Diese Arbeit soll diese Motive, unter denen diverse Autoren das Kino in der Zeit von 1909 bis etwa 1920 kritisierten, systematisch herausarbeiten und zueinander in Bezug setzen. Die zeitliche Eingrenzung wurde aus zwei Gründen in dieser Form gewählt. Erstens endet 1909 laut Anton Kaes die vorliterarische Zeit des Kinos und zweitens wurde durch den Übergang zum Langfilm und die somit veränderte Rezeptionsästhetik des Films erstmalig ernsthaft über den Kulturanspruch des Kinos als Solches diskutiert, während dies in vorigen Stufen der Auseinandersetzung mit dem neuen Medium höchstens zweitrangig war.
Die Kapitel zwei und drei werden zunächst eine theoretische Grundlage schaffen, indem im zweiten Kapitel Mediendiskurse sowie zugehörige Phänomene erklärt werden und im dritten Kapitel eine kurze filmhistorische Einordnung dargelegt wird. Im Kontext der Mediendiskurse werden außerdem die Phänomene der Medienangst, der Popularisierung und der Medienkarriere behandelt, wobei Letztere dafür verantwortlich ist, dass die Kino-Debatte heutzutage nicht nur beigelegt ist, sondern Filme zum Stellenwert eines höchsten Kulturgutes aufsteigen konnten.
Die Primärtextanalyse und Rekonstruktion des damaligen Mediendiskurses wird in zwei übergeordneten Kapiteln erfolgen. Kapitel vier ist den Aspekten der Kino-Debatte gewidmet, die man verallgemeinert als soziologisch kategorisieren kann. An dieser Stelle wird auf die Kommerzialisierung des Kinos, die Ästhetik der Großstadt und auf die Unterscheidung zwischen Hoch- und Populärkultur mit der Neigung dazu, letzterem die Legitimität abzusprechen, eingegangen werden. Im darauffolgenden Kapitel werden die ästhetischen Motive der Kino-Debatte dargestellt, wobei vor allem das durch den Übergang zum Langfilm aufgekommene Konkurrenzverhältnis zwischen Kino und Theater im Vordergrund der Analyse stehen wird. In diesem Zusammenhang wird die fehlende Sprache des Stummfilms sowie die damit einhergehende neue Visualität des Films thematisiert und schließlich die zeitgenössischen Versuche hinsichtlich einer autonomen Kinoästhetik, etwa in Form der sogenannten Autorenfilme, gesammelt, bevor die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was sind Mediendiskurse?
2.1 Medienangst
2.2 Medienkarrieren
2.3 Popularisierung
3. Der Film ab 1909 - eine historische Einordnung
4. Soziologische Motive der Kinodebatte
4.1 Die Ästhetik der Großstadt
4.2 Hoch- versus Populärkultur
4.2.1 Die Masse und der Versuch der Abgrenzung
4.2.2 Die Angst vor der Trivialität
4.3 Kunst als technische und profitable Massenware
5. Ästhetische Motive der Kinodebatte
5.1 Der Vergleich mit dem Theater
5.2 Eine neue Bildlichkeit
5.2.1 Ein internationales und demokratisches Medium
5.3 Neue Erzählformen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht systematisch die Motive, unter denen diverse Autoren das Kino im Zeitraum von 1909 bis etwa 1920 kritisierten. Dabei steht die Rekonstruktion des damaligen Mediendiskurses im Vordergrund, um die ambivalente Haltung des Literaturbetriebs gegenüber dem Aufstieg des neuen Mediums Film zu verstehen.
- Kino-Debatte im frühen 20. Jahrhundert (1909–1920)
- Mediendiskurse, Medienangst und Medienkarriere
- Soziologische und ästhetische Motive der Kritik
- Distinktion zwischen Hoch- und Populärkultur
- Konkurrenzverhältnis zwischen Film und Theater
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Die Masse und der Versuch der Abgrenzung
„Das Kino wandte sich an die breite Masse, zunächst vor allem an die großstädtischen Unterschichten“ hält Schweinitz fest und während er die Bezeichnung Masse als neutrale Bezeichnung für eine große Gruppe Menschen wählt, sahen die Autoren in der Kinodebatte die Masse oder Menge größtenteils als etwas Bedrohliches und negativ Behaftetes. Diese negative Konnotation des Massen-Begriffs kann auf die Massenpsychologie von Gustave Le Bon zurückgeführt werden, dessen psychologische Arbeit über die Masse in etwa gleichzeitig mit der ersten Filmvorstellung erschien.
Le Bon erarbeitete seine massenpsychologische Abhandlung zwar nicht in Bezug auf das Kino, aber in den folgenden Jahren sollten seine Definitionen in Bezug auf das Kino angewandt werden, da es als Massenmedium die Masse wie kein Medium vor ihm in das Zentrum der Aufmerksamkeit und Diskussion rückte. Le Bon definiert die Masse im Vergleich zum Individuum als allgemein intellektuell minderwertiger und unfähiger im rationalen Urteilen. In dem Moment, wo sich Individuen zu einer Masse zusammenschließen, legen sie laut Le Bon ihre individuellen Ansichten ab, um sich zu einer kollektiven Massenseele zu bündeln, die als Kollektiv anders urteilt und handelt, als es die Individuen einzeln täten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zeitgenössische Kino-Debatte ein und legt das Ziel fest, die kritischen Motive zwischen 1909 und 1920 systematisch zu analysieren.
2. Was sind Mediendiskurse?: Dieses Kapitel definiert Mediendiskurse als reflexive Kommunikationsprozesse bei Medienumbrüchen und erläutert Phänomene wie Medienangst und Medienkarriere.
3. Der Film ab 1909 - eine historische Einordnung: Hier wird die filmhistorische Zäsur durch den Übergang vom Kurz- zum Langfilm sowie der Begriff des "Cinema of Attractions" dargelegt.
4. Soziologische Motive der Kinodebatte: Das Kapitel analysiert die gesellschaftlichen Reaktionen auf das Kino, insbesondere die Ästhetik der Großstadt und die Distinktion zwischen Hoch- und Populärkultur.
5. Ästhetische Motive der Kinodebatte: Hier werden die ästhetischen Aspekte der Kino-Debatte behandelt, mit Fokus auf den Vergleich mit dem Theater sowie der neuen Bildlichkeit des Stummfilms.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Diskursanalyse zusammen und unterstreicht die ambivalente, jedoch weitgehend von Unsicherheit geprägte Haltung der literarischen Elite.
Schlüsselwörter
Kino-Debatte, Mediendiskurs, Medienangst, Populärkultur, Hochkultur, Distinktion, Stummfilm, Langfilm, Autorenfilm, Kinoreform, Literatur, Soziologie, Ästhetik, Massenpsychologie, Medienkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Debatten und Kritiken, die der Literaturbetrieb in den Jahren 1909 bis 1920 gegenüber dem aufkommenden Medium Film äußerte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die soziologische Einordnung des Kinos, das Spannungsfeld zwischen Hoch- und Populärkultur, die Angst vor Trivialität sowie die ästhetischen Herausforderungen durch die neue visuelle Ausdrucksform des Films.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Motive, Ängste und Argumentationsmuster zu identifizieren, die zur kritischen Ablehnung oder aber zur vorsichtigen Annäherung an das neue Medium Kino führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung, bei der Primärtexte aus der damaligen Zeit (Autoren wie Pfemfert, Friedell, Polgar u.a.) analysiert und theoretisch eingeordnet werden.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine soziologische und eine ästhetische Analyse, in denen Konzepte wie die "Masse", die "Großstadt" und der Konkurrenzkampf zwischen Theater und Film detailliert untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Medienangst, Distinktion, Trivialitätsthese, Autorenfilm und das "Cinema of Attractions".
Warum galt das frühe Kino als "Angstmedium"?
Laut der Arbeit galt es als Angstmedium, weil es als neuartiges technisches Medium die etablierten sozialen und kulturellen Machtverhältnisse sowie das traditionelle Bildungsmonopol der Elite infrage stellte.
Welche Rolle spielte der "Übergang zum Langfilm"?
Dieser Übergang wird als medienhistorische Zäsur betrachtet, da er die Rezeptionsästhetik veränderte und das Kino stärker in die Nähe tradierter, bürgerlicher Kunstformen rückte, was neue Kritik auslöste.
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- Katharina Spreier (Author), 2021, Motive der Kinodebatte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1172380