Das Menschenbild als anthropologische Grundannahme ist für die Heilpädagogik
insbesondere die heilpädagogische Praxis von handlungleitender Bedeutung.
Praschak (2006) betont den Wandel in der Gesellschaft, der fast alle Schichten der Bevölkerung erreicht hat. Ökonomische Veränderungen bedrohen den Menschen
und sein Selbstverständnis. Die Suche nach Orientierung und Sicherheit ist zum
Alltagsgeschehen geworden und hat mittlerweile auch die heilpädagogischen
Arbeitsfelder erreicht. Unter neuen Qualitätsansprüchen stehen gewohnte
Ansprüche zur Disposition, die mehr und mehr auf den wirtschaftlichen Nutzen
ausgerichtet sind. Das Verlangen nach einem handlunsleitenden Menschenbild,
das die Kontinuität der heilpädagogischen Orientierung und die Weiterentwicklung
des Erreichten auch weiterhin grundlegen kann, wird laut (vgl.: Praschak 2006, 15). Diese Arbeit beschäftigt sich mit den aktuellen Menschenbildern, die für die Heilpädagogik von Bedeutung sind. Im Rahmen des Studiums der Heilpädagogik
hat mich die Frage nach den theoretischen Aspekten und Annahmen die
heilpädagogisches Handeln schließlich legitimieren und begründen beschäftigt,
daher hier die Motivation der Wahl dieses Themas. In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Auseinandersetzung mit den Menschenbildern der verschiedenen Fachwissenschaften suchen und die Heilpädagogik dazu in Beziehung setzen. Wie Heilpädagogik heute interdisziplinären begründet werden kann ist in dieser Arbeit meine Zielfrage. Weiterhin sie versucht die ethischen Aspekte interdisziplinär zu begründen und mit der pragmatischen Dimension des heilpädagogischen Handelns zu verbinden. Diese Arbeit soll sich daher als eine ethisch-pragmatische Grundlegung im interdisziplinären Austausch verstehen.
So versteht sich das erste Kapitel als eine allgemeine Bestandsaufnahme im
Rahmen des Menschenbildes in der Heilpädagogik. Hier werden die Notwendigkeit
der Auseinandersetzung mit diesem Thema, die Begriffserklärung und die in
meinen Augen notwendigen Bestandteile des heilpädagogischen Menschenbildes
dargelegt.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Eine Bestandsaufnahme im Rahmen des Menschenbildes in der Heilpädagogik
1.1 Phänomene der Postmoderne – Eine kritische Bestandsaufnahme
1.1.1 Endstation Posthumane Gesellschaft?
1.2 Heilpädagogik im Spannungsfeld globaler, kultureller und
gesellschaftlicher Veränderungen der Postmoderne
1.2.1 Die Heilpädagogik tangierende Weltprobleme nach Haeberlin (2005)
1.2.2 Kritische Herausforderungen nach Speck (2001)
1.3 Verschiedene Dimensionen des Menschenbildes
1.3.1 Etymologie Menschenbild
1.3.2 Anthropologie
1.3.3 Beschaffenheit und Funktion
1.3.4 Deskriptivität und Normativität der Menschenbilder
1.3.5 Implizite und explizite Menschenbilder
1.4 Eine kurze Geschichte der Menschenbilder von Menschen mit Behinderung
1.4.1 Prähistorie (ca. 2,5 Millionen bis ca. 2000 v. Christus)
1.4.2 Altertum und Antike (ca. 2000 v. Chr. bis ca. 500 n. Chr.)
1.4.3 Mittelalter (ca. 500 n. Chr. Bis ca. 1600 n. Chr.)
1.4.4 Neuzeit ( ca. 16. Jh. Bis heute)
1.4.5 19. und 20. Jahrhundert
1.4.6 Postmoderne ( ca. ab 1950 bis heute)
1.5 Heilpädagogik und Menschenbild
1.5.1 Was ist Heilpädagogik?
1.5.2 Heilpädagogik als wertgeleitete Wissenschaft
1.5.3 Grundlagen eines heilpädagogischen Menschenbildes
2. Interdisziplinärer Diskurs
2.1 Zur Bedeutung der Interdisziplinarität in der Heilpädagogik
2.2 Philosophischer Blick
2.2.1 Die Geschichte der Philosophischen Anthropologie und das Problem der Doppeldeutigkeit
2.2.2 Erkenntnistheoretische Ansätze und wichtige Denkströmungen
2.2.3 Aktuell relevante Themen der Philosophie für die Heilpädagogik
2.2.3.1 Die Philosophische Anthropologie nach Plessner, Gehlen und Arnold
2.2.3.2 Die Analytische Philosophie des Geistes nach Thomas Metzinger
2.2.3 Fazit des philosophischen Blickwinkels
2.3 Theologischer Blick
2.3.1 Die Geschichte der Theologischen Anthropologie
2.3.2 Wichtige Aussagen über den Menschen
2.3.3 Aktuelle relevante Themen für die Heilpädagogik
2.3.3.1 Der Mensch ist als Person von Gott zu Gottes Ebenbild erschaffen
2.3.4 Fazit des theologischen Blicks
2.4 Psychologischer Blick
2.4.1 Die Geschichte der Psychologie als eine Geschichte der Psychologischen Anthropologie
2.4.2 Theoretischen Ansätze und Basismodelle der Psychologie
2.4.3 Aktuell relevante Themen für die Heilpädagogik
2.4.3.1 Modellintegration: Das biopsychosoziale Entwicklungsmodell
2.4.3.2 Die neurobiologische Perspektive
2.4.4 Fazit des Psychologischen Blicks
2.5 Soziologischer Blick
2.5.1 Die Geschichte der Soziologie und ihrer Anthropologie
2.5.2 Allgemeine Aussagen
2.5.3 Aktuell relevante Themen
2.5.3.1 Die politische Bewegung des Kommunitarismus als Gegenentwurf zum liberalen Individualismus
2.5.4 Fazit des soziologischen Blicks
2.6. Medizinischer Blick
2.6.1 Die Geschichte der Medizin und ihrer Anthropologie
2.6.2 Allgemeine Aussagen: Das Menschenbild in der modernen Medizin
2.6.3 Aktuell relevante Themen
2.6.3.1 Ergebnisse der Hirnforschung und ihre Aussagen
2.6.4 Fazit des medizinischen Blicks
2.7 Pädagogischer Blick
2.7.1 Die Geschichte der pädagogischen Anthropologie
2.7.2 Allgemeine Aussagen
2.7.3 Aktuelle Themen
2.7.3.1 Kindheit heute ist Kindheit in Bedrängnis
2.7.4 Fazit des Pädagogischen Blicks
2.8 Diskursives Fazit im heilpädagogischen Blick
3. Heilpädagogisches Handeln
3.1 Professionelles Handeln in der Heilpädagogik
3.1.1 Beziehung gestalten
3.1.2 Heilpädagogische Methoden
3.2 Prinzipien heilpädagogischen Handelns
3.2.1 Ethische Prinzipien und Tugenden in der Heilpädagogik
3.2.2 Der pädagogische Bezug nach H. Nohl
3.3 Konzeptionen heilpädagogischen Handelns als Konglomerat ethisch – pragmatischer Dimensionen
4. Fazit der Arbeit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und Notwendigkeit eines handlungsleitenden Menschenbildes in der Heilpädagogik vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Ziel ist es, durch einen interdisziplinären Diskurs mit verschiedenen humanwissenschaftlichen Fachgebieten die theoretischen, ethischen und pragmatischen Grundlagen für ein heilpädagogisches Menschenbild herauszuarbeiten, das Verschiedenheit als Grundlage menschlicher Daseinsform anerkennt.
- Aktuelle Herausforderungen der Postmoderne für die Heilpädagogik
- Interdisziplinäre anthropologische Grundlagen (Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie, Medizin, Pädagogik)
- Begründung der Personalität und Würde von Menschen mit Behinderung
- Ethisch-pragmatische Prinzipien des heilpädagogischen Handelns
- Bedeutung der Beziehungsgestaltung und methodischer Konzepte
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Endstation Posthumane Gesellschaft?
Bei all den Überlegungen entsteht schnell der Eindruck eines tiefgreifenden Kulturpessimismus, der das Leben in der modernen oder postmodernen Gesellschaft als Bedrohung für die menschliche Natur darstellt. Mir ist bewusst, dass die Postmoderne in ihrer Komplexität gleichwohl nicht nur negative Seiten mit sich bringt, sondern ebenfalls die Möglichkeiten des modernen menschlichen Seins in ihrer Vielfalt hervorgebracht hat. Meine Sichtweise und Auseinandersetzung umfasst nicht das komplette Phänomen der Postmoderne, sondern stützt sich nur einseitig auf jene Phänomene, die in ihren praktischen Ausläufern im gesellschaftlichen Leben negative Konsequenzen oder Gefahren für Menschen mit Behinderung darstellen.
Die Strömungen und Umbrüche der letzten Jahrzehnte haben viele humanitäre Werte auf den Prüfstand gestellt, die letztendlich eine Auseinandersetzung mit dem Thema auch im Hinblick auf die Heilpädagogik nötig macht. Aufgrund all jener schon vorher beschriebenen Elemente, beziehe ich mich nochmals auf Bolz, der im Sinne meiner einseitigen Argumentation die Postmoderne Gesellschaft auch gerne als posthuman bezeichnet: „Das klassische Maß des Menschen, an dem sich unsere humanistische Kultur formiert hat, paßt (sic!) nicht mehr auf die neuen Kommunikationsverhältnisse der postmodernen Gesellschaft.“ (Bolz 1997, 106)
Bolz betont die Wandlung der Verhältnisse und der Begriffe des Humanismus und meint „eine Umwandlung der humanistischen Werte sei unvermeidlich“ (ebd.). Suggeriert durch das Wort posthuman, möchte Bolz den Anschein widerlegt wissen, sich von den Werten des Humanismus` verabschieden zu müssen. Er schlägt demnach eine andere Lesart des Begriffes vor: Den Bann des humanistischen Menschenbildes zu sprengen, bedeutet erst dann die Möglichkeiten zur freien Entfaltung des Menschen zu haben (vgl.: Bol 1997, 106). Es geht also eben nicht darum, die humanistischen Werte über Bord zu werfen, sondern sie einer Umformung im gesellschaftlichen Kontext zu unterziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Eine Bestandsaufnahme im Rahmen des Menschenbildes in der Heilpädagogik: Dieses Kapitel thematisiert die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit aktuellen Menschenbildern aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche der Postmoderne. Zudem erfolgt eine erste begriffliche Klärung sowie ein historischer Abriss der Annahmen über Menschen mit Behinderung.
2. Interdisziplinärer Diskurs: Die verschiedenen Humanwissenschaften (Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie, Medizin, Pädagogik) werden auf ihre impliziten Menschenbilder und deren Bedeutung für die heilpädagogische Praxis hin untersucht. Es wird herausgearbeitet, wie diese Disziplinen zur ethisch-anthropologischen Grundlegung heilpädagogischen Handelns beitragen können.
3. Heilpädagogisches Handeln: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen in die praktische Ebene überführt. Es werden Prinzipien für das professionelle Handeln, Aspekte der Beziehungsgestaltung und Kriterien für methodische Konzepte als Antwort auf die existentielle Herausforderung der heilpädagogischen Klientel definiert.
4. Fazit der Arbeit: Die Ergebnisse der interdisziplinären Untersuchung werden zusammengeführt, wobei die zentrale Bedeutung einer leiblichen Bezogenheit und der Personalität aller Menschen als ethisches Fundament der Heilpädagogik hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Heilpädagogik, Menschenbild, Anthropologie, Postmoderne, Personenstatus, Ethik, Inklusion, Interdisziplinarität, Personale Existenz, Menschenwürde, Handlungsmaximen, Leiblichkeit, Sozialwissenschaften, Behinderung, Wertgeleitete Wissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den aktuellen Menschenbildern in der heutigen Gesellschaft und deren Bedeutung für die heilpädagogische Wissenschaft und Praxis. Sie hinterfragt kritisch, wie sich das Verständnis vom Menschen unter ökonomischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Phänomene der Postmoderne, die anthropologischen Grundlagen des Menschenbildes, die historische Entwicklung der Sicht auf Menschen mit Behinderung sowie die interdisziplinäre Reflexion durch verschiedene Fachwissenschaften.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie Heilpädagogik heute interdisziplinär begründet werden kann. Ziel ist es, ein ethisch-pragmatisches Fundament zu schaffen, das die Menschenwürde und den Personenstatus aller Menschen – unabhängig von Leistung oder gesellschaftlichem Nutzen – schützt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen geisteswissenschaftlichen Ansatz, der durch eine interdisziplinäre Literaturanalyse und theoretische Reflexion geprägt ist. Dabei werden anthropologische Konzepte aus Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie, Medizin und Pädagogik kritisch aufeinander bezogen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Postmoderne, einen ausführlichen interdisziplinären Diskurs über anthropologische Annahmen in den Humanwissenschaften und eine abschließende pragmatische Konkretisierung für das professionelle heilpädagogische Handeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Heilpädagogik, Menschenbild, Anthropologie, Personalität, Menschenwürde, ethische Wertorientierung und das interdisziplinäre Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft.
Warum ist das "Maschinenmodell" in der Psychologie laut der Autorin für die Heilpädagogik problematisch?
Das Maschinenmodell reduziert den Menschen auf Passivität, Effizienz und mechanische Funktionen. Da es Menschen mit Behinderung als "defizitär" gegenüber einem Normmodell einstuft, widerspricht es dem heilpädagogischen Anspruch, den Menschen in seiner ganzheitlichen Personalität anzuerkennen.
Welche Bedeutung kommt der "Gottesebenbildlichkeit" in der theologischen Anthropologie für die Heilpädagogik zu?
Sie dient als theologische Begründung für den absoluten Personenstatus jedes Menschen. Unabhängig von kognitiven Fähigkeiten oder gesellschaftlicher Anpassung wird dem Menschen aufgrund seiner Ebenbildlichkeit eine unverlierbare Würde und ein Recht auf Existenz zugeschrieben.
- Quote paper
- Diplom Heilpädagogin Sarah Gollan (Author), 2008, Aktuelle Menschenbilder in der Heilpädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117621