Entwicklung und Debatte der Koedukation im Schulsport


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenschaftliche Erklärungsversuche zur Konstruktion des Merkmals Geschlecht

3. Historische Entwicklung der Koedukation in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert

4. Contra Koedukation im Schulsport in der heutigen Debatte

5. Pro Koedukation im Sportunterricht

6. Koedukativer Sportunterricht in der schulischen Praxis heute

7. Koedukation ja – aber wie?

8. Literatur

1. Einleitung

Das Thema der Koedukation im Sportunterricht wird in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren immer wieder kontrovers diskutiert. Seitdem hat sich einiges getan, die angestrebten Ziele wurden aber in unterschiedlichem Maße eher unbefriedigend erreicht. Aus diesem Grund gibt es auch in der neueren Zeit Debatten und Studien, welche sich mit dem Thema der Koedukation im Schulsport und derer Durchsetzbarkeit befassen. Die vorliegende Arbeit beschreibt zunächst die Ursachen einer Geschlechterkonstruktion, die vermeintlichen Unterschiede im Verhalten und den Interessen der Geschlechter, bevor sie auf einen kurzen historischen Abriss der Koedukation in Deutschland eingeht. Auf diese beiden Punkte aufbauend, werden die Pro- und Contra-Argumente der Koedukation herausgestellt, um im Abschluss der Arbeit der Frage auf den Grund zu gehen, ob die Koedukation im Schulsport ein angebrachtes Mittel zur Chancengleichheit der Geschlechter darstellt, oder ob die Gefahr zu groß ist, dass genau das Gegenteil erreicht wird, oder aber ob man an der gegenwärtigen Umsetzung der Koedukation einzelne Punkte didaktisch überdenken sollte, um die gesetzten Ziele effektiver und sicherer erreichen zu können.

Grundlegend erscheinen für die Auseinandersetzung mit dem Thema Koedukation die Fragen, ob es wirklich eine typisch weibliche oder männliche Sportkultur gibt und ob Frauen im Sport anders handeln als ihre männlichen Mitstreiter. Letztendlich beschäftigt sich die Arbeit mit der These, ob die in der Koedukation auftretenden Probleme mit derselben gelöst werden können. Zur weiteren Bearbeitung des Themas erscheint es im Folgenden unabdingbar, den grundlegenden Begriff der Koedukation zu definieren.

Meyers Lexikon definiert Koedukation als „[…] gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen im öffentlichen Bildungswesen […]“[1] mit dem Ziel der Chancengleichheit der Geschlechter. Diese Definition scheint im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit aber nicht geeignet, da sie zu wenig differenziert auf die eigentliche Problematik der Koedukation eingeht. Vielmehr erscheint mir die Definition von Pühse (1990) schon eher dafür geeignet, den Begriff zu definieren. Pühse unterscheidet zwischen dem gemeinsamen Unterrichten, was er als Koinstruktion bezeichnet und dem gemeinsamen Erziehen von Mädchen und Jungen, was seiner Meinung nach die Koedukation darstellt.[2] Mit dieser Meinung ist Pühse nicht allein, denn es gibt viele weitere Wissenschaftler, die diese beiden Begriffe mehr oder weniger scharf voneinander getrennt benutzen.

2. Wissenschaftliche Erklärungsversuche zur Konstruktion des Merkmals Geschlecht

Grundlegend für die Auseinandersetzung mit dem Thema Koedukation im Schulsport ist zunächst das Merkmal „Geschlecht“. Dabei geht es um die Fragen, wie die Geschlechter als unterschiedlich wahrgenommen werden und ob sich im Laufe der Zeit dahingehend eine Wandlung vollzogen hat. Die Unterteilung in Geschlechter ist eine besonders wichtige und in allen Kulturkreisen anzutreffende Kategorie, obgleich sie sich in den verschiedenen Kulturen unterscheidet.[3]

Die Konstruktion des Merkmals Geschlecht ist in der Debatte um die Koedukation von ausschlaggebender Bedeutung. Im 18. und 19. Jahrhundert begründeten Anthropologen die Unterschiedlichkeit der Geschlechter. Diese Unterschiede wurden mit dem Aufkommen und dem Durchsetzen der naturwissenschaftlichen Forschung gegenüber der religiösen Lehrmeinungen im Zuge des 18. Jahrhunderts ausschließlich mit den biologischen, d.h. anatomischen Voraussetzungen begründet, von dessen dann auf die psychischen Eigenschaften von Frauen und Männer geschlossen wurden. Durch den Blick in das Körperinnere der Menschen versuchte man die Verschiedenartigkeit der Geschlechter zu erfassen, zu untermauern und Normalitäten festzulegen.[4]

Dabei wurden Frauen als physisch mangelhaft ausgebildete Wesen gesehen, der Mann hingegen als stark, kraftvoll und aktiv.[5] Diese konstruierte Geschlechterordnung wurde im Sport nicht hinterfragt, da sie gerade hier sehr gut beobachtbar war und als natürlich gegeben angesehen wurde. Die zwei Geschlechter welche sich in Hinblick auf die Anatomie, die Konstitution und die Leistungsfähigkeit unterscheiden, waren im Sport sehr leicht auszumachen – die Unterschiede waren hier noch sichtbarer als in anderen Lebensbereichen. Hartmann-Tews (2006) bezeichnet dieses Phänomen als „visuelle Empirie“.[6]

Die Handlungsorientierung im sozialen System des Sports hat zu diesem Zeitpunkt die Auffassung über die natürliche Ungleichheit von Männern und Frauen bestätigt und damit weiter gefestigt. Der Sport diente also zu dieser Zeit der Konsolidierung der Chancenungleichheit, also genau dem Gegenteil dessen, was er heute erreichen will, beziehungsweise soll.

Mit der politischen Studentenbewegung und der damit zusammenhängenden Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre etablierte sich die Frauenforschung in der Sportwissenschaft.[7] Diese befasste sich mit der wissenschaftlichen Diskussion über die Rolle der Frau im Sport dessen System aufgrund der vorangegangenen historischen Sicht männlich geprägt war und bisweilen heute noch ist. Im Mittelpunkt der Frauenforschung der 1970er Jahre stand die soziale Lage von Frauen in der Gesellschaft und der damit verbundenen Chancenungleichheit in allen Lebenslagen. Das Anliegen bestand also darin, die bis dato vorherrschende naturwissenschaftlich-biologische Sicht zu überwinden und den Sport als gesellschaftliches Subsystem in Bezug auf die Geschlechterrollen zu untersuchen.[8]

In der frühen Phase der Frauenforschung ging es also darum zu zeigen, dass die Unterschiede der Geschlechter im Sport nicht biologisch-naturwissenschaftlich zu untersuchen und zu erklären sind, sondern dass die Kategorie Geschlecht sozialisationsbedingt auf der Grundlage der Machthierarchie konstruiert wird.[9]

Bis in die 1980er Jahre hinein legte man das Hauptaugenmerk auf „[…] sozialisatorische und sozialstrukturelle Defizite in der Lebenswirklichkeit von Mädchen und Frauen.“[10]

Durch die Erklärungsversuche der ungleichen Entwicklungschancen entwickelten sich neue sportpädagogische Konzepte, welche das Ziel hatten, Mädchen und Frauen durch eine feministische Sportpraxis stärker in den Sport integrieren zu können und den Nachholbedarf der Mädchen und Frauen in der Sportpraxis zu minimieren.

Erst gegen Ende der 1980 Jahre rückten diese Defizite in den Hintergrund der sportwissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Frauenforschung. Vielmehr ging es jetzt um die Unterschiede der Geschlechter, also genau dem Gegenteil von dem, was die Forschung vorher in den Vordergrund stellte.[11]

Frauen wurde in Bezug zu den Männern nicht mehr als defizitäre Wesen gesehen, sondern die Unterschiede wurden bewusst herausgestellt und als positiv angesehen – die Frau wurde durch die Abweichung von der Norm dadurch aufgewertet. Das Hauptaugenmerk lag bei diesem Differenzansatz darauf, dass die Stärken und die Potentiale der Frauen wiederentdeckt werden sollten. Im Zuge dieser Forschung gab es gehäuft eine Auseinandersetzung mit Lebensläufen junger Frauen und Sportlerinnen wodurch auf die Frage nach der Unterrepräsentanz von Frauen in leitenden Rollen in Sport- und Turnvereinen eine Antwort gesucht wurde. Als Antwortmöglichkeiten beinhalteten diese Konzepte die althergebrachten Rollenerwartungen von Männern und Frauen, sowie traditionelle und diskriminierende Alltagstheorien über weibliche Fähigkeiten.[12]

Dabei ging man von den Machtstrukturen und der bestehenden und alten Machthierarchie aus, welche ebenfalls einer gewissen Geschlechterordnung unterworfen waren. Der Differenzansatz dieser Zeit zielt also auf die Differenz der Geschlechter und die Geschlechterhierarchie.

Zehn Jahre später wurde und wird bis heute vermehrt versucht, die Geschlechterungleichheit sozialkonstruktivistisch zu erklären. Ausgehend davon, dass Menschen selbst die gesellschaftlichen Phänomene erzeugen, sie in eine gesellschaftlich anerkannte Form bringen und von Generation zu Generation weitergeben, sind die Unterschiede der Geschlechter durch die Gesellschaft zu erklären, welche dann im Laufe der Zeit quasi naturalisiert werden. Mittlerweile ist die Wissenschaft vom Begriff der Frauenforschung auf den Begriff der Geschlechterforschung übergegangen. Die Kategorie Geschlecht wird mittlerweile in die Termini „sex“ als biologisches Geschlecht und „gender“ als soziales Geschlecht getrennt.

3. Historische Entwicklung der Koedukation in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts existierte in Deutschland noch keine allgemeine Schulpflicht. Nach derer Einführung wurde in den Volksschulen koedukativ unterrichtet, während die höhere Schulbildung getrennt nach Geschlecht durchgeführt wurde[13]. Mädchen duften zwar ebenfalls eine höhere Töchterschule besuchen, jedoch waren die Bildungsabschlüsse der Mädchen als minderwertig angesehen und ein Universitätsstudium blieb ihnen verwehrt. Auf dieser Grundlage regte sich ein immer größer werdender Protest aus den Reihen der Frauenbewegung, bis 1908 die preußische Schulreform in Kraft trat. Diese beinhaltete unter anderem die Gleichsetzung der Abschlüsse von Frauen und Männern. Erstmals wurde dadurch Frauen ein Universitätsstudium ermöglicht.

Unverändert blieb dabei aber ein getrennter Unterricht dem verschiedene Lehrpläne zugrunde lagen.

Die 1920er Jahre bezeichnen die Anfänge des Schulsports für Mädchen. Aufgrund besorgniserregender Untersuchungen von Ärzten, welche auf die insgesamt schlechte Physis von Frauen und Mädchen aufmerksam machten, fanden vereinzelt Turnkurse speziell für Mädchen statt. Zur gleichen Zeit regte sich Widerstand vermehrt von Seiten der Männer gegen das Mädchenturnen, da eine Beeinträchtigung der Gebärfähigkeit befürchtet wurde. Diese Ängste wurden weiterhin verstärkt durch Vorurteile über das „schwache“ Geschlecht und der allgemeinen Angst, dass der Turnunterricht die Mädchen zu „Amazonen“ oder „Mannsweibern“ erziehen könnte[14].

Zunächst fand ein regelmäßiger Turnunterricht für Mädchen nur an den höheren Töchterschulen statt. Schülerinnen der Volksschule hatten an seiner Stelle das Unterrichtsfach Handarbeit als Vorbereitung auf ein Leben als Hausfrau und Mutter zu absolvieren.

Für Jungen hingegen waren Leibesübungen als Schulfach selbstverständlich.

Die Inhalte des Mädchenturnens an Töchterschulen waren sehr stark eingeschränkt. Voranging absolvierten sie Ordnungsübungen und Reigen, da anstrengende Übungen für das „schwache Geschlecht verboten waren. Zur Begründung wurden pseudo-wissenschaftliche Untersuchungen angeführt, welche besagten, dass beispielsweise eine zu starke Muskulatur negative Folgen für Geburten hätten, oder dass Reiten ungeeignet sei, da hierdurch die Beckenorgane zu sehr erschüttert würden.[15]

Daher gab es auch keinen gesundheitlichen Nutzen und zudem kam es zu weiteren Anspannungen zwischen den Geschlechtern durch die ungleiche Behandlung. Daraus resultierten dann auch erste Forderungen nach Koedukation im Sportunterricht. Diese Forderungen mussten aber durch den aufkeimenden Nationalsozialismus herbe Rückschläge einstecken, da in dieser Ideologie die Unterschiede zwischen Mann und Frau stark betont wurden. Dabei galt die Frau vorrangig als Mutter oder Hausfrau, während sich Männer um Politik und Staat kümmern und Kämpfer bzw. Krieger darstellten.[16]

Nach dem II. Weltkrieg nahm die Entwicklung in Ost- du Westdeutschland einen unterschiedlichen Verlauf. Während man in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR von Anfang an auf Koedukation, auch im Sportunterricht setzte, dauerte es in Westdeutschland weitere 20 Jahre bis auch hier, jedoch mit Ausnahme des Sportunterrichts, koedukativ unterrichtet wurde.

Im Laufe der 1970er Jahre veröffentlichten viele Autoren, wie z.B. Funke (1974), Brehm (1975) oder später Kugelmann (1980) Artikel, Bücher und Unterrichtsversuche, welche sich mit dem Thema des gemeinsamen Sporttreibens befassten. Sie alle waren der Auffassung, dass der erzwungene reine Mädchensport die Mädchen in ihren Entwicklungschancen negativ beeinträchtigt und nicht zur Gleichstellung von Mann und Frau beiträgt.[17] Die neuerliche Auseinandersetzung mit dem Thema hat zu dieser Zeit viele Ursachen. Zum einem entwickelte sich die Technik, wie z.B. Telefon und Fernseher sehr schnell, und zweitens hing die zunehmende Emanzipation der Frauen und Mädchen mit der Entwicklung der Pille zusammen, wodurch dem weiblichen Geschlecht ganz neue Möglichkeiten aufgeboten wurden.[18] Die Einstellung zum weiblichen Körper änderte sich zusehend.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Chancengleichheit der Geschlechter wurden soziale Ungleichheiten im Sport auffällig.[19]

[...]


[1] Meyers Lexikon online [Zugriff unter http://lexikon.meyers.de/meyers/Koedukation]

[2] Pühse, U. (1990) Seite 193

[3] Alfermann, D. (1994) Seite 212 (in: Pühse, U. (Hrsg.): Soziales Handeln im Sport und Sportunterricht), sowie Meinberg E. (1991) Seite 145

[4] Pfister, G. (2006) Seite 27

[5] Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 41

[6] Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 42

[7] Voss, A. (2003) Seite 18

[8] ebd. Seite 17

[9] Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 45

[10] ebd.

[11] Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 46

[12] ebd.

[13] Wydra, G. Seite 69

[14] Sauerwein-Weber, U.

[15] Grupe, O. und Krüger M. (1997) Seite 33

[16] Wydra Seite 69

[17] Kugelmann (1999)

[18] Pfister G. Seite 37 in: Hartmann-Tews und Rulofs (2006): Handbuch Sport und Geschlecht

[19] Hartmann-Tews I. & Rulofs, B. (2006) Seite 9

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Entwicklung und Debatte der Koedukation im Schulsport
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Sportwissenschaft)
Veranstaltung
Allgemeine und spezielle Themen der Sportdidaktik
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V118182
ISBN (eBook)
9783640207879
ISBN (Buch)
9783640207930
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Debatte, Koedukation, Schulsport, Allgemeine, Themen, Sportdidaktik
Arbeit zitieren
Mathias Herbst (Autor), 2008, Entwicklung und Debatte der Koedukation im Schulsport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118182

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