This surprises me’, waren die ersten Worte des amerikanischen Aussenministers Dean Rusk, als er am 20. August 1968 um 22.15 Uhr Washingtoner Zeit ein hastig einberufenes Treffen des National Security Council (NSC) eröffnete.1 Weniger als zwei Stunden zuvor war Präsident Lyndon B. Johnson vom sowjetischen Botschafter Anatoly F. Dobrynin persönlich über den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei informiert worden2 und hatte daraufhin eiligst eine ausserordentliche Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates einberufen. Während Rusk – und nicht nur er – sich in Washington verwundert die Augen rieb, rollten hinter dem ‚Eisernen Vorhang’ bereits seit mehreren Stunden die Panzer und besetzten in der ‚Operation Donau’ die Tschechoslowakei. Damit fand der Reformprozess, der unter dem Namen ‚Prager Frühling’ in die Geschichte eingegangen ist, durch die militärische Intervention von fünf War-schauer Pakt-Staaten unter der Leitung der Sowjetunion ein abruptes Ende.3 300'000 Soldaten marschierten in Osteuropa, und Washington staunte – eine im Kalten Krieg wohl einzigartige Situation. Präsident Lyndon B. Johnson selbst zeigte sich konsterniert – und gespalten.4 Er verurteilte die Aggression gegenüber der Tschechoslowakei, stellte aber gleichzeitig jene Frage, die im Weissen Haus zu diesem Zeitpunkt am meisten interessierte: ‚Can we talk after this?’ Damit sprach er die Auswirkungen an, welche die Invasion auf die bilateralen Beziehungen zwischen den USA und der UdSSR sowie insbesondere auf das geplante Gipfeltreffen mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Alexej N. Kossygin haben würde. Diese ersten Reaktionen der obersten Entscheidungsträger in Washington und die allgemeine Verwunderung werfen jene Fragen auf, die im Zentrum dieser Untersuchung stehen sollen. Sie strebt eine umfassende Analyse der politischen Strategie an, welche die Administration Johnson gegenüber der Krise in Osteuropa verfolgte. Es geht dabei um folgende Kernfragen: Wie nahm die Administration Johnson die Entwicklungen in der Tschechoslowakei wahr und wie beurteilte sie den Reformprozess hinter dem ‚Eisernen Vorhang’?
Inhaltsverzeichnis
1 DER VIELSCHICHTIGE KONTEXT DER KRISE
1.1 Die Osteuropapolitik der Administration Johnson
1.1.1 Der Weg zur ‚Politik des Brückenbaus’
1.1.2 Die NATO-Krise und Osteuropa
1.2 Der Atomsperrvertrag NPT
1.3 Die Kontrolle des atomaren Rüstungswettlaufs
1.4 Der Weg der Tschechoslowakei zum reformbedürftigen Satelliten
1.5 Die Beziehungen zur Tschechoslowakei vor dem Reformprozess
2 WASHINGTON UND DER ‚PRAGER FRÜHLING’
2.1 Die erste Phase: Januar-Mai 1968 oder ‚Der Frühling’
2.1.1 Der Regierungswechsel zu Dubcek und die ersten Reformen
2.1.2 Die zaghafte erste Reaktion Washingtons
2.1.3 Der Weg zur Politik des ‚low profile’
2.2 Die zweite Phase: Juni-August 1968 oder ‘Der Sommer’
2.2.1 Die Eigendynamik im innern und der Druck von aussen
2.2.2 Die Reformen in der Tschechoslowakei als klassischer Zielkonflikt
2.2.3 Die Eventualplanung für den Fall einer bewaffneten Invasion
2.2.4 Das grosse Fragezeichen: Kommt es zu einer militärischen Intervention?
2.3 Zusammenfassung und Beurteilung
3 DER HÖHEPUNKT DER KRISE
3.1 Die Invasion als gelungene Militäroperation mit politischen Schwachpunkten
3.2 Washington am Abend des 20. August 1968
3.3 Die kurzfristige Antwort der Administration Johnson
3.3.1 Washingtons erste Reaktion gegenüber der Sowjetunion
3.3.2 Die Rolle der USA in der ersten Reaktion der NATO
3.3.3 Washingtons Politik im Rahmen der UNO
3.4 Zusammenfassung und Beurteilung
4 DIE NACHBEBEN DER KRISE UND IHRE FOLGEN
4.1 Die ‚Normalisierung’ und die Folgen der Intervention
4.2 Washingtons Beziehungen zur Tschechoslowakei nach der Invasion
4.3 Die Beziehungen zur Sowjetunion nach dem Höhepunkt der Krise
4.3.1 Der beschwerliche Weg zurück zur Tagesordnung
4.3.2 Das Ende von Johnsons grossen Plänen
4.4 Die Folgen für die Rolle der USA innerhalb der NATO
4.5 Zusammenfassung und Beurteilung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politische Strategie der Johnson-Administration während der Krise in der Tschechoslowakei im Jahr 1968. Ziel ist es zu analysieren, wie die US-Regierung den Reformprozess hinter dem ‚Eisernen Vorhang’ wahrnahm und beurteilte, welche Zielsetzungen ihre Politik verfolgte und wie sie auf die bewaffnete Intervention durch die Staaten des Warschauer Paktes reagierte.
- Die Osteuropapolitik der Administration Johnson und das Konzept des "Bridge Building".
- Die Wahrnehmung des "Prager Frühlings" als Herausforderung zwischen Entspannungspolitik und systemkritischer Distanz.
- Der Einfluss bilateraler Beziehungen zur Sowjetunion (insb. Atomsperrvertrag NPT und SALT) auf das Krisenmanagement.
- Die Rolle der NATO und der Vereinten Nationen in der US-amerikanischen Krisenstrategie.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Invasion als gelungene Militäroperation mit politischen Schwachpunkten
Die Entscheidung des sowjetischen Politbüros, in die Tschechoslowakei einzumarschieren, ist und war Gegenstand einer ganzen Reihe von Untersuchungen. Besonders der scheinbare Widerspruch zwischen den vermeintlichen Kompromissen von Cierná und Bratislava, dem spürbaren Rückgang der Polemik in der sowjetischen Presse in den ersten Augusttagen und der kurz darauf folgenden Invasion rückte die Frage in den Mittelpunkt, was in diesen Tagen hinter den Kremlmauern geschehen war. Noch bevor nach 1989 in Osteuropa und in der Sowjetunion neue Archivmaterialien zugänglich wurden, erarbeiteten Karen Dawisha und Jiri Valenta - basierend auf Interviews, Presseberichten und Dokumenten der US-Aussenpolitik - Theorien zum Entscheidungsprozess im Politbüro. Kam es in diesen Tagen zu einem eigentlichen Machtkampf zwischen ‚Tauben’ und ‚Falken’? Diese Frage vermochten weder diese Standardwerke der letzten Generation, noch die auf neuen Archivmaterialien beruhenden Publikationen von Mark Kramer und Jan Pauer mit Sicherheit zu beantworten.
Der mit Quellen immer noch sehr schlecht belegbare Tenor in diesem zentralen Punkt lautet so, dass es bezüglich der Art und Weise, wie Moskau auf die Reformen in der Tschechoslowakei reagieren sollte, tatsächlich Meinungsverschiedenheiten gab. Gewichtigstes Argument für eine gewisse kollektive Verunsicherung ist vor allem die Tatsache, dass beinahe das vollständige Politbüro der KPdSU zu den Verhandlungen in Cierná anreiste. Offenbar wurde die Angelegenheit als so delikat angesehen, dass die Entscheidung nicht wenigen Vertretern des Gremiums übertragen werden sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 DER VIELSCHICHTIGE KONTEXT DER KRISE: Dieses Kapitel spannt den politischen Hintergrund auf, vor welchem die Administration Johnson die Entwicklungen in Osteuropa und das Verhältnis zur Tschechoslowakei sowie die nukleare Rüstungskontrolle beurteilte.
2 WASHINGTON UND DER ‚PRAGER FRÜHLING’: Hier wird die US-Haltung in der frühen Phase der Reformen bis hin zum ansteigenden äußeren Druck untersucht, wobei die „Low Profile“-Strategie Washingtons im Zentrum steht.
3 DER HÖHEPUNKT DER KRISE: Dieser Abschnitt analysiert das Krisenmanagement im Weißen Haus unmittelbar nach der Invasion und die Suche nach einer angemessenen diplomatischen Reaktion auf bilateraler und multilateraler Ebene.
4 DIE NACHBEBEN DER KRISE UND IHRE FOLGEN: Das abschließende Kapitel beleuchtet die Phase der Normalisierung, die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den Supermächten sowie die langfristigen Folgen für die Rolle der USA innerhalb der NATO.
Schlüsselwörter
Johnson-Administration, Prager Frühling, Tschechoslowakei, Warschauer Pakt, Sowjetunion, Bridge Building, Atomsperrvertrag, NPT, SALT, Containment, Kalter Krieg, NATO, Intervention, Normalisierung, Außenpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die politische Strategie der Administration unter Lyndon B. Johnson in Bezug auf die Krise in der Tschechoslowakei und die militärische Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten im Jahr 1968.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Untersuchung umfasst die allgemeine Osteuropapolitik der USA, das Ringen um nukleare Rüstungskontrolle, die Dynamik innerhalb der transatlantischen Allianz und das diplomatische Handeln während der verschiedenen Eskalationsphasen des Prager Frühlings.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, wie die Administration Johnson die internen Reformen in der Tschechoslowakei wahrnahm, wie sie den Reformprozess beurteilte und welche politischen Strategien sie als Reaktion auf die zunehmende Krise und die spätere Invasion verfolgte.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung von Primärquellen basiert, darunter neu freigegebene Dokumente, Archivmaterialien der Lyndon B. Johnson Library und offizielle Quellensammlungen wie die FRUS-Serie.
Welche Schwerpunkte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch in die Phasen vor, während und nach der Intervention, wobei jeweils zuerst die Entwicklungen in der Tschechoslowakei skizziert und anschließend die Wahrnehmung und Reaktion der US-Entscheidungsträger analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter definieren das Werk?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Johnson-Administration, Bridge Building, Prager Frühling, Atomsperrvertrag (NPT), SALT,Containment sowie das außenpolitische Krisenmanagement im Kontext des Kalten Krieges.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „Bridge Building“ in der Krise?
Der Autor zeigt auf, dass diese Politik ein ambivalentes Instrument darstellte, das zwar Entspannung anstrebte, aber gleichzeitig den Einfluss der Sowjetunion in Osteuropa zu untergraben suchte, was in der Krise zu einem Zielkonflikt führte.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Wirkung von US-Maßnahmen?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Administration Johnson aufgrund ihrer Priorisierung der bilateralen Beziehungen zur Sowjetunion und der eigenen begrenzten Handlungsmöglichkeiten in der Krise nur sehr zurückhaltend agierte, was ein tatsächliches politisches Eingreifen nahezu unmöglich machte.
- Quote paper
- lic. phil. Paul Zähner (Author), 2001, Im Schatten der grossen Fragen - Die Johnson-Administration und die Krise in der Tschechoslowakei 1968, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117270