Gibt es eine Europäische Gesellschaft?

Zwei-Faktoren-Analyse anhand der Ansätze von Gerold Ambrosius und Klaus Eder


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zum Begriff der Gesellschaft

III. Heuristisches Modell der Zwei-Faktoren-Analyse nach Herzberg

IV. Zentrum-Peripherie-Ansatz nach Gerold Ambrosius

V. Zentrum-Peripherie als Dissatisfaktor

VI. Modell der Transnationalen Kommunikationsräume nach Klaus Eder

VII. Erinnerungskommunikation als Satisfaktor

VIII. Schlussfolgerungen und Ausblick

Bibliografie

Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung

Die „europäischen Gesellschaft“ ist in ein soziales Konstrukt von vielschichtiger Problematik. Dies rührt zum einen vom vielfältigen Gebrauch des Begriffs „Gesellschaft“ in der soziologischen Forschung, zum anderen von der Komplexität des zu behandelnden Phänomens „Europa“.

Folgende zwei Aspekte erscheinen mir symptomatisch für die Problematik, die die Debatte um die „europäische Gesellschaft“ umgibt:

- Wie Klaus Eder in seiner später eingehend behandelten Analyse transnationaler Kommunikationsräume feststellt, wird von der „europäischen Gesellschaft“ fast ausschließlich ex negativo gesprochen, d.h. „als etwas, was fehlt“ (Eder 2006, S. 156).
- Europa als Ganzes sei zwar ein Gebilde sui generis. Dessen Einzigartigkeit lasse sich aber nur an der Kombination seiner Merkmale festmachen, nicht an den Merkmalen selbst (vgl. Müller 2007, S. 7). Fragt man nach möglichen Alleinstellungsmerkmalen einer europäischen Gesellschaft, so wird in der wissenschaftlichen Debatte daher häufig die mangelnde Spezifität Europas problematisiert. Eine europäische Gesellschaft könne es allein deshalb nicht geben, weil sich keinerlei spezifisch europäischen Merkmale ausmachen ließen.

Beide Aspekte legen nahe, dass es den Ländern Europas an prägnanten und konstitutiven Gemeinsamkeiten fehlt. Solche spezifisch europäische Gemeinsamkeiten könnten die Beschreibung ex negativo aufheben. Gleichermaßen könnten sie klare Erkennungsmerkmale von „Europäizität“ stiften.

Der Vorliegende Aufsatz soll den Beitrag leisten, die Bedeutung dieses Mangels an Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und zu erklären. Dabei werde ich argumentieren, dass die Mechanismen der europäischen Einigung sich auf den Abbau von Unterschieden konzentriert - und dabei den Aufbau von Gemeinsamkeiten vernachlässigt. Diese auf den ersten Blick spitzfindige Unterscheidung steht im Zentrum der vorliegenden Untersuchung. Um diese Differenzierung erkenntnisbringend anwenden zu können, werde ich die Zwei-Faktoren- Analyse nach Frederick Herzberg verwenden. Anhand dieses heuristischen Modells werde ich Einflussfaktoren der europäischen Integration zwei Kategorien zuordnen. Zum einen sollen

Faktoren identifiziert werden, die Unterschiede abbauen, zum anderen solche, die Gemeinsamkeiten aufbauen. Zentrales Anliegen dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass die Faktoren dieser beiden Kategorien eine vollkommen unterschiedliche Integrationswirkung haben.

Aus methodischen Gründen halte ich es für wichtig, den Bezugsrahmen und das Analyseziel der vorliegenden Arbeit vorab klar abzustecken. Daher werde ich zunächst den Gesellschaftsbegriff definieren, der in der Folge Verwendung finden soll. Sodann werde ich das herzbergsche Zwei-Faktoren-Modell erläutern. Anhand zweier exemplarisch behandelter europasoziologischer Ansätze, dem Zentrum-Peripherie-Modell von Gerold Ambrosius und dem Modell Transnationaler Kommunikationsräume Klaus Eders, soll ein im Wandel begriffenes Europa auf seine „Gesellschaftsfähigkeit“ untersucht werden. Beide Ansätze werden zunächst erläutert und dann anhand des Zwei-Faktoren-Modells auf ihre integrationstechnische Wirkung untersucht. Abschließend werde ich zusammenfassen, welche Implikationen sich daraus bezüglich der Existenz oder Entstehung einer europäischen Gesellschaft ergeben.

II. Zum Begriff der Gesellschaft

Der Begriff der Gesellschaft ist seit Anbeginn des 20. Jahrhunderts ein häufig und flexibel verwendeter Teil des soziologischen Begriffsinstrumentariums. Das semantische Bezugsfeld des Begriffs „Gesellschaft“ entsprach dabei zumeist dem üblichen makrosoziologischen Aggregationsniveau des Nationalstaates. Aus diesem Grund war „Gesellschaft“ von jeher mit dem Bezugsrahmen nationalstaatlicher Vergesellschaftung verbunden. Mit diesem Verständnis geht eine „nicht näher problematisierte Kongruenz zwischen „Staat“, „Gesellschaft“ und „Kultur““ (Bach 2000, S. 31) einher. Diese für die bisherige Forschung lange Zeit plausible und fruchtbare Prämisse stößt im Rahmen der Europaforschung buchstäblich an seine (nationalstaatlichen) Grenzen. Denn der europäische Integrationsprozess führt, wenn auch im Ausmaß umstritten, doch zumindest in der Tendenz zu einer Verlagerung gesellschaftlicher Relevanzstrukturen vom Nationalstaat auf das nächsthöhere Aggregationsniveau Europa. Damit verändert sich das Referenzsystem von „Gesellschaft“ und lässt diesen Begriff in seinem traditionellen Sinne als inadäquat erscheinen.

In der folgenden Analyse soll der Begriff Gesellschaft jedoch nicht durch einen vermeintlich geeigneteren Terminus ersetzt und damit verworfen werden. Vielmehr soll ein Gesellschaftsbegriff Verwendung finden, der der graduellen Natur von Vergesellschaftung auf europäischer Ebene gerecht wird. Klaus Eders Definition scheint mir zu diesem Zweck besonders geeignet. Eder versteht Gesellschaft als „sozial strukturierter und kulturell geteilter Interessen-, Herrschafts- und Erinnerungszusammenhang“ (Eder 2006, S. 156). Er ordnet das Kriterium für Gesellschaft also der subjektiven Wahrnehmung von Individuen zu. Im Sinne dieser Auffassung variiert das Vorhandensein von Gesellschaft daher sowohl im Laufe der Zeit als auch in Bezug auf die individuelle Selbstverortung der Bürger. In Bezug auf die letzten Jahrzehnte konstatiert Eder eine Stärkung dieses Interessen-, Herrschafts- und Erinnerungszusammenhangs auf europäischer Ebene und suggeriert einen evolutionär- inkrementellen Entstehungsprozess einer europäischen Gesellschaft.

„Gibt es eine europäische Gesellschaft?“

Ausgehend von dem beschriebenen Gesellschaftsbegriff zeigt sich zunächst, dass die dichotome Frage nach der Existenz einer europäischen Gesellschaft irreführend ist. Nach dem vorgestellten Ansatz gibt es keine klaren Kriterien, anhand derer man festmachen könnte, ob oder wann man sinnvoll vom Bestehen einer „europäischen Gesellschaft“ sprechen könnte. Insofern scheint es grundsätzlich aussichtsreicher, die Frage umzuformulieren, um der Gradualität und Komplexität realitärer Phänomene gerecht zu werden. Daher lege ich folgende Fragestellung nahe: „ Inwiefern gibt es eine europäische Gesellschaft?“. Anders gesagt: Inwiefern lässt sich unter dem angeführten Gesellschaftsbegriff die europäische Realität in ihrer Komplexität und Einzigartigkeit sinnvoll unter das Konzept der „Gesellschaft“ subsumieren?

Zur Klärung dieser Frage ist zu berücksichtigen, dass Eders Verständnis eines „sozial strukturierten und kulturell geteilten“ Wesens von Gesellschaft die Entscheidung über die Existenz einer Gesellschaft den Bürgern zuordnet. Dieses Verständnis bringt die Herausforderung mit sich, dass nun beurteilt werden muss, welche Gegebenheiten unter welchen Umständen dazu führen, dass ein solcher Interessen-, Herrschafts- und Erinnerungszusammenhang wahrgenommen wird. Dieser Herausforderung möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit stellen. Das herzbergsche Zwei-Faktoren-Modell soll einen wesentlichen Erkenntnisbeitrag bezüglich der Wahrnehmung einer europäischen Gesellschaft leisten.

III. Das Zwei-Faktoren-Modell nach Frederick Herzberg

„Der Euro wird sich als der effizienteste Beschleuniger europäischer Institutionen erweisen.“

(Nollmann 2002, S. 226)

Die Währungsvielfalt in Europa bis 2002 wurde von vielen als Manko einer europäischen Einheit wahrgenommen. An die Einführung des Euro waren große Hoffnungen geknüpft, neben der wirtschaftlichen auch die soziale Integration zu fördern. So schreibt Nollmann noch im Jahre 2002, der Euro werde „in Zukunft bei jeder Zahlung (...) dem Bürger buchstäblich vor Augen führen, dass er in Europa lebt – und nicht mehr in einem der schrittweise zurücktretenden Nationalstaaten. (...) Der Euro wird die öffentliche Aufmerksamkeit schrittweise nach Brüssel, der Hauptstadt Europas, umlenken“ (ebenda).

Diese Prognose hat sich als falsch herausgestellt. Demoskopische Erhebungen zeigen einhellig, dass der Euro im Bewusstsein der Bürger keinen solchen Widerhall fand (vgl. Bach 2006, S. 186). Rückblickend lässt sich also sagen, dass der Euro Unterschiede in Europa abgebaut hat, dass er aber nicht als Gemeinsamkeit wahrgenommen wird. Vielmehr wird er als Selbstverständlichkeit betrachtet.

Dieses überraschende Phänomen lässt sich anhand Frederick Herzbergs Zwei-Faktoren- Modells erklären. Der Psychologe Herzberg wies darauf hin, dass für die negative Wahrnehmung eines Phänomens oft andere Faktoren ausschlaggebend sind als für dessen positive Wahrnehmung (vgl. Herzberg 1966, S. 15-38). Die Faktoren, die dazu führen, dass man ein Phänomen negativ wahrnimmt, bezeichnet er dabei als Dissatisfaktoren. Jene Faktoren hingegen, die zur positiven Wahrnehmung beitragen, nennt er Satisfaktoren. Bezogen auf den Euro zeigt sich, dass dieser sich als typischer Dissatisfaktor konzipieren lässt. Seine Einführung hat zwar zum Abbau von Unterschieden geführt. Als Gemeinsamkeit wurde er jedoch kaum wahrgenommen. Entsprechend seiner Wirkungsweise als Dissatisfaktor kam ihm daher keinerlei gesellschaftliche Integrationskraft zu.

Einen strukturell ähnlichen integrationstheoretischen Zugang verwendet Fritz Scharpf, wenn er von „negativer“ und „positiver“ Integration spricht (vgl. Scharpf 1999, S. 47-80). Unter negativer Integration versteht er die Beseitigung von abweichenden, nationalen Regulierungen. Positive Integration hingegen ziele auf die Schaffung neuer europaweiter Regulierungen ab. Mit Hilfe dieser Unterscheidung stellt Scharpf fest, dass die EU dazu tendiert, negative Integration weitaus stärker voranzutreiben als positive Integration. Der Grund dafür liege in der legislativen Struktur der Europäischen Union. Es sei deutlich leichter für Mitgliedsstaaten die Einführung neuer Regelungen zu verhindern als sich gegen die Aufhebung nationaler Regelungen zu wehren. Daher sei „die institutionelle Kapazität zur Realisierung der negativen Integration größer (...) als die Fähigkeit zur positiven Integration“ (Scharpf 1999, S. 52). Scharpfs Erkenntnisse über die negative Integration lassen sich auf fruchtbare Weise mit Herzbergs Zwei-Faktoren-Modell in Verbindung bringen. Es liegt nahe, dass es sich beim Abbau von regulativen Ungleichheiten um einen ebensolchen herzbergschen „Dissatisfaktor“ handelt, während der zögerliche Aufbau regulativer Gemeinsamkeiten ein potentieller „Satisfaktor“ ist.

Überträgt man Herzbergs und Scharpfs Erkenntnisse auf die Problematik der europäischen Gesellschaft, so lautet das Argument, dass der Abbau von gesellschaftsrelevanten Unterschieden nicht gleichbedeutend ist mit dem Aufbau von Gemeinsamkeiten. Anders gesagt: Für die subjektive Bejahung der Frage nach der Existenz einer europäischen Gesellschaft sind andere Faktoren verantwortlich als für deren Verneinung. Der Abbau von Unterschieden beschwichtigt Europaskepsis, während der Aufbau von Gemeinsamkeiten das Europabewusstsein stärkt.

Mit Bezug auf den zuvor definierten Gesellschafsbegriff eines „Interessen-, Herrschafts- und Erinnerungszusammenhangs“ ergibt sich daher die Notwendigkeit, Maßnahmen und Prozesse der Europäischen Union auf ihren gesellschaftsrelevanten Beitrag zum Abbau von Unterschieden einerseits und zum Aufbau von Gemeinsamkeiten andererseits zu untersuchen. Dies soll nun anhand zweier Ansätze der Europasoziologie geschehen. Zunächst soll Gerold Ambrosius’ Analyse von Zentrum und Peripherie in Europa auf seine Wirkung als Dissatisfaktor untersucht werden. Anschließend werden Aspekte aus Klaus Eders Analyse transnationaler Kommunikationsräume auf ihre Wirkung als Satisfaktor untersucht.

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Details

Titel
Gibt es eine Europäische Gesellschaft?
Untertitel
Zwei-Faktoren-Analyse anhand der Ansätze von Gerold Ambrosius und Klaus Eder
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl fuer Soziologie)
Veranstaltung
Gibt es eine europaeische Gesellschaft?
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V117525
ISBN (eBook)
9783640199921
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit bietet einen innovativen Ansatz zur Erklaerung des Phaenomens geringer gesellschaftlicher Integration in Europa. Aktuelle europaeische Integrationstheorien werden mit Hilfe von Erkenntnissen der Motivationspsychologie neu aufgerollt. Die Arbeit wurde mit der Note 1,0 bewertet.Die vorliegende Arbeit bietet einen innovativen Ansatz zur Erklaerung des Phaenomens geringer gesellschaftlicher Integration in Europa. Aktuelle europaeische Integrationstheorien werden mit Hilfe von Erkenntnissen der Motivationspsychologie neu aufgerollt. Die Arbeit wurde mit der Note 1,0 bewertet.Die vorliegende Arbeit bietet einen innovativen Ansatz zur Erklaerung des Phaenomens geringer gesellschaftlicher Integration in Europa. Aktuelle europaeische Integrationstheorien werden mit Hilfe von Erkenntnissen der Motivationspsychologie neu aufgerollt. Die Arbeit wurde mit der Note 1,0 bewertet.Die vorliegende Arbeit bietet einen innovativen Ansatz zur Erklaerung des Phaenomens geringer gesellschaftlicher Integration in Europa. Aktuelle europaeische Integrationstheorien werden mit Hilfe von Erkenntnissen der Motivationspsychologie neu aufgerollt. Die Arbeit wurde mit der Note 1,0 bewertet.
Schlagworte
Gibt, Europaeische, Gesellschaft, Gibt, Gesellschaft
Arbeit zitieren
M.A. Candidate Robin Koepke (Autor), 2008, Gibt es eine Europäische Gesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117525

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