Das Wunder der Geburt – ein Geschehen, dass alle Frauen weltweit als als ihre eigene, persönliche
Erfahrung teilen. Und doch existieren große Unterschiede.
Archaische Gesellschaften als Vorbild für moderne Kulturformen? Was auf den ersten Blick
paradox klingen mag, erweist sich bei genauerer Betrachtung sogar als Bereicherung.
Die folgende Arbeit erläutert soziale Strukturen und Bedingungen in Bezug auf Kindheit, Sexualität
und vor allem Schwangerschaft und Geburt. Im Kontext soll es zu jeder Zeit vergleichend zu
modernen Gesellschaften zum Denken anregen und Parallelen, sowie Unterschiede erkennen lassen.
Vielerorts und bis heute wurden schon einige Veränderungen unternommen. Hebammen
unterstützen Schwangere bis zur Geburtsphase, selbst in Krankenhäusern werden verschiedene
Geburtspositionen angeboten und auch die Hausgeburt oft bevorzugt. Aber wie gehen die Frauen
nun in „einfacheren“ Gesellschaften miteinander um, welche Rollen spielen die Männer während
der Schwangerschaft und der Geburt? Wie werden junge Frauen darauf vorbereitet und in wieweit
werden die Kinder in das Geschehen eingebunden, mit welcher Funktion? Kann man diese
Beobachtungen gewinnbringend bei uns einsetzen?
Wie innerhalb moderner Gesellschaften, sind auch zwischen den verschiedenen Stämmen in
Neuguinea Unterschiede zu erkennen, aufgrund dessen es notwendig wird, mehrere Gruppierungen
zu einem Vergleich zu ziehen. Hier sollen drei Stämme Neuguineas in den Mittelpunkt rücken:
Wulf Schiefenhövel untersuchte den Stamm der Eipo, Ulrike Pöschl die Trobriander und Margaret
Mead unter anderem den Stamm der Manus auf Papua-Neuguinea. Besonders interessant scheint
bei allen Stammesgruppen die Praxis der Vertikalposition als dominante Geburtshaltung zu sein, die
die Gebärenden bevorzugen, auch wenn sie die Möglichkeit anderer Stellungen haben. Leider
können im Rahmen dieser Arbeit Sachverhalte nur distanziert wiedergegeben werden, wobei
versucht wird, Beobachtungen möglichst zusammenhängend darzustellen. Wie stark die
emotionalen Bindungen tatsächlich wirken und in welchem Maße andere Faktoren Einfluss
nahmen, kann nur nachempfunden werden, wenn man selbst direkt im Geschehen etabliert ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Frau und Geburt bei den Trobriandern
2 Frau und Geburt bei den Eipo
3 Frau und Geburt bei den Manus
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht soziale Strukturen, Bedingungen und religiöse Einflüsse rund um Schwangerschaft und Geburt bei drei verschiedenen Stämmen in Neuguinea. Ziel ist es, diese ethnologischen Beobachtungen in einen Vergleich zu modernen westlichen Gesellschaften zu setzen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Geburtsgeschehen sowie in der Rolle der Frau und des Mannes kritisch zu reflektieren.
- Vergleichende Analyse von Geburtspositionen (Vertikal vs. Horizontal)
- Soziale und emotionale Unterstützungssysteme für Schwangere
- Religiöse Konnotationen und Tabus im Kontext von Schwangerschaft
- Bevölkerungskontrolle und die Praxis des Infantizids als ökonomische Notwendigkeit
- Die Rolle der Geschlechterrollen und deren Wandel in Stammesgesellschaften
Auszug aus dem Buch
1 Frau und Geburt bei den Trobriandern
Ulrike Pöschl nimmt einen Vergleich zwischen den verschiedenen Gebärpositionen bei modernen und „primitiven“ Gesellschaften vor. In westlichen Nationen ist die horizontale Haltung der Gebärenden dominierend und hat sich durch den somit erleichternden Handlungsspielraum des Geburtshelfers durchgesetzt. Da diese jedoch die denkbar ungünstigere Gebärposition ist, werden Schilderungen seitens vieler Soziologen als Vorschlag gehandelt, um das moderne Geburtsgeschehen zugunsten der Gebärenden zu überarbeiten. In der vertikalen Haltung sei ebenfalls eine bessere Atmung der Schwangeren zu beobachten, die dadurch insgesamt eine erhöhte Sauerstoffversorgung von Mutter und Ungeborenem nach sich zöge.
Pöschl beschreibt Beobachtungen bei den Trobriandern, die sie selbst erlebt hat und ihr als Frau, besonders was die Geburtsvorgänge betrifft, ermöglicht wurden. Da dort männliche, fremde Personen, sowie Kleinkinder, Präpupertäre und die Schwägerin der Schwangeren von der Geburt ausgeschlossen sind, ist ein weiblicher Soziologe in diesem Fall klar im Vorteil, wenn auch sie vorerst ihren Fremdheitsstatus mittels Vertrauensaufbau ablegen musste. Wie in modernen Gesellschaften das Krankenhaus oder Frauenhäuser, existieren auch bei den Trobriandern spezielle Geburtshütten, zu denen Schwangere und Helferinnen Zugang haben. Diese Geburtshelferinnen können bereits Mädchen sein, die sich in der Pubertät befinden oder befunden haben, um die erlebte Erfahrung einer Geburt vorbereitend auf ihre eigene spätere Schwangerschaft zu nutzen. Die traditionelle und natürliche Gebärposition stellt die vertikale Haltung dar, die jedoch gerne wechselnde Phasen beinhaltet. Wählt die Schwangere also das Hocken besonders in der Austreibungsphase, unterbricht sie diese mit Stehen, Gehen oder Sitzpausen, um sich zu erholen und geht dann wieder in die Hocke, um aktiv mitzupressen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Geburtskultur ein und stellt das Ziel auf, durch den Vergleich mit indigenen Völkern in Neuguinea neue Perspektiven auf moderne Geburtspraktiken zu gewinnen.
1 Frau und Geburt bei den Trobriandern: Dieses Kapitel behandelt die bevorzugte vertikale Gebärposition bei den Trobriandern und die soziale Unterstützung durch eine Gemeinschaft von Frauen.
2 Frau und Geburt bei den Eipo: Hier wird der Fokus auf die Eipo gelegt, wobei insbesondere religiöse Riten, Geburtenkontrolle und die Auswirkungen von Koitustabus auf die Gesellschaftsstruktur analysiert werden.
3 Frau und Geburt bei den Manus: Das Kapitel beleuchtet die Manus, deren soziale Organisation stark durch religiöse Tabus geprägt ist und in denen die Geburt eng mit dem Übernatürlichen verknüpft wird.
Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und hinterfragt kritisch, ob die zunehmende Medizinalisierung moderner Geburten die kulturellen Wurzeln menschlicher Geburtserfahrungen verdrängt.
Schlüsselwörter
Geburt, Schwangerschaft, Neuguinea, Trobriander, Eipo, Manus, Gebärposition, Infantizid, Sozialstruktur, Tabu, Ethnologie, Soziologie, Stillzeit, Geburtsvorbereitung, Medizinalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht soziale, religiöse und kulturelle Rahmenbedingungen von Schwangerschaft und Geburt bei drei indigenen Gruppen in Neuguinea.
Welche Stämme stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Analysiert werden die Trobriander, der Stamm der Eipo sowie der Stamm der Manus auf Papua-Neuguinea.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das Geburtsgeschehen in archaischen Gesellschaften zu beleuchten, um Unterschiede und Parallelen zu modernen westlichen Ansätzen zu identifizieren und zum Nachdenken über aktuelle Praktiken anzuregen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Der Autor stützt sich auf eine vergleichende Literaturanalyse ethnologischer und soziologischer Beobachtungen, insbesondere der Feldforschungen von Ulrike Pöschl, Wulf Schiefenhövel und Margaret Mead.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil beschreibt detailliert die Gebärpositionen, die Rolle der helfenden Gemeinschaft, religiöse Tabus rund um den Beischlaf sowie die Praxis der Geburtenkontrolle bzw. des Infantizids bei den drei Stämmen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Geburt, Gebärhaltung, Infantizid, Koitustabu, soziale Unterstützung, Stammeskultur und Medizinalisierung.
Warum spielt die vertikale Gebärposition bei allen drei Stämmen eine zentrale Rolle?
Die Arbeit stellt fest, dass alle untersuchten Stämme die vertikale Haltung als natürlich bevorzugen, da sie Vorteile für die Atmung der Mutter sowie für den Geburtsvorgang unter Ausnutzung der Schwerkraft bietet.
Welche Bedeutung hat das Koitustabu bei den Eipo?
Das Koitustabu während der Stillzeit dient als ein wirksames Mittel zur Geburtenkontrolle, da es durch die Verlängerung der Stillabstände die Libido senkt und somit die Geburtenrate minimiert.
Warum wird der Infantizid bei den Eipo als notwendig erachtet?
Aus ökonomischer Sicht wird der Infantizid als Maßnahme zur Populationskontrolle gesehen, um innerhalb begrenzter Ressourcen ein Gleichgewicht (Nullwachstum) zu wahren.
- Quote paper
- Mathias Seeling (Author), 2008, Frau und Geburt in Neuguinea, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117285