In welchem Zusammenhang stehen die gesellschaftliche Klasse und die Sexualität und welche Rolle nimmt Frau-Sein in den Debatten rund um die „sexuelle Verwahrlosung“ der „(neuen) Unterschicht“ ein?
Mit den zunehmenden Debatten in den letzten Jahren um „HartzIV“ , „AssiTV“ und „Sozialschmarotzer“ wurden auch die Diskurse um eine Diskriminierungsform aufgrund der Klassenzugehörigkeit immer präsenter. Auch wenn noch immer einige Theoretiker*innen meinen, dass es keine Klassen mehr gebe, sieht man an der zunehmenden Spaltung zwischen Arm und Reich, dass die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen nicht zu existieren aufgehört haben. Vielmehr steigt durch die Negation einer Klassengesellschaft auch die Möglichkeit einer Abwertung der Menschen aus den „unteren“ Klassen, da sie für ihre soziale Position selbst verantwortlich gemacht werden.
Durch zunehmende Medialisierung und Vorwürfe der Sexualisierung werden auch Debatten, die den Umgang mit Sexualität und Pornografie von Jugendlichen betreffen, immer stärker. Und obwohl der Klassismus-Begriff seit einigen Jahren auch in Deutschland Einzug gefunden hat, fallen diese Debatten zum Großteil doch sehr negativ und abwertend gegenüber den »unteren« Klassen aus. Mangelnde Bildung wird zur Grundlage einer „falschen“ Sexualitätsauslebung. Auf welchen Grundlagen diese Bewertungen einer „guten“ und „richtigen“ beziehungsweise einer „falschen“ und „schlechten“ Sexualität stattfinden, wird hingegen wenig bis gar nicht thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Klasse und Klassismus
2.1. Die Klassengesellschaft nach Bourdieu
2.2. Unterdrückung und die five faces of opression
2.3. Klassismus als klassenbezogene Unterdrückung
2.4. Klasse und Geschlecht
3. Sexualität
3.1. Sexuelle Repräsentation
3.2. Sexualität und Geschlecht
3.3. Sexualität und Klasse
4. Die »sexuelle Verwahrlosung« der »(neuen) Unterschicht«
4.1. Die »(neue) Unterschicht«
4.2. Die »sexuelle Verwahrlosung«
4.3. Die Frau als Sinnbild der »sexuellen Verwahrlosung« der »(neuen) Unterschicht«
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Klasse und Sexualität. Dabei wird analysiert, welche Rolle das Frau-Sein in den medialen Debatten rund um die sogenannte »sexuelle Verwahrlosung« der »(neuen) Unterschicht« einnimmt und inwiefern diese Diskurse als klassistische Diskriminierung zu verstehen sind.
- Analyse von Klassentheorien und Klassismus-Diskursen
- Untersuchung der gesellschaftlichen Konstruktion von Sexualität
- Erforschung der intersektionalen Verbindung von Klasse, Geschlecht und Sexualität
- Kritische Auseinandersetzung mit medialen Berichterstattungen zur »Unterschicht«
- Pädagogische Relevanz und Implikationen für die sexualpädagogische Praxis
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Klassengesellschaft nach Bourdieu
Bourdieu knüpfte zwar einerseits an Webers Verständnis an, erweiterte dessen Klassentheorie jedoch indem er erstens den Lebensstil bzw. die Lebensführung als einen zentralen Bestandteil integrierte und zweitens den von Weber gemachten Gegensatz zwischen Klasse und Stand neu überdachte (vgl. Bremer / Lange-Vester / Vester, 2014, S. 290; Chassé, S. 112). Bourdieu fokussierte sich bei seinem Klassenverständnis allerdings ebenso wie Weber hauptsächlich auf „die kulturellen, politischen und symbolischen Aspekte sozialer Ungleichheit“ (Rehbein / Schneickert / Weiß, 2014, S. 141).
Auch bei Bourdieu spielt das Kapital eine zentrale Rolle für die Klassenunterteilungen, jedoch bezieht es sich, anders als bei Marx, auf „fast alle Ressourcen, die gesellschaftlich wertvoll sind“ (ebd., S. 134) und umfasst somit alle Dinge, die dazu beitragen die soziale Position einer Person zu bewahren oder verbessern (vgl. ebd., S. 134f.). Damit wird Kapital zur Grundlage jedes sozialen Handelns, beziehungsweise zur notwendigen Ressource, die jedem Handeln unterliegt (vgl. ebd., S. 135). Vor diesem Hintergrund unterscheidet Bourdieu in eine horizontale und in eine vertikale Klassenunterteilung. Auf der vertikalen Achse ergibt sich unter Berücksichtigung aller Kapitalarten zunächst die Unterteilung in Oberschicht, Bürgertum und Unterschicht (vgl. Stange, 1993, S. 45). Auf der horizontalen Achse berücksichtigt Bourdieu nun darüber hinaus die unterschiedlichen Zusammensetzungen aller Kapitalarten mit besonderem Fokus auf dem Verhältnis von kulturellem und ökonomischem Kapital (vgl. ebd.). Damit legt Bourdieu der modernen Gesellschaft einen Klassenbegriff zugrunde, der nicht ausschließlich die objektive Ebene, also die durch Beruf und Einkommen bestimmte soziale Position thematisiert, sondern vor allem die „Klassenpraxis“ in den Mittelpunkt rückt (vgl. Bremer / Lange-Vester / Vester, 2014, S. 290).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Diskriminierungsform Klassismus und die Relevanz der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Klasse und Sexualität.
2. Klasse und Klassismus: Theoretische Fundierung des Klassenbegriffs nach Bourdieu sowie Definition von Unterdrückungsmechanismen und Klassismus als klassenbezogene Diskriminierung.
3. Sexualität: Analyse der gesellschaftlichen Konstruktion von Sexualität, ihrer Verknüpfung mit Geschlechterrollen sowie deren Bedeutung innerhalb unterschiedlicher Klassenverhältnisse.
4. Die »sexuelle Verwahrlosung« der »(neuen) Unterschicht«: Untersuchung der medialen Kampagnen gegen die Unterschicht und die spezifische Stigmatisierung von Frauen als Sinnbild für eine vermeintliche Verwahrlosung.
5. Fazit: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und Bedeutung der Arbeit für die sexualpädagogische Praxis.
Schlüsselwörter
Klassismus, Sexualität, Geschlecht, Klassengesellschaft, Bourdieu, Unterdrückung, Unterschicht, Mediale Debatten, Intersektionalität, Habitus, Diskriminierung, Sexualpädagogik, Machtverhältnisse, Moralpanik, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie gesellschaftliche Klassenstrukturen die Wahrnehmung und Bewertung von Sexualität beeinflussen und diskriminieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Klassentheorien mit geschlechterwissenschaftlichen Analysen und Diskursen über Sexualität und soziale Ungleichheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die klassistische Natur medialer Debatten über die sogenannte »sexuelle Verwahrlosung« der Unterschicht aufzuzeigen und deren Auswirkungen auf die soziale Diskriminierung, insbesondere von Frauen, darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die soziologische Klassentheorien (insbesondere Bourdieu) und intersektionale Ansätze nutzt, um aktuelle mediale Diskurse zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Grundlagen zu Klasse und Unterdrückung, das Konstrukt der Sexualität, die Verbindung von Geschlecht und Klasse sowie die spezifische mediale Kampagne zur »sexuellen Verwahrlosung«.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Klassismus, Sexualität, Intersektionalität, Unterschicht und mediale Repräsentation sind zentrale Begriffe.
Welche Rolle spielt die »(neue) Unterschicht« in dieser Analyse?
Sie dient als Fallbeispiel für eine Gruppe, die durch moralisierende mediale Zuschreibungen entwertet und für ihre eigene soziale Lage verantwortlich gemacht wird.
Warum wird das Frau-Sein als so zentral für die Debatte erachtet?
Frauen aus den unteren Klassen werden in der Berichterstattung oft als schlechte Mütter und moralisch defizitär markiert, womit ihr Sexualleben zum primären Angriffspunkt für soziale Abwertung wird.
Welche Relevanz hat die Arbeit für die Pädagogik?
Die Ergebnisse sollen Fachkräfte in der Sexualpädagogik sensibilisieren, bestehende Macht- und Diskriminierungsstrukturen in der Praxis zu erkennen und nicht zu reproduzieren.
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- Alex Zapf (Autor), 2019, Klassismus und Sexualität, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1180213