Stigmatisierung als Herausforderung für eine gelingende Gesellschaft von Menschen mit pädophilen Neigungen

Wie könnte ein mögliches Konzept aussehen, um negative Vorurteile gegenüber Menschen mit pädophilen Neigungen in der Gesellschaft abzubauen und der Stigmatisierung entgegenzuwirken?


Bachelorarbeit, 2020

46 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pädophilie
2.1 Sexuelle Gesundheit
2.2 Sexualpräferenz
2.3 Sexuelle Störung
2.4 Definition Pädophilie
2.5 Pädophilie in der Geschichte
2.6 Ursachen und Erklärungsansätze
2.7 Abgrenzung zur Pädosexualität

3. Stigmatisierung
3.1 Definition von Stigmatisierung
3.2 Entstehung von Stigmata
3.3 Typen von Stigmata

4. Das Stigma, pädophil zu sein
4.1 Öffentliche Stigmatisierung und die Rolle der Medien
4.2 Selbststigmatisierung
4.3 Folgen der Stigmatisierung
4.3.1 Folgen für die Betroffenen
4.3.2 Folgen für die Angehörigen
4.4 Individuelle Bewältigungsversuche

5. Beitrag der Sozialen Arbeit zur Stigmabewältigung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Tanner-Skala

Abbildung 2: Konzept „Zwischen Stigma und Sensation“

Abbildung 3: Konzept „Entstigmatisierung“

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: ICD-10/DSM-5 Vergleich Pädophilie

1. Einleitung

„Was sollte man mit einem Mann machen, der Kinder begehrt?“ Mit dieser Frage titelte das ZEIT Magazin vom 25. Oktober 2012. „Ihm helfen“, so die simple Antwort auf der zweiten Seite (vgl. Faller 2012).

Immer wieder werden in unserer Gesellschaft wichtige Themen tabuisiert, obwohl diese dringend Aufmerksamkeit benötigen. So handelt es sich auch bei dem Thema Pädophilie um ein absolutes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Negative Schlagzeilen prägen die Medienlandschaft, aber die Stigmatisierung von Menschen mit pädophilen Neigungen findet kaum Beachtung in der deutschen Öffentlichkeit. Im Gegenteil, es bestehen viele Vorurteile und Stereotypen gegenüber Pädophilen, sogar bei den Betroffenen selbst. Sexuelle Vorlieben kann sich kein Mensch aussuchen. Doch was bedeutet es, wenn erwachsene Menschen sich sexuell zu Jungen und/oder Mädchen hingezogen fühlen, die meist nicht älter als zwölf Jahre sind?

Zwar mag diese Thematik in politischen und gesellschaftlichen Debatten angekommen sein, dennoch ist die Diagnose Pädophilie noch immer eng mit einem Stigma verbunden. Die Weltgesundheitsordnung macht darauf aufmerksam, dass Stigma einen Teufelskreis von Ablehnung und Diskriminierung schafft, welche schwerwiegende Folgen für Betroffene und Angehörige nach sich ziehen (vgl. WHO 1999: S. 64). Betroffene Personen müssen damit zurechtkommen, als Kinderschänder betitelt zu werden. Adjektive wie „eklig“, „abartig“ und „unnatürlich“ fallen in diesem Kontext und Oppositionelle sprechen sich radikal für die Todesstrafe aus, obwohl Pädophilie und Kindesmissbrauch nicht gleichzusetzen sind und an dieser Stelle dringend differenziert werden muss (vgl. Büttner/Stockrahm 2019). Dieser Prob­lematik widmet sich diese Bachelorarbeit. Ziel ist es, die vorhandenen Stigmatisierungen und Diskriminierungen pädophiler Menschen aufzudecken und die dahinter stehenden Zusammen­hänge zu erläutern. Beginnen wird das zweite Kapitel mit einem Überblick über das Störungs­bild Pädophilie, welches in Zusammenhang mit sexueller Gesundheit/Abweichung gebracht werden soll. Es werden die Begriffe Pädophilie und Pädosexualität definiert und voneinander abgegrenzt. Darüber hinaus wird die Herkunft des Wortes genauer betrachtet und in den historischen Kontext eingeordnet. Das dritte Kapitel widmet sich der Stigmatisierung im Allgemeinen. Um ein bessereres Verständnis zu erlangen, werden zunächst die Begriffe Stigma, Stigmatisierung und Diskriminierung definiert, um anschließend den Prozess der Stigma­tisierung und Diskriminierung und deren Ursachen und Funktionen zu untersuchen. Ferner sollen die konkreten Typen von Stigmata beleuchtet werden, um im darauffolgenden vierten Kapitel die daraus ergebende Forschungsfrage zu beantworten, nämlich, inwieweit eine Stigmatisierung von Pädophilen in der heutigen Gesellschaft stattfindet. Hier wird die Theorie am Beispiel der Pädophilie angewendet. Es soll aufgezeigt werden, welche Folgen eine Stigmatisierung seitens der Gesellschaft für die abstinent lebenden Betroffenen hat und inwiefern dieser entgegengewirkt werden kann.

Im Fokus dieser Arbeit stehen die öffentliche Wahrnehmung von Menschen mit pädophilen Neigungen und die sich daraus ergebenen Folgen für die Betroffenen und deren Angehörigen. Mit einem selbst erarbeiteten Konzept soll im fünften Kapitel eine Möglichkeit geschaffen werden, wie Betroffenen und deren Angehörigen geholfen werden kann, der Stigmatisierung zu entkommen. Gleichzeitig soll in der Gesellschaft Aufklärungsarbeit geleistet werden, um Vorurteile und Diskriminierung entgegenzuwirken.

Ich habe mich für dieses Thema entschieden, weil ich davon überzeugt bin, dass die Störung Pädophilie mehr Aufklärung bedarf. Statistisch gesehen hat ein Prozent der männlichen Bevölkerung pädophile Neigungen, was bedeutet, dass es nicht unwahrscheinlich ist mit Betroffenen in Kontakt zu kommen, oder vielleicht sogar selbst betroffen zu sein (vgl. Beier 2018: S. 5).

Das Thema verfügt über eine hohe Relevanz und bedarf großer Aufmerksamkeit in der Sozialen Arbeit. Bedauerlicherweise ist Pädophilie die am wenigsten wissenschaftlich erforschte sexuelle Deviation (vgl. Stöckel 1998: S. 12) und dementsprechend unzureichend ist auch der aktuelle Literaturstand. Daher ist es umso wichtiger, dieses Thema in meiner Bachelorarbeit zu bearbeiten, um die nötige Aufmerksamkeit zu schaffen, die es erfordert, um der Stigmatisierung entgegenzuwirken.

In der vorliegenden Arbeit werde ich alle Geschlechter gleichermaßen miteinbeziehen, um niemanden auszugrenzen. Um den Lese- und Schreibfluss zu erleichtern, werde ich im Folgen­den auf die gegenderte Sprache verzichten - selbstverständlich sind bei der generisch maskuli­nen und/oder femininen Geschlechtertrennung alle Geschlechter mit inbegriffen.

2. Pädophilie

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Sexualität spielt dabei eine wesentliche Rolle (vgl. Keupp 2016: S. 8). Es gibt viele spezielle sexuelle Neigungen, die nur wenige Menschen miteinander teilen und die aus diesem Grund keineswegs als einer Norm entsprechend akzeptiert werden. Ein Bespiel dafür sind Menschen mit der sexuellen Neigung Pädophilie. Sie befinden sich in einem gesellschaftlichen Konflikt, da ihre Art zu lieben mit einem klaren Verbot besetzt ist. In der Öffentlichkeit taucht der Begriff der Pädophilie meist nur im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch und Forderungen nach härterer Bestrafung der übergriffigen Männer und Frauen auf. Doch nicht jeder mit einer pädophilen Neigung macht sich strafbar und wird dadurch zum Täter. Daher ist die Frage: Was ist demnach unter Pädophilie zu verstehen? (vgl. Schwarze/ Hahn 2019: S.17). Um eine differenzierte Betrachtung der Thematik der Pädophilie zu ermög­lichen, werden im Folgenden die zentralen Begrifflichkeiten definiert und erläutert.

2.1 Sexuelle Gesundheit

Um sich der Thematik der Pädophilie anzunähern, soll zuerst die Frage gestellt werden, was sexuelle Gesundheit ausmacht und welche Praktiken in den Bereich der normalen und gesunden Sexualität fallen. Sexuelles Verlangen ist ein normaler Bestandteil des Lebens, dennoch ist das Verständnis von normaler Sexualität sehr stark kultur- und gesellschaftsabhängig, je nachdem, welche Normen und Wertvorstellungen vorherrschen. Gerade dies erweist sich beim Thema Sexualität als besonders problematisch (vgl. Brown 2017).

So galten einige sexuelle Praktiken, wie z.B. Oralverkehr, zu Zeiten von Sigmund Freud noch als pervers, die jedoch in der heutigen Zeit zur Normalität gehören (vgl. Briken/Berner 2013: S. 24). Auch die Selbstbefriedigung galt früher als abnormal und sogar als Ursache für Geistes­krankheiten; heute wird darin ein selbstverständlicher und gesunder Ausdruck von Sexualität gesehen. Auch Vetter (2009) sieht sexuelle Gesundheit immer im Zusammenhang mit der ge­sellschaftlichen Norm und dass diese zwei Faktoren nicht voneinander getrennt betrachtet wer­den können (vgl. Vetter 2009: S. 21). Unsere Vorstellung von Sexualität unterliegt einem stän­digen kulturellen Wandel (vgl. Sigusch 2007: S. 8). Die gesellschaftlichen Normen bestimmen also auch, was als sexuell gesund empfunden wird (vgl. Vetter 2009: S. 21). Auch die Weltge­sundheitsorganisation sieht die Sexualität als einen Faktor, der untrennbar mit der Gesundheit eines Menschen verbunden ist. Hier wird die sexuelle Gesundheit folgendermaßen definiert: „Sexuelle Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebens­qualität verbunden. Sie ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktions­störungen oder Gebrechen. Sexuelle Gesundheit setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Sexu­elle Gesundheit lässt sich nur erlangen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen geachtet, geschützt und erfüllt werden.“ (WHO 2020)

Diese Definition betont nicht nur ein positives Verständnis von Sexualität und den damit ver­bundenen essenziellen Aspekt des lustvollen Erlebens, sondern weist auch auf die Existenz se­xueller Rechte hin. Der Zusammenhang mit den Menschenrechten ist unmittelbar und beinhal­tet das Recht, dass jeder Mensch frei, autonom, ohne Zwang, Gewalt und Diskriminierung leben darf. Die Weltgesundheitsorganisation sieht ihre Rolle darin, den Mensch in der Erreichung eines möglichst hohen Grades an Gesundheit zu unterstützen. Der Zugang dazu soll unabhängig von ethnischer wie religiöser Zugehörigkeit, politischer Meinung, ökonomischer oder sozialer Situation sein (vgl. Briken/Berner 2013: S.87 ff.).

2.2 Sexualpräferenz

Die Sexualpräverenz ist ein Oberbegriff für die sexuelle Ausrichtung (Alter des Sexual­partners), die sexuelle Orientierung (Geschlecht des Sexualpartners) und die sexuelle Neigung (bevorzugte Praktiken) einer Person. Hier ist wichtig zwischen unauffälligen, von der Norm abweichenden und krankhaft gestörten Sexualpräferenzen zu unterscheiden (vgl. Beier 2018: S. 213). Unter dem Begriff Paraphilie wird eine gestörte Sexualpräferenz erfasst. Dies ist dann der Fall, wenn das sexuelle Bedürfnis zu einem Problem, Leidensdruck und/oder sozialen Konflikt führt oder auch die betroffene Person sich oder andere schädigt. Dazu zählen, um nur einige sexuelle Präferenzen zu nennen, Sadismus, Fetischismus, Exhibitionismus sowie Pädo­philie und etliche mehr (vgl. Kogler/Kaiser-Kaplaner o.D.: S. 2f.). Von allen Paraphilien steht jedoch die Pädophilie am meisten im Fokus der Öffentlichkeit (vgl. Ahlers/Schaefer 2010:S. 47).

Charakteristisch für sexuelle Präferenzstörungen ist ihre zeitliche Stabilität, über einen Zeit­raum von mindestens sechs Monaten, und die Intensität der damit einhergehenden Fantasien, Impulse und Bedürfnisse. Die sexuelle Vorliebe kann sich auf unbelebte Objekte, Schmerz, Demütigungen oder nicht zustimmungsfähige Personen (z.B. Kinder) beziehen. Um eine Stö­rung im engeren Sinne handelt es sich, wenn die betroffene Person oder das soziale Umfeld unter der sexuellen Präferenz leidet. Als medizinisch problematisch wird eine gestörte Sexual­präferenz angesehen, wenn der Betroffene in seiner psychosozialen Leistungs- und Genussfä­higkeit beeinträchtigt ist und/oder ein Risiko für andere Menschen darstellt (vgl. Beier/Loewit 2011:S. 50; Dilling/Mombour/Schmidt/Schulte-Markwort 2011:S. 298).

Menschen entscheiden sich nicht bewusst für ihre sexuelle Präferenz. Diese festigt sich meist in einem Entwicklungsprozess zu Beginn des Jungendalters bis hin zur Mitte der zweiten Le­bensdekade und lässt das Individuum schrittweise erkennen, was als sexuell anregend und er­regend empfunden wird. Der Verlauf dieser Entwicklung ist dabei immer noch wissenschaftlich unerforscht (vgl. Beier/Amelung/Grundmann/Kuhle 2015: S. 132).

2.3 Sexuelle Störung

Die Frage, ab wann eine Sexualstörung vorliegt, lässt sich nur schwer beantworten und unterlag in der Geschichte vielfältigem Wandel. Sexuelle Empfindungen und Aktivitäten hängen grund­legend mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zusammen. Sie haben eine große Vari­ationsbreite in der Intensität des Wünschens und Erlebens als auch in den Sexualpraktiken. Es wird deutlich, dass die Bandbreite der „normalen“ Sexualität groß und somit der Übergang zu einer sexuellen Störung fließend ist. Das erschwert das Ziehen einer eindeutigen Grenze zwi­schen Normalität und Abweichung (vgl. Fiedler 2018: S. 120). Laut Briken und Berner entsteht eine Lücke zwischen sexueller Gesundheit und sexueller Störung. In diese Lücke hinein können sich sexuelle Gesundheit und auch sexuelle Störung je nach Definition unterschiedlich weit ausbreiten (vgl. Briken/Berner 2013: S. 90). Die Definition von sexueller Abweichung bzw. Störung hängt enger mit den Normen der Gesellschaft zusammen, in der entsprechende Ver­haltensmuster gezeigt werden, als mit festen diagnostischen Kriterien (vgl. Fiedler 2018: S. 120). Der Oberbegriff sexuelle Störung umfasst zum einen sexuelle Präferenzstörungen und zum anderen funktionelle Sexualstörungen. Sigusch(2007)zählt zu den funktionellen Sexual­störungen folgende Auffälligkeiten (vgl. Sigusch 2007:S. 104):

- Störung der Erregung,
- Störung des sexuellen Verlangens,
- Störung des Orgasmus,
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr,
- Nachorgastische Missempfindungen und Verstimmungen.

Demnach liegt eine Sexualstörung dann vor, wenn die körperlichen Sexualfunktionen und/oder das sexuelle Erleben sowie die daraus resultierende individuelle Befriedigung gestört sind. Da es sich bei der Sexualität um einen komplexen Vorgang handelt, sind auch die Ursachen von Sexualstörungen vielseitig. Diese können u.a. psychisch oder physisch bedingt sein (vgl. Fied­ler 2018: S. 120).

2.4 Definition Pädophilie

Der Begriff Pädophilie stammt aus dem Griechischen und leitet sich aus den Wörtern „pais“ für Kind oder Knabe und „philia“ für die freundschaftliche Liebe ab. Erstmals wurde die Be­zeichnung von dem deutsch-österreichischen PsychiaterRichard vonKrafft-Ebing (1840-1902) in seinem 1886 erschienenen Standardwerk „Psychopathia Sexualis“ verwendet. Mit dieser grundlegenden Schrift beschrieb er unter anderem erstmals die charakteristischen Merkmale der Pädophilie und ordnet sie in das Feld der Paraphilien ein. Seit Krafft-Ebing wird die „ pe- dophilia erotica “ als psychische Erkrankung verstanden (vgl. Haug 2010: S. 13). Fiedler be­zeichnet die Pädophilie als das psychische Unvermögen von Erwachsenen zu sexuellen Bezie­hungen mit anderen Erwachsenen und mit dem Verlangen, solche Beziehungen mit Kindern aufzunehmen (vgl. Fiedler 2018: S. 140).

Inder Wissenschaft wird Pädophilie nur dann als eine psychische Störung angesehen, wenn sie bei der betroffenen Person oder ihrem Umfeld Leiden verursacht. Sie ist als medizinische Di­agnose in die zwei gängigen Klassifikationssysteme aufgenommen worden, einerseits in die „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“(ICD) und in das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM). Das Ziel diagnostischer Klassifikationssysteme ist eine verbesserte und eindeutige Kommunikation in Forschung und Praxis. Es dient einer gemeinsamen Sprache zwischen allenBeteiligten.In der aktuell gültigen AusgabeICD-10 ist die Pädophilie unter dem Oberbegriff „Störung der Sexualpräferenz“ (ICD- Code F65) gefasst. Darunter werden die Normen der abweichenden Sexualpraktiken oder se­xuelle Vorlieben verstanden, die entweder bei der Person selbst oder in deren Umfeld Leiden verursacht. In der aktuellen Auflage DSM-5 wird die Pädophilie unter dem Oberbegriff „Para- phile Störung“ eingeordnet. Dieser Begriff ist mit sexueller Präferenzstörung gleichzusetzen (vgl. Beier 2018: S.23; Dilling/Mombour/Schmidt/Schulte-Markwort 2011:S.298).

Bezugnehmend auf die sexuelle Präferenz ist die Differenzierung zwischen sexueller Ansprech­barkeit durch vorpubertäre Kinder und frühpubertäre Kinder von Bedeutung. Der Begriff Pä- dophilie bezeichnet das primäre sexuelle Interesse an Kindern, die noch nicht die Pubertät er­reicht haben. Bei der Hebephilie steht das frühpubertäre Körperschema eines Kindes im Fokus der sexuellen Fantasien, Impulse oder des Verhaltens. Hiermit gemeint ist der Beginn der Ge­schlechtsreifung, das einsetzendes Wachstum von Schambehaarung, Brust, Hoden und Penis. Weiterhin kann begrifflich zwischen Partenophilie, das Interesse an frühpubertären Mädchen, und Ephebophilie, die Vorliebe für frühpubertären Jungen, unterschieden werden. Ob eine pä­dophile, hebephile oder beide Ausrichtungen vorliegen, kann nicht am Alter des Kindes festge­legt werden, weil die körperliche Entwicklung eines jeden Kindes individuell verläuft und der Zeitpunkt des Einsetzens der Pubertät variiert. Hier ist vielmehr entscheidend, welche Körper­merkmale eines Kinders als sexuell erregend empfunden werden. Zur Differenzierung dient die Tanner-Klassifizierung oder auch Tanner-Skala1, die eine Einteilung nach der Ausprägung der physischen Merkmale des Menschen vornimmt. Die verschiedenen Stadien verlaufen individu­ell unterschiedlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Tanner-Skala (Schwarze/Hahn 2019: S. 19)

Das Stadium I umfasst hierbei die vorpubertäre Entwicklung, die kennzeichnend ist für das pädophile Interesse. Das hebephile Interesse spiegelt sich in den Stadien II (frühe Pubertät) und III (Peripubertät) wider. Die Entwicklungsstadien IV (Spätpubertät) und V können hier außer Betracht gelassen werden, da diese als sexuelles Interesse an erwachsenen Personen zusam­mengefasst werden (vgl. Schwarze/Hahn 2019: S. 18f.).

Wie vorab bereits erwähnt, repräsentieren die Begriffe Pädophilie und Hebephilie klinische Di­agnosen und sind keine kriminologischen oder juristischen Begriffe (vgl. Beier/Ame- lung/Grundmann/Kuhle 2015: S. 132). In beiden Klassifikationssystemen wird für die Diag­nose ein Mindestalter von 16 Jahren vorausgesetzt und die Person muss mindestens fünf Jahre älter sein als das Kind, um das Kriterium für Pädophilie oder Hebephilie zu erfüllen. Damit Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Klassifikationssysteme deutlich werden, sind diese in der nachfolgenden Tabelle noch einmal gegenübergestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: ICD-10/DSM-5 Vergleich Pädophilie (Beier 2018: S. 3)

Laut ICD-10 sind für die Diagnose die sexuellen Fantasien und Impulse in Bezug auf Kinder maßgeblich. Die Auslebung von Fantasien spielt für eine Diagnosestellung vorerst keine Rolle. Es werden Kinder beiderlei Geschlechts benannt, die sich meist in einem frühen Stadium der Pubertät befinden (vgl. Dilling/Mombour/Schmidt/Schulte-Markwort 2011: S.298).Im Gegen­satz dazu sind die Diagnosemerkmale nach DSM-5 sowohl präferenz- als auch verhaltensori­entiert. Die Diagnosekriterien des DSM-5 fordern für die Vergabe der Diagnose wiederkeh­rende, intensive sexuell erregende Fantasien, sexuelle Impulse und/oder sexuelle Verhaltens­weisen mit präpubertären Kindern über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten und fassen dies als pädophile sexuelle Orientierung(vgl. Beier/Amelung/Grundmann/Kuhle 2015: S. 132). Außerdem unterscheidet das DSM-5 zusätzlich zwischen der sexuellen Ausrichtung auf Jungen, auf Mädchen und auf beide Geschlechter sowie weiterhin zwischen ausschließli­chem und nichtausschließlichem Typus. Pädophilie ist eine Art der Paraphilie. Da sie anderen schadet, wird sie als Störung betrachtet (vgl. Beier 2018:S.2).

2.5 Pädophilie in der Geschichte

Sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen wurden im Verlauf der Geschichte sehr unterschiedlich bewertet (vgl. Stiels-Glenn 2016: S. 23). Seit 2010 der systematische Miss­brauch an der reformpädagogischen Odenwaldschule2 bekannt wurde, kommen immer wieder ähnliche Fälle sexualisierter Gewalt an katholischen Internaten ans Licht. Die Vorfälle der Odenwaldschule sind auf die 1970er und 1980er Jahre zurückzuführen und wurden somit erst viel später in ihrem ganzen Ausmaß aufgedeckt. Auch das Jahr 2013 war in Deutschland ge­prägt von einer heftigen Debatte über Pädophilie und Pädosexualität. Im Zentrum der intensiven Auseinandersetzung mit diesem heiklen Thema stand die grüne Partei, die erneut vor der Bun­destagswahl der Vorwurf traf, in der Vergangenheit Pädophilen eine Plattform gegeben und die Entkriminalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern befürwortet zu haben. Mit diesen beiden eng aufeinander folgenden Ereignissen stand das Verhältnis zwi­schen Kindheit und Sexualität der 1970er und 1980er Jahre schlagartig im Fokus der Öffent­lichkeit (vgl. Baader/Jansen/König/Sager 2017: S.9). Historisch kann dokumentierte Pädophi­lie und Pädosexualität bis in das Zeitalter der Antike zurückgeführt werden. Die Beziehung zwischen Mann und Jungen wurde stets vom Erwachsenen initiiert, indem er dem Jungen Ge­schenke machte (vgl. Schwarze/Hahn 2019: S. 20). Gründe dieser Beziehung waren u.a. die Erziehung der Jungen zu „männlicher Tugend und sittlicher Tadellosigkeit“ und sollten diese somit an gesellschaftliche Ideale heranführen (vgl. Beier 2018: S. 20).

[...]


1 Beschrieben vom britischen Kinderarzt James Mourilyan Tanner (1920-2010).

2 Die Odenwaldschule war ein Landerziehungsheim in Heppenheim. Die Schule befand sich in freier Trägerschaft und galt lange als Vorzeigeinternat der Reformpädagogik. Seit 1998 deutete sich an, dass an der Odenwaldschule massiv Schüler von ihren Lehrern missbraucht wurden. Erst 2010 wurde der Skandal publik und seither ist auch klar, dass der langjährige Leiter der Odenwaldschule, George Becker, selbst zu den Tätern gehörte.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Stigmatisierung als Herausforderung für eine gelingende Gesellschaft von Menschen mit pädophilen Neigungen
Untertitel
Wie könnte ein mögliches Konzept aussehen, um negative Vorurteile gegenüber Menschen mit pädophilen Neigungen in der Gesellschaft abzubauen und der Stigmatisierung entgegenzuwirken?
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
46
Katalognummer
V1176221
ISBN (Buch)
9783346595683
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stigmatisierung, herausforderung, gesellschaft, menschen, neigungen, konzept, vorurteile
Arbeit zitieren
Ita Räpke (Autor:in), 2020, Stigmatisierung als Herausforderung für eine gelingende Gesellschaft von Menschen mit pädophilen Neigungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1176221

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