Afrikanische Jugendliche in einem Leben zwischen Tradition und Moderne

Analyse des Films "Touki Bouki" von Djibril Diop Mambéty


Seminararbeit, 2007
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Afrika zwischen Tradition und Moderne
2.1. Gegenstandsbestimmung
2.2. Afrikanische Jugend im Kulturkonflikt
2.3. Migration

3. Filmanalyse Touki Bouki
3.1. Die Figuren
3.1.1. Mory
3.1.2. Anta
3.2. Der Traum von Paris
3.3. Migration – Ein Ausweg?

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Film Touki Bouki (1973; Senegal) von Djibril Diop Mambéty. Der Regisseur thematisiert darin die post-koloniale Moderne, „die als politische, kulturelle und soziale Realität Senegals in einem starken Spannungsverhältnis zu den Traditionen des Landes steht“[1]. Er zeigt die Auswirkungen der verschiedenartigen Einflüsse am Beispiel eines jungen Paares, Mory und Anta, auf.

In einem ersten theoretischen Teil der Arbeit soll dieses Spannungsgefüge, das Leben zwischen der afrikanischen Tradition und der europäischen Moderne, aufge-zeigt werden. Dabei wird die allgemeine Situation veranschaulicht, denn die Gesamt-heit der Aspekte des Kulturkonfliktes kann aufgrund ihres Umfanges nicht im Einzelnen dargelegt werden. Da die Hauptdarsteller ihre Zukunft in Paris sehen, wird in einem weiteren Komplex das Thema der Migration Betrachtung finden. Bei der Bearbeitung dieser Themen wurde ein besonderes Augenmerk auf die junge Generation gelegt, da diese auch in der darauffolgenden Filmanalyse den Haupt-untersuchungsgegenstand bilden. Dabei sollen in enger Anlehnung an den Film die Verhältnisse Morys und Antas zur bestehenden Gesellschaft untersucht werden: Welche Positionen nehmen sie dazu ein, welche Gründe haben sie für die Auswanderung nach Europa und welche Hoffnungen verbinden sie damit? In einem letzten Teil der Analyse soll das Filmende nähere Betrachtung finden. Dabei sollen die möglichen, vom Regisseur verfolgten, Intentionen herausgearbeitet und mit der afrikanischen Wirklichkeit in Bezug gesetzt werden.

Touki Bouki ist ein sehr symbollastiger Film. Aufgrund des Umfanges der Arbeit wurden lediglich einige Szenen und deren Symbolik zur Untersuchung heran-gezogen. Die erzielten Ergebnisse basieren zudem primär auf eigener Interpretation, da eine Literaturbasis zum Film nur geringfügig vorhanden ist.

2. Afrika zwischen Tradition und Moderne

2.1. Gegenstandsbestimmung

Die Phrase ‚Afrika zwischen Tradition und Moderne’ ist in der Forschung eine oft be-nutzte Begriffseinheit. Gemeint ist der Zusammenstoß zweier sich unterscheidender Kulturen, genauer, der afrikanischen Tradition und der europäischen Moderne.

Unter dem Begriff der ‚Tradition’ sollen im Folgenden diejenigen materiellen und geistigen Verhältnisse und Erscheinungen Afrikas verstanden werden, die sich dort eigenständig vor der Kolonialisierung entwickelt haben. Gemeint sind damit kulturelle Überlieferungen, wie Bräuche, Sitten und Glaubensvorstellungen[2]. Für diejenigen Erscheinungen, die sich erst aufgrund der kolonialen und postkolonialen Geschichte und somit durch den europäischen Einfluss auf Afrika gebildet haben, wird der Begriff ‚Moderne’ verwendet. Diese Trennung soll hier eine Hilfe darstellen, um die nach-folgenden Untersuchungen differenzierter betrachten zu können. Vorweg ist anzu-merken, dass eine Bestimmung des authentisch Afrikanischen oder Europäischen nicht zu treffen ist, da in beide Kulturkreise wiederum andere Güter mit eingeflossen sind[3]. Und die Wirklichkeit ist eher ein gleichzeitiges Ineinanderdurchdringen beider Begriffe zueinander. Die „[t]raditionelle[n] Produktions-, Verkehrs- und Denkformen nehmen [in vielen Bereichen] eine moderne Verkleidung an“ um sich durchzusetzen, wohingegen die modernen „versuchen, aus der Tradition ihre Legitimation abzu-leiten“[4]. Exemplarisch dafür sind die sogenannten Brautpreiszahlungen. In vor-kolonialer Zeit hatten diese einen symbolischen Wert, indem durch die Übergabe von Gütern, wie Stoffe oder Vieh, die Eheschließung besiegelt wurde. Durch die Ein-führung der kapitalistischen Geldwirtschaft wird der Preis förmlich zu einer Geschäftsverhandlung um hohe Geldsummen, die zu jahrelanger Verschuldung und Existenzunsicherheit, aber gleichzeitig zu gesellschaftlichem Ansehen führen kann[5]. Dieser europäische Einfluss der Kolonialzeit erschüttert folglich das Gleichgewicht der vorkolonialen Gesellschaften, welches durch das vorherrschende instabile Gesellschafts- und Wertesystem nur schwer wiederherzustellen ist. Instabil deshalb, da besonders eine Diskrepanz zwischen der Entwicklung der technisch-wirtschaftlichen und der sozialen und geistigen Bereiche auftritt. In den letzten Jahr-zehnten wurde die traditionelle Wirtschaftsordnung immer mehr in den Strom der modernen Geldwirtschaft hineingezogen. So sind auch im Bereich der Landwirtschaft „die stabilen Sozialformen der Agrargesellschaft (...) dem Ansturm moderner Ent-wicklung ausgesetzt“[6]. Traditionell gelten viele Kinder im ländlichen Bereich als Kapitalanlage und Alters- und Sozialversicherung, da viele Hände mehr Arbeit verrichten können. Dem entgegen stehen die steigenden Erziehungs- und Lebens-haltungskosten, die den Erhalt einer Großfamilie fast unmöglich machen. Der daraus resultierende Mangel an Geld und Reserven bedeutet zugleich einen Mangel an Werkzeug, Vieh, Bildung und Verkehrsentwicklung; und ohne letzteres kann wieder-um kein funktionierender Absatzmarkt entstehen. Wie dieses Beispiel verdeutlicht, ergeben sich daraus „Spannungen und Anpassungsschwierigkeiten bei der Re-Integration der Kultur [und] bei der Wiederherstellung eines kulturellen Gleich-gewichts“[7]. Die einstigen traditionellen Konstanten weichen in postkolonialer Zeit zahlreichen Aspekten der westlichen Kultur. Eine Folge ist die zunehmende Urbanisierung durch die Abwanderung vom ländlichen Bereich in die Stadt, wieder-um hervorgerufen durch fehlende Investitionen in die Landwirtschaft[8]. Diese wirkt sich auf die Familienbeziehungen aus, da eine räumliche Trennung zur zurückge-bliebenen Sippe erfolgt[9]. Aber auch in kultureller Hinsicht findet eine Abspaltung statt, da die Abwanderer in der Stadt vielmehr der modernen Massenbeeinflussung durch Film und Fernsehen ausgesetzt sind. An diese und andere Veränderungen gilt es sich nicht nur oberflächlich anzupassen, denn vielmehr ist eine Identifizierung mit ihnen nötig, um einen festen Platz in der Gesellschaft zu erlangen und sich mit dieser im Einklang zu fühlen[10].

Eine Vielzahl der afrikanischen Bevölkerung, darunter besonders die Jugendlichen, kann sich weder mit der einen, noch mit der anderen Seite identifizieren. Auch eine Synthese beider, welcher Beschaffenheit auch immer, lässt vornehmlich die junge Generation in einem Spannungsgefüge zwischen afrikanischer Tradition und euro-päischer Moderne stehen. In den verschiedenen Staaten Afrikas reagiert jeder unter-schiedlich auf den Kulturkontakt mit dem Westen. Es kommt auf ein starkes oder weniger starkes Identitätsgefühl an und in welcher Intensität man den europäischen Einflüssen ausgesetzt ist. Im nächsten Kapitel werden daher die vorherrschenden Einwirkungen der Moderne und der Tradition auf das Leben der Jugendlichen vorgestellt, die vom einzelnen Individuum abhängige Reichweite dieser Einflüsse kann folglich nur exemplarisch an den Filmfiguren in Kapitel 3.) dargestellt werden.

2.2. Afrikanische Jugend im Kulturkonflikt

Die oben bereits angesprochene Identität, die relative innere und soziale Kontinuität des persönlichen Charakters, nimmt erst im Leben des Erwachsenen definitive Züge an. Der Jugendliche ist noch auf der Suche nach seiner ‚Nische’ in der Gesellschaft, welche er im günstigsten Fall entsprechend seiner Begabung, Ausbildung und Berufstätigkeit findet. In diesem Findungsprozess können jedoch Störungen auftreten und „beide Seiten, das Individuum und seine soziale Umwelt, können einander (einseitig oder gegenseitig) ablehnen“[11].

Das Ziel der traditionellen Erziehung ist die Integration der Jungen in die Großfamilie sowie deren Konformität, da sie bereits in ihrer Kindheit wichtige Aufgaben im Familienleben übernehmen müssen. Die daraus resultierende familiäre Geschlossen-heit und die Beschränkung auf den vertrauten Rahmen äußern sich oft in der Ab-lehnung von fremden Einflüssen, wozu die westliche Moderne zählt. Ziel der euro-päischen Erziehung hingegen ist die Bildung, durch deren Erwerb sich der Lebens-weg der Jugendlichen konkretisiert und individualisiert. Dieser Widerspruch zwischen Tradition und Moderne ist als Kulturkonflikt zu verstehen[12].

Der afrikanische Jugendliche erfährt die oben angesprochene Identitätskrise also meist, wenn er sein vertrautes Milieu der Sippe durch den Eintritt in das Schulsystem, deren Institutionen nach europäischem Vorbild errichtet worden sind[13], verlässt. Er sieht sich nun in seinem Alltag zwei verschiedenen, sich widersprechenden Werte- und Normensystemen gegenüber, die „weitgehend unvereinbar“ sind und eine „wenig friedliche(...) Koexistenz“[14] führen. Durch den stark europazentrierten Lehr-plan werden ihnen am schulischen Vormittag die englisch- oder französisch-sprachigen Klassiker und somit deren Werte- und Normensystem gelehrt[15]. Durch die Dauer der Ausbildung, die Annahme neuer Arbeitsformen, die Vorbildfunktion des Lehrers und die Identifikation mit den Werten, die in der Schule vermittelt werden, wird die Distanz zur Großfamilie und somit zur Tradition immer größer. Sie erkennen häufig ihre Unzufriedenheit bezüglich der ärmlichen und bescheidenen häuslichen Verhältnisse, stellen Vergleiche an und ihr Verlangen nach Neuerung wird geweckt[16]. Teilweise beginnen sie sich ihrer traditionellen Kultur zu schämen, da ihnen ihr Volk und deren Lebensweisen in der Schule als „primitiv und rückständig“[17] dargestellt werden. Den restlichen Tag aber verleben die Kinder in eben dieser afrikanischen Kultur. Sie kümmern sich um die jüngeren Geschwister und helfen beim Wasser holen und Essen zubereiten[18]. Die Kinder werden folglich zu „verwirrte[n] Opfer[n] des Schulsystems“[19], da sie ohne eine feste und eigene Identität zwischen den Kulturen stehen. „Am stärksten ist der desintegrierende Einfluß der europäischen Schule (...) wenn mit ihr ein Internat verbunden ist“[20]. Die Kinder werden durch das dortige nahezu vollständig europäisierte Leben und die lange Abwesenheit von ihrem kulturellen und familiären Leben entfremdet.

[...]


[1] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung/ bpb, Fachbereich Multimedia & IT (Hrsg.): Filmheft Fokus Afrika - Touki Bouki, Bonn 2005, S. 6.

[2] Vgl. Reinhold, Gerd: ‚Tradition’, in: Soziologie- Lexikon, 3. Aufl., München 1997, S. 682.

[3] Vgl. Pieck, Peter: Lassen sich afrikanische Tradition und europäische Moderne versöhnen?, Alltagskultur in der Romanliteratur des frankophonen Schwarzafrika, Konstanz 1990, S. 9ff.

[4] Ebenda, S. 13.

[5] Vgl. Schäfer, Rita: Frauen, Männer, Kinder, Familienalltag im ländlichen und städtischen Afrika, hrsg. von Katja Böhler und Jürgen Hoeren, in: Afrika, Mythos und Zukunft, Freiburg 2003, S. 72.

[6] Manshard, Walther: Afrika – südlich der Sahara, hrsg. von Willi Walter Puls (= Fischer Länderkunde, Bd. 8), Frankfurt a.M. 1970, S. 141.

[7] Schott, Rüdiger: Ethnologische Aspekte des sozialen und kulturellen Wandels in Afrika, hrsg. von W. Fröhlich, in: Afrika im Wandel seiner Gesellschaftsformen, Leiden 1965, S. 11.

[8] Vgl. Marx, Christoph: Geschichte Afrikas, Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2004, S. 368.

[9] Vgl. Manshard: Afrika – südlich der Sahara, S. 144f.

[10] Vgl. Pieck: Lassen sich afrikanische Tradition und europäische Moderne versöhnen?, S. 95.

[11] Pieck: Lassen sich afrikanische Tradition und europäische Moderne versöhnen?, S. 95.

[12] Vgl. ebenda, S. 98ff.

[13] Vgl. Mohr, Richard: Die Mission im sozialen und kulturellen Wandel Schwarzafrikas, hrsg. von W. Fröhlich, in: Afrika im Wandel seiner Gesellschaftsformen, Leiden 1965, S. 135ff.; In der Kolonialzeit errichteten christliche Missionare und europäische Lehrkräfte mit staatlicher Hilfe (Kirchen-) Schulen nach westlichem Maßstab. Es wurde in alle Einzelheiten der europäische Schultypus kopiert. Erst seit den 1960/70er Jahren begannen die Herrscher der neugegründeten afrikanischen Staaten sich das schulische Monopol zu sichern. Da sie jedoch ebenfalls nur die Schule im europäischen Stil kannten, blieb das Schulsystem nach europäischem Vorbild bestehen.

[14] Pieck: Lassen sich afrikanische Tradition und europäische Moderne versöhnen?, S. 101.

[15] Vgl. Manshard: Afrika – südlich der Sahara, S. 147.

[16] Vgl. Mohr: Die Mission im sozialen und kulturellen Wandel Schwarzafrikas, S. 137.

[17] p’Bitek, Okok: Afrikas eigene Gesellschaftsprobleme, hrsg. von Rüdiger Jestel, in: Das Afrika der Afrikander, Gesellschaft und Kultur Afrikas, Frankfurt a.M. 1982, S. 257.

[18] Vgl. ebenda, S. 254f.

[19] Ebenda, S. 257.

[20] Mohr: Die Mission im sozialen und kulturellen Wandel Schwarzafrikas, S. 137.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Afrikanische Jugendliche in einem Leben zwischen Tradition und Moderne
Untertitel
Analyse des Films "Touki Bouki" von Djibril Diop Mambéty
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Das Kino der Abendschule – Afrikanische Kinogeschichte(n)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V117957
ISBN (eBook)
9783640201662
ISBN (Buch)
9783640206667
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Afrikanische, Jugendliche, Leben, Tradition, Moderne, Kino, Abendschule, Kinogeschichte(n)
Arbeit zitieren
Nina Hollstein (Autor), 2007, Afrikanische Jugendliche in einem Leben zwischen Tradition und Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117957

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