Schon ein Blick in die Tagszeitungen offenbart einen ungemein ausgeprägten Risikofetischismus: über den allseits präsenten Klimawandel, Hollywoodfilme füllende Meteoriteneinschläge oder Atomwaffen als Risiko eines nuklearen Winters, Konjunkturrisiken, das Risiko der Altersarmut durch eine bis 2050 (man beachte: mehr als ein halbes Menschenleben!) prognostizierte demographische „Fehlentwicklung“ und Krise des Rentensystems, Atomreaktorunfälle á la Tschernobyl, das im Festtagsbraten lauernde BSE, H5-N1 alias „Vogelgrippe“, das mit gewisser Wahrscheinlichkeit von Mensch zu Mensch übertragbar ist, das unsichtbare Feinstaubrisiko, mit hoher Wahrscheinlichkeit geplanten Terroranschlägen, bis hin zu dem Ozonloch oder frittierten Kartoffelprodukten, die das Krebsrisiko steigen lassen – „eine Sau nach der anderen wird durchs Dorf getrieben“. Die offensichtliche Bedeutung von Risiken hat jedoch tiefer liegende Ursachen als nur den Hang zu Negativschlagzeilen, dem der Massenjournalismus seit jeher und zunehmend auch die Wissenschaft unterliegen. Den Sendern steht eine Masse an lauschenden Empfängern gegenüber. Risiko als Begriff, „den man heute bei jeder Gelegenheit benutzt“, scheint vielmehr ein Nebenprodukt des beständigen Seinsprozesses unserer Gesellschaft geworden zu sein, die ich als hypochondrisch zu entlarven versuchen werde, und die Veränderungen in einem allseits internalisierten Definitions- und Wahrnehmungsschema als Risiko interpretiert. Wie kam es zum Risikobegriff (I)? Steigt die Zahl der Risiken angesichts Zunahme an Gefahren (ungleich Risiko!) oder durch dem gesellschaftlichen System inhärente Neigungen und Dispositionen (I.2 & I.3)? Welche Mechanismen werden bemüht, um welchen Typen von Risiken zu begegnen oder vorzubeugen (II)? Wie hängen traditionelle und evolutionäre (Zivilisations-)Risiken zusammen? Ist die inflationäre Konstruktion von Risiken ein Segen, weil wir so Katastrophen abwenden, oder eine Gefahr, weil der Risikodiskurs Ängste schafft, die gesellschaftliches Leben und Werken lähmen (III)? Zu klären ist also, ob und inwieweit nicht Risiken, sondern das Konzept Risiko, durch das Veränderungsprozesse (die nicht gleich Gefahren sein müssen) definiert werden, Konsequenzen für das Handeln hat (III) und wieso dieses Konzept zur Erklärung herangezogen wird (I).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Vom Fatum der Antike zum Risiko der hypochondrischen Gesellschaft
1. Die historische Genese des Begriffs „Risiko“
2. Konservatismus als Nährboden der Risikokonstruktion.
3. Die hypochondrische Gesellschaft
II. Risikotypen und Mechanismen der Risikobewältigung
1. Traditionelle, versicherbare Risiken
2. Evolutionäre Risiken als Herausforderung für die Risikobewältigung
3. Theorie der Ableitbarkeit evolutionärer Risiken
III. Folgen und Chancen der Risikoinflation
1. Übersteigerter Risikodiskurs: Gefahr oder Segen?.
2. Chance als alternatives Deutungsmuster?
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit der moderne Risikobegriff eine gesellschaftliche Konstruktion darstellt, die zu einer "hypochondrischen" Selbstwahrnehmung führt. Ziel ist es zu analysieren, wie die inflationäre Konstruktion von Risiken das soziale Handeln beeinflusst und ob eine Verschiebung der Perspektive hin zu Chancen als alternatives Deutungsmuster neue Entwicklungspotentiale eröffnen kann.
- Historische Genese des Risikobegriffs
- Differenzierung zwischen traditionellen und evolutionären Risiken
- Die gesellschaftliche Konstruktion von Risiken und ihre Konsequenzen
- Das Potenzial von Chancen als komplementäres Deutungsmuster
Auszug aus dem Buch
1.3 Die hypochondrische Gesellschaft
Hypochondrie ist eine psychische Störung, eine Krankheit, bei der Betroffene Angst vor einer Erkrankung haben, ohne an einer solchen wirklich – objektiv – zu leiden. Man ist nicht krank, glaubt es aber zu sein oder zu werden, verspürt gar Symptome und/oder deutet diese „falsch“: Die Eigenwahrnehmung ist gestört. Auch die moderne, „postindustrielle“ Gesellschaft ist hypochondrisch, ihre hochdifferenzierten Subsysteme und Gruppen fürchten die verschiedensten Risiken, die vermeintlich determinieren, dass in der Zukunft irgendwann etwas bestimmtes schlechtes passiert oder Entwicklungen negative Konsequenzen für die eigene Gruppe oder das eigene Selbst haben; man schreibt sich selbst in zunehmendem Maße die Schuld an Gefahren zu – besser: an Risiken (siehe unten). Darin zeigt sich fast eine masochistische Veranlagung der modernen Gesellschaft.
Risiko ist die Hypochondrie der Moderne: Risiko ist ein Irrglaube, die psychische Störung der Gesellschaft; sozial konstruiert zum objektiven Deutungsmuster geworden, wirkt das Risiko als Begriff der Statistik und des Versicherungswesens wieder zurück auf das Handeln der Menschen, veranlasst je nach Höhe des Risikos zu Handeln oder Nichthandeln und verdrängt so andere Muster von Prioritätensetzung. Geplante Handlungen werden in ihren möglichen Konsequenzen anhand von Erfahrungen oder eben fremden, objektivierten Statistiken durchleuchtet und abgewogen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Risikofetischismus ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Wirkung des Risikobegriffs auf die moderne Gesellschaft.
I. Vom Fatum der Antike zum Risiko der hypochondrischen Gesellschaft: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung vom schicksalhaften Fatum hin zum statistisch berechenbaren, aber sozial konstruierten Risikobegriff.
II. Risikotypen und Mechanismen der Risikobewältigung: Hier werden traditionelle, versicherbare Risiken von evolutionären Risiken abgegrenzt und die Schwierigkeiten bei deren Bewältigung diskutiert.
III. Folgen und Chancen der Risikoinflation: Das Kapitel analysiert die Gefahren eines übersteigerten Risikodiskurses und prüft, ob die Wahrnehmung von Chancen als alternatives Muster dienen kann.
Fazit: Das Fazit fasst die Thesen zur Risikokonstruktion, der Individualisierung und der Ambivalenz zwischen Risiko und Chance zusammen.
Schlüsselwörter
Risikogesellschaft, Hypochondrie, Risikokonstruktion, soziale Interpretation, evolutionäre Risiken, traditionelle Risiken, Individualisierung, Konservatismus, Chancenwahrnehmung, Risikoinflation, Verantwortung, Unsicherheit, moderne Gesellschaft, Wahrscheinlichkeit, Katastrophendiskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse des modernen Risikobegriffs und dessen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Selbstverständnis und Handeln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Arbeit verknüpft historische Perspektiven mit soziologischen Theorien über Risiko, Versicherungswesen, Individualisierung und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, ob die moderne Gesellschaft durch den inflationären Umgang mit Risiken eine "hypochondrische" Form der Selbstwahrnehmung entwickelt hat und welche Folgen dies für die Prioritätensetzung und das Handeln hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-diskursive Arbeit, die auf soziologischen Ansätzen (u.a. Ulrich Beck, Niklas Luhmann) und der Analyse gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Genese des Risikobegriffs, die Unterscheidung von Risikotypen und die Diskussion über die Chancen eines alternativen Deutungsmusters gegenüber der reinen Risikofixierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Risikogesellschaft, Hypochondrie, Konstruktivismus und das Spannungsfeld zwischen Risiko und Chance.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Gefahr und Risiko?
Der Autor stützt sich auf Luhmann und betont, dass Gefahr mit Fremdeinwirkung assoziiert wird, während das Risiko die (individuelle oder gesellschaftliche) Verantwortung und Schuld thematisiert.
Was sind "evolutionäre Risiken" im Kontext dieser Arbeit?
Dies sind komplexe Risiken, die aus dem Modernisierungsprozess der Gesellschaft resultieren, statistisch schwer erfassbar sind und daher oft nicht durch klassische Versicherungsmechanismen abgedeckt werden können.
Warum hält der Autor den aktuellen Risikodiskurs für problematisch?
Der Autor warnt davor, dass die permanente Fixierung auf Risiken gesellschaftliche Potenziale lähmt, zu einer Verbarrikadierung führen kann und den Blick auf die Chancen notwendiger Veränderungsprozesse verstellt.
- Arbeit zitieren
- Markus Rackow (Autor:in), 2008, Die hypochondrische Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117515