Die Blockchain Hype-Phase der letzten Jahre hat bereits neben Kryptowährungen mehrere potenzielle Use-Cases in diversen Branchen hervorgebracht. Eine intensive Betrachtung des Präferenzzollrechts als mögliches Anwendungsszenario ist jedoch noch nicht vorgenommen worden. Insofern umfasst die vorliegende Masterarbeit eine Evaluation des potenziellen Blockchain-Einsatzes im Austausch von Lieferantenerklärungen. Diese Nachweisdokumente werden zwischen Herstellern und Lieferanten zum Zweck der Ursprungsdokumentation innerhalb der EU beim Handeln von Waren ausgetauscht, um bei einem Export auf der Grundlage von Freihandelsabkommen Zölle einsparen zu können.
Insbesondere ist eine explorative Studie mit der Durchführung von Experteninterviews Gegenstand der Evaluation. Mit den Aussagen der Interviewpartner und der Eingrenzung auf die Automobilbranche ergibt sich im Ergebnis eine grundsätzliche Anwendbarkeit der Blockchain im Präferenzzollrecht. Lieferantenerklärungen können in einer konsortialen Blockchain problemlos zwischen den Beteiligten im Peer-to-Peer-Netzwerk ausgetauscht werden. Sämtliche Prozessteilnehmer profitieren dabei von einer solchen Lösung im LEAustausch, insbesondere die Zollbehörden und die Empfänger der Lieferantenerklärungen. Zur vollständigen Entfaltung sämtlicher Vorteile sind jedoch noch diverse Voraussetzungen notwendig, wie etwa die Klärung der Rolle der Zollbehörden.
Obwohl die Erwartungen der Experten größtenteils erfüllt werden, ergeben sich ebenfalls Risiken in den Bereichen der Finanzierung, der Stakeholder und der Technologie selbst. Zudem ist ein besseres Verständnis der Blockchain durch die Prozessbeteiligten erforderlich und die konkrete Zusammensetzung auch bei einer branchenübergreifenden Implementierung bleibt spannend. Die gewonnen Ergebnisse indizieren somit weitergehende Analysen, die eine Implementierung der Blockchain- Technologie beim Austausch von Lieferantenerklärungen in den nächsten Jahren ermöglichen könnten.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 PROBLEMSTELLUNG
1.2 ZIELSETZUNG UND METHODISCHES VORGEHEN
1.3 ABGRENZUNG
2 DEFINITIONEN
2.1 ZOLLBEGRIFF
2.2 ELEKTRONISCHER ZOLLTARIF
3 WARENURSPRUNGS- UND PRÄFERENZRECHT
3.1 SYSTEMATIK UND HINTERGRUND
3.2 WARENURSPRÜNGE UND FREIVERKEHRSEIGENSCHAFTEN
3.3 (LANGZEIT-) LIEFERANTENERKLÄRUNGEN
3.3.1 Arten von LEs
3.3.2 Von der Lieferantenerklärung zur Zollpräferenz
3.3.3 Lieferantenerklärungsprozesse
3.3.4 Präferenzkalkulation
3.4 PRINZIPIEN DES PRÄFERENZRECHTS
3.5 ANFORDERUNGEN DES PRÄFERENZZOLLRECHTS
4 ANALYSE DER EXPERTENINTERVIEWS
4.1 VORGEHEN DER INTERVIEWANALYSE
4.2 INTERPRETATION UND RESULTATE
4.2.1 Herausforderungen und Hürden
4.2.2 Gewünschte Verbesserungen
4.2.3 Bisherige Verbesserungsbestrebungen
4.2.4 Erwartungen an eine Blockchain
5 NUTZUNG DER BLOCKCHAIN-TECHNOLOGIE
5.1 HINTERGRUND UND IDEE
5.2 NETZWERKARCHITEKTUR
5.3 KLASSIFIKATION
5.4 KRYPTOGRAPHIE
5.4.1 Hash-Funktion
5.4.2 Asymmetrische Verschlüsselung
5.5 KONSENSBILDUNG
5.6 SMART CONTRACTS
6 IMPLEMENTIERUNG DER BLOCKCHAIN IM AUSTAUSCH VON LIEFERANTENERKLÄRUNGEN
6.1 ERFORDERNIS EINER BLOCKCHAIN
6.2 GESTALTUNG DES LE-AUSTAUSCHES
6.2.1 LE-Austausch in einer Blockchain
6.2.2 Abbildung und Auswertbarkeit einer LE
6.3 KLASSIFIKATION IM LE-KONTEXT
6.3.1 LE-Austausch via öffentlicher Blockchain
6.3.2 LE-Austausch via privater Blockchain
6.3.3 LE-Austausch via konsortialer Blockchain
6.3.4 Conclusio der Klassifikation
6.4 INF4-PROZESS
6.5 EVALUATION
6.5.1 Erfüllung der Erwartungen/Anforderungen
6.5.2 Risikobewertung
6.5.3 Nutzenbewertung
7 FAZIT
7.1 FESTSTELLUNGEN
7.2 EMPFEHLUNGEN
7.3 AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit evaluiert, ob der Einsatz der Blockchain-Technologie beim Austausch von Lieferantenerklärungen (LEs) im Präferenzzollrecht ein tragfähiges Anwendungsszenario darstellt, um bestehende Prozessdefizite zu minimieren.
- Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen des Präferenzzollrechts
- Explorative Untersuchung der LE-Prozesse mittels Experteninterviews
- Evaluierung technischer Voraussetzungen und Herausforderungen der Blockchain
- Diskussion von Lösungsansätzen für den Datenaustausch im Automobilsektor
- Risiko- und Nutzenbewertung einer Blockchain-Implementierung
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Arten von LEs
Mit einer LE gibt ein Lieferant Auskunft über die Präferenzursprungseigenschaft gelieferter Waren.75 Je nach Warenverkehr und Abkommensgebiet können LEs aufgrund verschiedener Rechtsgrundlagen und Ausprägungsformen unterschieden werden. Weltweit gibt es für LEs verschiedene geographisch begrenzte Anwendungsgebiete zum Nachweis des präferenziellen Warenursprungs, der nicht zwingend den EU-Handelsverkehr betrifft. Beispielsweise werden LEs in den Maghreb-Ländern, in der Zollunion des südlichen Afrikas (SACU) oder im Warenverkehr zwischen der EU und der Türkei nach Beschluss 1/2016 verwendet. Jede Abkommensregelung stellt dabei in rechtlicher und förmlicher Sicht unterschiedliche Anforderungen an LEs, sodass diese insgesamt uneinheitlich sind.76
Da der Fokus der Evaluation der Blockchain-Technologie auf dem Austausch von LEs innerhalb der EU liegt, wird der Begriff LE im Folgenden lediglich auf den Nachweis der Ursprungseigenschaft innerhalb der EU gemäß der Rechtsgrundlage des Art. 60 bis 66 UZK-DVO i. V. m. den Durchführungsbestimmungen der Art. 64 bis 66 UZK abgestellt.77 Auch in Bezug auf den Gültigkeitszeitraum und die Ursprungsangaben können LEs differenziert werden. Zeitlich stellt eine LE eine Einzellieferantenerklärung dar und wird somit für eine einzelne bestimmte Warenlieferung abgegeben. Für jede weitere Lieferung an einen Kunden ist der Lieferant gezwungen, eine neue LE auszustellen. Um jedoch den wirtschaftlichen Anforderungen von wiederholten Lieferungen gerecht zu werden und den LE-Ausstellungsaufwand zu verringern, ist eine LLE vorgesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Dieses Kapitel führt in die Blockchain-Technologie ein und beleuchtet die Problemstellung sowie das Ziel und das methodische Vorgehen der Masterarbeit.
2 DEFINITIONEN: Hier werden grundlegende Begriffe wie der Zollbegriff und der elektronische Zolltarif definiert, die für das Verständnis der Arbeit notwendig sind.
3 WARENURSPRUNGS- UND PRÄFERENZRECHT: Dieses Kapitel erläutert die rechtlichen Grundlagen des Warenursprungs- und Präferenzrechts sowie die spezifischen Prozesse bei Lieferantenerklärungen.
4 ANALYSE DER EXPERTENINTERVIEWS: Es erfolgt die Auswertung und Interpretation der durchgeführten Experteninterviews, um Anforderungen aus der Praxis zu identifizieren.
5 NUTZUNG DER BLOCKCHAIN-TECHNOLOGIE: Dieses Kapitel beschreibt Aufbau und Funktionsweise der Blockchain-Technologie mit Fokus auf die für den Anwendungsfall relevanten technischen Eigenschaften.
6 IMPLEMENTIERUNG DER BLOCKCHAIN IM AUSTAUSCH VON LIEFERANTENERKLÄRUNGEN: Hier wird der Kern der Arbeit evaluiert, indem die Implementierung der Blockchain in den LE-Austauschprozess detailliert betrachtet und bewertet wird.
7 FAZIT: Das Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse zusammen, gibt Empfehlungen und einen Ausblick auf künftige Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Blockchain, Präferenzzollrecht, Lieferantenerklärung, LLE, Warenursprung, Zollpräferenz, Automobilindustrie, Experteninterview, Prozessoptimierung, Digitalisierung, Konsortiale Blockchain, Zollrecht, Datenintegrität, Transparenz, Smart Contracts
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Eignung der Blockchain-Technologie zur Verbesserung des Austausches von Lieferantenerklärungen im Präferenzzollrecht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Präferenzzollrecht, die Prozesse rund um Lieferantenerklärungen und die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie zur Prozessdigitalisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Evaluation, ob der Einsatz der Blockchain-Technologie eine sinnvolle Lösung für den Austausch von Lieferantenerklärungen in der deutschen Automobilindustrie bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine literaturgestützte theoretische Untersuchung kombiniert mit einer explorativen qualitativen Studie mittels Experteninterviews.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Grundlagen des Präferenzrechts, die technischen Aspekte der Blockchain sowie deren Anwendung auf den LE-Austauschprozess detailliert analysiert und evaluiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind insbesondere Blockchain, Lieferantenerklärung, Präferenzzollrecht, Warenursprung und Automobilindustrie.
Warum wird die Automobilbranche als Fokus gewählt?
Die Automobilbranche ist durch hohe Handelsvolumina, komplexe Wertschöpfungsketten und ein hohes Interesse an Zolleinsparungen prädestiniert für diese Untersuchung.
Welche Blockchain-Variante wird empfohlen?
Auf Basis der Analyse wird eine konsortiale Blockchain empfohlen, da sie Flexibilität bei der Transparenz bietet und die Bedürfnisse der beteiligten Unternehmen sowie datenschutzrechtliche Vorgaben am besten in Einklang bringt.
Was sind die größten Hürden für die Implementierung?
Die Hauptbarrieren sind der Mangel an standardisierten Formaten, rechtliche Unsicherheiten, fehlende Treiberrollen der Zollbehörden und Misstrauen zwischen den Marktteilnehmern.
Ist eine Blockchain aktuell sinnvoll für den LE-Austausch?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass ein Einsatz zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht realistisch ist, aber das Potenzial für die Zukunft besteht, sofern die rechtlichen Rahmenbedingungen und technologischen Standards weiterentwickelt werden.
- Quote paper
- Tom Piper (Author), 2020, Blockchain-Technologie im Präferenzzollrecht. Evaluation eines potenziellen Anwendungsszenarios, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1181060