Höflichkeit im deutsch-spanischen Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Definitionsansätze
2.2. Höflichkeit in der Sprachwissenschaft
2.3. Das face -Modell

3. Höflichkeit durch grammatische Strukturen?
3.1. Modalverben / Konjunktiv
3.2. Partikel

4.1. Anrede
4.2. Aufforderungen

5. Ergebnisse des Vergleiches Spanisch / Deutsch

6. Fazit

7. Bibliografie

1. Einleitung

„Höflichkeit und gute Sitten machen wohlgelitten.“

Dieses und andere Sprichwörter versprechen ein sorgenfreieres Leben und mehr gesellschaftlichen Erfolg durch sittsames Auftreten und höfliches Sprechen. Doch auf was genau bezieht sich dieses 'höfliche Sprechen', wodurch wird es allgemein gekennzeichnet und welchen Stellenwert hat es in der Sprachwissenschaft?

Höflichkeit ist ein alltägliches und allgegenwärtiges Phänomen, ein normaler Bestandteil der Alltagskommunikation, das die Haltung des Sprechers gegenüber dem Adressaten verdeutlicht. Es kann somit das Selbstwertgefühl und den Grad der Zufriedenheit des Adressaten mit der Kommunikationssituation fördern. Höflichkeit dient also allgemein der Regulierung des menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft. Sie umfasst einen Kanon von Regeln oder Konventionen, die allerdings keinem hohen Verbindlichkeitsgrad unterliegen; aufgrund von unhöflichem Verhalten oder Äußerungen können keine rechtlichen Maßnahmen ergriffen werden.

Aber ein anderes Sprichwort warnt: „Ist die Höflichkeit zu groß, sitzt der Teufel ihr im Schoß.“ In manchen theoretischen Ansätzen findet man sogar eine Gleichsetzung von Höflichkeit und Unehrlichkeit, die sogenannte Höflichkeitslüge. Es gilt also auch gewissen Gefahren der falschen Graduierung von Höflichkeit vorzubeugen. Ehrhardt fasst diesbezüglich zusammen: „[...] man kann zu viel Höflichkeit für die Situation an den Tag legen und wird dann als unehrlich oder schmeichelhaft empfunden oder im Gegenteil zu wenig höflich sein und wird dann als unsozial, respektlos, gleichgültig gegenüber anderen angesehen.“ (Ehrhardt 2002: 31)

Sprache bietet einem also ein breites Spektrum an Ausdrucksmustern und gruppenspezifisch oder kulturell liegen unterschiedliche Erwartungen vor, was denn nun höflich sei. Daher gelten universelle Höflichkeitsmodelle auch als eher fragwürdig und einzelne Sprachvergleiche müssen betrachtet werden. Speziell im Bereich der spanischen und deutschen Sprache gibt es allerdings recht wenig sprachvergleichende Studien, vor allem nicht in Bezug auf Höflichkeit. Der Forschungsstand zur Höflichkeit ist generell sehr komplex und heterogen und bis jetzt liegt das wissenschaftliche Interesse mehr in Einzelanalysen zur Sprechakttheorie[1].

Daher soll im Folgenden etwas mehr auf das Phänomen Höflichkeit eingegangen werden und ihr Stellenwert in der Sprachwissenschaft ein wenig genauer umrissen werden. Dabei soll der Fokus immer von einem Blickwinkel des spanisch / deutschen Sprachvergleiches ausgehen.

Begonnen werden soll mit einer kleinen Übersicht, was Höflichkeit allgemein ist und welche Funktionen sie in einem Gespräch hat. Dann soll das Ganze aus einer eher sprachwissenschaftlichen Perspektive betrachtet werden und es wird untersucht, welche Rolle Höflichkeit in den einzelnen Bereichen der Sprachwissenschaft spielt. Detaillierter soll dann das face -Modell von Brown und Levinson vorgestellt werden, da es eines der einflussreichsten Ansätze der Höflichkeitsforschung darstellt. Nach diesen allgemeinen Ausführungen soll dann das Interesse vor allem auf dem Grammatikbereich liegen und es soll untersucht werden, ob Höflichkeit allein durch bestimmte grammatische Strukturen erzeugt werden kann. Als beispielhafte Analysen wird dann auf die Verwendung der Modalverben und des Konjunktivs sowie der Partikel im Deutschen und im Spanischen eingegangen. Des weiteren werden zwei bedeutende Forschungsbereiche der Höflichkeit vorgestellt, nämlich die Anrede und die Aufforderung. Der Vergleich der Höflichkeitsstrukturen im Deutschen und Spanischen soll dabei immer im Hinterkopf behalten werden und in Kapitel 5 mithilfe der Frage, ob man die Höflichkeit zweier Sprachen überhaupt hierarchisch vergleichen kann, ausgewertet werden. Ein abschließendes Fazit wird dann die Ergebnisse noch einmal kurz zusammenfassen.

2.1. Definitionsansätze

Den geschichtlichen Hintergrund des Höflichkeitskonzeptes bilden der Hof und die höfische Gesellschaft im europäischen Kontext als Ursprungs- und Ausgangsort besonderer Verhaltensweisen.

Heutzutage ist Höflichkeit ein gut erforschtes, aber dennoch schwierig zu definierendes Phänomen, welches auf einem dynamischen, veränderlichen Konzept beruht. Als sprachlicher Ausdruck spricht man auch von Höflichkeit als sekundärem kommunikativen Effekt, womit die konfliktvermeidende, beziehungs- und identitätsbildende Funktion gemeint ist. Allgemein dient Höflichkeit dem Selbstschutz und der Erhaltung eines positiven Selbstbildes[2].

Als Gegenteil von Höflichkeit seien laut Machwirth „alle jene Verhaltensweisen zu definieren, die präzis und eindeutig den Sachverhalt zum Ausdruck bringen und damit die kürzeste Verbindung zum anderen Menschen herstellen.“ (Machwirth, 285) Unhöfliche Äußerungen sind also in der Regel kürzer und weniger redundant als höfliche. Ein Sprecher hat folglich bei jeder Aussage die Auswahl zwischen direkten, eindeutigen, sprachlich-ökonomischen Formulierungen (einem Befehl z.B.) oder höflichkeitsfunktional modifizierten Ausführungen.

Wichtig zur Errechnung der anzuwendenden Höflichkeitsstrategie sind vor allem die soziale Distanz zwischen Sprecher und Hörer, die relative Macht des Sprechers bezüglich des Angesprochenen und besonders das kulturspezifisch bestimmte Gewicht der Handlung. Höflichkeit muss auch immer als eine interaktive Kategorie angesehen werden, denn die Höflichkeitsgrade stehen nicht fest und können nicht festgelegt werden, sondern ergeben sich in dialogischen Kommunikationen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die in Genzmers Grammatik zu findende Verallgemeinerung: „Höflichkeit ist nichts anderes als das sprachliche Offenlassen von Optionen.“ (Genzmer 1998: 126). Ehrhardt dagegen stellt fest, dass der Hörer durch eine höfliche Bitte weit mehr zu einer positiven Antwort verpflichtet wird (vgl. Ehrhardt 2002 S.123). Er schränkt Genzmers Aussage ein, in dem er auf den höheren Grad an Vagheit einer höflichen Formulierung hinweist: „Es ist unmittelbar einleichtend, dass Äußerungen mit niedrigerem Geltungsanspruch zurückhaltender wirken, dem Hörer mehr Reaktionsmöglichkeiten offen lassen und damit als höflicher angesehen werden.“ (Ehrhardt 2002: 126).

An dieser Stelle soll auch noch einmal betont werden, dass Höflichkeitsstrategien in jeder Sprache oder Kultur verschiedene Verfahren und Mittel der Abschwächung, Indirektheit und Dämpfung aufzeigen und dass Kommunkationsprobleme oder -missverständnisse oft aufgrund mangelnder Kenntnisse einer Zielkultur und deren divergierenden Höflichkeitsstilen auftreten. Besonders schwierig gestaltet sich daher ein höfliches Gespräch in einer Fremdsprache, da die Sprecher meist nicht verletztend wirken wollen, aber eine angemessene sprachliche Höflichkeit doch ein sehr hohes Maß an grammatischen Auswahlmöglichkeiten und Kenntnissen sowie sprachlichen Relativierungstechniken erfordert.

Nachdem Höflichkeit in diesem Kapitel nur sehr allgemein beschrieben wurde, soll im nächsten Abschnitt die Situation in der sprachwissenschaftlichen Forschung zum Thema Höflichkeit etwas genauer umrissen werden.

2.2. Höflichkeit in der Sprachwissenschaft

In den siebziger Jahren wurden im Zuge einer kontrastiven Welle die ersten Vergleiche von Höflichkeitsphänomenen (oft das Anredesystem) durchgeführt. Besondere Forschungsbereiche waren zum Beispiel Entschuldigungen, Kritik, Zurückweisungen, Beleidigungen und Verbote auf der einen Seite und Versprechen, Aufforderungen, Komplimente, Danksagungen sowie Begrüßungen und Verabschiedungen anderseits.

Es gab immer wieder Zweifel, ob man die Höflichkeit nicht eher der soziologischen Terminologie zuordnen sollte und die Sprachwissenschaft mit ihren genuin linguistischen Untersuchungsobjekten wie Wort, Kasus, Bedeutung, Satzstruktur usw. für unzuständig erklären müsste. Aber heutzutage beschäftigen sich zahlreiche Studien mit der Höflickeit, die zunehmend in linguistische Ansätze und die Terminologie eingeordnet wird. Oft wird Höflichkeit noch aus einer kommunkationstheoretischen Perspektive betrachtet und erst pragmatische Ansätze haben sich eingehender mit den Zusammenhängen von Sprache und Höflichkeit auseinandergesetzt. Die Feststellung, dass das Sprachsystem vieler, möglicherweise sogar aller Sprachen Strukturen aufweist, die ausschließlich oder teilweise dem Ausdruck von Höflichkeit dienen (auf eine verallgemeinernde Universalität muss an dieser Stelle natürlich verzichtet werden) macht sie zunehmend zum Untersuchungsgegenstand der Linguistik.

In fast allen gängigen Grammatiken ist mittlerweile das Schlagwort Höflichkeit enthalten, auch wenn es in DaF-Grammatiken noch nicht als seperates Thema (nur in Form von einigen situationstypischen Routineformeln) behandelt wird.

Bezüglich der Höflichkeitsforschung in der spanischen Sprache beobachten Placencia und Bravo Folgendes: „Este tipo de investigación no ha alcanzado en el español el grado de interés y de difusión que ha tenido en otras lenguas [...]“ (Placencia / Bravo 2002: III). Im Spanischen scheint es bereits schwierig zu sein, der Höflichkeitsforschung einen passenden Namen zu geben. Das Wort cortesía ist wohl am naheliegendsten, auch wenn die Definition, die einem das Salamanca Diccionario bietet, doch recht offen bleibt: cortesíaEducación, respeto y amabilidad hacia una persona. In manchen Aufsätzen ist daher die Rede von der ' cortesiología ', wobei dieser Begriff wohl noch keine allgemeingültige Anerkennung oder Verbreitung gefunden zu haben scheint.

2.3. Das face -Modell

Die bekannteste und bis jetzt wichtigste Höflichkeitstheorie stammt von Brown und Levinson. In ihr wird Höflichkeit als ein universales Prinzip verstanden, welches den konkreten kulturspezifisch geprägten verbalen Manifestationsformen höflichen Verhaltens unterliegt, wobei anzumerken bleibt, dass das Modell u.a. wegen dem unterschwelligen angelsächsischen Ethnozentrismus kritisiert wird. Vor allem die Weiterentwicklung bzw. Übertragung des 1971 von Goffmann entwickelten face / Gesicht -Begriffes hat sehr viel Einfluss auf weitere Theorien ausgeübt: „Central to our model is a highly abstract notion of „ face “ which consists of two specific kinds of desire („ face wants “) attributed by interactants to one another: the desire to be unimpeded in one's actions (negative face), and the desire (in some respects) to be approved of (positive face).“ (Brown / Levinson 1987: 3) Brown und Levinson unterscheiden also zwischen einem positiven und einem negativen face. Das Positive steht für den Wunsch, grundsätzlich anerkannt, geschätzt und unterstützt zu werden; mögliche Gefährdungen können für den Sprecher durch Selbstkritik, Entschuldigungen und Schuldeingeständnisse entstehen, für den Hörer durch Kritik, Zurückweisungen sowie Beleidigungen. Das negative Gesicht steht für die Handlungsfreiheit, sprich für das Bedürfnis, das eigene Territorium, den persönlichen Handlungsspielraum, so wenig wie möglich einschränken zu lassen; es kann auf der Sprecherseite durch Versprechen oder andere Festlegungen und auf der Hörerseite durch Verbote und Aufforderungen gefährdet werden. Lüger fasst zusammen:„In der zwischenmenschlichen Kommunikation geht es meist nicht allein um effktiven Informationsaustausch, um Sachverhalts-Mitteilungen im engeren Sinne; konstituiv ist ebenfalls das Bemühen der Kommunikationspartner, ihre Identitäten zu wahren, zu bilden oder zu stärken.“ (Lüger 2002: 5). Die faces entwickeln sich also erst in der Kommunkation, und es ist wichtig, dass beide Gesprächspartner ihre Aufmerksamkeit auf gesichtsstärkende Handlungen richten, wie z.B. Komplimente oder Sympathiekundgaben. Derartige Höflichkeitsstrategien stehen im Zentrum der Wahrung des Gesichts, aber es gibt auch die oben bereits aufgezählten gesichtsbedrohenden Akte, die sogenannten „ face-threatening-acs (FTA)“ (Brown/ Levinson 1987: 65ff.).

Höflichkeit ist laut dem Modell von Brown und Levinson als die Gesamtheit der Maßnahmen zu verstehen, die die Interagierenden ergreifen, um - auch bei gegenläufigen Interessen – die gegenseitigen Gesichter zu wahren, d.h. die gesichtsverletztenden Akte zu vermeiden, zu neutralisieren oder zu mindern.

3. Höflichkeit durch grammatische Strukturen?

Nachdem kurz die Rolle der Höflichkeit in der Sprachwissenschaft allgemein erläutert wurde und mit dem Modell von Brown und Levinson auch ein kommunikationstheoretischer Ansatz betrachtet wurde, soll der Fokus der weiteren Untersuchungen vor allem auf dem Stellenwert der Höflichkeit in der Grammatik gerichtet werden.

Bisher konnte das genaue Verhältnis von grammatischer Form, Beziehungsausdruck und Höflichkeit noch nicht geklärt werden. Außerdem gibt es relativ wenig sprachwissenschaftliche Texte, die sich ausschließlich mit Höflichkeit innerhalb eines grammatischen Kontextes beschäftigen, es werden eher spezifische Unterpunkte als extra Kapitel bei anderen Themenbereichen oder in Essaysammlungen behandelt. Höflichkeit erscheint z.B. oft als Unterkapitel zum Thema „sprachliche Indirektheit“, da sich Höflichkeit oft durch Formen der Abschwächung oder Indirektheit äußert. Durch die Indirektheit einer Aussage kann sich ein Sprecher selbst schützen; aus demselben Grund wird auch Ironie zur Abschwächung verbaler Angriffe eingesetzt.

Einige Autoren in der Romanistik ordnen die sogenannte 'Höflichkeitssprache' gar als eigenes Subsystem der langue ein, aber Lüger warnt:

Das Phänomen sprachlicher Höflichkeit umfasst mehr als eine abgegrenzte Höflichkeitssprache und lässt sich nicht auf ein bestimmtes Subsystem mit entsprechenden lexikalischen, morphologischen oder syntaktischen Mitteln reduzieren. Auch wenn sich verschiedene sprachliche Verfahren feststellen lassen, die – z.B. bei Aufforderungen – besonders für Zwecke der Dämpfung oder Abschwächung geeignet sind, ergibt sich daraus noch kein geschlossenes höflichkeitsspezifisches Inventar. (Lüger 2002: 22)

Auch wenn Höflichkeit sich zwar nicht als quasi Parallelsprache definieren lässt, so finden sich doch einige grammatische Modulierungen, die eine Aussage scheinbar höflicher werden lassen, so z.B. Präsätze (ich mein / es tut mir leid, aber ich glaub nicht, dass), Adverbien und Partikel (geht einfach / wirklich nicht) sowie der explizit für die Abschwächung eingesetzte Modusgebrauch (wenn mir das möglich wäre ..., würde ich es ja machen). Darüber hinaus wird die positive Sichtweise stark eingeschränkt (es wird dir nicht viel helfen) und fast wörtliche Wiederholungen, Verschiebungen (das muss ich mir noch überlegen) sowie Verzögerungen und Brüche der Satzkonstruktion werden eingesetzt. Auch Chodorowska-Pilch beobachtet gewisse Regelmäßigkeiten und häufigere Verwendungen bestimmter grammatischer Mittel zur Erzeugung von Höflichkeit:

Hemos sugerido también que determinados verbos (poder, querer), construcciones (condicionales, impersonales) y formas verbales (el imperfecto, el condicional, el futuro y el presente del subjuntivo) son recursos de los que se pueden valer los interlocutores para el mantenimiento de las reglas de cortesía en las ofertas. (Chodorowska-Pilch 2002: 35)

Der Zusammenhang zwischen bestimmten grammatischen Strukturen und der Höflichkeit muss aber noch genauer und anhand von konkreten Beispielen untersucht werden. Aus der Vielzahl von möglichen Grammatikbereichen werden im Folgenden nur zwei herausgegriffen und zwar die Verwendung von Modalverben und Partikeln. Da die Untersuchung sich kontrastiv auf das Deutsche sowie das Spanische beziehen soll, werden hauptsächlich Beispiele aus einer sehr detaillierten Studie von Monjour[3] zum Sprachvergleich des Almodóvar Filmes Todo sobre mi madre und seiner deutschen Übersetzung verwendet[4].

3.1. Modalverben / Konjunktiv

Der Gebrauch von Modalverben und des Konjunktivs (Präteritum) und vor allem die Kombination beider, gelten als höflich, wie folgende Beispiele aus dem Deutschen belegen:

(1) Wäre es Ihnen vielleicht möglich ... / Würde es Ihnen etwas ausmachen... / Hätten Sie vielleicht die Güte... / Wenn ich Sie vielleicht kurz fragen / bitten / unterbrechen dürfte ... / Dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten?

Diese und weitere Formulierungen werden intuitiv als besonders höflich aufgefasst. Doch was ist für diesen Höflichkeitseffekt ausschlaggebend? Und wirken manche Teilsätze heutzutage nicht schon fast etwas aufgesetzt und übertrieben? Außerdem finden sich bei genauerer Betrachtung auch andere Faktoren, die ebenfalls für eine Höflichkeitsanalyse mit ins Gewicht fallen: z. B. die Sie -Form als Anrede und die veränderte Satzform (es handelt sich um eine Aufforderung in Form einer Frage bzw. eines Konditionalsatzes). Es scheint also unangemessen, eine direkte Beziehung vom Verbmodus und der Auswahl eines Modalverbes und der Äußerungsbedeutung anzunehmen; der Grad der Höflichkeit ist von mehreren Faktoren abhängig.

Laut einigen Duden-Grammatiken wird der Konjunktiv Präteritum nicht bei Aussagen über Dinge, die tatsächlich existieren, verwendet, sondern nur als gedankliche Konstruktion. Aber im Einzelfall dürfte eine solche Annahme schwer nachzuweisen sein. Man kann nicht verallgemeinernd sagen, dass der Konjunktiv Präteritum verwendet wird, weil der Sprecher höflich sein will.

Es bleibt also unklar, was genau die Höflichkeit ausmacht. Der Konjunktiv bietet lediglich eine Möglichkeit der Modulierung des Anspruches auf Geltung, eine Aussage basiert also z.B. nicht auf hunderprozentiger Sicherheit des Sprechers oder drückt nur einen Wunsch aus. Die Stärke z.B. einer Aufforderung kann also durch die Verwendung des Konjunktivs variiert bzw. abgeschwächt werden. Ein Konjunktiv in Fragesätzen kann die Verpflichtung zur Antwort abgeschwächen.

Insgesamt lässt sich aber feststellen, dass die Verwendung von Modalverben oder des Konjunktiv Präteritums allein nicht ausreichen, damit eine Äußerung höflich genannt werden kann. Auch Ehrhardt kommt zu diesem Ergebnis:

Dabei wurde zunächst festgestellt, dass Höflichkeit nicht in erster Linie eine Funktion der Verwendung von grammatischen Kategorien ist. Es konnten keine im engeren Sinne syntaktischen Eigenschaften eines Satzes gefunden werden, die diesen zu einem höflichen Satz machen würden. 'Höflich sprechen' heißt demnach angemessen sprechen auf einer Ebene, die über diejenige der syntaktischen Analyse eines Satzes hinausgeht. Die sogenannten Höflichkeitsformen (Konjunktiv II, Modalverben etc.) können nur über die Vermittlung dieser anderen – pragmalinguistische zu beschreibenden – Ebene die Funktion erfüllen, einen Satz zu einer im sozialen Rahmen angemessenen Äußerung zu machen. (Ehrhardt 2002: 169)

Monjours Sprachvergleich zeigt zudem, dass Deutsche z.B. generell etwas mehr zum Gebrauch von Modalverben und des Konjunktivs neigen, aber ansonsten ist die Verwendung in beiden Sprachen ähnlich und zum selben Zweck, wie folgende Beispiele zeigen:

(2) Debe moverse lo menos posible / Sie sollten sich so wenig wie möglich bewegen (Sequenz 72)

(3) Me lo traería, por favor / Würden Sie's mir bitte bringen? (Sequenz 112)

In der deutschen Sprache lässt sich also eine Tendenz erkennen, die Direktheit einer Bitte oder Aufforderung etwas abzuschwächen, vor allem durch die Modalverben können und dürfen. Dies belegt vor allem ein Vergleich der Anzahl der Verwendungen in den beiden Sprachen. In der spanischen Filmversion wird 26 mal ein Modalverb anstelle des Imperativs verwendet, im Deutschen sogar 38 mal. Die Konstruktion eines spanischen Modalverbes und eines deutschen Imperatives an der gleichen Stelle existiert im Film nicht.

(4) Llévame al hospital, por favor / Du musst mich ins Krankenhaus bringen, bitte (Sequenz 79)

(5) Apóyese en mi brazo / Sie können sich auf meinen Arm stützen (Sequenz 11)

Insgesamt lässt sich feststellen, dass kein direkter und ausschlaggebender Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Modalverben und des Konjunktivs und des Eindrucks von Höflichkeit besteht. Außerdem wäre eine solche Relation erst recht nicht universal übertragbar, da Modalverben und Konjunktiv z.B. in der deutschen Sprache viel mehr Verwendung finden, ohne dass dadurch kontrastiv die deutsche Übersetzung des Filmes auf einer höheren Höflichkeitsebene angesiedelt ist.

3.2. Partikel

Partikel sind ein sehr wichtiger Bestandteil der deutschen (Alltags-)Sprache und erschweren oft die Arbeit vieler Übersetzer. Generell machen Partikel einen Text weniger abrupt und schroff, was eine angenehme Wirkung erzielt. Gegenseitiger Respekt und meist eine positive Einstellung gegenüber dem Gesprächspartner werden verdeutlicht. Besonders häufig tritt der Abschwächungspartikel mal in informalen Kommunikationen auf (vgl Held 2003: S.185), zum einen in Kombination mit anderen Partikeln (ja mal, schon mal, kurz mal) oder als Bestandteil größerer fester Muster (Modalverb + j a + mal, Imperativ + doch + mal). Mal drückt dabei ein gewisses Maß an Vagheit und Unverbindlichkeit aus und hilft, die Bedeutung des Satzes zu nuancieren. In Fragen oder Aufforderungen z.B. kann mal die Dringlichkeit des Erfragten herunterspielen:

[...]


[1] Definition Wikipedia: „Die Sprechakttheorie, auch Sprechhandlungstheorie, basiert auf der von manchen Richtungen der Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie nicht oder nicht genügend beachteten Tatsache, dass man mit sprachlichen Äußerungen (Reden) nicht nur Sachverhalte beschreibt und sich für deren Existenz verbürgt (Behauptung), sondern darüber hinaus Handlungen (Akte) vollzieht, zum Beispiel etwas anordnet (Befehl, gerichtliche Verfügung), einer Person oder Sache einen Namen gibt (Taufe, Benennung), sich selbst zu einem Tun verpflichtet (Versprechen), jemanden auf eine Gefahr hinweist (Warnung) oder jemanden seelisch verletzt (Beleidigung). Die Sprechakttheorie untersucht das Wesen sprachlicher Handlungen, ihre Klassifikation und ihre Erklärung.“

[2] Zur Erläuterung des face - bzw. Gesicht -Konzeptes von Brown und Levinson siehe weiter unten

[3] (vgl. Monjour 2006: 24ff)

[4] Hierbei darf natürlich nicht vergessen werden, dass der Text der Übersetzung etwas durch die vorgeschriebene Filmlänge und die Lippensynchronisation eingeschränkt sein kann, dennoch dürfte dies den Inhalt einzelner Sätze nur minimal beeinträchtigen.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Höflichkeit im deutsch-spanischen Vergleich
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik)
Veranstaltung
Kontrastive Grammatik
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V118173
ISBN (eBook)
9783640207763
ISBN (Buch)
9783656057635
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Höflichkeit, Vergleich, Kontrastive, Grammatik
Arbeit zitieren
Stefanie Brunn (Autor), 2008, Höflichkeit im deutsch-spanischen Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118173

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