Rauchgewohnheiten als Ausdruck eines sich wandelnden Zeitgeistes. Analyse von Werbeplakaten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Lizentiatsarbeit, 2007

145 Seiten, Note: Gut bis Sehr Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tabakforschung im kulturhistorischen Rahmen - zur Gegenstandsbestimmung und dem Forschungsstand

3. Tabakkonsum als soziokulturelles Konstrukt: Gesellschaftliche Bewertungsmuster und sozialpsychologische Funktionen
3.1 Man ist was man raucht - vom symbolischen Sinngehalt zu polaren Bewertungsmustern
3.2 Zu den sozialpsychologischen Funktionen: Tabakforschung aus der Makroperspektive
3.2.1 Medizinische Funktion: Ein krebserregendes Heilmittel
3.2.2 Zur (alltags-)rituellen Funktion des Tabaks: Vom Schamanismus zur Zigarette danach
3.2.3 Integrative Funktion: Vom Raucherabteil zur goldenen Tabakdose
3.3 Das mehrdimensionale Betrachtungsmodell als integrativer Ansatz in der kulturhistorischen Tabakforschung

4. Plakatwerbung als Gegenstand der Visual History
4.1 Strukturen einer Bilderflut - zur Quellenorganisation
4.2 Ikonographie und Historik - zur Quelleninterpretetion

5. Nicotiana Helvetica: Rauchformen und kulturelle Praxis in der Schweiz
5.1 Vom Acker an die Uni: Pfeifenraucher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
5.2 Zigarren und Stumpen: Aufstieg & Fall einer Rauchkultur
5.3 Zur Zigarette: Von der exotischen Rauchmode zum Massenkonsumgut

6. Rauchgewohnheiten in der „Übergangszeit“ - von Relikten aus der Belle Epoque zu modernen Konsumformen der Nachkriegsgesellschaft

7. Abbildungsverzeichnis

8. Bibliographie

9. Anhang
9.1 Zur Quellenbearbeitung
9.2 Tabellen
9.3 Ergebnisse aus Tabellen

1. Einleitung

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Zigarette, es war eine Marlboro, ich versuchte sie zu inhalieren und wunderte mich nach dem ersten Zug über das intensive Kratzen im Hals. Trotz der Tatsache, dass ich keinen Genuss verspürte, ja sogar gegen Übelkeit ankämpfen musste, war es nicht meine letzte Zigarette gewesen. Ähnlich erging es vermutlich den ersten Europäern, die gegen Ende des 15. Jahrhunderts auf ihren Entdeckungsreisen das erste Mal mit der Sitte des Tabakrauchens konfrontiert wurden. Es ist deshalb umso erstaunlicher, dass der Tabak sich innerhalb von 300 Jahren rund um den Globus verbreitete und heute das am weitesten verbreitete Genussmittel der Welt darstellt. Obwohl das Rauchen in den westlichen Ländern zumindest leicht abgenommen hat, nimmt der Tabakkonsum weltweit immer noch zu.

In der Schweiz rauchten im Jahr 2002 rund 31 % der über 15 jährigen Bevölkerung; im Vergleich zum europäischen Mittel ist der Anteil der rauchenden Bevölkerung zwar kleiner, dennoch raucht durchschnittlich jeder dritte Schweizer und gefährdet dadurch seine Gesundheit. Obwohl die Raucherquote seit 1997 abnehmend ist, blieb der Tabakkonsum bei Jugendlichen konstant und hat bei jungen Frauen sogar zugenommen.1 Es wäre ziemlich blauäugig, die ausserordentliche Beliebtheit des Tabaks alleine auf seine physikalischen Eigenschaften - respektive auf seine suchtfördernde Wirkung zu reduzieren, es steckt nämlich weit mehr dahinter.

Die Nicotiana, wie der Tabak im Folgenden auch genannt werden soll, ist schon seit geraumer Zeit als ein wichtiges Kulturgut zu verstehen, dessen Eigenheiten nicht nur auf den individuellen Gebrauch beschränkt bleiben sondern in einem breiteren gesellschaftlichen Umfeld betrachtet werden müssen. So ist das Rauchen nicht einfach eine schlechte Angewohnheit, es ist ebenso ein wichtiges Kommunikationsmittel, ein genussvoller Moment oder ein Attribut, das den eigenen Charakter unterstreicht.

Es ist mir durchaus bewusst, dass die eben genannten Eigenschaften nicht mit der aktuellen Gesundheitsdebatte harmonieren. Weiter soll keineswegs versucht werden die Tatsache abzustreiten, dass Rauchen sowie andere Formen des Tabakkonsums gesundheitsschädigend sind, dies wäre ignorant und unangebracht. Dennoch soll uns die medizinische Gesundheitsfrage hier nicht länger beschäftigen, denn dem Grundgedanken dieses

Forschungsbeitrags liegen vielmehr kulturhistorische Erkenntnisinteressen zugrunde, die vom Anliegen getrieben werden, die heute stark medizinisch ausgerichtete Tabakforschung um eine kulturelle Dimension zu bereichern.

Ziel dieser Arbeit ist es, sich der soziokulturellen Bedeutung des Rauchens in der Schweiz im Zeitraum zwischen den Jahren 1900 bis 1950 anzunähern. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist aus der Sicht der historischen Tabakforschung ein ereignisreicher Zeitabschnitt. Während dieser Zeit fand die Zigarette als neue Form des Tabakkonsums Einzug in die Schweiz und sollte fortan die Rauchgewohnheiten entscheidend verändern, ausserdem nahmen sich erstmals diejenigen sozialen Gruppen der Sitte des Rauchens an, die bisher von den Konsumentenkreisen ausgeschlossen wurden.

Im Zentrum des Interesses steht also nicht die Tabakproduktion sondern der Tabakkonsum als eine Ausprägung der zeitgenössischen Alltagskultur. Trotz der primär alltags- bzw. sozialgeschichtlichen Ausrichtung werden ökonomische Aspekte in die Untersuchungen mit einbezogen, da beiden Sphären durch unmittelbare Interdependenzen eng miteinander verbunden sind.

In diesen weiten Themenbereich fallen einerseits Fragen nach der gesellschaftlichen Durchdringung verschiedener Konsumarten, sowie nach soziodemographischen Merkmalen der Konsumenten. Auf die Frage hin, welche Rolle die Nicotiana in der kulturellen Praxis der Bevölkerung spielte, soll der Werdegang der Rauchgewohnheiten mit einem tiefgreifenden sozialen Wandel in Beziehung gesetzt werden.

Unter formalen Gesichtspunkten kann die vorliegende Arbeit in zwei unterschiedliche Teile gegliedert werden. Im ersten Teil gilt es den Forschungsgegenstand soweit wie möglich einzugrenzen sowie methodische Verfahren herzuleiten, mit denen sich das Tabakrauchen als soziokulturelles Konstrukt sinnvoll beschreiben lässt. Bei dieser Fragestellung ist es wichtig sich etwas näher mit den Wirkstoffen der Nicotiana zu befassen, schliesslich sind sie bis zu einem gewissen Grad konstitutiv für ihren kulturellen Gehalt. Fast immer jedoch, wird der Umgang mit einem Genussmittel von sozialen Faktoren entscheidend mitgeprägt, wenn nicht grundlegend durch sie bestimmt. Entsprechend soll im Rahmen dieser Arbeit den variablen gesellschaftlichen Bewertungsmustern in Bezug auf den Tabakkonsum, grosse Beachtung geschenkt werden.

Abschliessend stellt sich die Frage, welche Funktionen der Tabak auf individueller Ebene sowie innerhalb eines komplexen sozialen Systems erfüllte. Eine derartige perspektivische Erweiterung bringt den Vorteil, dass der Forschungsgegenstand mehrdimensionalen Betrachtungen ausgesetzt werden kann, und damit über die Grenzen eines bestimmten historischen Kontextes hinaus als soziokulturelles Konstrukt, welches in enger Beziehung zu allen gesellschaftlichen Sphären steht, betrachtet werden kann.

Im zweiten Teil dieser Arbeit sollen das theoretische Gerüst sowie die darauf basierenden Modellvorstellungen mit empirischen Daten angereichert werden. Dazu ist zu sagen, dass sich der grösste Teil des Quellenmaterials aus Werbemedien zusammensetzt und deshalb einen kritischen Zugang voraussetzt. Da vergangenes Alltagsverhalten aus heutiger Sicht nur mit erheblichen Einschränkungen rekonstruiert werden kann, sind methodische Probleme zu erwarten, besonders dann, wenn sich ein Grossteil der Aussagen auf die Ergebnisse von Bildanalysen beruft, die nur in vereinzelten Fällen von schriftlichen Quellen ergänzt werden können. Ausserdem erschwert die Prozesshaftigkeit sozialer Verhältnisse, deren systematische Greifbarkeit erheblich. Mit der nötigen Vorsicht, bietet sich jedoch in Bilddokumenten eine beinah unerschöpfliche Fülle an Andeutungen über zeitgenössisches Alltagverhalten, das historisch gesehen insofern von grossem Wert ist, wenn sich wie hier im Falle der schweizerischen Rauchgewohnheiten die Frage nach kulturellen Einflüssen auf die allgemeine Konsumentwicklung bzw. Konsumverlagerung aufdrängt.

Diese Arbeit verfolgt nicht den Zweck die bisherige Forschungsliteratur zu revolutionieren, ebenso wenig sollen aktuelle wissenschaftliche Beiträge in Frage gestellt werden. Das bestehende Bild soll um einen verstärkt alltagsgeschichtlichen Blickwinkel ergänzt werden, der trotz gewisser Einschränkungen in manchen Belangen differenziere Darstellungen ermöglicht und einzelne Aspekte anders gewichtet.

2. Tabakforschung im kulturhistorischen Rahmen - zur Gegenstandsbestimmung und dem Forschungsstand

Wenn es um Tabak geht, geht es um die gesamte Welterkenntnis. Am Tabak kristallisiert sich der Brennpunkt der Paradoxien, daran scheiden sich die Geister, daran zerbricht die Moral, dabei geht die Wissenschaft an ihre Grenzen.2

Tabak ist auf der ganzen Welt verbreitet, ferner durchdringt er im grossen Stil den Lebensalltag vieler Menschen. Das und noch vieles mehr macht die Nicotiana zu einem gesellschaftlich relevanten Phänomen und rückt sie deshalb nicht zu unrecht ins Blickfeld der Wissenschaft. Gegenwärtig hat der Diskurs um die Folgen des Tabakkonsums einen neunen Höhepunkt erreicht, vor allem das Rauchen ist nicht nur Inhalt von unzähligen Medienberichten, sondern wird auch im Zusammenhang mit gesundheitspolitischen Fragen regelmässig diskutiert.3 Obwohl ein starker Bezug zur Gegenwart besteht, vermag es im ersten Augenblick vielleicht nicht gänzlich nachvollziehbar, dass man auch in den Geisteswissenschaften ein Interesse für den Tabak entwickelt hat. Schliesslich handelt es sich bei den meisten populären Studien um Beiträge aus dem Bereich der Medizin, die darauf abzielen die Schädlichkeit des Tabakkonsums hervorzuheben. Verwunderlich ist die reduzierte Forschungsperspektive nicht, denn es liegt im Interesse von vielen gesellschaftlichen Gruppen und nicht zuletzt auch des staatlichen Gesundheitswesens den Tabakkonsum so weit wie möglich einzudämmen.

Wenn man sich jedoch in einem historischen Kontext eingehender mit dem Tabak und den verschiedenen Konsumformen auseinandersetzt, fällt auf, dass der Tabak als Forschungsfeld sehr komplex ist und weit mehr bietet als so mancher Mediziner sich wünschen würde. Dieses Potential widerspiegelt sich in der Tatsache, dass der Tabakkonsum bereits von vielen wissenschaftlichen Disziplinen untersucht worden ist.4 Das interdisziplinäre Forschungsinteresse zeigt, dass der Tabak mehr als eine einfache Nutzpflanze ist sondern weit in andere

- die biochemische Ebene verlassende - gesellschaftliche bzw. kulturelle Sphären vordringt.

Als besonders interessant an vielen verschiedenen Zugängen stellt sich dabei die unterschiedliche Bewertung des Tabakkonsums heraus.

Nach eingehendem Studium der jüngeren Literatur zur Tabakforschung lassen sich gewisse Schwerpunkte oder zumindest Tendenzen bezüglich der wichtigsten Teilgebiete festmachen. Als erstes sei hier vorweggenommen, dass Tabakgeschichte vielfach als eine Teildisziplin der allgemeinen Genussmittelforschung untergeordnet ist. Tabak wird hier in einen breiteren Zusammenhang gestellt und steht in einem engen Verhältnis zu anderen Genussmitteln wie Kaffee, Tee und Schokolade, die ernährungswissenschaftlich zusammengehören und sich begrifflich von Nahrungsmitteln, Gewürzen und Rauschmitteln abgrenzen.5 Genussmittel unterscheiden sich von anderen Stoffen, weil sie nicht primär der Ernährung dienen sondern wegen ihres guten Geschmacks konsumiert werden, ausserdem haben sie eine stimulierende Wirkung auf den menschlichen Körper. Allerdings dürfen die Grenzen zwischen den einzelnen Gattungen nicht als allgemein verbindliche Definitionen zu verstehen sein, da sie einem stetigen Wandel unterworfen sind. So zählten anfangs 20. Jahrhunderts Opiate und Haschisch noch zu den Genussmitteln, heutzutage werden sie nach westlichen Vorstellungen als Rauschmittel klassifiziert.6 Am Alkohol zeigt sich eindrucksvoll, dass der Übergang von einem Genussverhalten zu einem Suchtverhalten in manchen Fällen relativ schnell vollzogen und daher fliessend ist. Bei der Nicotiana stellt sich generell die Frage, ob in Bezug auf ihre gesundheitsschädigenden Wirkungen die Bezeichnung Suchtmittel nicht angebrachter wäre, schliesslich setzte die entsprechende gesellschaftliche Umwertung bei weiten Teilen der Bevölkerung spätestens seit den 1970er Jahren ein.

Die Genussmittel zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie den Konsumenten nur selten sättigen; ihre weite Verbreitung lässt deshalb darauf schliessen, dass sie andere psychologische (auf individueller Ebene) sowie soziale (auf gesellschaftlicher Ebene) Funktionen erfüllen und deshalb mit der Zeit einen festen Platz in vielen Kulturen eingenommen haben. Um sich der anfangs gestellten Frage nach der Geschichte des Tabaks annähern zu können muss sie also bis einem gewissen Grad als ein Element der Genussmittelforschung betrachtet werden.

Im Folgenden sollen einige der grundlegenden Themengebiete kurz aufgezeigt werden. Dies soll eine Vorstellung über die Reichweite der Tabakforschung vermitteln und den aktuellen Forschungsstand reflektieren.

Die meisten Genussmittel stammten ursprünglich aus Übersee und fanden vor Jahrhunderten allmählich ihren Weg nach Europa. Es lag seit Anbeginn ihrer europäischen Geschichte im Interesse der Wissenschaft herauszufinden, wie sie in ihren Ursprungsländern verwendet wurden. Zum Tabak wurden beispielsweise von Christian Rätsch sowie Levi Strauss einige sehr gute ethnologisch gefärbte Arbeiten verfasst, die zeigen, dass modernes Rauchverhalten im westlichen Kulturraum nicht mehr viel mit den Rauchgewohnheiten in den Ursprungsländern gemeinsam hat.7 Wie der Tabak im Zusammenhang mit den Entdeckungsfahrten erstmals nach Europa kam und von den Europäern aufgenommen wurde stellt ein weiteres relativ kohärentes Forschungsfeld früher Kulturhistoriker dar.8 Weiter kann der Tabak als wichtiger politscher- und wirtschaftlicher Faktor seit der frühen Neuzeit betrachtet werden, demnach kann Tabakgeschichte auch aus einem ökonomischen Blickwinkel angegangen werden.9

Ein zentrales Thema bildet die Frage, nach der Ausbreitung des Tabaks(-konsums) in Europa. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass besonders bei Fragen welche die Verbreitung betreffen zwischen dem Tabak als Pflanze einerseits und dem Tabakkonsum als kultureller Praxis andererseits unterschieden werden muss.10 Man ist sich ausserdem inzwischen einig, dass gewissen (kriegerischen) Ereignissen wie der europäischen Geschichte eine katalytische Wirkung auf die Verbreitung des Tabakkonsums zugesprochen werden kann.

Eine weitere beliebte Methode sich wissenschaftlich mit dem Genussmittelkonsum auseinander zu setzen, bietet sich in einer Analyse der Genussmittelverbote. Rauchverbote sind keineswegs auf die Moderne zu beschränken, sie kamen während der letzten Jahrhunderte in ganz Europa häufig vor; eine historische „Anti-Tabakforschung“ kann sich also durchaus als ertragreich herausstellen.11

Setzt man die eben beschriebenen Forschungsfelder miteinander in Beziehung, wird ersichtlich, dass sie sich gegenseitig ergänzen und zum Teil auch überdecken. Vom formalen Standpunkt aus handelt es sich bei den meisten Publikationen um Aufsatzsammlungen. Was jedoch noch viel auffallender ist, ist der Umstand, dass die meisten Studien einen kulturhistorischen Zugang gewählt haben.12

In einem engeren Sinne umfasst die Kulturgeschichte Aspekte der Geschichte, die nicht in den Bereich der Wirtschafts-, Politik- respektive der Gesellschaftsgeschichte fallen.13 Eine solche Bezeichnung lässt sich vielfach nicht mit der aktuellen Kulturauffassung nicht in Einklang bringen. Bevor Kulturgeschichte im Sinne einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise näher erörtert wird, ist es deshalb nötig sich mit dem - dieser Perspektive zugrunde liegenden - Kulturbegriff näher auseinander zu setzen. Es wäre nicht sinnvoll sich an dieser Stelle analytisch mit verschiedenen Kulturbegriffen herumzuschlagen um einen eigene Definition von Kultur zu bestimmen, doch soll hier zumindest ansatzweise versucht werden dieses ungemein breit gefächerte Konstrukt begrifflich zu umreissen. In den Geisteswissenschaften sind Definitionen im Allgemeinen alles andere als eine bestehende und unanfechtbare Angelegenheit. Ebenso verhält es sich mit der Definition und den Klassifizierungsversuchen von „Kultur“.14

Man kann sich dem Sinngebilde aus zwei unterschiedlichen - teilweise sogar widersprüchlichen - Positionen annähern. Auf der einen Seite entspricht der klassische normative Kulturbegriff der „Hochkultur“ nach wie vor einem aktuellen Kulturverständnis; demgegenüber steht allerdings der „anthropologische Kulturbegriff“. Hochkultur im weiteren Sinne umfasst neben anspruchsvoller Kunst auch wissenschaftliche Errungenschaften der Menschheit. Gesellschaftsrelevante, von der Kunst losgelöste Bereiche in der Wissenschaft wie Medizin, Politik und Technik liessen sich demnach dieser Kategorie zuordnen.15

Nach dem anthropologischen Kulturverständnis müssen sämtliche lebensphilosophisch relevanten Bereiche (wie Kommunikations-, Alltags-, Ess-, Wohn- und Lebenskultur) der Kultur zugesprochen werden. Solch ein breites lebensweltlich fundiertes Kulturverständnis hat sich nicht nur in der Bevölkerung durchgesetzt, sondern wird in modernen wissenschaftlichen Arbeiten aufgegriffen um (alltags-)kulturelle Phänomene abseits der elitären Hochkultur zu beschreiben. In diesem Sinne ist der anthropologische Kulturbegriff als eine übergeordnete Makrodefinition zu verstehen, die über dem normativen Kulturbegriff steht, diesen aber nicht ausschliesst.

Der Vorteil am breiten Kulturverständnis ist, dass dieses Modell die Zeitdimension und den kulturellen Wandel berücksichtigt. Kultur wird in diesem Zusammenhang nicht als statisches „geistiges Erbe“ der Vergangenheit oder Gegenwart angesehen, sondern als Prozess. Die Prozesshaftigkeit des kulturellen Schaffens und die stete Veränderung unserer Kulturauffassung lassen sich mit dem anthropologischen Kulturbegriff gut zum Ausdruck bringen. Ausserdem lassen sich damit die pluralistischen Werthaltungen der Gesellschaft erfassen, während der normative Kulturbegriff eher auf Gemeinsamkeiten und Integration abzielt. Der anthropologische Kulturbegriff entspricht viel eher dem französischen Begriff der „Civilisation“ und wurde mit Elementen der Ethnologie, Soziologie und Anthropologie angereichert. Wie sein französisches Pendant ist er eher einschliessend als ausschliessend.

Die Auseinandersetzung mit den Polaritäten des Kulturbegriffs zeigt auf, wie schwierig es ist den Begriff „Kultur“ zu erfassen; als ähnlich mühselig stellt es sich heraus, eine über einen Gegenstandsbereich herausreichende Definition von Kulturgeschichte begrifflich festzulegen. So wie der Kulturbegriff ein alles umfassender, die Gesamtheit menschlicher Gewohnheiten und Lebensstrukturen einschliessenden Charakter innewohnt, so umfänglich findet sich die Kulturgeschichte in fast allen Disziplinen der Geisteswissenschaften und den angrenzenden Sozialwissenschaften.16

Während sich erste Prämissen zur Kulturgeschichte bereits Mitte des 19 Jahrhunderts herausbildeten, wird heute die Entwicklung der neuen Kulturgeschichte vor allem im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Sozialgeschichte begründet, die ihren globalen Siegeszug von den 1960er Jahren an begann.17 Ober besser gesagt entstand die moderne Kulturgeschichte gewissermassen aus der Kritik an der strukturell- bzw. funktionalistisch gefärbten Sozialgeschichte. Ihr wurde aus Fachkreisen vorgeworfen, durch ihre objektiven Strukturen, die Motive für das Handeln der Akteure nicht gebührend erklären zu können; ausserdem wurden von der Sozialgeschichte relevante Lebensbereiche wie die Religion vernachlässigt.18

Als Reaktion auf diese Kritik beschlossen Historiker neue Wege zu beschreiten. Hinzu kam, dass sich die Geschichtswissenschaft seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zunehmend zur Volkkultur hinwandte. Dies implizierte eine Entwicklung, die sich im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit als wichtig erweisen soll, nämlich die Alltagsgeschichte. Alltagsphänomene wie Kleidung, Essen, Feste und Freizeitverhalten fanden Einzug in die Geschichtswissenschaften, wo sie in einen grösseren Kontext gestellt wurden und den Historikern halfen neue Erkenntnisse über „mentale kollektive Dispositionen“ sowie „kulturellen Handlungsmöglichkeiten“ einer geographisch- und zeitlich eingegrenzten Periode zu gewinnen.19 Ohne sich länger mit den mannigfaltigen Einflüssen und Anlehnungen an Nachbarwissenshaften zu beschäftigen, sei hier nur gesagt, dass eine wissenschaftliche Ausrichtung auf Volkskultur später in der historischen Anthropologie grosse Bedeutung erlangte und dort die Neubewertung des Kulturbegriffes entscheidend mitgestaltete.20

Jakop Tanner charakterisiert die historische Tabakforschung treffend, als eine Mikrogeschichte der Zigarette, die wiederum als „ein zur Verflüchtigung prädestiniertes“ historisches „Mikroobjekt“ bezeichnet wird.21 Weiter macht er darauf aufmerksam gerade bei solch einem unscheinbaren Gegenstand den Blick auf die übergeordneten kulturelle Umgang mit demselben auszuweiten, denn „wegweisend ist vielmehr die Einsicht, dass sich gerade in der Ausformung und im Gebrauch solcher trivialen Artefakte auch gesellschaftliche Strukturen von << von langer Dauer >> materialisieren.“22

Des Weiteren legitimiert Tanner den kulturwissenschaftlichen Zugang aus dem Bedürfnis heraus den Tabakkonsum über die Sphäre der Produktion zu heben.23 Tabakrauchen muss vielmehr im Sinne einer genussvollen Tätigkeit und als ein durch die Jahrhunderte herangewachsenes soziokulturelles Konstrukt in der europäischen Geschichte angesehen werden.24

Abschliessend stellt sich die Frage, ist eine weitere kulturgeschichtliche Forschungsarbeit zum Tabakkonsum wirklich nötig, oder droht diese in der Flut von anderen Publikationen unterzugehen. Einerseits sollen im Folgenden inhaltliche Eingrenzungen vorgenommen werden, die den Gegenstand auf einen Bereich reduzieren, der von der Forschung noch nicht erschöpfend aufgearbeitet worden ist; ausserdem unterscheidet sich diese Arbeit nicht zuletzt hinsichtlich ihrer Methodik von thematisch verwandter Forschungsliteratur. Überhaupt kann in der schweizerischen Historiographie in Bezug auf kulturgeschichtlich ausgerichtete Forschungsarbeiten über den Tabakkonsum keineswegs von einer Publikationsflut gesprochen werden, höchstens von einem mageren Rinnsaal.

Die Frage nach der Ausbreitung des Tabakkonsums und dessen Einzug ins Alltagsleben der Schweizer Bevölkerung wäre nicht nur aufgrund der Quellenlage ein schwieriges Unterfangen, sondern würde bei sorgfältiger Durchführung den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb beschränkt sich der Untersuchungszeitraum auf die erste Hälfte des 20 Jahrhunderts, wobei die Zwischenkriegszeit am meisten Gewicht erhalten soll. Diese Eingrenzung soll aber nicht zu eng vorgenommen, denn es gibt sowohl kontinuierliche Entwicklungen, die an die Verhältnisse aus dem 19. Jahrhundert anknüpfen, wie auch umgekehrt Prozesse, die sich bereits in den 30er Jahren anbahnten, jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine tragende Bedeutung erlangen sollten.

Weitere Einschränkungen werden hinsichtlich des geographischen Untersuchungsraumes gemacht. So steht vornehmlich die Schweiz im Zentrum des Interesses, wobei es zu beachten gilt, dass internationale Bezüge nicht ausgelassen werden können, zumal die Schweiz schon im 19. Jahrhundert an einen internationalen Rohtabakhandel gebunden war und neuere Rauchgewohnheiten meistens aus dem Ausland kamen. Fremdeinflüsse haben daher die schweizerische Rauchkultur entscheidend mitgeprägt.

Trotz neu aufkommenden Rauchmoden unterschied sich die Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinsichtlich ihrer Raucherstruktur vom Ausland. So erfreuten sich Zigarrenfabrikate bis in die 1940er Jahre hinein einer hohen Beliebtheit, während im umliegenden Ausland die Zigarette seit den 30er Jahren den Markt dominierte. Die folgenden Kapitel sollen sich aber nicht auf eine positivistische Aufzählung einzelner Rauchformen beschränken, vielmehr interessieren die dahinter liegenden sozialen Entwicklungen. Was die Arten von Tabakkonsum angeht, so wird ausschliesslich Rauchformen berücksichtigt, andere Konsumformen finden dagegen kaum Beachtung. Das Auslassen von Tabakkauen bzw. Tabakschnupfen fällt angesichts ihrer im Vergleich zu Rauchfabrikaten geringen Verbreitung nicht schwer ins Gewicht.

Diese Arbeit erhebt nicht den Anspruch den Tabakkonsum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollumfänglich zu beschreiben. Doch selbst wenn viele Themenfelder unangetastet bleiben, fällt diesem Forschungsbeitrag eine wesentliche Bedeutung zu; vor allem dann, wenn es darum geht, die Entwicklungen von einzelnen Rauchgewohnheiten in einem soziokulturellen Kontext darzustellen und mit alltags- bzw. mentalitätsgeschichtlichen Bezügen zu verknüpfen. Ausserdem stellt diese Studie einen Gegenwartsbezug her, indem sie gesellschaftliche Veränderungen aufzeigt, die in Bezug auf den Tabakkonsum richtungweisend für die aktuellen Verhältnisse waren.

Im besten Fall wirft die Arbeit in gewissen Teilbereichen neue Fragen auf und regt zu weiteren Nachforschungen auf diesem Gebiet an. In Anbetracht der grossen Forschungsdefizite wäre dies sicherlich eine erfreuliche Reaktion zumal die Geschichtswissenschaft auch in anderen Bereichen von der Tabakforschung profitieren könnte. Im schlimmsten Fall hebt diese Arbeit die Wichtigkeit von kulturellen Mikroobjekten in einem historischen Zusammenhang hervor und zeigt auf, dass diese vielleicht nicht so vordergründig, wie andere Materialisationen gesellschaftlichen Wandels, aber dennoch charakteristisch für den Lebenstil einer bestimmten Epoche sein können.

3. Tabakkonsum als soziokulturelles Konstrukt: Gesellschaftliche Bewertungsmuster und sozialpsychologische Funktionen

Keines der modernen Genussmittel verfügt über eine ähnlich ambivalente Geschichte wie der Tabak. Von den einen werden seine aphrodisierenden Wirkungen als Brückenschlag zur Welt Götter angesehen, von den anderen verhasst werden Zigaretten mit „Sargnägeln“ gleichgesetzt. Schon rein auf Grund visueller und sensorischer Eigenschaften unterscheidet sich das Rauchen vom Konsum anderer Genussmittel.

In diesem Kapitel soll einerseits der Versuch unternommen werden die polaren gesellschaftlichen Bewertungsmuster hinsichtlich des Tabakkonsums aufzuzeigen. Zu dieser Frage hin, soll der symbolische Sinngehalt aller Formen des Tabakkonsums vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund analysiert werden. Die Symbolik des Rauchens ist deshalb von grosser Bedeutung weil, sie indirekt auf entsprechende Beurteilungshorizonte hindeutet. Weiter ist es wichtig sich mit den sozialpsychologischen Funktionen der Nicotiana näher zu beschäftigen - sprich sich mit der „individuellen und soziokulturellen Funktionalität“ des Tabakkonsums auseinander zu setzen.25

Beide Aspekte sollen helfen das Verständnis für die Ikonographie sowie gesellschaftliche Bedeutung des Tabakkonsums zu sensibilisieren, indem sie kulturellen Prozessen einen begrifflichen Rahmen geben. Ferner bietet sich in einer systematischen Unterscheidung zwischen der Symbolik und den sozialpsychologischen Funktionen eine Möglichkeit methodische Betrachtungsperspektiven festzulegen, die vor allem im empirischen Teil dieser Arbeit zum Zuge kommen, wenn es darum geht von der Ebene der Phänomene ausgehend auf übergeordnete Entwicklungen zu schliessen.

In den folgenden Ausführungen über die gesellschaftlichen Bewertungsmuster und die soziale Funktionalität werden vereinzelte Beispiele aus der allgemeinen Tabakgeschichte zu illustrativen Zwecken herbeigezogen, es darf aber kein chronologischer Abriss der Geschichte des Tabakrauches erwartet werden. Ferner sind bei der Nicotiana die kulturellen Bezüge so facettenreich gestrickt, dass Ausschweifungen notwenig sein werden, die verschiede Welten, unterschiedliche Wertesysteme und diverse wissenschaftliche Disziplinen aufeinanderprallen lassen und daher eine Argumentation auf gleicher Ebene vielfach verunmöglichen. Wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag, als würde man sich unnötigerweise zu weit vom Forschungsgegenstand entfernen, so sei hier darauf hingewiesen, dass eben gerade in der Vielschichtigkeit seiner Deutungsmuster, das Wesen des Tabaks verborgen liegt.

3.1 Man ist was man raucht - vom symbolischen Sinngehalt zu polaren Bewertungsmustern

Es fällt gar nicht so leicht den Prozess des Rauchens zu analysieren und gleichzeitig von seiner Alltäglichkeit einmal abzusehen. Im Grunde genommen gibt es nämlich nichts Unnatürlicheres als Rauch einzuatmen, der in der Lunge brennt und möglicherweise heftige Hustanfälle evoziert. Was bewegt also Millionen von Menschen dazu täglich einer höchst bizarren Gewohnheit nachzugehen, die, wie sich vor nicht allzu langer Zeit herausstellte, auch noch schädlich für ihre Gesundheit ist. Es steht ausser Frage, dass Tabak, je nach Menge und Art des Konsums, eine mehr oder weniger starke aphrodisierende Wirkung hat und ihm daher in vielerlei Hinsicht auch heilende Wirkung zugesprochen werden kann. Es ist angenehm, sich vom permanenten Effekt des Nikotins berieseln zu lassen, es ist entspannend und kann konzentrationsfördernd sein. Dies ist jedoch nicht die einzige Antriebskraft, durch die sich seine immer noch anhaltende Beliebtheit erklären lässt. Einmal mehr sei betont, dass der gesellschaftlichen Bedeutung des Tabakkonsums sollte ebenso viel Gewicht beigemessen werden muss, wie seinem Nutzen für das Individuum. Nicht nur Rauchen, sondern auch andere Konsumformen sprechen eine Zeichensprache, die von der sozialen Umwelt verstanden und vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund gedeutet wird. Hans-Martin Gauger sieht im Rauchen ein „wichtiges Kommunikationsmedium“ das dem Menschen ein bestimmtes „Image“ gibt und der „äusseren Welt etwas über den Menschen mitteilt“.26 Man könnte den Bedeutungsvorrat der „Rauch-Zeichen“ als unerschöpflich bezeichnen, weil er einem steten Wandel unterliegt und sich ständig weiterentwickelt. Was über eine gewisse Zeitspanne von der Gesellschaft als verwerflich betrachtet wird, kann 100 Jahre später als alltägliche Erscheinung bewertet werden.

Rein physikalisch betrachtet unterscheidet sich der Tabakkonsum enorm von andern Genussmitteln. Durch die Verbrennung des Tabaks entsteht Rauch, der teilweise vom Konsumenten selbst absorbiert wird; ein Grossteil diffundiert jedoch in die nähere Umgebung des Rauchers. Thomas Hengartner bezeichnet diese die unmittelbare Umwelt betreffende Komponenten als „sensorischen Demonstrations-Effekt“; darunter versteht er die „sichtbaren Rauchzeichen“ und die „für die Nase spürbaren Umwelt-Emissionen“.27 Diese Eigenschaft des Tabakkonsums ist inzwischen unter dem pejorativ gefärbten Namen „Passivrauchen“ bekannt und zieht schon seit Jahrzehnten einen (politischen) Diskurs nach sich.

Hengartner stimmt Gauger zu, dass der Tabakkonsum stark auf die kommunikativen (und visuellen) Mittel eines Menschen einwirkt. Wie man raucht, womit man raucht, selbst was man raucht, kann unter Umständen entscheidende Informationen über den Charakter der Konsumenten enthalten. In manchen Fällen - wie sich am Beispiel von rauchenden Frauen zeigen wird - kann schon der Umstand, dass man überhaupt raucht, starke Reaktionen hervorrufen. Es soll nun nicht das Ziel sein sich diesen Detailfragen zu widmen; im späteren Verlauf der Arbeit werden exemplarische Rauchaccessoires, sowie die Gestik von Rauchern noch genügend zur Sprache gebracht werden. Es soll hingegen versucht werden sich einigen wichtigen Bedeutungssphären des Tabakkonsums anzunähern und analog dazu sollen mehrere unterschiedliche Bewertungsmuster vorgestellt werden. Systematisch sollen die folgenden Ausführungen einer - nicht immer klar fassbaren - Trennlinie folgen: Während eine Seite den Tabakkonsum mit positiven Sinnbildern in Verbindung brachte, waren andere Parteien stets darum bemüht dem Tabak möglichst viel Übles zuzuschreiben.

Schon kurz nach seiner Verbreitung in Europa im 17. Jahrhundert bemühte sich die Obrigkeit vehement den Tabakkonsum zu verbieten. Neben wirtschaftlichen und praktischen Gründen, wie der mit dem Tabakkonsum einhergehenden Feuergefahr, vermuten Wissenschaftler wie Schivelbusch und Merki, dass zudem „psychosoziale“ Gründe für die restriktive Tabakgesetzgebung der Obrigkeit ausschlaggebend waren.28 Aus heutiger Sicht betrachtet, sind die den Rauchverboten zugrunde liegenden Motive nicht immer nachvollziehbar, sie vermitteln jedoch einen Eindruck über die Bedeutung des Tabakkonsum als Bestandteil einer sozialen Hierarchie, bzw. als Statussymbol. Während ihn die Obrigkeit als prestigeträchtige Extravaganz für sich beanspruchte, wandelte er sich in Bezug auf niedrigere soziale Stände zu einem „subversiven Element des Bürgertums“, das den „moralisierenden, ästhetischen Normen“ der Obrigkeit entgegenstand.29

Andere Tabakgegner in der frühen Neuzeit speisten ihre Argumentation nicht aus Überlegungen, welche die gesellschaftlichen Stände betrafen, sondern leiteten sie aus religiösen Grundsätzen ab. Ein Seefahrer, der aus seinem Abenteuer in der neuen Welt Tabakblätter mitgebracht hatte, wurde von der spanischen Inquisition für das „lasterhafte Tabaktrinken“ verhaftet und zu 10 Jahren Haft verurteilt. Die Begründung der Richter lautete: „Wer Rauch in den Mund nehmen und aus der Nase ausstossen könne, sei ein vom Teufel besessener Zauberer.“30 Weiter wurde der Tabakkonsum vom Christentum mit heidnischen Gebräuchen assoziiert.31 Wer rauchte und schnupfte, galt als Sünder, welcher der Wollust und dem Müssiggang verfallen war.

Dagegen schafften andere Kulturen mit der Bezeichnung „Pflanze der Götter“ einen krassen Kontrast zu der ablehnenden Sichtweise. Tatsächlich spielte Tabak bei den Ursprungsmythen vieler meso- und südamerikanischer Ureinwohner eine zentrale Rolle.32 Einige Stämme sehen in ihm eine Pflanze, die von den Göttern geraucht wird. Aus diesem Grund werden den Göttern Zigarren als Opfergaben dargelegt, davon erhoffen sich die Eingeborenen bei ihnen Gehör zu finden.33 Andere Kulturen gingen noch einen Schritt weiter und sprachen in ihren Entstehungsgeschichten von Tabakgöttern, die den Menschen in verschiedenen Formen erschienen sind und mithalfen die Geschöpfe des Dschungels zu erschaffen. Diese Götter waren entweder gut oder boshaft, doch auf jeden Fall waren sie mächtig und in der Lage Menschen zu töten oder. (z.B. in Tiere) zu verwandeln.34

Mit Ausnahme der christlichen Symbolik ist der Tabakkonsum in westlichen Gesellschaften weniger oft bildlich dargestellt worden, das heisst jedoch nicht, dass er nicht symbolisch aufgeladen war. Laut Ingeborg, die das Rauchen im Zusammenhang einer Arie von Johann Sebastian Bach untersuchte, galt der Tabakkonsum seit den 1730er Jahren in weiten Teilen Mitteleuropas als gesellschaftsfähig und fand in diversen Kunstformen seinen Ausdruck.35 Bach zelebrierte den Tabak in seinen Stücken und verband ihn vor allem mit Müssiggang und Lebensfreude. Ausserdem liess er sich den Tabak bei Reisen auf seine Spesenrechnung setzen, Allihn schliesst daraus, dass Tabak damals zur „Grundausstattung eines Mannes von Welt“ gehörte.36 Seine Stellung in den Kompositionen Bachs repräsentiert laut Ingeborg einen in der Kunst stattfindenden Ausbruch aus den ästhetischen sowie moralischen Normen der barocken Kunst, die mit einem allgemeinen Wandel der moralischen Grundwerte einher ging. Diese Entwicklungen wirkten sich generell auch auf die gesellschaftliche Stellung der übrigen Genussmittel aus. Im Fall des Tabaks führte dies zu unterschiedlichen Ausprägungen bei dessen gesellschaftlicher Beurteilung, die seit dem späten 17 Jahrhundert von „Arbeit, Fleiss“ bis hin zum bereits erwähnten „Müssiggang“ reichte.37

Es gelang nicht allen Genussmitteln sich dem Wandel der Grundwerte anzupassen. Der Tabak findet dank neuer Rauchformen und seiner „Adaptierbarkeit“ an unterschiedliche „soziale Kontexte“ weltweit bis heute immer mehr Anhänger.38 Laut Jakob Tanner repräsentierte der Tabak seit dem späten 19. Jahrhundert das Image eines „modernen, auf die Anforderungen einer leistungsgetrimmten Industriegesellschaft abgestimmten Genussmittels“.39 Darüber hinaus avancierte vor allem die Zigarette zum Ausdruck westlicher Konsumgebräuche.

Dagegen nahm die Akzeptanz des Hanfkonsums ab, bis Marihuana schliesslich am Anfang des 20 Jh. in die Illegalität verdammt wurde. Neben der aktiv betriebenen Prohibitionspolitik gegen Rauchgifte, die von der USA angeführt wurde, sieht Tanner den Rückzug von Cannabis als Genussmittel vor allem im Wandel der Gebrauchsweisen und Konsummuster, sowie in der langsamen Entwicklung „dichotomer Bewertungsmuster“ begründet.40

Die gesellschaftliche Beurteilung des Tabakkonsums verändert sich bis in die heutige Zeit immerwährend. Durch neue Konsumformen und neue Konsumentengruppen fand auch eine Diversifizierung der symbolischen Repräsentation statt. Die folgende Grafik soll keineswegs ein erschöpfendes Bild der mannigfaltigen Symbolik des Tabak(-konsums) liefern, vielmehr unterschiedlichen Bewertungshorizonte veranschaulichen und deren Polarität unterstreichen.

Symbolische Repräsentation des Tabakkonsums auf verschiedenen Beurteilungsebenen

Die Gegensatzpaare „Teufelskraut - Götterpflanze“ sowie „Gift - Allheilmittel“ markieren jeweils die Extrempole in der Darstellung, die anderen Bezeichnungen sind hingegen nicht als graduelle Abschwächungen, sondern lediglich als zur selben Kategorie gehörende Elemente zu verstehen. Eine klare Trennung medizinischer Wirkungen und kultureller Praxis ist nicht immer möglich. Dennoch lässt sich feststellen, dass einige Bewertungsmuster eher mit den physikalischen Eigenschaften des Tabaks in Verbindung stehen, währendem sich andere verstärkt aus dem kulturellen Kontext ergeben. Einzelne Sinnbilder können von unterschiedlichen sozialen Gruppe sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein (Müssiggang), die meisten sind jedoch klar bestimmbar, obwohl sie aus verschiedenen zeitlichen und räumlichen Kontexten stammen.

Unabhängig von den Bewertungsmustern legt eine Auseinandersetzung mit der symbolischen Repräsentation offen, dass der Tabak eindeutig als soziokulturell relevanter Teilaspekt der (europäischen) Geschichte betrachtet werden muss. Auffallend ist wie, je nach sozialem Kontext, die zugeschriebenen Bedeutungen weit auseinander liegen können. Obwohl die Nicotiana sich stets an den Wandel der Grundwerte anpasst und ihre Stellung in der Alltagskultur festigen konnte, wurde sie längst nicht von allen gesellschaftlichen Gruppierungen gutgeheissen und kam aus der Rolle eines Pendelnden zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle, Sünde und Tugend, Traditionen und Innovation, Zivilisation und Archaik, Lebensmittel und Suchtmittel, grundsätzlich zwischen Repräsentation und Funktion nie heraus. Vielleicht entspricht aber genau dieser Umstand dem Charakter des Tabaks als einer Pflanze deren Handhabung immer mit Lebensqualität aber gleichzeitig auch mit Gefahren verbunden war, als einem kulturellen Gut, das bis zu einem gewissen Grad gezwungen ist, seine Legitimation immer wieder neu zu erfinden -respektive dessen Vorzüge sich in kurzer Zeit zu Schwächen wandeln können.

3.2 Zu den sozialpsychologischen Funktionen: Tabakforschung aus der Makroperspektive

Im vorhergehenden Kapitel wurde gezeigt, dass die gesellschaftliche Beurteilung des Tabakkonsums breit gefächert ist und dass sie je nach Epoche bzw. je nach kulturellem Horizont anders ausfällt. Wenn man nun die Nicotiana als Forschungsgegenstand aus einer kulturhistorischen Perspektive betrachtet, bietet sich in einer Analyse der symbolischen Repräsentation eine Möglichkeit zur Annäherung an den Tabakkonsum als alltagskulturellem Phänomen. Es ist jedoch nicht der einzige Weg um seine Bedeutung in der Gesellschaft verständlich zu machen. Ein anderer Zugang besteht darin, sich näher mit seinen sozialpsychologischen Funktionen auseinander zu setzen. Vorangehende Anspielungen auf mögliche kommunikationstechnische Funktionen lassen bereits vermuten, in welche Richtung sich die folgenden Ausführungen bewegen sollen. Es geht hierbei nicht darum, wie der Tabak gesellschaftlich beurteilt wurde, sondern es soll mit Hilfe von Beschreibungen und Systematisierungen individueller und gesellschaftlicher Funktionen der Versuch unternommen werden, der Frage nach den Einflüssen des Tabaks auf allgemeine soziale Prozesse, welche in der Forschungsliteratur immer wieder aufgegriffen, doch nie explizit thematisiert wurde, auf den Grund zu gehen.

Um diesem Vorgehen ein theoretisches Fundament geben zu können, muss an dieser Stelle bewusst von den Methoden der Kulturgeschichte abgesehen werden und der Tabakkonsum als Bestandteil eines komplexen gesellschaftlichen Systems gefasst werden. Wenn auch ein solcher Zugang die Auseinandersetzung mit Detailfragen ausschliesst, so lässt er andererseits generalisierende und relativ abstrakt gehaltene Aussagen über den gesellschaftlichen Umgang mit Genussmitteln zu.

Es ist an dieser Stelle nicht nötig, sich ausführlich mit der (soziologischen) Systemtheorie im Sinne Parsons oder Luhmanns zu beschäftigen, um aufzuzeigen, dass die historische und vor allem die soziologische Tabakforschung für Anleihen aus der Systemtheorie geöffnet sein sollten, und dass diese als Zugang zu einer Metaebene des Diskurses durchaus erkenntnisreich sein könnte. Hengartner hat in seinen „theoretischen Überlegungen zur Volkskunde der Genussmittel“ in Bezug auf eine dem Tabakkonsum immanente Struktur den Begriff Tabakkonsumsystem geprägt. Diese Modellvorstellung, konzeptuell an die strukturalistische Nahrungsmittelforschung angelehnt, setzt voraus, dass der Tabak grundsätzlich als Nahrungsmittel verstanden wird.41 Der Begriff „System“ wird bei Hengartner im Sinne eines strukturalistischen Modells zur Ermittlung des jeweiligen kulturellen Gehalts des Tabakkonsumvorgangs verwendet42 und ist zu vage ausformuliert um hier übernommen zu werden, da kein direkter Bezug zu theoretischen Vorbildern besteht.

Unter einem systemtheoretischen Gesichtspunkt ist der Tabakkonsum Gegenstand des juristischen, des ökonomischen, des politischen - sprich des gesamten sozialen Systems und manifestiert sich jeweils auf unterschiedliche Weise. Setzt man diese Modellvorstellung mit der aktuellen Forschungsliteratur in Verbindung, wird ersichtlich, dass der Tabak schon mehrmals zu einem Politikum wurde und spätestens seit dem 20. Jahrhundert auch in der Schweiz ein relevanter Wirtschaftsfaktor war. Diese Präsenz der Nicotiana in den wichtigsten Teilsystemen legt einmal mehr ihre profunde Durchdringung der Gesellschaft offen, ausserdem widerspiegelt sie die Notwendigkeit Tabakgeschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu untersuchen.

Eigentlich könnte der Tabak als autonomes Objekt in einen grösseren gesellschaftlichen Rahmen gestellt werden. Diese Vorstellung verkehrt gewissermassen das erste Paradigma, das dem Tabak eine Bedeutung innerhalb der einzelnen Teilsysteme zuspricht und stellt ihn selbst in den Mittelpunkt des Interesses. Die Absicht besteht nun nicht darin, den Tabakkonsum als wäre gar nicht möglich, erfüllt der Tabak doch höchstens hinsichtlich der Sphäre der Produktion die Anforderungen um im Sinn Luhmanns als eigenes System zu gelten, wobei auch hierbei verschiedene denkbare Einflüsse aus der Umwelt gewisse Inkonsistenzen mitführen würden. Dennoch soll der Tabak und sein Konsum - losgelöst vom soziologischen Systembegriff - im Folgenden als ein vielschichtiges, multifunktionales Gebilde, als ein sozioökonomisches Konstrukt aufgefasst werden, das den Gesetzmässigkeiten der jeweiligen Teilsysteme unterliegt, von welchen es, ohne sie grundsätzlich zu verändern, bearbeitet wird, und das sich durch den immerwährenden Austausch mit seinen Umwelten definiert.

Tabak als sozio-ökonomisches Konstrukt im gesellschaftlichen System

Der obere Balken stellt ein übergeordnetes Gesellschaftssystem dar, das als gedanklicher Überbau zu verstehen ist, ansonsten wurde nur in Bezug auf die Produktion der Begriff System verwendet. Tatsächlich handelt es sich bei der Tabakproduktion um ein relativ geschlossenes, sich selbst erhaltendes System, das zwar in stetiger Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht, sich im Wesentlichen aber selbst reproduziert.

Politische, ökonomische und rechtliche Bedingungen wurden hier bewusst als Rahmen bezeichnet, um sich methodologisch von den Grundsätzen der soziologischen Systemtheorie zu distanzieren. Es ist jedoch wichtig diese Aspekte mit einzubeziehen, ist ihr Einfluss auf den Tabak doch mehr als offenkundig. Weiter wurde der Konsum in einem offenen kulturellen Rahmen dargestellt, der nicht eindeutig bestimmbar ist. Eine solche Darstellung bezieht sich auf die Unmöglichkeit Kultur systematisch von anderen gesellschaftlichen Teilsystemen ab- respektive einzugrenzen ; es ist vielmehr ein diffuses Konstrukt, das eng mit seinen Umwelten verbunden ist. Es erscheint auf den ersten Blick merkwürdig, dass einerseits die Produktion als geschlossenes Teilsystem bezeichnet wird, gleichzeitig die ökonomische Sphäre eine übergeordnete Einflusssphäre bildet. Die doppelte Nennung zielt darauf ab, den Konsum als kulturhistorisches Themenfeld analytisch von der Produktion abzugrenzen, ohne jedoch die Tatsache abzustreiten, dass auch der kulturelle Gebrauch bis zu einem gewissen Grad von allgemein-ökonomischen, sowie tabak-ökonomischen Faktoren determiniert wird. Der Verbindungspfeil zwischen Produktion und Rezeption verkörpert die gegenseitige Einflussnahme von Angebot und Nachfrage, welche sich beispielsweise in der Werbung kristallisiert. Den vielschichtigen Beziehungen zwischen Produktion und Konsum wird in diesem Modell ein besonders hoher Stellenwert beigemessen, weil sie unter anderem im Zusammenhang der Tabakwerbung und dessen Adressaten einen zentralen Aspekt dieser Arbeit ausmacht.

Diese quasi-systemtheoretische Annäherung dient jedoch dem zentralen Zweck, ein Modell mit genügend hohem Abstraktionsgrad zu schaffen, in das sich die sozialpsychologischen Funktionen sinnvoll einbetten lassen. Denn während die symbolische Repräsentation immer an historisch bestimmbare Kontexte gebunden und somit auch wertenden Charakters ist, entsprechen sozialpsychologischen Funktion eher kontextübergreifenden gesellschaftlichen Strukturen. Sie könnten im weitesten Sinne als Kristallisationslinien sozialer Vorgänge bezeichnet werden. Repräsentation und Funktion sind dabei auf zwei Ebenen unterschiedlicher systematischer Stellung anzusiedeln. Symbolische Repräsentation begründet sich aus der kulturellen Praxis, ist relativ einfach erfassbar und liegt deshalb auf einer primären Ebene der Beobachtung. Dagegen sind soziale Funktionen das Substrat kultureller Praxis, sie ergeben sich erst aus der wissenschaftlichen oder künstlerischen Reflexion bzw. deren Systematisierung und stehen daher in dieser Modellvorstellung als Beobachtungen zweiten Grades über der Repräsentation, die zwar teilweise aus den Funktion ableitbar ist, aber in keinem direktem, gegenseitigen Kausalitätsverhältnis zu ihr steht.43

Die Schwierigkeit besteht darin, grob gezeichnete gedankliche Konstrukte trennscharf voneinander abzugrenzen, denn wie sich im Folgenden herausstellen wird, sind sie vielfach eng miteinander verbunden. Trotz dieser Schwierigkeiten könnten sich vorsichtige Kategorisierungsversuche als fruchtbar herausstellen, dienen sie in erster Linie dazu eine in einem breiten gesellschaftlichen Rahmen angelegte transhistorische Bedeutung des Tabakkonsums zu formulieren, demonstrieren sie aber andererseits auch, wie vielschichtig die Nicotiana in soziale Prozesse verhaftet war und immer noch ist. Die folgenden Ausführungen beschreiben daher wesentliche Eigenschaften eines Genussmittels, das es geschafft hat innerhalb von 400 Jahren die ganze Welt zu erobern und seit langer Zeit schon tief in der menschlichen Kultur verankert ist. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich der Tabakkonsum aufgrund der Gesundheitsdebatte ohne politische Restriktion aus dem Alltag zurückziehen wird, zu wertvoll sind seine (katalytischen) Einflüsse auf soziale Prozesse, zu wichtig ist seine Bedeutung als „alltagsstrukturierendes“ Ritual.44

3.2.1 Medizinische Funktion: Ein krebserregendes Heilmittel

Es gibt mehrere Gründe, die dafür sprechen sich an erster Stelle mit der medizinischen Funktion des Tabakrauchens zu beschäftigen. Erstens lässt sich sein medizinisches Potential nur mithilfe seiner chemischen Eigenschaften erklären, denn nur wenn man sich mit seiner physiologischen Wirkungen auf den menschlichen Organismus auseinandergesetzt hat, kann darauf geschlossen werden, welche Funktionen die Nicotiana in einem schulmedizinischen sowie in einem volksmedizinischen Kontext erfüllte.

Zweitens hängt die medizinische Funktion des Tabaks eng mit ihrer rituellen Funktion zusammen. Das heisst also einmal mehr, dass seine chemischen Eigenschaften bis zu einem gewissen Grad seine soziale Funktionalität bestimmt.

Heute muss auf jeder Packung angegeben werden wie viel Nikotin, Teer und Kohlenmonoxide eine Zigarette beinhaltet. Die genannten Stoffe machen jedoch nur einen Bruchteil aller Substanzen aus, die beim Tabakkonsum auf den menschlichen Körper einwirken. Aus chemischer Sicht ist die Tabakpflanze ein extrem komplexes Gebilde. In natürlicher Form - sprich im Rohzustand - enthält sie über 3000 Wirkstoffe. Beim Rauchvorgang kommen weitere 2000 Wirkstoffe hinzu, die aus den chemischen Reaktionen beim Verbrennungsprozess entstehen.45

Der Tabakrauch selbst enthält eine Reihe krebserregender Stoffe, ausserdem werden Tabakblättern bei der Verarbeitung andere Substanzen (z.B. Armomastoffe wie Vanillin, Menthol) hinzugefügt, die einerseits den krebserregenden Effekt des Tabaks potenzieren, andererseits die suchtfördernde Wirkung des Wirkstoffes Nikotin verstärken.46 Welche Synergieeffekte bei der Zugabe von Zusatzstoffen entstehen, fällt in erster Linie in den Fachbereich der Medizin und soll hier nicht ausführlich behandelt werden. Es ist jedoch für das Verständnis seiner gesellschaftlichen Bedeutung nötig, sich kurz mit den pharmazeutischen Eigenschaften seines wichtigsten Alkaloids, nämlich des Nikotins auseinander zu setzen.47

Nach heutigem Erkenntnisstand lassen sich eine Vielzahl von psychostimulierenden Wirkungen nachweisen, die auf die medizinische Bedeutung des Tabaks hindeuten könnten. Da Nikotin die Blut-Hirn-Schranke überwindet, gelangen Nikotinmoleküle schon sieben Sekunden nach der Einnahme ins Blut. Nach Schmid hat Nikotin „nicht nur psychostimulierende Wirkungen wie Kokain oder Amphetamin, sondern stößt im Gehirn die gesamte Breite der Neuromodulatoren an und wirkt wie der Dirigent in einem Konzert auf viele Instrumente ein". Weiter bestätigt Schmid, dass Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen durch Nikotinaufnahme verbessert werden können, dabei verweist er jedoch darauf, dass diese Effekte jeweils von den individuellen Prädispositionen abhängen.48 Was Nikotin besonders in einem kultur-anthropologischen Zusammenhang sehr interessant macht, ist dessen Einfluss auf das dopaminergen Belohnungssystem, das als eine „entwicklungsgeschichtlich entscheidende Struktur“ bezeichnet wird. Einerseits muss man als Historiker bei solchen Aussagen vorsichtig sein und die meist leicht reduziertere Geschichtsauffassung der Mediziner berücksichtigen, andererseits bezeugt dieser Umstand, dass sich der Mensch beim Rauchen ähnlich belohnt, wie bei der Ausführung „existentieller Handlungen“ (Essen, Trinken, Sexualität).49 Aus dieser Erkenntnis sollen keine voreiligen Schlüsse gezogen werden, dennoch kann sich diese Eigenschaft des Nikotins förderlich auf die Ausbreitung des Tabakkonsums ausgewirkt haben.

Nikotin erhielt seinen Namen nach dem französischen Lexikographen Jean Nicot, der als französischer Gesandter am Hof in Lissabon die Pflanze in seinen Gärten kultivierte.50 Er schickte in den Jahren 1559-1560 Samenproben zusammen mit ausführlichen Berichten nach Paris. Dabei deklarierte er den Tabak nicht nur zur Gartenzierpflanze, sondern auch zu einem wichtigen Heilmittel.51 Katharina von Medici pflegte die schweren Migräneanfälle ihres Sohnes - des späteren Königs Karl IX - mit Tabakstaub zu behandeln. Nicot selbst wandte Tabak gegen „Flechten, Krätze und gegen andere Hautkrankheiten“ an.52 Nicolas Mondardes war es schliesslich, der die damals exotische Pflanze in seinem Kompendium über Pflanzen der neuen Welt zum ersten mal explizit als Heilmittel propagierte.53 Generell hielt die Nicotiana in ihren Anfangsjahren im frühneuzeitlichen Europa die Stellung eines Arzneimittels inne, bevor sie sich in den Augen der Gesellschaft als Genussmittel durchsetzte. Ihren bis heute gültigen Gattungsnamen erhielt sie zu guter letzt vom schwedischen Botaniker Carl von Linné der sie im Jahr 1753 in die „botanische Taxonomie“ neben andere Nachtschattengewächse einreihte.54

Es ist nun nicht so, dass erst die Europäer die heilende Wirkung des Tabaks entdeckt haben; in seinen Ursprungsländern wurde der Tabak schon lange vorher zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Die Ureinwohner Amerikas benutzten den Tabak als Schmerzmittel gegen Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen oder gegen Schmerzen bei Geburten. Weiter diente er als desinfizierendes Pflaster zur Behandlung von offenen Wunden oder als Pestizid gegen Insekten und Schlangen, als Mittel gegen Asthma, Rheumatismus, Fieber, Krämpfe, Magenverstimmungen, Vergiftungen und diverse Hautkrankheiten.55 Dazu ist zu sagen, dass die genannten therapeutischen Anwendung aus einem „komplexen kulturellen und religiösen System“ der Ursprungskulturen entwachsen sind und mit der Vorstellung, dass die Tabakpflanze eine Manifestation des Göttlichen ist, zusammenhängen. Tabak wurde dabei nur selten geraucht, sondern entweder geschnupft oder in flüssiger Form eingenommen.56

Schamanen hoben ihn aus ebendiesen Gründen in den Rang eines Nahrungsmittels für Geist und Körper.

Doch waren sich bereits die Priester alter Mayakulturen darüber im Klaren, dass Nikotin bei zu hoher Dosierung unter Umständen tödlich sein kann. Es sogar einzelne Stämme unter den Ureinwohnern, die den Tabak ausschliesslich als Gift zum Jagen benutzten und selber nie auf die Idee gekommen sind ihn konsumieren.57 Der medizinische Zweck der Nicotiana muss also in einem breiten Rahmen ausgelegt werden, er reicht von einem Heilmittel gegen Asthma bis zu einem tödlichen Gift, der Effekt hängt vom Gebrauch ab.

In Europa ist die spirituelle Bedeutung des Tabaks zwar deutlich zurückgegangen, die Anwendungen blieben jedoch beinahe dieselben. Über die Frage, inwieweit europäische Ärzte sich bei der medizinischen Verwendung auf die Gebräuche aus den Ursprungsländern bezogen, lässt sich nur spekulieren.

Was seine Ausbreitung in Europa betrifft, ist anzunehmen, dass die hungerdämpfenden Eigenschaften des Tabaks nicht unwesentlich daran beteiligt waren.58 Besonders Menschen aus niedrigen Bevölkerungsschichten konsumierten ihn als Aufputschmittel bei harter körperlicher Arbeit.59

Obwohl sich der Tabak in den folgenden Jahrhunderten immer mehr von einer Arznei zu einem Genussmittel wandelte, zählte die Nikotintherapie noch bis ins Ende des 19. Jahrhunderts zu den gängigen Behandlungsmethoden gegen Infektionskrankheiten wie beispielsweise Cholera.60 Dies bestätigt auch Peter Wyss, der dem Tabak eine wichtige Rolle in der Schulmedizin und besonders in der Volksmedizin des jungen 20. Jahrhunderts zuordnet.61

Wie kam es dazu, dass die Nicotiana ab Mitte des 20. Jahrhunderts zumindest in der westlichen Welt ihre medizinische Funktion nahezu gänzlich eingebüsst hatte und nur noch die schädlichen physiologischen Wirkungen betont wurden? Für diese Entwicklung gibt es sicherlich keine monokausalen Erklärungsansätze, dennoch hängt dieser Wandel nicht unwesentlich mit fundamentalen Paradigmenwechsel bezüglich des gesellschaftlichen Gesundheitsverständnisses zusammen. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die meisten Ursachen von Krankheiten und die daraus folgenden Todesfällen infektiöser Art (Grippe, Cholera, Pest). Durch gewaltige Fortschritte in der Schulmedizin im letzten Jahrhundert (Pharmazie) ist es gelungen, Infektionskrankheiten zu einem grossen Teil zu behandeln. Aus heutiger Sicht gelten deshalb - zumindest in den Industrienationen - vor allem chronische Krankheiten als hauptsächliche Ursache für eine krankheitsbedingte Sterblichkeit. Eine solche Verlagerung der Krankheitsursachen implizierte nicht nur eine Schwerpunktverlagerung bei der medizinischen Untersuchung von Krankheitserregern, sondern wirkte sich grundsätzlich auf das in der Gesellschaft vorherrschende Gesundheitsverständnis aus. Chronische Krankheiten wie Krebs beruhen nicht auf einer viralen bzw. bakteriellen Infektion, sie sind vielmehr auf die genetische Veranlagung sowie den langfristigen individuellen Lebenswandel zurückzuführen.62

Es ist kaum verwunderlich, dass der Tabak aufgrund seiner krebsfördernden Wirkstoffe grösstenteils aus dem therapeutischen Repertoire der modernen Medizin verschwunden ist. Obwohl hier kein Beispiel genannt werden kann, ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass einzelne Bestandteile der Nicotiana nach wie vor in der Pharmaindustrie zur Medikamentenherstellung verwendet werden.

Wenn man den Fokus über die Grenzen Europas hinaus ausweitet, ergibt sich ein vollkommen anderes Bild. In der modernen chinesischen Volksmedizin wird der Tabak immer noch zu medizinischen Zwecken eingesetzt, wenn auch in bescheidenerem Masse als noch vor 100 Jahren.63 Dies gilt ebenso für Medizinmänner im Himalaya, Afrika sowie den südostasiatischen Raum.64

Die chemischen Bausteine der Nicotiana sind ebenso zahlreich wie ihre Wirkungen auf den menschlichen Körper. Es liegt auf der Hand, dass sie deshalb je nach Anwendung Beinamen, wie „Wunderkraut“ oder „Gift“ erhalten hat und sich trotz der aktuellen Gesundheitsdebatte nach wie vor in weiten Kreisen als Arznei behaupten konnte. Obwohl sich ihre therapeutische Bedeutung durch die Jahrhunderte immer wieder veränderte, kann nicht abgestritten werden, dass der Tabak seit seiner Entdeckung durch die Ureinwohner in Amerika, unabhängig von den gesellschaftlichen Bewertungsmustern, eine medizinisch-therapeutische Funktion erfüllte und heute noch erfüllt.

3.2.2 Zur (alltags-)rituellen Funktion des Tabaks: Vom Schamanismus zur Zigarette danach

In der Forschungsliteratur ist häufig von der rituellen Funktion des Tabaks die Rede. Gemeint ist damit meistens, dass der Tabak ein fester Bestandteil der religiösen Praxis amerikanischer Ureinwohner war. Demgegenüber wird seiner alltäglichen Nutzung in der modernen Gesellschaft oftmals eine „alltagsrituelle“ Funktion zugeschrieben.65 Während in Bezug auf die okkultisch-religiösen Anwendungen der Indianer die Bezeichnung Ritual Sinn macht, scheint der Begriff „Alltagsritual“ die Bedeutung des Wortes „Ritual“ auf den ersten Blick ein wenig zu überstrapazieren, stehen doch die beiden Begriffe „Alltag“ und „Ritual“ gewissermassen in einer widersprüchlichen Beziehung zueinander. Dennoch lassen sich unter der Definition Alltagsritual eine Reihe von modernen, alltagsstrukturierenden Handlungsmustern subsumieren, die zwar bis zu einem gewissen Grad einen rituellen Charakter aufweisen, mit den traditionellen Ritualkultur der Ureinwohner jedoch nichts zu tun haben. Es hängt sicherlich nicht zuletzt mit den stimulierenden Wirkungen des Nikotins zusammen, dass der Tabak auf dem amerikanischen Kontinent schon lange vor der europäischen Expansion Eingang in die Mythologie vieler einheimischer Stämme gefunden hat und von ihnen zu medizinischen sowie rituellen Zwecken genutzt worden ist. Da Priester oftmals gleichzeitig auch als Medizinmänner fungierten, standen sich medizinische Behandlung und rituelle Tätigkeiten sehr nahe. Rätsch bezeichnet den Tabak als eine „immer wiederkehrende Konstante“ in den entheogenen Ritualen und im Schamanismus.66 Archäologische Fundstücke der Mayakultur weisen häufig Motive von rauchenden Göttern auf. Das wohl bekannteste Abbild ist das Relief von „El Fumador“ in Palenque im heutigen Mexiko.67 Laut Rätsch verband der Tabak Himmel und Hölle und diente den Priestern dazu in andere Welten vorzudringen und in Kontakt mit den Göttern bzw. mit Wesen aus der Unterwelt zu treten.68 Zu diesem Zweck wurden Zeremonien abgehalten, bei denen sich der Priester mithilfe des Tabaks in einen Trancezustand versetzten musste, um anschliessend seine Reise in die andere Welt anzutreten. Eine solche Reise konnte entweder dem Zweck folgen, mit irdischen Seelen Verstorbener zu kommunizieren oder aber es ging darum, böse Dämonen aus dem Körper eines Erkrankten zu vertreiben. Einerseits erinnerte das Ritual an ein orgiastisches Trink- bzw. Rauchgelage, andererseits befanden sich die Priester während ihres Rausches in einem ernsten Kampf gegen dunkle Kräfte. Obwohl das Ritual auf den ersten Blick einer Festlichkeit gleicht, handelte es sich dabei eindeutig um eine zweckorientierte Handlung, der ein Sinn zugrunde lag, der über das Erreichen eines Rauschzustands hinausging. Der Tabak wurde meistens mit anderen psychedelischen Stoffen gemischt, sodass der Rauschzustand nicht einzig und allein auf den Wirkstoff Nikotin zurückzuführen ist, dennoch ist davon auszugehen, dass der Tabak in den Herkunftskulturen einen höheren Nikotingehalt hatte, als die heute kultivierten Tabaksorten und deshalb einen stärkeren Effekt auf den menschlichen Körper hatte.69

Weiter wurde bei den Indianerstämmen Nordamerikas Tabak geraucht, wenn freundlich gesinnte Fremde empfangen wurden. Jeder zog vier mal nacheinander an der Pfeife und blies den Rauch jeweils in eine der vier Himmelsrichtungen aus, dann wurde die Pfeife weitergereicht. Umgekehrt wurde ebenfalls geraucht, wenn in einem rituellen Akt das Kriegsbeil ausgegraben wurde.70

Es ist nun nicht die Absicht, sich ausführlich mit den Ritualpraktiken der alten Mayas oder anderer Ureinwohner Amerikas auseinanderzusetzen; die vorangehenden Ausführungen sollten lediglich veranschaulichen, welch eine zentrale Funktion die Nicotiana in ihrem religiösen und volkskulturellen Vorstellungen erfüllte.

Für den Tabakkonsum in Europa kann eine derart ausgeprägte rituelle Bedeutung nicht hergeleitet werden. Stand der Tabak anfangs als Arznei hoch in der Gunst der höfischen Kreise, wandelte er sich zunehmend - schicht- und klassenübergreifend - zum Genussmittel. Die europäische Bevölkerung pflegte die Nicotiana aus weltlichen Motiven zu konsumieren und nicht aus religiösen, währenddessen verdammte das Christentum besonders das Rauchen als barbarisches Laster. Tatsächlich ist es so, dass in Europa bereits in der Antike - also 1500 Jahre vor der Entdeckung des Tabaks durch die Europäer - geraucht wurde, darauf weisen Funde von römischen Tonpfeifen hin.71 Zwar wurde damals die Pfeife nicht mit Tabak gestopft, sondern mit anderen Kräutern, doch übten damals - noch stärker als heute - Feuer und Rauch eine unglaubliche Faszination auf Menschen aus. In der griechischen Mythologie verkörpert das Feuer ein Geschenk der Götter an die Menschen. Die Pfeife war ein „Attribut des Weisen, Mächtigen oder des Kriegers“.72 Mittelalterliche Mystiker hoben das Feuer in den Rang eines Grundelements und sprachen okkulten Räucherungen mancherlei magische Fähigkeiten zu.73 Während die Christen anfangs zögerten, sich den Gebrauch des Weihrauchs anzueignen, übernahmen sie ihn spätestens im 4. Jahrhundert in ihre eigene Liturgie.74 Laut Stuker steht der Weihrauch seither als „Zeichen der Verehrung, Zeichen der Reinigung und Zeichen des Gebetes“75. Das Rauchfass symbolisiert „Christus den Menschen“, aus dem während seiner Erdenzeit anziehender und aufmunternder Wohlgeruch ausging. Andere sehen im Rauchfass aber auch das menschliche Herz, in dessen Innern die Liebe glüht.76 Aber selbst in der christianisierten Welt gab es seit dem Mittelalter, meist regional beschränkte, Sitten und Gebräuche, die an archaische Naturreligionen erinnern.77 Ob und welche Rituale von diesen Kreisen praktiziert worden sind, lässt sich nur in den wenigsten Fällen rekonstruieren, ferner ist bisher kein auffälliger Hinweis gefunden worden, der darauf hindeutet, dass die Nicotiana Bestandteil dieser Zeremonien war. Die lückenhafte Quellenlage ist jedoch nicht verwunderlich war doch der Klerus daran interessiert, sämtliche Spuren von Hexen, Magiern und nächtlichen Umzügen der Dorfbewohner gänzlich zu zerstören. Heute noch messen Neomystiker dem Feuer und dem Rauch eine elementare Bedeutung zu. Laut dem modernen Okkultisten Franz Bardon stellt das Feuer das wichtigste Element am Anfang des Schöpfungsprozesses dar. Wie alle anderen Elemente besitzt es zwei Seiten, nämliche eine aufbauende, erschaffende und eine zersetzende, zerstörerische. Es ist das aktivste Element, es steht für das Prinzip der Ausbreitung und bildet einen Gegenpol zum Wasser.78 Ferner liegt bei Bardon in der „Symbolik des Räuchergefässes das Geheimnis der Materialisation, bzw. der Verdichtung der gewünschten Kraft und Wesenheit“ verborgen.79 Es mag auf den ersten Blick ein wenig weit her geholt zu sein, sich mit der generellen Bedeutung von Feuer und Rauch zu beschäftigen, hat diese Symbolik doch nur im Entferntesten etwas mit dem Tabakrauchen zu tun. Erscheint in diesem Zusammenhang der Umstand, dass der Tabak von den Europäern nie zu rituellen Zwecken nicht umso unerklärlicher, erfüllte er doch alle physikalischen Voraussetzungen, um auch in Europa als heilige Pflanze aufgenommen zu werden? Warum das Christentum dem Tabakrauchen missbilligend gegenüberstand, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Gründe könnten die narkotisierenden Wirkungen des Nikotins, die sich auf das Benehmen auswirkten, oder aber der Bezug zu alten heidnischen Zeremonien gewesen sein. Vielleicht liesse sich die Verteufelung durch eine allgemeine Ablehnung von exotischen Riten aus Übersee, die das christliche Glaubensystem zu durchdringen drohten, begründen. Spätestens seit den soziokulturellen Revolutionen am Ende der 1960er Jahre hat die Flower-Power Bewegung auf ihre Weise das Rauchritual bis in unsere Breitengrade gebracht. Obwohl diese modernen Rauchrituale viel ihrer Ernsthaftigkeit verloren hat und ihnen meist keine existentiellen Motive zugrunde liegen, kann der Begriff Ritual hier durchaus im Sinn einer spirituellen Zeremonie verstanden werden, welche beispielsweise den Zweck der Weihung einer Person oder eines Objektes verfolgen kann.

Während es in Europa möglicherweise bis ins Ende des 20 Jahrhunderts dauerte, bis der Tabakkonsum im religiösen System einzelner Menschen Einzug gehalten hatte, gehörte er in weiten Teilen Amerikas zur „rituellen Grundaustattung“. Obwohl die Europäer während der Kolonialisierung nebst der Tabakpflanze auch ihre Rauchkultur grossflächig verbreiten konnten, gibt auch heute noch Regionen, in denen die rituelle Funktionalität der Nicotiana ihre kulturelle Bedeutung bestimmt.

Wenn man die religiösen Zusammenhänge des Ritualbegriffs einmal beiseite legt, ergeben sich im Hinblick auf europäische Rauchgewohnheiten eine Vielzahl von alltäglichen Situationen, die zumindest eine rituelle Färbung haben. Dies können individuelle Gewohnheiten sein, wie nach dem Essen oder nach dem Aufstehen zu rauchen. Die Varietät von Momenten in denen zur Zigarette gegriffen wird, ist nahezu unerschöpflich und analog können auch die Konsumptionsmotive breit gefächert sein. Wichtig ist jedenfalls, dass dem Tabakkonsum entweder direkt Zeit gewidmet wird (bewusster Genuss nach dem Essen) oder er belegt die Position eines (unterstützenden) Begleiters in bestimmten Situationen (Stresssituationen, Warten auf den Zug). In beiden Fällen spielt sicherlich die Suchtkomponente eine Rolle, reicht aber als einzige Erklärung nicht aus, da gewohnheitsbedingtes Handeln nicht ausschliesslich durch physische Bedürfnisse gesteuert wird. Eine Zigarette zu rauchen ist weit mehr, als nur eine Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen, es ist ein Phänomen, das sich beispielsweise in Form von „10-Minuten-Pausen“ in die Volkskultur einschlich und regelmässig von der Hochkultur reflektiert wurde; jeder Raucher würde zugeben, dass in solchen Momenten eine Zigarette etwas magisches haben kann. Krogh geht sogar so weit, das Inhalieren von Rauch als „Pulmonalerotik“ zu bezeichnen; obgleich der Begriff etwas überspitzt ist, umschreibt er auf amüsante Art und Weise, wie lustvoll Rauchen sein kann.80

[...]


1 Die Aussagen beziehen sich auf Angaben des Bundesamts für Statistik und sind auf der offiziellen Homepage einsehbar.

2 Christian Rätsch, Schamanenpflanze Tabak, 2 Bde., Solothurn 2002-2003, Bd. 1: Kultur und Geschichte des Tabaks in der Neuen Welt, Solothurn 2002, S. 14

3 Vgl. Marco Evers, Das Ende der Toleranz, in: Der Spiegel Nr. 24, vom 12.06.2007

4 Neben der Medizin finden sich Arbeiten aus dem Bereich der Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Geschichte, Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft, Filmwissenschaften, Philosophie, Religionskunde, Musikwissenschaft, Chemie und Biologie.

5 Annerose Menninger, Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in Europa (16.-19. Jahrhundert), ( Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bd. 102), 2004 Stuttgart, S. 13

6 Vgl. Beispielsweise Carl Hartwich, Die menschlichen Genussmittel. Ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung, Leibzig 1911

7 Vgl. Christian Rätsch, Neue Welt; sowie Claude Lévi-Strauss, Mythologica, 6 Bde., Frankfurt am Main 19621976, Bd. 2: Vom Honig zur Asche, Frankfurt am Main, 1976, sowie Jürg Schneider, Vom Betelblatt zur kretek Zigarette. Überlegungen zum sozialen Gebrauch des Tabaks in Indonesien, in: Thomas Hengartner/ Christoph Maria Merki (Hrsg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, Zürich 1996, S. 151-164

8 Dazu beispielsweise: Egon Caesar Conte Corti, Die trockene Trunkenheit. Ursprung, Kampf und Triumph des Rauchens, Leibzig 1930, sowie Georg Böse, Im blauen Dunst. Eine Kulturgeschichte des Rauchens, Stuttgart 1957

9 Zu den Tabakzöllen und der Tabakbesteuerung: Christoph Maria Merki, Interessen im blauen Dunst. Die Tabaksteuer in der Schweiz, in: Staatsfinanzierung und Sozialkonflikte (Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 12), Zürich 1994

10 Thomas Hengartner, Tabakkonsum und Rauchen. Theoretische Überlegungen zu einer Volkskunde der Genussmittel, in: Thomas Hengartner/Christoph Maria Merki (Hrsg.), Tabakfragen: Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, 1996 Zürich, S. 113-138, hier S. 117

11 Vgl. Hengartner, Thomas/Merki, Christoph Maria, Heilmittel, Genussmittel, Suchtmittel: Veränderungen in Konsum und Bewertung von Tabak in der Schweiz, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Bd. 43, 1993,

S. 375-418, hier S. 378-382

12 Menninger, Genuss im kulturellen Wandel, S.20

13 Ebd.

14 Franz Steinbacher zählte über 300 Definitionen von Kultur, Vgl. Franz Steinbacher, Kultur, Begriff-Theorie, Funktion, Stuttgart 1976 S.17-18

15 Vgl. Kulturbegriff aus dem 19.Jahrhundert, Vgl. Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, 1860

16 Otto Ulbricht, Artikel „Neue Kulturgeschichte, Historische Anthropologie“, in: Richard van Dülmen (Hrsg.), Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt a. M. 2003 (Überarbeitete Fassung), S. 56-83, hier S. 56

17 Vgl. Ebd. 57-58

18 Ebd. S. 60

19 Menninger, Genuss im kulturellen Wandel, S. 21

20 Otto Ulbricht, Neue Kulturgeschichte, S. 62

21 Tanner, Jakob, Rauchzeichen. Zur Geschichte von Tabak und Hanf, in: Thomas Hengartner/Christoph Maria Merki (Hrsg.), Tabakfragen: Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, 1996 Zürich, S. 15-42, hier S. 16

22 Ebd.

23 Tanner, Rauchzeichen, S. 16

24 Hengartner, Thomas/Merki, Christoph Maria, Für eine Geschichte der Genussmittel, in: Thomas Hengartner/Christoph Maria Merki (Hrsg), Genussmittel. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt am Main 2001, S. 926, hier S. 10

25 Hengartner, Tabakkonsum und Rauchen, S. 129

26 Hans-Martin Gauger, In den Rauch geschrieben. Mitteilungen eines, der suchte das Rauchen zu verlernen, Frankfurt am Main 1988, S. 30

27 Tanner, Rauchzeichen, S. 21

28 Hengartner/Merki, Veränderungen in Konsum und Bewertung von Tabak in der Schweiz, S. 379,

29 Allihn Ingeborg, Wie „moralisch“ ist das Toback-Rauchen? „Erbauliche Gedanken“ zu Johann Sebastian Bachs Aria „Sooft ich meine TobacksPfeife“, in: Christoph Wolff (Hrsg.), Über Leben, Kunst und Kunstwerke: Aspekte musikalischer Biographie. Johann Sebastian Bach im Zentrum, Leibzig 1999, S. 194-210, hier S. 203

30 Kurt Mündl, Tabak - Ein Kraut verändert die Welt, S. 14-15

31 Hengartner, Rauchbares, S. 198

32 Vgl Claude Lévi-Strauss, Mythologica, 6 Bde., Frankfurt am Main 1962-1976, Bd. 2: Vom Honig zur Asche, Frankfurt am Main, 1976 S. 13-47

33 Rätsch, Neue Welt, S. 129

34 Lévi-Strauss, Mythologica II, S. 40-43

35 Ingeborg, Wie „moralisch“ ist das Toback-Rauchen?, S. 203

36 Ebd.

37 Ebd., S. 203-204

38 Tanner, Rauchzeichen, S. 38-39

39 Ebd., S. 39-40

40 Ebd., S. 41

soll sie - ohne den Anspruch auf historische oder geographische Stringenz zu erheben - die

41 Hengartner, Tabakkonsum und Rauchen, S. 132

42 Ebd. S. 133

geschlossenes sich selbst erhaltendes System im Sinne Luhmanns zu charakterisieren. Dies

43 Sinnbilder wie beispielsweise „Prestigeobjekt“ können durchaus aus der integrativen Funktion des Tabakkonsums abgeleitet werden, es darf jedoch nicht heissen: Der Tabak ist ein Prestigeobjekt weil er eine integrative Funktion hat.

44 Hengartner, Tabakkonsum und Rauchen, S. 129

45 Goodman, Jordan (Hrsg.), Tobacco in History and Culture: An Encyclopedia, 2 Bde., Detroit 2005, hier, Bd.1, S. 343

46 Ebd. 114

47 Zum Begriff: Alkaloide sind organische natürlich vorkommende Verbindungen bestehend aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und ggf. Sauerstoff.

48 Sämtliche Aussagen stützen sich auf den Vortrag von Professor Lutz Schmidt aus Berlin, der auf der 2. Nikotin-Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Nikotinforschung in Erfurt gehalten wurde. Das Protokoll ist auf dem Internet unter der Seite: http://www.rauchstoppzentrum.ch eingesehen werden. Zur Nikotinaufnahme, vgl. David Krogh, Rauchen. Sucht und Leidenschaft, New York 1991 S. 49-52

49 Ebd.

50 Böse, Im blauen Dunst, S. 30

51 Rätsch, Neue Welt, S. 32

52 Böse, Im blauen Dunst, S. 30

53 Goodman, Tobacco, Bd. 2, S. 610

54 Rätsch, Neue Welt, S. 32-33

55 Goodman, Tobacco, S. 609

56 Vgl. Lévi-Strauss, Mythologica II bzw. Rätsch, Neue Welt

57 Lévi-Strauss, Mythologica II, S. 68

58 Hengartner, Rauchbares, S. 198

59 Tanner, Rauchzeichen, S. 28

60 Goodman, Tobacco, Bd. 2, S. 611f

61 Hengartner/Merki, Veränderungen in Konsum und Bewertung von Tabak in der Schweiz, S. 394-395

62 Goodman, Tobacco, Bd. 1, S. 343

63 Ebd., Bd. 2, S. 611

64 Vgl. Christian Rätsch, Schamanenpflanze Tabak, 2 Bde., Solothurn 2002-2003, Bd. 2: Das Rauchkraut erobert die Alte Welt, Solothurn 2003

65 Hengartner, Tabakfragen, S. 129

66 Rätsch, Neue Welt, S. 24

67 Goodman, Tabacco, Bd. 1, S. 340

68 Rätsch, Neue Welt, S. 105

69 Rätsch, Neue Welt, S. 61

70 A.P. Bastien, Von der Schönheit der Pfeife, 1976 Regensburg, S. k.A.

71 Ebd. S. 3

72 Ebd.

73 Zum Beispiel das Werk „De Occulta Philosophia“ von Agrippa von Nettesheim

74 Jürg Stuker, Zeichen des Wohlgeruchs Christi. Über den liturgischen Gebrauch des Weihrauchs, der Text ist einsehbar auf: „ www.liturgie.ch“ (22.05.2007)

75 Ebd.

76 Ebd.

77 Festlichkeiten wie Teufelsspiele und Charivari waren stets mit Wollust, Chaos, Unsinn und Regelverstoss verbunden, vgl. Otto Driessen, Der Ursprung des Harlekin. Ein kulturgeschichtliches Phänomen, Berlin 1904

78 Franz Bardon, Auf dem Weg zum wahren Adepten, Freiburg 2001 S. 28-29

79 Ebd., Die Praxis der magischen Evokation, Freiburg 1997, S. 30

80 Krogh, Rauchen, S. 41

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
Rauchgewohnheiten als Ausdruck eines sich wandelnden Zeitgeistes. Analyse von Werbeplakaten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Bern
Note
Gut bis Sehr Gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
145
Katalognummer
V117479
ISBN (eBook)
9783668102057
ISBN (Buch)
9783668102064
Dateigröße
5797 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rauchgewohnheiten, Ausdruck, Zeitgeistes
Arbeit zitieren
Jonathan Sejnoha (Autor), 2007, Rauchgewohnheiten als Ausdruck eines sich wandelnden Zeitgeistes. Analyse von Werbeplakaten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117479

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