Nervenreiz wird zum Bild, das Bild zum Laut. Schließlich werden die anschaulichen Metaphern sogar in abstrakte Begriffe und Schemata überführt, die in der Wirklichkeit umso weniger eine Entsprechung finden. Sie kategorisieren stattdessen diese Wirklichkeit nach menschlichen Maßstäben und schaffen „Urformen“, die alle individuellen Unterschiede einebnen und in der außersprachlichen Realität nicht existent sein können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und erläutert das literarische Selbstverständnis der Wiener Gruppe sowie ihre bewusste Auseinandersetzung mit der sprachkritischen Philosophie.
2. Philosophische Positionen der modernen Sprachkritik: Hier werden die zentralen sprachphilosophischen Theorien von Nietzsche, Mauthner, Wittgenstein und Sapir/Whorf vorgestellt, die als theoretische Grundlage für die Wiener Gruppe fungierten.
2. 1 Friedrich Nietzsche: Der Abschnitt analysiert Nietzsches Sprachkritik, insbesondere den metaphorischen Charakter von Sprache und die radikale Skepsis gegenüber der Wahrheitsfindung durch sprachliche Begriffe.
2. 2 Fritz Mauthner: Es wird Mauthners radikale Erkenntniskritik beleuchtet, in der Sprache als bloßes soziales Konventionssystem ohne echten Bezug zur Wirklichkeit betrachtet wird.
2. 3 Ludwig Wittgenstein: Dieses Kapitel behandelt Wittgensteins Sprachphilosophie sowohl des Tractatus (Abbildtheorie) als auch der Philosophischen Untersuchungen (Sprachspiele) und deren Wirkung auf die Gruppe.
2. 4 Die Sapir-Whorf-Hypothese: Der Abschnitt erläutert den sprachlichen Determinismus und die Relativität, wonach die Sprache das menschliche Denken und das Weltbild maßgeblich formt.
3. Sprachkritische Ansätze im Werk der Wiener Gruppe: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und untersucht die Anwendung und Transformation der theoretischen Ansätze in den künstlerischen Arbeiten der Gruppenmitglieder.
3. 1 Hans Carl Artmann: Es wird die Sonderrolle Artmanns analysiert, dessen „erweiterte poesie“ und intuitive sprachliche Spiele trotz Berührungspunkten eine eigene ästhetische Dynamik entfalten.
3. 2 Gerhard Rühm und Friedrich Achleitner: Der Fokus liegt auf der analytisch-konstruktivistischen Herangehensweise, die Sprache als formales Material für Laut- und visuelle Poesie nutzt.
3. 3 Konrad Bayer und Oswald Wiener: Das Kapitel widmet sich der radikalen Sprachskepsis und der theoretischen Durchdringung der Sprachproblematik, die bei beiden Autoren zur Verzweiflung an der Sprache führen.
4. Schluss: Diese Zusammenfassung resümiert, dass die Sprachkritik der Gruppe in der totalen Flucht aus der Sprache, im Schweigen oder in der Sprachlosigkeit gipfelt.
Schlüsselwörter
Wiener Gruppe, Sprachkritik, Sprachphilosophie, Friedrich Nietzsche, Fritz Mauthner, Ludwig Wittgenstein, Sapir-Whorf-Hypothese, Literaturavantgarde, Konkrete Poesie, Konstruktivismus, Sprachspiel, Erkenntniskritik, Solipsismus, Sprachmaterial, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Einfluss sprachkritischer philosophischer Konzepte der Moderne auf die Literatur und die theoretischen Ansätze der österreichischen Künstlervereinigung „Wiener Gruppe“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Sprache, Wahrnehmung und Wirklichkeit sowie die kritische Reflexion des Instrumentencharakters von Sprache im Kontext der Nachkriegsavantgarde.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, ob und auf welche Weise moderne sprachphilosophische Theorien die künstlerische Praxis und das Sprachverständnis der Mitglieder der Wiener Gruppe geformt und modifiziert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Einführung in die Sprachphilosophie mit einer detaillierten literaturwissenschaftlichen Analyse der Werke der Gruppenmitglieder, um Parallelen und Unterschiede in der Umsetzung der Sprachkritik aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Werks der einzelnen Gruppenmitglieder: Hans Carl Artmann (intuitive Ästhetik), Gerhard Rühm und Friedrich Achleitner (konstruktivistische Sprachspiele) sowie Konrad Bayer und Oswald Wiener (radikale Sprachskepsis und politischer Aufstand gegen die Sprache).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Wiener Gruppe, Sprachkritik, Sprachspiel, Konstruktivismus, Sprachlosigkeit, Sprachphilosophie und Erkenntniskritik.
Wie unterscheidet sich die Sprachkritik von Artmann von der seiner Kollegen Bayer und Wiener?
Während Artmann seine poetische Sprache als spielerisches ästhetisches Experiment und „erweiterte poesie“ begriff, radikalisierten sich Bayer und Wiener zu einer existentiellen Sprachskepsis, die in der Ablehnung der Sprache als Herrschaftsinstrument und schließlich in der Sprachlosigkeit mündete.
Warum wird der Einfluss von Ludwig Wittgenstein besonders hervorgehoben?
Wittgensteins Werk, insbesondere der Tractatus und die Philosophischen Untersuchungen, bot der Wiener Gruppe entscheidende philosophische Anknüpfungspunkte für ihre eigene theoretische Auseinandersetzung mit der Funktion und den Grenzen der Sprache.
Was ist das „Bio-Adapter“-Konzept von Oswald Wiener?
Es handelt sich um ein dystopisch anmutendes Konzept, das die Überführung des menschlichen Bewusstseins in eine durch Kybernetik geschaffene, virtuelle Welt vorsieht, um sich vollständig von sprachbeherrschten Realitäten zu befreien.
Welche Rolle spielt der Wiener Dialekt im Werk von Artmann?
Der Dialekt diente Artmann als Mittel zur Erschließung unkonventioneller, assoziativer Sprachräume und bot eine größere Unmittelbarkeit als die normierte Hochsprache, was ihm dabei half, den starren Automatismus der Sprachlogik zu umgehen.
- Citation du texte
- Antje Wulff (Auteur), 2008, Positionen der Sprachkritik und ihr Einfluss auf die "Wiener Gruppe", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117227