Wie kann es sein, dass der in der „Alltagspsychologie“ außerordentlich populäre Begriff der Massenpsychologie und das dahinter stehende gedankliche Konzept in der wissenschaftlichen Fachdiskussion so gut wie keine Rolle mehr spielen?
Die Arbeit gibt einen kritischen Überblick über ausgewählte Ansätze zur Massenpsychologie.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Geburt der Massenpsychologie
1. Gustave Le Bon
2. Gabriel Tarde
3. Scipio Sighele
III. Die Wirkungsgeschichte
1. Edward Alsworth Ross
2. William McDougall
3. Sigmund Freud und der psychoanalytische Ansatz
4. Kulturphilosophische Ansätze
a) José Ortega y Gasset
b) Hermann Broch
c) Elias Canetti
IV. Empirische Forschung und die behavioristische Wende
V. Kritik und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit reflektiert kritisch die historische Entwicklung und die zentralen Ansätze der Massenpsychologie. Ziel ist es, die wissenschaftliche Relevanz dieser Strömungen im Vergleich zu zeitgenössischen sozialpsychologischen Erkenntnissen zu bewerten und die Gründe für deren Verdrängung aus der aktuellen Fachdiskussion zu beleuchten.
- Ursprung der Massenpsychologie bei Le Bon, Tarde und Sighele
- Weiterentwicklung durch psychoanalytische und kulturphilosophische Strömungen
- Methodische Kritik an den frühen massenpsychologischen Konzepten
- Wissenschaftliche Aufarbeitung durch empirische und behavioristische Forschung
Auszug aus dem Buch
1. Gustave Le Bon
Gustave Le Bon (1841 – 1931) erkannte in der „Masse“ das zentrale Movens der modernen Gesellschaft. Im Hinblick auf die Ausformung der Gesellschaft sei die „Macht der Massen die einzige Kraft, die durch nichts bedroht wird und deren Ansehen immer mehr wächst“ (Le Bon, 1895/2009, S. 22). Angesichts dieser Erkenntnis und der von ihm wahrgenommenen Veränderungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit sah Le Bon sich sogar an der Schwelle zu einem „Zeitalter der Massen“ (Le Bon, 1895/2009, S. 22).
Die von Le Bon zum Gegenstand seiner Betrachtung gemachte psychologische Masse (auch „organisierte Masse“, Le Bon, 1895/2009, S. 29) sei ein dem „Gesetz der seelischen Einheit der Massen“ unterliegendes Kollektivwesen, das sich unter bestimmten Umständen ergebe und neue, von den Eigenschaften ihrer Angehörigen verschiedene, Eigentümlichkeiten aufweise. Die Position des Individuums in der Masse werde bestimmt durch ein „Schwinden der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewussten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen“ (Le Bon, 1895/2009, S. 37). Auf diese Weise bilde sich eine Gemeinschaftsseele, die zwar veränderlich, aber von eigener Art sei (Le Bon, 1895/2009, S. 29) und vermöge deren jeder einzelne in ganz anderer Weise als jeweils für sich fühlen, denken und handeln würde (Le Bon, 1895/2009, S. 32).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Die Einleitung verortet die Massenpsychologie als historisches Konstrukt und thematisiert ihre zunehmende Marginalisierung in der modernen psychologischen Fachliteratur.
II. Geburt der Massenpsychologie: Dieses Kapitel skizziert die Ansätze von Le Bon, Tarde und Sighele, die das Fundament der frühen Massenpsychologie bilden.
III. Die Wirkungsgeschichte: Es wird die Rezeption der romanistischen Schule durch Autoren wie Ross, McDougall, Freud sowie kulturphilosophische Denker wie Ortega y Gasset, Broch und Canetti untersucht.
IV. Empirische Forschung und die behavioristische Wende: Dieses Kapitel beschreibt den Übergang zur experimentellen Untersuchung des Gruppenverhaltens und die resultierende wissenschaftliche Neuorientierung.
V. Kritik und Fazit: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion über die wissenschaftliche Qualität der klassischen Ansätze und würdigt deren historischen Beitrag zur empirischen Sozialwissenschaft.
Schlüsselwörter
Massenpsychologie, Gustave Le Bon, Gruppenpsychologie, Sozialpsychologie, Massenphänomene, Suggestion, Nachahmung, Kollektivbewusstsein, Behaviorismus, Psychoanalyse, kulturphilosophische Ansätze, empirische Forschung, Gruppendynamik, Rationalitätsverlust, moderne Sozialwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und Entwicklung der klassischen Massenpsychologie sowie deren kritische Auseinandersetzung durch spätere wissenschaftliche Strömungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die theoretischen Modelle zur Masse, die Einflüsse auf das Individuum im Gruppenkontext sowie der historische Bedeutungswandel dieser Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist eine kritische Reflexion darüber, warum die klassische Massenpsychologie ihren Platz in der modernen Psychologie verloren hat und welchen bleibenden Wert sie dennoch besitzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Reflexion auf Basis der Auswertung massenpsychologischer Standardwerke und deren wissenschaftlicher Kritik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Gründungsphase, die Wirkungsgeschichte durch verschiedene Denker und die empirische Wende durch behavioristische Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Massenpsychologie, Suggestion, Kollektivdynamik, behavioristische Wende und die kritische Distanz zum ursprünglichen Paradigma.
Wie unterscheidet Gabriel Tarde die Masse vom Publikum?
Tarde sieht im Publikum ein "rein geistiges Kollektiv" von räumlich getrennten Individuen, das durch eine "Suggestion aus der Ferne" zusammengehalten wird, im Gegensatz zur physisch versammelten Masse.
Welche Rolle spielt Sigmund Freud bei der Einordnung der Masse?
Freud führt die Dynamik der Masse auf libidinöse Gefühlsbindungen zurück und beschreibt die Masse als ein Wiederaufleben der Urhorde, in der sich Individuen mit einem Führer identifizieren.
Wie beurteilt der Autor die wissenschaftliche Relevanz von Le Bon?
Der Autor schließt sich der harschen Kritik an, die Le Bons Thesen als ideologisch geprägt und wissenschaftlich weitgehend wertlos für die moderne Psychologie einstuft.
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- Georg Annuß (Autor), 2021, Panoptikum der Massenpsychologie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1181623