Wie konnte der Nationalsozialismus die Zustimmung der Massen zu seiner Politik gewinnen und langfristig sichern, welche Mittel und Maßnahmen musste er nach seiner „Machtergreifung” einsetzen, um seine ideologischen Vorstellungen und Paradigmen gegenüber der Gesellschaft durchzusetzen? Inwieweit war er auf systematische Manipulationen der öffentlichen Meinung angewiesen? Oder auf welche Selbstanpassungsmechanismen und Selbstzensurmaßnahmen der Bevölkerung konnte er bauen, um seine politische Linie durchzusetzen?
Die vorliegende Arbeit, die bereits im Jahr 2000 als Magisterarbeit an der Humboldt-Universität in Berlin entstand, versucht diese Fragen anhand eines historischen Vergleiches zu beantworten, indem sie die institutionellen, ökonomischen und inhaltlichen Lenkungsversuche des deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus gegenüber der Tagespresse und dem Radio vergleicht und entsprechend historisch einordnet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Vom typologischen Faschismusvergleich zu einer vergleichenden Faschismusforschung
1.2 Gegenstand des Vergleiches: Die Tagespresse und der Rundfunk
1.3 Einführung in den Forschungsstand
1.4 Vergleichs- und Arbeitshypothesen
2. Die Tagespresse im Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus
2.1 Chaotische Überorganisation der Presselenkung im Nationalsozialismus
2.2 Entwicklungsdiktatorische Presselenkung im italienischen Faschismus
2.3 Vom Vorbild zum konkurrierenden Imitator: Vergleich und Beziehungen
3. Der Rundfunk im Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus
3.1 Der Mythos einer Rundfunkrevolution: Fortgesetzte Zentralisierung und anhaltender Aufstieg des Rundfunks im Nationalsozialismus
3.2 Entwicklungsdiktatorische Instrumentalisierung des Rundfunks im italienischen Faschismus
3.3 Ideologische Rigorosität als Trennlinie zwischen Faschismus und Nationalsozialismus: Vergleich und Beziehungen
4. Ergebnisse und Forschungsdesiderate
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht in einem historischen Vergleich die staatliche Organisation sowie die ideologische und propagandistische Instrumentalisierung von Tagespresse und Rundfunk im deutschen Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus. Das Ziel ist es, die wechselseitigen Impulse, Transformationen und Transferleistungen der diktatorischen Systeme aufzuzeigen und die These einer gemeinsamen ideologischen Prädisposition zu prüfen.
- Vergleichende Analyse von Presselenkung und Rundfunkpolitik in zwei Diktaturen
- Untersuchung der institutionellen, ökonomischen und inhaltlichen Zensurmechanismen
- Beleuchtung der wechselseitigen Beeinflussung und Radikalisierung der Systeme
- Forschungsüberblick über die historische Auseinandersetzung der letzten 50 Jahre
- Bewertung von Massenmedien als Werkzeuge der Konsensbildung und Meinungsmanipulation
Auszug aus dem Buch
Die institutionelle Presselenkung
Die institutionelle Presselenkung im Dritten Reich vollzog sich im Prinzip auf drei Ebenen. Zum ersten auf der Ebene des Staates, zum zweiten auf der Ebene der Partei und zum dritten auf der Ebene des sog. »Berufsstandes«. Die Ebenen selbst waren streng vertikal ausgerichtet, aber nicht strikt voneinander getrennt, sondern im Gegenteil in zentralen Positionen miteinander verwoben. So stand Joseph Goebbels als Reichspropagandaminister, Reichspropagandaleiter der NSDAP und als Präsident der Reichskulturkammer formell allen drei Ebenen vor, wobei er selbst natürlich noch Adolf Hitler als Führer und Reichskanzler unterstellt blieb.
Neben dieser eindeutig hierarchischen Gliederung erwuchsen jedoch vielfältige Kompetenzprobleme, sowohl innerhalb der einzelnen vertikalen Gliederungen als auch zu anderen Ministerien und Organisationen der Partei, was insbesondere ein Ergebnis der Neugründung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (im folgenden kurz: RMVP) gewesen war. Denn das seit dem 13. März 1933 eingerichtete RMVP hatte eine ganze Reihe an Aufgaben von anderen Ministerien und Ämtern geerbt. So ging nicht nur der gesamte Mitarbeiterstab des Preußischen Presseamtes in das neue Ministerium ein, sondern auch die Presseabteilung des Innenministeriums. Darüber hinaus erhielt das Ministerium die Hoheit über all jene Wirtschaftsfragen, die mit den originären Belangen der Propagandatätigkeit zu tun hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Begründung der Relevanz des Faschismusvergleichs und methodischer Rahmen der Untersuchung von Presse und Rundfunk.
2. Die Tagespresse im Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus: Analyse der institutionellen, ökonomischen und inhaltlichen Lenkungsmechanismen sowie der Unterschiede in der Gleichschaltung der Presselandschaft.
3. Der Rundfunk im Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus: Vergleich der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und der nachfolgenden Instrumentalisierung des Rundfunks als Propagandamedium.
4. Ergebnisse und Forschungsdesiderate: Synthese der Vergleichsergebnisse und Aufzeigen von Lücken in der bisherigen Forschung zur propagandistischen Wirkmächtigkeit.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Faschismus, Pressegeschichte, Rundfunkgeschichte, Deutsche Geschichte, Italienische Geschichte, Geschichte des 20. Jahrhunderts, Massenmedien, Propaganda, Zensur, Meinungslenkung, Gleichschaltung, Konsensbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Magisterarbeit vergleicht die Presse- und Rundfunkpolitik des deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus im Hinblick auf deren staatliche Lenkung und propagandistische Nutzung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der institutionellen Organisation, der ökonomischen Kontrolle der Medienhäuser und der inhaltlichen Zensur durch staatliche Anweisungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Regime Massenmedien zur Konsensbildung und Meinungslenkung nutzten und inwieweit eine wechselseitige Beeinflussung der beiden Systeme vorlag.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-vergleichenden Ansatz, der neben politikgeschichtlichen Analysen auch die Ergebnisse aus Publizistik- und Kulturwissenschaften einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Es werden separat die Entwicklungen der Presse und des Rundfunks in beiden Ländern dargestellt und anschließend auf ihre gemeinsamen Strukturen und Unterschiede hin bewertet.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Propaganda, Zensur, Gleichschaltung, "omnipräsente Aufmerksamkeitsdiktatur" und die "Regie des öffentlichen Lebens".
Welche Rolle spielte das "Minculpop" im italienischen Faschismus?
Das Ministero della Cultura Popolare (Minculpop) war das zentrale Instrument zur Steuerung von Presse und Rundfunk, das nach deutschem Vorbild das faschistische Informationsmonopol festigte.
Inwiefern beeinflussten sich die beiden Systeme gegenseitig?
Während der italienische Faschismus anfangs als Vorbild für bestimmte institutionelle Strukturen diente, wandelte sich das Verhältnis später zu einer Imitation deutscher Methoden, überschattet von einem innerfaschistischen Kulturkampf.
- Quote paper
- Björn Hoffmann (Author), 2000, Die Tagespresse und der Rundfunk im Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1174