In dieser Lizentiatsarbeit sollen das Spielen und Konflikte ums Spielen in den Zürcher Richtbüchern von 1446 bis 1475 untersucht werden. Hier scheint mir zuerst einmal eine Definition von Spielkonflikt notwendig. Darunter verstehe ich einen Rechtsfall, zu dem sämtliche Klagen, Gegen- und Nebenklagen sowie Nachgänge gezählt werden, die alle auf die gleiche Streitursache innerhalb einer Spielsituation zurückzuführen sind. Das gilt auch, wenn sich Nichtspieler einschalteten, indem sie zum Beispiel in ein Spiel dreinredeten oder zwischen zwei Parteien schlichten wollten, wodurch erst der eigentliche Rechtsstreit entstand. Natürlich gibt es auch Konflikte, die sich lediglich aus einer Klage oder – wenn eine obrigkeitliche Spielverordnung missachtet wurde – aus einem Nachgang ergaben. Vereinzelt sind in den Zürcher Rechtsfällen auch nur fragmentarische Zeugenaussagen aufgezeichnet. Sofern diese ebenfalls auf einen Streit zwischen Personen oder auf einen Konflikt mit der Obrigkeit hinweisen, werden sie ebenfalls als Spielkonflikt eingestuft.
Die zeitliche Eingrenzung ergibt sich daraus, dass zu dem Zeitpunkt, als ich mit dieser Arbeit begann, die Jahrgänge 1450 bis 1470 der Zürcher Steuer- und Richtbücher sowie Eingewinnerverzeichnisse im Rahmen des Nationalfondprojektes von Herrn Professor Gilomen Soziale Beziehungen im Alltag einer spätmittelalterlichen Stadt – Zürich im 15. Jahrhundert bereits transkribiert und in Form einer Projektdatenbank zur prosopographischen Recherche im Internet aufgeschaltet worden waren. Zwar waren die Jahre 1471-1475 noch nicht in die Datenbank integriert, aber schon transkribiert worden; speziell den Richtbüchern der Jahre 1446-1449 habe ich mich selber angenommen, was schliesslich den oben gewählten Zeitrahmen erklärt.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
1. Einführung
2. Themaeingrenzung und Fragestellung
3. Quellen – methodische Erläuterungen – Aufbau
4. Forschungsstand
B. Spielen und Konflikte ums Spielen in den Zürcher Richtbüchern
5. Regelungen zum Spielen im spätmittelalterlichen Zürich
5.1 Spielverordnungen im Zürcher Richtebrief
5.2 Spielverordnungen in den Zürcher Stadtbüchern
6. Die Spiele in den Zürcher Rats- und Richtbüchern
6.1 Brettspiele
6.1.1 Spil im brett
6.1.2 Schachzabel
6.2 Würfelspiele
6.2.1 Spil/spilen
6.2.2 Würfeln
6.2.3 Im brett schit spilen
6.2.4 Passen
6.2.5 Fünflen
6.3 Kartenspiele
6.3.1 Unbekannte Kartenspiele
6.3.2 Inschlachen/Uff dem kartenspil lupffen
6.3.3 Zuo der nünden karten
6.3.4 Drissgen
6.3.5 Puren
6.3.6 Russen
6.3.7 Buffen
6.3.8 Mit der karten stechen
6.3.9 Zuo der achtenden karten
6.3.10 Sibendlis
6.3.11 Alrunen
6.3.12 Hunderten oder Eins und Hundert
6.3.13 Under faren
6.4 Bewegungsspiele
6.4.1 Kegeln
6.4.2 Schiessen
6.4.3 Steinstossen
6.4.4 Ballspiel
6.5 Diverse und ungeklärte Spiele
6.5.1 Wetten
6.5.2 Lüschlis spilen
6.5.3 Wis und schwartz
7. Die Spielorte
7.1 Zünfte und der Gesellen Trinkstuben
7.2 Wirtshäuser und Gesellschaftsstuben
7.3 Spielorte im Freien
7.4 Privathäuser
7.5 Verschiedene Lokalitäten
7.6 Nicht identifizierte Spielorte
7.7 Spielordnungen auf den Trinkstuben
8. Die Spieler
8.1 Anzahl und Schichtzugehörigkeit
8.2 Berufszugehörigkeit
8.3 Zusammensetzung der Spielrunden
9. Die Spielkonflikte
9.1 Konfliktstoffe
9.2 Die Austragung der Spielkonflikte
9.3 Das Zürcher Ratsgericht im Umgang mit Spiel und Delinquenz
C. Schlusswort
10. Zusammenfassung
11. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Spielens sowie die daraus resultierenden Spielkonflikte im Zürich des ausgehenden Mittelalters anhand der Zürcher Richtbücher im Zeitraum von 1446 bis 1475. Das primäre Ziel ist es, die soziokulturelle Bedeutung des Spiels als Freizeitbeschäftigung zu erfassen, die sozialen Schichten und Spielumgebungen zu identifizieren und die Rolle des Zürcher Ratsgerichts bei der Regulierung von Spieldelikten und Streitigkeiten zu analysieren.
- Analyse obrigkeitlicher Spielverordnungen und Verbote im spätmittelalterlichen Zürich
- Klassifizierung und Funktionsweise der im Zeitraum belegten Brett-, Würfel-, Karten- und Bewegungsspiele
- Untersuchung der sozialen Zusammensetzung von Spielrunden und der Bedeutung von Spielorten (Zünfte, Wirtshäuser, Privathäuser)
- Sozialgeschichtliche Erforschung der Konfliktursachen, des Gewaltpotenzials und der Konfliktkultur bei Spielstreitigkeiten
- Juristische Auswertung des Ratsgerichts im Umgang mit Delinquenz, Bussgerichtsbarkeit und sozialen Normen
Auszug aus dem Buch
1. Einführung
In der Kulturgeschichte hat das Spiel – genauer gesagt: das Regelspiel – seit Jahrtausenden seinen Platz. Die frühesten Zeugnisse dafür begegnen uns als Würfelspiel bereits im alten Indien sowie im alten Ägypten. Darüber hinaus kommt das Würfeln – welche Zahl gerade fällt – einem Losentscheid gleich, was vor Augen führt, dass sich Menschen keineswegs nur vom Verstand, sondern auch vom Zufall leiten lassen – eine Erscheinung, die sich heute noch, zum Beispiel beim Münzen-Werfen oder Strohhalm-Ziehen, beobachten lässt. Nicht umsonst hat der Historiker Johan Huizinga im Titel seines Buches über den spielenden Menschen den vom Verstand geleiteten Homo sapiens durch den Homo ludens ersetzt.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich jedoch auch solche Spiele, wo der Erfolg vom Intellekt bestimmt wird. Prominentestes Beispiel ist das Schachspiel, das im frühen Mittelalter seinen Weg aus Asien nach Europa gefunden hat. Natürlich waren aber auch jene Spiele wie etwa Trictrac – heute als Backgammon geläufig – sehr beliebt, bei welchen beide Komponenten – Glück und Verstand – nötig waren. Besonders die Forschungen über das Mittelalter haben eine rege Spieltätigkeit unter den Menschen in allen Schichten und Ständen nachgewiesen. Spiele, insbesondere Glücksspiele, wo es oft um Geld ging, unterlagen auch unter den Zeitgenossen häufig einer kritischen Bewertung. Viele Prediger bedienten sich ihrer als Beispiele für die Einflüsse des Bösen, da sie oft in Handgreiflichkeiten ausarteten, die Mord und Totschlag zur Folge haben konnten. Deswegen war Glücksspiel auch Obrigkeiten ein Dorn im Auge, aber auch deshalb, weil sie zuweilen Familien vor dem Ruin bewahren mussten, deren Vater das gesamte Hab und Gut verspielt hatte. Übrigens weist die grosse Anzahl an Verordnungen und Verboten zum Spiel, die überliefert sind, darauf hin, dass die Menschen damals einen beträchtlichen Teil ihrer freien Zeit mit Spielen zubrachten.
Zusammenfassung der Kapitel
5. Regelungen zum Spielen im spätmittelalterlichen Zürich: Dieses Kapitel erläutert die rechtlichen Rahmenbedingungen und Verordnungen der Zürcher Obrigkeit, wobei der Fokus auf dem Richtebrief und den Stadtbüchern liegt.
6. Die Spiele in den Zürcher Rats- und Richtbüchern: Hier erfolgt eine detaillierte Auflistung und Analyse der in den Quellen erwähnten Brett-, Würfel-, Karten- und Bewegungsspiele.
7. Die Spielorte: Dieses Kapitel untersucht, wo in Zürich im ausgehenden Mittelalter gespielt wurde, unter besonderer Berücksichtigung der Zunftstuben, Wirtshäuser und Spielorte im Freien.
8. Die Spieler: Die Auswertung befasst sich mit der sozialen Schichtzugehörigkeit, der beruflichen Herkunft und der Zusammensetzung der Spielrunden innerhalb des untersuchten Zeitraums.
9. Die Spielkonflikte: Dieser Abschnitt analysiert die Ursachen für Streitigkeiten bei Spielsituationen, die Konfliktkultur sowie das Vorgehen des Zürcher Ratsgerichts gegen die Delinquenten.
Schlüsselwörter
Spätmittelalter, Zürich, Richtbücher, Glücksspiel, Kartenspiele, Würfelspiele, Delinquenz, Ratsgericht, Spielkonflikte, soziale Schichten, Zunftstuben, Wirtshäuser, Spielverordnungen, Konfliktkultur, Rechtsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Lizentiatsarbeit befasst sich mit dem Spielen und den daraus resultierenden Konflikten im spätmittelalterlichen Zürich zwischen 1446 und 1475, basierend auf der Auswertung von Gerichtsakten und Verordnungen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentral sind die gesetzlichen Regelungen zum Spiel, die Vielfalt der damals bekannten Spiele, die Orte, an denen gespielt wurde, die soziale Struktur der Spieler sowie die Art und Weise, wie Konflikte durch das Zürcher Ratsgericht juristisch behandelt wurden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Untersuchung ist es, die Bedeutung des Spiels im Alltag der spätmittelalterlichen Zürcher Bevölkerung zu verstehen und zu analysieren, welche sozialen und moralischen Absichten die obrigkeitlichen Verordnungen verfolgten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine quellenkritische Analyse der Zürcher Richtbücher und Stadtbücher durch, ergänzt durch einen prosopographischen Vergleich mit Steuerlisten, um die Spieler sozialgeschichtlich einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Spielverordnungen, die Beschreibung der einzelnen Spielarten (Brett-, Würfel-, Karten- und Bewegungsspiele), die Untersuchung der Spielorte (Zünfte, Gasthäuser, Freiraum) sowie die Auswertung der Spielerschaft und Konfliktmuster.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Spätmittelalter, Spielkonflikte, Delinquenz, Zunftkultur, soziale Kontrolle und obrigkeitliche Spielregelungen definieren.
Welche Rolle spielten Frauen in den Spielrunden?
Laut den untersuchten Richtbüchern zwischen 1446 und 1475 taucht keine einzige Frau als Spielerin in den Akten auf, was den männlich dominierten Kontext der überlieferten Delikte verdeutlicht.
Wie reagierte die Obrigkeit auf Spielkonflikte?
Die Obrigkeit dominierte primär durch eine Bussgerichtsbarkeit. Sie versuchte primär, den Stadtfrieden wiederherzustellen, und setzte auf ein normiertes System von Geldbussen, um Täter wieder in die Gemeinschaft einzugliedern, anstatt sie dauerhaft auszugrenzen.
- Quote paper
- lic. phil. I Philipp Caretta (Author), 2001, Spielen und Konflikte ums Spielen in den Zürcher Richtbüchern zwischen 1446 und 1475, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117500