Jedem wissenschaftlichem Schreiben geht das Denken voraus. Denken ist subjektiv, und jedem Subjekt ist eine Philosophie zu Eigen. Jedes Schreiben birgt somit die Philosophie des Autors in sich, gleichgültig, ob er sie explizit formuliert, oder sie nur durch die niedergeschriebenen Fakten durchscheint. Diese Arbeit wird die philosophischen Implikationen zweier Ökonomen herausarbeiten, von denen jeder auf seine Weise im Zentrum einer bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen Ideologie stehen.
Der Reiz der Auseinandersetzung der beiden nährt sich vordergründig daraus, dass sie sich familiär sehr nahe stehen. David ist der Sohn von Milton Friedman. Wird Milton Friedman als Wirtschafts- Nobelpreisträger und Berater marktliberaler Regierender schon von linken und sozialistischen Wortführern für vermeintliche Ungerechtigkeiten wirtschaftlicher Entwicklung als Galionsfigur eines menschenverachtenden Kapitalismus verantwortlich gemacht, ist die ökonomische Theorie seines Sohnes – wenn auch nicht annähernd gleich bekannt – noch weit darüber hinaus gehend. Was an dieser Feststellung Ursache und was Wirkung ist, ist nicht klar auszumachen. Denn in den Augen der meisten – Ökonomen oder Intellektuelle – wird schon die oberflächliche Betrachtung der Grundkonzeption des Sohnes zur Ablehnung einer näheren Auseinandersetzung führen. Sie benehmen sich damit allerdings der Beschäftigung mit einer Philosophie, die erst durch ihre Radikalität Konsistenz erlangt. Erst von diesem radikalen Standpunkt aus jedoch kann sie Wirkung auf gegenwärtige Fragen der Wirtschaftsphilosophie ausüben.
Ziel der Arbeit ist die Gegenüberstellung eines konsequenten Liberalismus – der des Vaters, mit einem extremen Liberalismus – dem des Sohnes. Es wird zu erörtern sein, worauf sich die jeweiligen Ansichten gründen. Zunächst muss dazu die Grundlage des väterlichen Denkens erarbeitet werden (Abschnitt 3), um davon ausgehend darstellen zu können, was dem Sohn daran nicht weit genug gehend erscheint (Abschnitt 4).
Beide Autoren sind Ökonomen, d. h. nach ihrem eigenen Selbstverständnis, dass sie ihre Konzeptionen ausdrücklich nicht als Beitrag zur Philosophie verstanden sehen wollen. David Friedman beruft sich beispielsweise im I immer wieder auf den fehlenden moralphilosophischen Anspruch seines Schreibens an Stellen, an denen eben gerade mit philosophischen Ansätzen die Konsistenz der Argumentation zu hinterfragen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Ökonomen und Philosophen - philosophische Implikationen ökonomischer Modelle
2. Thomas Hobbes: wirtschaftliche Entwicklung und der philosophische Freiheitsbegriff seit der Aufklärung
3. Milton Friedman – Freiheit in Zeiten der sozialistischen Alternative
3.1 Kapitalismus und Freiheit
3.2 J.S. Mill und A. Smith – Urväter des Individualismus, des Marktes und der Freiheit
3.3 R. Nozick – Die Suche nach einer Grenze staatlicher Autorität
3.4 Free to Choose
3.5 Isaiah Berlin – Der Begriff der Freiheit im 20. Jahrhundert
3.6 Determinismus – Wie frei sind wir eigentlich?
4. David Friedman – Freiheit konsequent: Anarchismus
4.1 Konzeption des Libertarismus in MF
4.2 J. Locke – Freiheit und Eigentum
4.3 J.C. Lester – Freiheit gleich Minimierung von Zwang
4.4 Murray N. Rothbard – Eine Ethik der Freiheit
4.5 Tyler Cowens Kritik an Friedman – Probleme der Stabilität und Monopolisierung
5. Versuch einer Wertung – Das Zuwenig; das Zuviel; ein „Genug“?
5.1 Das Zuwenig – Der optimistische Ansatz
5.2 Das Zuviel – Der pessimistische Ansatz
5.3 Das Genug – Existiert eine Goldlöckchen-Lösung?
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die philosophischen Implikationen der wirtschaftstheoretischen Konzepte von Milton Friedman und seinem Sohn David Friedman. Ziel ist es, durch eine Gegenüberstellung dieser beiden Ansätze – des klassischen Liberalismus beim Vater und des konsequenten Anarcho-Kapitalismus beim Sohn – zu erörtern, worauf sich ihre jeweiligen Freiheitsverständnisse gründen und welche Konsequenzen diese für die Rolle des Staates haben.
- Philosophische Grundlegung der Freiheitskonzeptionen von Milton und David Friedman.
- Analyse der Rolle staatlicher Institutionen im Kontext von individueller Freiheit und ökonomischer Effizienz.
- Konfrontation der beiden Friedmans mit Vordenkern (Hobbes, Locke, Mill, Smith) und modernen Kritikern (Nozick, Berlin, Rothbard, Cowen, Lester).
- Untersuchung des Spannungsverhältnisses zwischen Freiheit, Gleichheit und staatlichem Zwang.
- Auseinandersetzung mit der Frage nach einem „Genug“ an staatlicher Einmischung anhand der „Goldlöckchen-Problematik“.
Auszug aus dem Buch
3.1 Kapitalismus und Freiheit
In CF widmet sich Friedman dem Zusammenhang zwischen individueller und wirtschaftlicher Freiheit. Die politische Freiheit spielt dabei als Kategorie der individuellen Freiheit eine Rolle. Im Vorwort von 1971 zur ersten deutschen Auflage fasst er die Verknüpfung beider Kategorien zusammen:
Dennoch hat nichts im letzten Jahrzehnt meine Meinung darüber geändert, dass die Bewahrung der individuellen Freiheit das Hauptziel aller sozialen Einrichtungen ist; dass staatliche Eingriffe in die private Sphäre die größte Bedrohung für diese Freiheit sind; dass freie Märkte für Güter und Ideen die entscheidende Vorbedingung für die individuelle Freiheit bleiben. (CF 19)
Staatliche Eingriffe sind somit immer Eingriffe in die individuelle Freiheit. Die Freiheit des Individuums erhält damit einen übergeordneten Status, der zunächst einmal nicht gerechtfertigt werden muss. Vielmehr sind alle Beschränkungen dieses Status zu begründen, ansonsten zu unterlassen. Damit ist Friedman auf einer Linie mit den liberalen Vordenkern seit Hobbes und ganz eng bei den amerikanischen Verfassungsvätern, die eben diesen Grundsatz sogar in die Unabhängigkeitserklärung aufgenommen haben. Marktwirtschaftliche Freiheit erhält die Eigenschaft der „Vorbedingung für individuelle Freiheit“. Sie ist nicht Resultat, sondern Bedingung für diese Freiheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ökonomen und Philosophen - philosophische Implikationen ökonomischer Modelle: Einführung in die philosophische Dimension ökonomischer Theorien und Begründung der Gegenüberstellung von Milton und David Friedmans Ansätzen.
2. Thomas Hobbes: wirtschaftliche Entwicklung und der philosophische Freiheitsbegriff seit der Aufklärung: Darstellung der Grundlagen des modernen Liberalismus bei Hobbes als Ausgangspunkt für die spätere staatstheoretische Diskussion.
3. Milton Friedman – Freiheit in Zeiten der sozialistischen Alternative: Analyse der liberalen Philosophie Milton Friedmans, deren Fokus auf der untrennbaren Verbindung von individueller und wirtschaftlicher Freiheit liegt.
4. David Friedman – Freiheit konsequent: Anarchismus: Untersuchung der radikaleren libertären Position David Friedmans, der die Staatsbedingung durch juristische und ökonomische Argumente auflöst.
5. Versuch einer Wertung – Das Zuwenig; das Zuviel; ein „Genug“?: Synthese und kritische Reflexion der Freiheitsbegriffe im Hinblick auf ein gesellschaftlich notwendiges Maß an staatlichem Handeln.
Schlüsselwörter
Liberalismus, Libertarismus, Anarcho-Kapitalismus, Milton Friedman, David Friedman, Freiheit, Eigentumsrechte, Markt, Staat, Effizienz, Zwang, Individuum, Kapitalismus, Philosophie, Gesellschaftsordnung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophischen Grundlagen und Implikationen des wirtschaftlichen Denkens von Milton Friedman und seinem Sohn David Friedman hinsichtlich ihrer jeweiligen Freiheitskonzeptionen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Zusammenhang von Freiheit und Markt, die Rolle des Staates, das Konzept des Eigentums sowie die Frage nach der Rechtfertigung staatlicher Eingriffe.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Gegenüberstellung eines konsequenten Liberalismus (Vater) mit einem extremen Anarcho-Kapitalismus (Sohn), um deren theoretische Konsistenz und praktische Anwendbarkeit zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Analyse der Schriften beider Autoren, konfrontiert diese mit Ideengebern und Kritikern und zieht empirische Beispiele zur Untermauerung heran.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Philosophie von Thomas Hobbes als Fundament, analysiert die Werke beider Friedmans und diskutiert kritische Einwände von Denkern wie Robert Nozick, Isaiah Berlin und Murray N. Rothbard.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Liberale Gesellschaft, Eigentumsrecht, Marktversagen, Anarcho-Kapitalismus, Staatsbürokratie, negative Freiheit, individuelle Souveränität.
Wie unterscheidet David Friedman seine Sicht von der seines Vaters?
Während Milton Friedman staatliche Institutionen als notwendige, aber zu begrenzende „Schiedsrichter“ akzeptiert, führt David Friedman die logische Konsequenz der Marktfreiheit weiter und lehnt den Staat als Anarchist vollständig ab.
Was bedeutet die „Goldlöckchen-Lösung“ in dieser Arbeit?
Sie steht für die Suche nach dem idealen Maß an staatlichem Handeln, das weder zu intervenierend noch zu Laissez-faire-orientiert sein soll – ein „gerade richtig“ als Antwort auf die Frage nach dem notwendigen Ausmaß an Freiheit.
Welche Rolle spielt das Interview im Anhang?
Das Interview mit David Friedman bietet die exklusive Möglichkeit, direkt auf kritische Punkte seiner Theorie einzugehen und seine aktuelle Stellungnahme zu Widersprüchen in seinen frühen Werken zu erhalten.
- Quote paper
- René Ruschmeier (Author), 2008, Wieviel Freiheit ist "genug"? - Die Auseinandersetzung David vs. Milton Friedman vor dem Hintergrund des philosophischen Freiheitsbegriffs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117419