Die vorliegende Examensarbeit befasst sich mit den beiden Werken Wolframs von Eschenbach, dem Parzival (~1200/10) und dem unvollendeten Willehalm (~1210/20). Doch nicht nur den Autor haben diese beiden Dichtungen gemeinsam, sondern Wolfram stellt im Verlauf der jüngeren Dichtung auch intertextuelle Bezüge zwischen ihnen her.
Dass sich mittelalterliche Texte auf andere beziehen, ist bekannt, seit sich die Forschung mit diesen Werken auseinandergesetzt hat. Doch zunächst zeigten eine Vielzahl von Untersuchungen lediglich die Quellen und die Einflüsse auf, welche den Übernahmen und Verweisen zu entnehmen waren. Erst in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts - und damit relativ spät - hat die Frage nach dem Sinn der Anspielungen auf ein vorangegangenes Werk, und damit überhaupt erst der Intertextualitätsbegriff, Einzug in die mediävistische Forschung gefunden .
Eben dieser Frage nach dem Grund für die intertextuelle Bezugnahme seitens des Autors wird diese Arbeit nachgehen. Auf der Basis einer Analyse der Intertextualitäten wird sich vor allem mit der Frage nach deren Bedeutung und Funktion für die Texte und die Rezipientenschaft beschäftigt.
Doch vor einer interpretatorischen Auseinandersetzung mit diesem zentralen Untersuchungsgegenstand der Arbeit soll in einem ersten Teil die Frage nach der Rezeption der beiden Werke Wolframs relevant werden. Denn nur, wenn von der Kenntnis des älteren Werkes seitens der Rezipientenschaft auszugehen ist, können die Verweise innerhalb der neueren Dichtung verstanden werden.
Danach erscheint es sinnvoll, kurz den theoretischen Standort zu skizzieren, von dem diese Analyse ausgeht. Die Bandbreite der Veröffentlichungen, die sich mit dem Intertextualitätsbegriff auseinandersetzen, ist sehr groß und der Begriff selbst dementsprechend diffus geworden. Aus diesem Grund wird auf einen umfassenden Überblick über die Intertextualitätsforschung verzichtet, da es Aufgabe und Ziel dieser Arbeit sein wird, einen eigenen, spezifischen Intertextualitätsbegriff für die Beziehung zwischen den beiden Werken Wolframs zu erarbeiten. Nach einer kurzen Skizzierung der möglichen Funktionen von intertextuellen Bezügen wird das Hauptaugenmerk auf der eigentlichen Analyse der einzelnen Willehalm-Textstellen liegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gegenstandsbestimmung
2.1. Die Werke – Zeitgenössische Rezeption und Publikum
2.2. Intertextualität
2.2.1. Das zugrunde gelegte Intertextualitätskonzept
2.2.2. Funktionen intertextueller Bezüge
2.2.3. Exkurs: Zum Problem der Mündlichkeit in der mediävistischen Intertextualitätsforschung
3. Intertextuelle Bezüge des Parzival im Willehalm
3.1. Der Willehalm vor dem Hintergrund des Parzival
3.2. Intertextuelle Bezugnahmen auf Parzival-Figuren
3.2.1. Anfortas
3.2.2. Feirefiz und Secundille
3.2.3. Gahmuret
3.2.4. Parzival
3.2.4.1. Parallelen zwischen Rennewart und Parzival
3.2.4.2. Parzival als Folie für Rennewart?
3.2.5. Gawan
3.2.6. Die Besiegten im Kampf mit Feirefiz
3.2.7. Alîze
3.3. Intertextuelle Bezugnahmen auf nicht personenbezogene Parzival- Elemente
3.3.1. Artushof und Gralswelt
3.3.2. Der Wald Lignaloe
3.3.3. Die Lanzenschäfte aus Oraste Gentesîn
3.4. Bezugnahmen auf Themen und Handlungsmotive des Parzival
4. Funktionen der intertextuellen Bezüge des Parzival im Willehalm
5. Der Willehalm - Weiterführung oder Kontrastbildung zum Frühwerk?
6. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die intertextuellen Bezüge zwischen Wolframs von Eschenbachs Frühwerk Parzival und seinem unvollendeten Spätwerk Willehalm, um den Grund und die Funktion dieser Bezugnahmen für den Autor und die zeitgenössische Rezeption zu analysieren.
- Analyse intertextueller Bezugnahmen auf Parzival-Figuren
- Untersuchung nicht personenbezogener Parzival-Elemente im Willehalm
- Erforschung der Funktionen von Intertextualität (z. B. Referenz- und Produzentenorientierung)
- Diskussion der Bedeutung von Mündlichkeit in der mediävistischen Forschung
- Evaluation des Willehalm als Weiterführung oder Kontrastbildung zum Frühwerk
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Anfortas
Anfortas war König der Gralsburg in Wolframs Parzival-Epos und der Onkel des gleichnamigen Titelhelden. Die Figur wurde im gesamten Handlungsverlauf nahezu ausschließlich in Verbindung mit der schmerzenden Wunde durch einen vergifteten Speer erwähnt.
Umso interessanter und aufschlussreicher ist demnach die Sicht, die der Rezipient nun durch die folgende Bezugnahme auf Anfortas im Willehalm erhält: do der milte Anfortas in Orgelusen dienste was, e daz er von vreuden schiet, und der gral im sin volc beriet; (...) (Wh. 279,13-16).
Auffallend ist hier, dass sich die Verweise auf den jungen Gralskönig nicht auf etwas beziehen, was direkt im Parzival geschehen ist. Nur durch kurze Anspielungen von Trevrizent in dem Gespräch mit Parzival könnte der Rezipient von dessen Zeit als Minneritter wissen: sîn jugent unt sîn rîcheit der werlde an im fuogte leit, unt daz er gerte minne ûzerhalp der kiusche sinne. (Pz. 472,27-30) Amor was sîn krîe. (Pz. 478,30).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die thematische Ausrichtung auf die intertextuellen Bezüge zwischen dem Parzival und dem Willehalm sowie die methodische Herangehensweise unter Berücksichtigung der Forschungsgeschichte.
2. Gegenstandsbestimmung: Dieses Kapitel skizziert die Rezeption der Werke im 13. Jahrhundert und definiert das spezifische Intertextualitätskonzept sowie die Mündlichkeit als zentralen Aspekt der mediävistischen Forschung.
3. Intertextuelle Bezüge des Parzival im Willehalm: Der Hauptteil analysiert detailliert, wie Figuren, Motive und Themen des Parzival im Willehalm als intertextuelle Bezugspunkte eingesetzt werden, um die Darstellung im Spätwerk zu erweitern oder zu kontrastieren.
4. Funktionen der intertextuellen Bezüge des Parzival im Willehalm: Hier werden die Ergebnisse der Einzelanalysen zusammengeführt, um die referenz-, text- und produzentenorientierten Funktionen der intertextuellen Verweise systematisch einzuordnen.
5. Der Willehalm - Weiterführung oder Kontrastbildung zum Frühwerk?: Dieses Kapitel diskutiert abschließend, ob der Willehalm primär als Fortschreibung des Parzival oder als bewusster Kontrast zu diesem zu verstehen ist.
6. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit schließt mit einer Prüfung der Intensität der Intertextualität anhand pfisterscher Kriterien, die den Stellenwert der Bezüge für das Verständnis des Gesamtwerks bekräftigen.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Willehalm, Intertextualität, Mittelalter, Rezeption, Anfortas, Feirefiz, Gawan, Minne, Mündlichkeit, Literaturwissenschaft, Epik, Narratologie, Gattungstransformation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die literarischen Bezüge, die Wolfram von Eschenbach in seinem Spätwerk Willehalm zu seinem erfolgreicheren Frühwerk Parzival herstellt.
Welche Themenfelder sind zentral?
Zentral sind die Funktionen von Anspielungen auf bekannte Figuren, Orte und Handlungsmotive sowie die Frage nach der Rolle des Autors und des Publikums in der mittelalterlichen Dichtung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, warum der Autor diese Bezüge herstellt und welche Bedeutung sie für die Interpretation beider Werke sowie für das Verständnis der mittelalterlichen Intertextualität haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von Textstellen im Vergleich zu primärliterarischen Ausgaben und nutzt theoretische Konzepte der Intertextualitätsforschung (z.B. von Pfister, Lachmann und Helbig).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden gezielt Figuren wie Anfortas, Feirefiz, Gahmuret, Parzival und Gawan sowie nicht-personenbezogene Elemente wie der Gral oder der Wald Lignaloe auf ihre Funktion im Willehalm untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Intertextualität, Rezeptionsästhetik, mittelalterliche Epik, Figurenkonstellation und Autorschaft.
Welche Rolle spielt die Figur des Rennewart im Vergleich zu Parzival?
Die Figur des Rennewart wird als eine Art "Spiegel" oder Analogie zu Parzival interpretiert, wobei die Arbeit kritisch hinterfragt, ob das Schicksal der einen Figur zwingend auf den (fragmentarischen) Ausgang der anderen schließen lässt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Mündlichkeit?
Die Mündlichkeit wird als wichtiger Rahmenfaktor betrachtet, der die Art und Weise der Markierung intertextueller Bezüge (z.B. durch Intonation statt durch Fußnoten) beeinflusste und die Deutung der Anspielungen durch das damalige Publikum komplexer gestaltete.
- Quote paper
- Nina Hollstein (Author), 2008, Intertextuelle Bezüge des Parzival im "Willehalm" Wolframs von Eschenbach, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117959