Die gängigen Standardwerke zur Geschichte des Siebenjährigen Krieges thematisieren für gewöhnlich die bekannten Hauptschlachten (Roßbach, Leuthen, Kunersdorf etc.), Feldzüge und die Diplomatiegeschichte dieses für das entstehende europäische Mächtegleichgewicht äußerst bedeutsamen Konfliktes. Die vorliegende Diplomarbeit versucht hingegen die Perspektive der Feldherren und Staatsmänner zu verlassen und der Frage nachzuspüren, wie die Kriege des absolutistischen Zeitalters - wegen des Exklusivcharakters der Entscheidungsfindung und Lenkung auch häufig als Kabinettskriege bezeichnet - von den Untertanen der kriegführenden Fürsten erfahren wurden. Zugrundegelegt wird dabei ein der Kulturgeschichte entlehnter Erfahrungsbegriff. Was uns in den Quellen gegenübertritt ist nicht die Unmittelbarkeit des Geschehenen, sondern ein bereits durch den Prozess des Erlebens, der Deutung und Verarbeitung gefilterter Blick auf die Vergangenheit. Arbeitsgrundlage bilden dabei nahezu ausschließlich bislang unveröffentlichte archivalische Quellen der Bibliotheken und Archive Bambergs. Die Kriegserfahrungen der Bevölkerung werden dabei immer wieder mit dem Verlauf des Konfliktes verknüpft, so dass dem Leser ein lebendiger Eindruck, sowohl der hohen Politik, als auch des Alltags in einem Krieg des 18. Jahrhunderts vermittelt wird. Ausgehend von der Prämisse, dass das Geschichtsbild der Nachgeborenen - bei aller gebotenen kritisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Quellen - stets ein Konstrukt ist, fühlt sich die Arbeit einem narrativen Verständnis von Historiographie verpflichtet. Anders gesagt: Es wurde versucht das Postulat wissenschaftlicher Erkenntnis mit kurzweiliger, das Hintergrundwissen erhellender Lektüre in Einklang zu bringen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1. Kurzer Abriss der Militärgeschichtsschreibung in Deutschland
I.2. Fragestellung der Arbeit und Verortung derselben im Rahmen einer „neuen“ Militärgeschichte
II. Charakteristika der Kabinettskriegsführung
II.1. Strukturelle Merkmale und Grundzüge des „Großen Krieges“
II.2. Der Sonderfall des „Kleinen Krieges“
III. Das Kriegsjahr 1757 in Franken und dem Hochstift Bamberg
IV. Gesamtstrategische Lage im Frühjahr 1758 und preußische Kriegsziele
V.1. Die Truppenbewegungen im April / Mai 1758 und der preußische Vormarsch bis vor die Tore der Residenzstadt (20. – 30. Mai)
V.2. Die Kampfhandlungen um die Residenzstadt und deren Übergabe am 31. Mai 1758
VI. Kriegserfahrungen der Untertanen
VI. 1. Die Einquartierungen im Stadtgebiet während der Besatzungsphase (1. – 10. Juni 1758)
VI.2. Formen der persönlichen Selbstbereicherung unter den Bedingungen des Krieges. Die vielen Varianten der „Plünderung“
VI.3. Kontributionen. Logistische Zwänge als bedingender und leitender Faktor der Kabinettskriegsführung
VI.4. Der Mensch als Pfandobjekt. Geiselnahmen und Kriegsgefangenschaft
VI.5. Bewaffneter Widerstand und Selbstschutzmaßnahmen. Der Untertan als aktiver Part des Kriegsgeschehens
VI.6 Profiteure des Krieges ? Die Ausnahmesituation Krieg als Katalysator sozial destruktiver Devianz
VII. 1. Bedingungen und strategische Hintergründe des Rückmarsches am 10. Juni
VII.2. Allgemeine Überlegungen zu Intention und Quellenwert der Schadensspezifikationen
VIII. Kurzer Ausblick auf den weiteren Kriegsverlauf
IX. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die erste größere Invasion des Hochstifts Bamberg durch preußische Truppen im Jahr 1758, wobei der Fokus darauf liegt, klassische militärhistorische Ansätze mit Fragestellungen der "neuen" Militärgeschichte zu verknüpfen, um das Kriegserleben und die Handlungsspielräume der Untertanen in dieser Ausnahmesituation fassbar zu machen.
- Strukturelle Analyse der Kabinettskriegsführung und des „Kleinen Krieges“.
- Militärische und politische Rahmenbedingungen des Kriegsjahres 1758.
- Kriegserfahrungen der Zivilbevölkerung (Einquartierungen, Plünderungen, Kontributionen).
- Rolle von Geiselnahmen und Kriegsgefangenschaft als Pfandobjekte.
- Aktive Selbstschutzmaßnahmen und Widerstand der lokalen Bevölkerung.
Auszug aus dem Buch
VI. 2. Formen der persönlichen Selbstbereicherung unter den Bedingungen des Krieges. Die vielen Varianten der "Plünderung"
Was gemeinhin unter der Formel der Plünderung immer wieder undifferenziert als typische Begleiterscheinung des Krieges beklagt wurde, konnte vielfältige Erscheinungsformen annehmen. Was in der Zeit des freien Söldnertums noch ein wesentlicher Anreiz zu der Annahme von Kriegsdiensten war, wurde im 18. Jahrhundert nur noch in den seltensten Fällen offiziell legitimiert. Ein solcher konnte z. B. gegeben sein, wenn nach einer langen, zermürbenden Belagerung die Übergabe einer Stadt per Kontrakt scheiterte und ein verlustreicher Sturmangriff notwendig wurde. Fälle dieser Art waren allerdings im Festungskrieg des 18. Jahrhunderts bereits absolute Ausnahmen.
Anders lagen die Dinge auf dem Betätigungsfeld der leichten Truppen. Da man bei der Führung des Kleinen Krieges stets beweglich, ungebunden von der Magazinversorgung oder der geordneten Erhebung von Kontributionen, bleiben musste, waren Plünderungen hier im Grunde strukturell vorprogrammiert. Der französische Freikorpsführer Grandmaison merkte dazu lapidar an: "Die Besoldung, welche detaschirten Soldaten auf acht oder zehn Tagen mitgegeben wird, ist kaum zureichend, ihre Schuhe zu unterhalten". Daher werde es nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern sei geradezu unumgänglich, "in dem Lande, wo sie hinkommen ihren Unterhalt [zu] finden und sich ihre Erfrischungen umsonst geben [zu] lassen". Dass man unter dieser Prämisse schnell über das nötige Maß der Subsistenzsicherung hinausschoss, dürfte kaum überraschen.
Jedoch nicht nur die Frage, ob es sich um reguläre Einheiten oder Freitruppen handelte, sondern auch der zeitliche Rahmen und die Zielsetzung der Übernahme eines feindlichen Territoriums, waren ausschlaggebend, ob eine Eindämmung individueller Plünderung ernsthaft angestrebt wurde. Hierbei ist es erforderlich, strikt zwischen Okkupation und Invasion zu unterscheiden. Von einer Besatzungsherrschaft kann im Grunde erst gesprochen werden, wenn die gegnerische Macht eine geschlossene Kontrolle über einen Landstrich erlangte oder zumindest strategische Punkte wie die jeweilige Residenzstadt und die wichtigsten Festungen kontrollierte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Erläutert den Wandel der Militärgeschichtsschreibung und definiert die Fragestellung der Arbeit im Kontext der "neuen" Militärgeschichte.
II. Charakteristika der Kabinettskriegsführung: Analysiert die strukturellen Merkmale der stehenden Heere und erörtert den Sonderfall des "Kleinen Krieges".
III. Das Kriegsjahr 1757 in Franken und dem Hochstift Bamberg: Beschreibt die militärische Situation Frankens und die Reaktionen des Hochstifts auf die preußische Bedrohung.
IV. Gesamtstrategische Lage im Frühjahr 1758 und preußische Kriegsziele: Untersucht die strategischen Ziele Preußens und die kontextuellen Vorbereitungen auf die Invasion.
V.1. Die Truppenbewegungen im April / Mai 1758 und der preußische Vormarsch bis vor die Tore der Residenzstadt (20. – 30. Mai): Detaillierte Darstellung des preußischen Vormarsches und der Vorfeld-Operationen.
V.2. Die Kampfhandlungen um die Residenzstadt und deren Übergabe am 31. Mai 1758: Schilderung der direkten Konfrontation und der Kapitulationsumstände.
VI. Kriegserfahrungen der Untertanen: Umfassende Untersuchung der sozialen Folgen der Besetzung, einschließlich Einquartierungen, Plünderungen, Kontributionen und Geiselnahmen.
VII. 1. Bedingungen und strategische Hintergründe des Rückmarsches am 10. Juni: Analysiert die militärischen Faktoren, die zum preußischen Rückzug führten.
VII.2. Allgemeine Überlegungen zu Intention und Quellenwert der Schadensspezifikationen: Kritische Einordnung der offiziellen Schadensberichte.
VIII. Kurzer Ausblick auf den weiteren Kriegsverlauf: Skizziert die weiteren militärischen Ereignisse bis zum Kriegsende.
IX. Zusammenfassung: Synthese der Forschungsergebnisse zur Interaktion zwischen Militär und ziviler Bevölkerung.
X. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Archivalien, gedruckten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Siebenjähriger Krieg, Militärgeschichte, Hochstift Bamberg, Kabinettskrieg, Kleiner Krieg, Besatzung, Einquartierung, Plünderung, Kontribution, Geiselnahme, Untertanen, Fränkischer Reichskreis, Adam Friedrich von Seinsheim, Preußen, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die preußische Invasion des Hochstifts Bamberg im Jahr 1758 als Fallstudie für das Zusammenspiel von Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die militärstrategische Analyse des Siebenjährigen Krieges in Franken, die Untersuchung der sozialen Auswirkungen der Besatzung auf die Untertanen sowie die kritische Quellenarbeit zu den damaligen Schadensbilanzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Ansätze der "neuen" Militärgeschichte mit klassischer politischer Geschichte zu verknüpfen, um zu verstehen, wie die Zivilbevölkerung den Krieg erlebte und inwieweit die "Hegung" des Krieges in der Realität bestand hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse archivalischer Quellen, insbesondere der Akten des Bamberger Hofkriegsrates und der Schadensberichte (Species Facti), die mit moderner militärhistorischer Theorie kontrastiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit dem Vormarsch preußischer Truppen, der Übergabe der Stadt Bamberg, den spezifischen Kriegserfahrungen der Bevölkerung (Einquartierungen, Plünderungen) und dem aktiven Widerstand der Untertanen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Militärgeschichte, Siebenjähriger Krieg, Bamberg, Besatzung, Plünderung, Untertanen, Kabinettskrieg.
Welche Rolle spielten die sogenannten "Species Facti" für die Analyse?
Sie dienen als zentrale, wenn auch kritisch zu hinterfragende Quelle für die Rekonstruktion der Ereignisse und der wirtschaftlichen Schäden, wobei ihr propagandistischer Charakter und ihre Funktion als Klageschrift hervorgehoben werden.
Warum wird der Begriff "Kleiner Krieg" gesondert thematisiert?
Weil dieser irreguläre Krieg durch Freitruppen die Alltagserfahrung der Bevölkerung in den Außenämtern prägte und sich deutlich von den operativen Beschränkungen der Linientruppen abhob.
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- Diplom-Historiker (Univ.) Erik Omlor (Author), 2007, Die Invasion des Hochstifts und die Besetzung Bambergs durch das preußische Détachement von Driesen 1758, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117542