Die Golfregion und speziell Meldungen aus Irak und Iran bestimmen in den letzten Jahrzehnten die Nachrichtensendungen der Industriestaaten. Bisher konnte kein Konflikt der dritten Welt - den Vietnam Krieg eingeschlossen - ein solches weltpolitisches Interesse erzeugen wie die ersten beiden Golfkriege (vgl. Bassam 1992: 12). Auch spielen Unruhen in Afrika und Südamerika meist in der medialen Berichterstattung nur eine untergeordnete Rolle. Schon dadurch wird die enorme Bedeutung dieses Gebietes offensichtlich. So wurde auch der ersten Staatsbesuches der iranischen Präsidenten Ahmadinedschad im Irak nach der Islamischen Revolution vor fast drei Jahrzehnten Gegenstand vieler Berichte und Zeitungsartikel. Erst 5 Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins und der Beseitigung seines Regimes konnte sich die iranische Regierung dazu bewegen, den früheren Kriegsgegner Iran zu besuchen und einen Neuanfang der bilateralen Verhältnisse anzustreben (Deutsche Presse Agentur 2008 a).
Vor diesem Hintergrund und den täglichen Meldungen über nicht endende Ausschreitungen im Irak scheint es von großem Interesse zu sein, wie und warum es in dieser Region immer wieder zu Konflikten solchen Ausmaßes kommt. Sind es die enormen Erdölvorkommen der Region, ethische beziehungsweise religiöse Differenzen oder Kämpfe um die Vormachtstellung in der Region? Die Theorien internationaler Politik versuchen das Verhalten von Staaten zu erklären. Ihre Erklärungsansätze reichen hierbei von realistischen über liberalistische bis hin zu konstruktivistischen Herangehensweisen. In dieser Arbeit wird die Theorie des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz auf den "ersten Golfkrieg" 1980 - 1988 angewandt und untersucht, inwieweit diese Theorie den Konflikt erklären kann.
Hierzu wird in Kapitel 2 zunächst der Konflikt hinsichtlich dessen Akteure, Ursachen und Verlauf beschrieben. Darauf folgend behandelt Kapitel 3 die wichtigsten Paradigmen der Waltz´schen Theorie und dessen gewonnenen Erkenntnisse. Im letzten Teil wird abschließend untersucht, inwieweit diese Theorie den Konflikt zwischen Iran und Irak beziehungsweise das Handeln der betroffenen Staaten erklären kann. Das Streben der Staaten nach einem Gleichgewicht der Kräfte ("Balance of power") nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der erste Golfkrieg (1980- 1988)
2.1 Akteure des Konflikts und Konfliktebenen
2.2 Konfliktursachen / Konfliktgegenstand / Konfliktgründe
2.3 Kriegsverlauf
3. Der Neorealismus nach Kenneth N. Waltz
3.1 Anforderungen an Theorien
3.2 Struktur, Akteure und Systembegriff
3.3 "Balance of Power"
4. Anwendung der neorealistischen Theorie am Beispiel des "ersten Golfkriegs"
4.1 Der Konflikt und die Weltmächte
4.2 Der Konflikt und die regionalen Mächte
4.2.1 Machtverteilungen und Kooperationen
4.2.2 Fehleinschätzungen
4.3 Erklärungsfähigkeit der Theorie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, den "ersten Golfkrieg" (1980-1988) durch die theoretische Brille des strukturellen Neorealismus nach Kenneth N. Waltz zu analysieren und zu prüfen, inwieweit dieser Ansatz die Handlungen der beteiligten Akteure und den Verlauf des Konflikts erklären kann.
- Grundlagen des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz
- Analyse der Akteure und Konfliktursachen im Iran-Irak-Krieg
- Anwendung des Konzepts "Balance of Power" auf das Verhalten der Weltmächte
- Untersuchung regionaler Machtverschiebungen und Kooperationsmuster
- Kritische Reflexion der Erklärungsfähigkeit neorealistischer Theorien
Auszug aus dem Buch
3.3 "Balance of Power"
Auf Grund des anarchischen Systems leben Staaten in ständiger Unsicherheit und fühlen sich ständig von andern Staaten bedroht. Kooperatives politisches Verhalten zwischen Staaten ist vor diesem Hintergrund nicht selbstverständlich (vgl. Lemke 2008: 22). Wie im obigen Kapitel schon erwähnt, führt das anarchische System dazu, dass Staaten darauf angewiesen sind, sich selbst zu helfen (Selbsthilfeprinzip). Waltz vertritt die zentrale Annahme, dass das Minimalziel von Staaten das eigene Überleben ist. Das Maximalziel ist die universelle Dominanz im System. Um diese Ziele zu verwirklichen, ist es nötig, dass Staaten aktiv die Struktur des System mitgestalten. Maximale Sicherheit erreicht ein Staat dann, wenn eine Gleichverteilung der Kräfte vorliegt. Waltz nennt dies in seiner Theorie: „Balance of power“. Als Vorraussetzung für diese Verhalten sieht er lediglich die Anarchie des Systems und den Überlebenswillen der einzelnen Nationalstaaten (vgl. Vogt 1999: 48-54). Zur Erlangung seiner Ziele stehen dem Staat interne und externe Möglichkeiten zur Verfügung. Aufrüstung und Stärkung der Volkswirtschaft gehört zu den internen Möglichkeiten. Die Bildung von Allianzen zu den externen. Waltz erwartet eine starke Tendenz in Richtung des „Balance of Power“, da das primäre Interesse von Staaten darin besteht, ihre Position im System sicherzustellen. „Balancing“ tritt bei Waltz bei allen Staaten auf und ist nicht nur bei Großmächten vorhanden, da der Wille der einzelnen Staaten dafür nicht notwendig ist, sondern die Struktur des Systems automatisch dafür sorgt (vgl. Masala 2005: 53- 62). Staaten kooperieren nach Waltz in Konflikten immer mit der schwächeren Seite, um so das Machtgleichgewicht auszubalancieren. Allianzen bestehen immer nur so lange, bis dieses Ziel erreicht wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Golfregion ein und formuliert die Forschungsfrage zur Anwendbarkeit des Neorealismus auf den Iran-Irak-Krieg.
2. Der erste Golfkrieg (1980- 1988): Das Kapitel beschreibt die Akteure, die komplexen Ursachen sowie den zeitlichen Verlauf des Konflikts zwischen Iran und Irak.
3. Der Neorealismus nach Kenneth N. Waltz: Hier werden die theoretischen Grundlagen des strukturellen Neorealismus dargelegt, insbesondere das Systemverständnis und das Streben nach Machtgleichgewicht.
4. Anwendung der neorealistischen Theorie am Beispiel des "ersten Golfkriegs": Dieses Hauptkapitel überträgt die theoretischen Konzepte auf die Rollen der Weltmächte sowie regionaler Akteure und bewertet die Aussagekraft der Theorie.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Kenneth N. Waltz, erster Golfkrieg, Iran, Irak, Internationale Politik, Balance of Power, Machtgleichgewicht, Anarchie, Selbsthilfeprinzip, Geopolitik, Systemtheorie, Sicherheitsdilemma, Golfregion, Großmächte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Iran-Irak-Krieg der Jahre 1980 bis 1988 aus der Perspektive der neorealistischen Theorie nach Kenneth N. Waltz.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Machtstrukturen im internationalen System, das Verhalten von Staaten unter Anarchie sowie die Frage, wie "Balance of Power" den Verlauf von Konflikten beeinflusst.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die Erklärungskraft des strukturellen Neorealismus anhand eines historischen Fallbeispiels – des ersten Golfkriegs – kritisch zu überprüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Fallstudie, bei der die Konzepte von Waltz auf die historische Realität des Konflikts angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Konflikts, die Einführung der neorealistischen Theorie sowie deren Anwendung auf das Handeln der Weltmächte und regionalen Akteure.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Schlagworte sind Neorealismus, Balance of Power, internationale Anarchie, Machtgleichgewicht und staatliche Sicherheit.
Inwiefern beeinflussten Weltmächte den Ausgang des Krieges?
Laut Arbeit handelten die USA und die Sowjetunion primär zur Erhaltung des Status Quo und verhinderten durch Waffenlieferungen an beide Seiten einen klaren Sieg eines der Akteure.
Warum wird im Text der Begriff "Balance of threat" erwähnt?
Der Begriff dient als notwendige Modifikation des klassischen "Balance of Power"-Konzepts, um zu erklären, warum sich regionale Mächte aufgrund unmittelbarer Bedrohungen (statt reinem Machtausgleich) gegen den Iran stellten.
Wie bewertet der Autor den Erkenntniswert der Theorie für diesen Fall?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Neorealismus den Konflikt zwar gut erklären kann, jedoch Faktoren innerhalb der Staaten, wie die islamische Revolution, bei Waltz unterbewertet werden.
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- Johannes Tiegel (Autor), 2008, Der Neorealismus und dessen Erklärungskraft für den "ersten Golfkrieg", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117886