Einleitung: der klassische Doppelgänger als Sonderform des ´Anderen´.
Begriffserweiterung.
Der Diskurs der geisteswissenschaftlichen Disziplinen lebt nicht primär davon, dass er exakte Fakten liefert, sondern vielmehr vom Austausch der Ergebnisse verschiedener Sichtweisen. Als eine Art Handlungsträger dieser wissenschaftlichen Diskussion ist der Forschende hier in größerem Maße als etwa jener der Physik
abhängig von den Begriffen, die er gebraucht und von der Art des Sprechens, die so entsteht. Während jener vorwiegend auf die Informationen angewiesen ist, die sich in Form exakter Werte aus bestimmten Experimenten ergeben, geht es hier mehr um die Kommunikation, aus welcher die Brennpunkte entstehen, welche die
Aufmerksamkeit der forschenden Gemeinde auf sich zieht. Auf diese Weise entstehen neue Probleme, ergeben sich Lösungen und neue Sichtweisen. Schließlich kommt es somit dazu, dass hier die Terminologie ständig im Wandel begriffen ist. Es gilt also von Zeit zu Zeit, die Begriffe zu überdenken, die benutzt werden.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: der klassische Doppelgänger als Sonderform des ´Anderen´.
Begriffserweiterung.
2. Beschreibung des modernen Doppelgängers an Hand wichtiger Stationen.
2. 1 Vorspiel des modernen ´Doppelgängers´: Goethe und das Andere.
2.2 Erste Manifestation des klassischen Doppelgängers.
2.3 Abstraktion des sog. Doppelgängers.
2.4 Generalisierte Formen des sog. Doppelgängers. Dekonstruierte Metaphysik.
3. Schluss.
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das literarische und kulturelle Motiv des Doppelgängers und schlägt eine Erweiterung des Begriffs durch den Terminus des „Anderen“ vor, um die historische und systematische Abstraktion dieses Phänomens von der Romantik bis zur Moderne zu verdeutlichen.
- Historische Entwicklung des Doppelgängermotivs
- Kritik und Erweiterung des Doppelgängerbegriffs
- Verhältnis von Subjektkonstitution und kultureller Rationalisierung
- Manifestationen des „Anderen“ in Literatur, Film und Psychoanalyse
Auszug aus dem Buch
2. 1 Vorspiel des modernen ´Doppelgängers´: Goethe und das Andere.
Die Beschäftigung mit der Geschichte der Menschheit zeigt, dass das Phänomen, welches sich in unserer Zeit als der sog. Doppelgänger manifestiert, in anderer Form schon immer existent war. Zu jeder Zeit kannte der Mensch etwas, dass ihm unerklärlich gegenüberstand und dennoch mit ihm auf gewisse Weise in Verbindung stand. Allem was unkontrollierbar und ohne Rücksicht auf ihn einwirkte, erhielt den Nimbus der Willkür höherer Mächte, denen man Opfer zu bringen hatte, um sie zu beschwichtigen und für sich dienlich zu machen. Zunächst aber sollen hier die Formen des Doppelgängers behandelt werden, welche in jüngerer Zeit – hier: Klassik/Romantik bis heute – auftreten.
So sei zunächst an dieser Stelle mit Goethe zu beginnen, mit Goethe als Symbol der Wende von der ´alten´ Zeit zur Moderne. Nicht zu unrecht wurde er bezeichnet als “Prototyp des modernen Menschen“, sind doch die Worte über die Doppelnatur der Seele, welche er seinem Faust in den Mund legt bereits in die alltägliche Sprache eingegangen, was immer ein Zeichen für die Aktualität einer Sache darstellt.
Es sei somit neben der Episode aus dem Wilhelm Meister darauf hingewiesen, dass Goethe sich über sein Werk hinaus im persönlich-alltäglichen Bereich der Polyphonie der seelischen Regungen bewusst war. So finden sich in Eckermanns Aufzeichnungen seiner Gespräche mit Goethe sehr aufschlussreiche Aussagen, welche den ´Olympier´ und somit die schulmäßig als aufklärerische und vernunftbestimmte Klassik in einem anderen Licht erscheinen lassen:
“Das Dämonische, sagte er [Goethe], ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen ist. In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: der klassische Doppelgänger als Sonderform des ´Anderen´.: Diese Einleitung führt das Motiv des Doppelgängers ein und begründet den Vorschlag, dieses Phänomen zugunsten einer präziseren Analyse als das „Andere“ zu bezeichnen.
2. Beschreibung des modernen Doppelgängers an Hand wichtiger Stationen.: Dieses Kapitel dient als theoretischer Rahmen, um anhand historischer Meilensteine die Entwicklung des Doppelgängers bis hin zu modernen Formen nachzuzeichnen.
2. 1 Vorspiel des modernen ´Doppelgängers´: Goethe und das Andere.: Hier wird Goethes Werk als Symbol für die Wende zur Moderne und die Auseinandersetzung mit dem Dämonischen als frühe Form des Anderen analysiert.
2.2 Erste Manifestation des klassischen Doppelgängers.: Dieses Kapitel beleuchtet den Durchbruch des Doppelgängers in der romantischen Literatur, exemplarisch am Werk Jean Pauls und Chamissos.
2.3 Abstraktion des sog. Doppelgängers.: Der Fokus liegt hier auf der theoretischen Psychologisierung durch Freud und der literarischen Umsetzung bei Kafka, die eine zunehmende Abstraktion des Phänomens zeigt.
2.4 Generalisierte Formen des sog. Doppelgängers. Dekonstruierte Metaphysik.: Abschließend wird untersucht, wie das Motiv in Film und Massenkultur zu einer dekonstruierten, abstrakten Metaphysik verschmilzt.
3. Schluss.: Das Fazit fasst zusammen, dass das Doppelgängermotiv ein Ausdruck menschlicher Weltsicht im ständigen Wandel darstellt und nicht auf eine bestimmte Epoche begrenzt ist.
Schlüsselwörter
Doppelgänger, Das Andere, Romantik, Moderne, Psychoanalyse, Subjektkonstitution, Literaturwissenschaft, Dämonisches, Identität, Abstraktion, Entfremdung, Filmtheorie, Rationalisierung, Unheimliches, Metaphysik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische und kulturelle Phänomen des Doppelgängers und analysiert dessen Entwicklung von einer konkreten Spiegelung des Ichs hin zu abstrakten Erscheinungsformen in der Moderne.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Literaturwissenschaft, der Psychoanalyse und deren Verschränkung in modernen Medien wie dem Film, insbesondere unter dem Aspekt der Identitätskonstitution.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Hauptziel ist es, eine methodische Umbenennung des „Doppelgängers“ in den breiteren Begriff des „Anderen“ zu rechtfertigen, um die sukzessive Abstraktion des Motivs in der geistesgeschichtlichen Entwicklung besser erfassen zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die historische Stationen und theoretische Diskurse (insbesondere Kittler und Freud) miteinander verknüpft, um das Phänomen des Anderen in der Kultur zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Phasen – von der Klassik/Romantik über die Psychoanalyse bis hin zur zeitgenössischen Filmkultur – und analysiert an diesen Beispielen die Wandlung des Motivs.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Das Andere“, „Subjektkonstitution“, „Romantik“, „Abstraktion“ und „Psychoanalyse“ geprägt.
Warum zieht der Autor den Begriff „das Andere“ dem Begriff „Doppelgänger“ vor?
Der Autor argumentiert, dass der Begriff „Doppelgänger“ lediglich eine eng gefasste Sonderform beschreibt, während „das Andere“ die gesamte Breite der vom Bewusstsein ausgeschlossenen oder unkontrollierbaren Kräfte treffender fasst.
Welche Rolle spielt Alfred Hitchcocks Film „Vertigo“ in der Analyse?
„Vertigo“ dient als zentrales Fallbeispiel, an dem die Verschränkung romantischer und psychoanalytischer Einflüsse sowie die Transformation des klassischen Doppelgängermotivs im modernen Medium Film demonstriert wird.
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- Christian Herzig (Author), 2001, Variationen des Doppelgängers oder das Andere, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1177