Aufstände der plebs rustica in der römischen Kaiserzeit

Studien zur antiken Sozialgeschichte


Bachelorarbeit, 2006
40 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Imperium Romanum und die plebs rustica
2.1. Der Kaiser und die plebs rustica
2.2. Zur Homogenität und Heterogenität der plebs rustica
2.3. Die Stellung der plebs rustica

3. Wirtschaftliche und soziale Gegensätze auf dem Lande

4. Die „Krise“ des 3. Jahrhunderts und Erhebungen der plebs rustica

5. Christlicher Glaube und soziale Kritik

6. Aufstandsbewegungen
6.1. Der jüdische Krieg
6.2. Der Krieg der Fahnenflüchtigen (bellum desertorum)
6.3 Die Bagaudenbewegung
6.4. Die Circumcellionen- oder Agonistikerbewegung
6.5. Der Aufstand des Firmus

7. Ergebnis und Ausblick:
Verschärfung der sozialen Gegensätze und Untergang des Reiches

8. Quellen und Literatur
8.1. Quellen
8.2. Literatur (Auswahlbibliographie)

9. Karte der Volksbewegungen und Völkerwanderungen im 4. und 5. Jh.

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit sozialen Konflikten innerhalb der römischen Gesellschaft von der frühen Kaiserzeit bis in die Spätantike mit spezieller Ausrichtung auf die ländlichen Bevölkerungsschichten, den Transformationsprozess des 3. Jahrhunderts und die bäuerlichen Aufstandsbewegungen im 3.-5. Jahrhundert. Die geographische Abgrenzung ist durch das Gebiet des Imperium Romanum mit besonderem Blick auf Italia, Gallia, Hispania, Africa und Judäa gegeben.

In der modernen althistorischen Forschung finden die römische Sozialgeschichte und damit verbundene gesellschaftliche Konfliktsituationen immer größeren Anklang, was sich in zahlreichen Monographien und Aufsätzen zu diesem Thema widerspiegelt.[1] Allerdings ist die Quellenlage mit Blick auf sozialgeschichtliche Konflikte, Unruhen und Aufstände der plebs rustica nicht sehr ergiebig. Dies liegt vor allem an der bewussten Verfälschung und Vertuschung der Ereignisse durch viele römische Geschichtsschreiber. Es lag nicht im Interesse der „High Society“ des Reiches, dass ausführliche Berichte über ländliche Massenerhebungen gegen die bestehenden sozialen Missstände festgehalten wurden oder gar an die Öffentlichkeit gelangten. Selbst wenn solche Rebellionen erfolgreich bekämpft werden konnten.[2]

In den antiken Quellen und daraus schlussfolgernd oftmals auch in der wissenschaftlichen Literatur wird häufig der Eindruck erweckt, dass Aufstände der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung mit Sklavenaufständen gleichzusetzen sind. Diese Schlussfolgerung ist aber nicht immer korrekt. Ab dem 3. Jahrhundert kann in den Quellen aufgrund gleichwertiger Begrifflichkeiten nicht mehr klar zwischen Sklaven und abhängigen Bauern unterschieden werden. Abgesehen davon täuscht der Begriff Bauernaufstand häufig darüber hinweg, dass auch andere Gesellschaftsschichten, mitunter sogar Personen der Mittel- und Oberschichten, beteiligt waren.[3]

Da es häufig schon an den genannten Grunddifferenzierungen mangelt, bleiben entscheidende Fragen bisweilen ungeklärt, wie z. B. nach den Beteiligten, Ursachen, Zielen, Abläufen, gesellschaftlichen Folgen und letzten Endes auch die zentrale Fragestellung nach dem Zusammenhang zwischen bäuerlichen Aufständen und dem Zerfall des Imperium Romanum. Auf diese von der bisherigen Forschung nur unzureichend beleuchteten Probleme möchte die Arbeit näher eingehen und Bewegung in die seit Rostovtzeff[4] ins Stocken geratene Diskussion bringen.

2. Das Imperium Romanum und die plebs rustica>

Landarbeiter machten den größten Teil der Bevölkerung des Imperium Romanum aus. Sie lassen sich in mehrere Kategorien unterteilen. Neben den Sklaven zählten die incolae zu den ärmsten Bevölkerungsteilen. Sie lebten unter elenden Bedingungen, die der Leibeigenschaft ähnlich erscheinen, in einfachen Zelten auf dem Lande. Ihre Abhängigkeit von einem „Geldgeber“ oder „Ernährer“ standen der Beziehung zwischen „Sklave“ und „Herr“ kaum nach. Ähnlich erging es den sogenannten Tagelöhnern, die auf der Suche nach (Saison-) Arbeit häufig von Hof zu Hof zogen, um ihre Arbeitskraft anzubieten. Aufgrund der ständigen Fluktuation hatten sie keinen nennenswerten eigenen Besitz und ernährten sich ausschließlich aus unselbständiger Arbeit. Besser erging es den Kleinbauern, die über einen (wenn auch nur geringen) Grundbesitz verfügten. Allerdings waren sie wegen der zu kleinen eigenen Anbaufläche oft auf die Bearbeitung kaiserlicher oder privater Latifundien angewiesen. Seit Neros Konfiskationen waren Kolonen vermehrt anstelle von Sklaven auf den, aus Privatbesitz stammenden, neuen Latifundien des Kaisers eingesetzt. Daneben gab es auch auf den privaten Gütern coloni, die wie die tabulae Albertini beweisen, durch die lex Manciana geschützt waren.

Der Unterschied zwischen armen und reichen Bauern wird bei Apuleius[5] sehr deutlich. Er beschreibt, wie ein reicher Bauer seinen armen Nachbarn, die keinerlei behördliche Hilfe erwarten können, mit verschiedensten Druckmitteln[6] ihr bisschen Hab und Gut abzujagen versucht. Solche Darstellungen zeigen einleuchtend die instabilen Verhältnisse auf dem Lande. Außerhalb der Stadtgebiete scheint Recht und Ordnung von demjenigen abhängig gewesen zu sein, der Macht, also ausreichend Geld, Grund und Boden vorzuweisen hatte. Die reichen Oberschichten der Provinzen, in der Regel Großgrundbesitzer konnten sich den Anschluss an des römische System und die Romanisierung in politischer, kultureller und rechtlicher Hinsicht leisten, während die Unterschichten auf dem Lande weiterhin in Armut und Elend lebten. Entscheidend ist die Frage, ob die römischen Verhältnisse eine gewisse Entspannung des Gegensatzes brachten oder ihn gar noch verschärften.

Wirtschaftlich gesehen brachte das Imperium sicherlich Vorteile für viele Landwirte. Es sollte den Frieden garantieren, sorgte weitestgehend für einen einheitlichen großen Absatzmarkt und brachte neue Technologien[7], Anbaumethoden sowie ertragreiche Pflanzensorten[8] in die Provinzen. Andererseits forderte der römische Staat hohe Abgabenleistungen, die besonders die ländliche Bevölkerung stark belasteten. Die zunehmende Urbanisierung des Imperiums verlangte eine erhöhte landwirtschaftliche Produktion, um den Nahrungsmittelbedarf der wachsenden Städte zu decken. Durch die Urbarmachung und „Verstaatlichung“ von Anbaugebieten konnte zwar die Produktionsmenge gesteigert werden, gleichzeitig musste der einfache Bauer für das gleiche Auskommen eine größere Fläche bearbeiten, und der Arbeitskräftebedarf stieg stetig an. Dieser Bedarf konnte nicht mehr ausreichend durch servi gedeckt werden, deren Arbeitsmoral und Produktivität verständlicherweise ohnehin schlecht war. Die Stagnation der sklavenabhängigen Produktion auf den Großgütern[9] und die Neronischen Konfiszierungen des Jahres 60 boten der wachsenden Schicht der Tagelöhner ein neues Auskommen und die Sicherung eines gewissen Lebensstandards als Kleinpächter, als coloni.

Ökonomische, demografische und politische Veränderungen sollten allerdings zum Ende des 2. Jahrhunderts zu einer erneuten Armutswelle gerade unter den Kolonen führen, auch wenn vorerst die lex Manciana[10] in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts eine Verbesserung der Kolonatsverhältnisse einläutete. Durch allgemein geltende Abgabenfestlegungen, die sich am erzielten Ertrag orientierten und die individuellen Pachtverträge mit festen Abgabesummen ersetzten, sollte einer weiteren Verschuldung der coloni entgegengewirkt und zusätzliche Arbeitskräfte angelockt werden. Die lex Hadriana (de rudibus agris)[11] gestattete den Kolonen des weiteren die sonst dem Gutsverwalter vorbehaltene Nutzung der fruchtbarsten Ackerflächen,[12] sofern diese brach lagen, und räumte ihnen das Erbrecht ein[13]. Viele provinziale Pachtbauern erhielten zudem das römische Bürgerrecht und darüber hinaus die Möglichkeit zur Bildung kleiner Interessenvertretungen, um rechtlichen und politischen Forderungen mehr Gewicht zu verleihen. Dass die coloni nicht völlig hilflos der Obrigkeit gegenüberstanden, beweist die Flucht ganzer Dörfer in Wüsten- oder Sumpfregionen[14], die für obrigkeitliche Sanktionen schwer zu erreichen waren. Wollte der Grundherr seine brachliegenden Flächen gewinnbringend nutzen, musste er über kurz oder lang auf die Forderungen der „Streikenden“ eingehen. Aber auch Petitionen an den Kaiser waren unter Umständen erfolgreich, wenn sie nicht gerade den normalen Instanzenweg über den zu beanstandenden conductor oder procurator gingen. Oft zitiert und beispielhaft hierfür ist eine Bittschrift der coloni des saltus Burunitanus an den Kaiser.[15] Sie resultierte aus der zwangsweisen Erhöhung der Naturalleistungen und unentgeltlichen Arbeitstage durch den conductor Allius Maximus.

2.1. Der Kaiser und die plebs rustica

Dass die Unterschichten für den Kaiser eine wichtige Stütze seiner Macht darstellten, zeigen die zahlreichen Zuwendungen und Gesetzesinitiativen zur Verbesserung der Lage der plebs rustica. So reagierte Commodus auf die unzureichende Annona-Politik seines einflussreichen Prätorianerpräfekten Cleander, mit dessen Hinrichtung.[16] Unter den Severern wurden die afrikanischen Agrargesetze neu herausgebracht, in allen Domänen öffentlich verkündet und zugänglich gemacht. Damit sollte den Kolonen die Möglichkeit geboten werden, sich über ihre Rechte zu informieren und sie gegenüber den Grundherren durchzusetzen. Das aber diese Politik der Kaiser, besonders der Soldatenkaiser mit der traditionellen Solidargemeinschaft zwischen Bauern und Soldaten zusammenhängen soll, erscheint mittlerweile fraglich.[17] Gerade unter dem ersten Soldatenkaiser Septimius Severus[18] wurde die Landbevölkerung durch die Reform der annona noch stärker in die Versorgung der Legionäre eingespannt.[19] Das belastete weniger die Latifundienbesitzer, als vielmehr die Kolonen und Kleinbauern. Hieraus ergaben sich sicherlich keine freundschaftlichen Bindungen zwischen Landwirt und Soldat. Des weiteren ergänzten sich die Truppen zumindest in den Provinzen Numidia und Africa Proconsularis, wie häufig fälschlicherweise angenommen wird, weniger aus der plebs rustica, als vielmehr aus den Bürgern der Städte. Das belegen die Listen der legio III. Augusta und ihrer Auxiliartruppen.[20] Folglich gab es nur vereinzelt familiäre Bindungen zu Armee. Die Ansicht, dass mit dem politischen Machtzuwachs des Militärs, das seit dem 3. Jahrhundert stärker denn je als „Kaisermacher“ auftritt, eine Aufwertung der einfachen Landarbeiter erfolgte, mag auf den ersten Blick zwar einleuchtend sein, entspricht aber nicht den Belegen.

Warum schenkte der Kaiser dann der plebs rustica eine solche Beachtung? Es lag in seinem Interesse, Ruhe und Ordnung im Reich zu bewahren, um seine eigene Machtposition zu stabilisieren. Dafür musste aber der Willkür des pro-consul im Großen bzw. des conductor im Kleinen Einhalt geboten werden. Auf der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Großgrundbesitzern und Bauern ruhte letztlich die Nahrungsmittelversorgung der römischen Städte. Wenn Unruhen der plebs urbana in Rom vermieden werden sollten, musste die Getreideversorgung funktionieren. Wurde der einfache Landarbeiter von seinem „Vorgesetzten“ drangsaliert und ausgebeutet, war die Wahrscheinlichkeit größer, dass er Landflucht beging und die Felder unbestellt zurückblieben. Das gefährdete die Versorgung des Reiches. Der innere Frieden und die ausreichende Lebensmittelversorgung war aber schließlich das Leitmotiv und ein entscheidender Legitimationsgrund für die Kaiser – bereits seit dem Prinzipat des Augustus.

2.2. Zur Homogenität und Heterogenität der plebs rustica

Zwischen Ober- und Unterschichten kann nur bedingt eine eindeutige Trennlinie gezogen werden. Von einem „Klassenbewusstsein“ war der antike Mensch sicherlich noch weit entfernt.[21] Innerhalb der Schichten kann kaum von einem ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühl gesprochen werden, wie immerwährende Streitigkeiten zwischen den alten Senatorengeschlechtern und neuen aufstrebenden Eliten des ordo equester und der ordines decurionum zeigen. Auch innerhalb der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung gab es keine Solidarität, sondern starke Differenzen.[22] Die Kleinbauern mit ihrem, wenn auch geringen, Grundeigentum oder die Kolonen der kaiserlichen Domänen mit ihren Privilegierungen fühlten sich sicherlich weniger den besitzlosen Tagelöhnern und herumziehenden Landarbeitern verbunden, als vielmehr dem unteren Ritter- oder Dekurionenstand. Es ist also vorerst keine große homogene plebs rustica zu erkennen. Natürlich gab es bestimmte Interessengruppen, die durch wirtschaftliche, politische und vor allem, mit dem aufkommenden Christentum, auch durch religiöse Gemeinsamkeiten miteinander verbunden waren. Die rustici vernulae et alumni saltuum Caesaris waren sich sicherlich bewusst, dass sie für die Rechte der kaiserlichen Kolonen eintraten. Sie waren durch eine gemeinsame wirtschaftliche und auch religiöse Verbindung zum Kaiser geeint. Die Rechte der Kolonen der privaten Besitzungen spielten in ihren Überlegungen sicherlich keine Rolle.

2.3. Die juristische und soziale Stellung der plebs rustica

Ein Bauer, der sein Recht durchsetzen wollte, musste einerseits möglichst nahe bei einer Stadt wohnen, um sein Anliegen den dortigen Behörden vortragen zu können und andererseits, einer Gruppe Gleichgesinnter, einer „Lobby“, angehören. Wenn keine Stadt in der Nähe war, konnte dies mitunter auch zur „Selbstjustiz“ und der Herausbildung von Räuberbanden führen, die mit Gewalt ihre Interessen durchzusetzen versuchten.

Abgesehen von solchen Missständen in der gesamtterritorialen Versorgung mit „Recht und Gesetz“[23], die sicherlich auch technisch-administrativ noch nicht realisierbar war, bot das Imperium Romanum dem einfachen Landmann zumindest eine rechtliche Grundabsicherung seiner, mitunter sicherlich unzureichenden, Lebensbedingungen. Mit Sicherheit erschien die Kluft zwischen der Armut der Masse und dem Reichtum der Wenigen unüberwindlich. Trotzdem waren gerade im römischen Reich über den abgrundtiefen Unterschied kleine Brücken geschlagen, die die Gesellschaftsschichten miteinander verbanden und einigen Glücklichen den großen Aufstieg bescherten. Selbst servi konnten unter günstigen Bedingungen freigelassen werden und zu enormen Reichtümern oder Grundbesitz gelangen.[24] So schrieb Tertullian, in agrarpoetischer Analogie, dass „dieses riesenhafte Reich in der Tat ein wohlbestelltes Land ist, auf dem jedes Unkraut des Hasses ausgerissen wird.“[25] Die Problematik, wie die angebliche „Unkrautvertilgung“ vonstatten ging, wird noch zur Sprache kommen.

3. Wirtschaftliche und soziale Gegensätze auf dem Lande

Im Laufe des 2. Jahrhunderts nahm die soziale Unzufriedenheit, besonders der bäuerlichen Unterschichten, zu und entlud sich in punktuellen Bauernaufständen. Etliche defensiv als auch offensiv geführte Kriegszüge in der Zeit zwischen 161-180 führten zu einem notwendigerweise steigenden Militäretat.[26] Durch gekonnte Steuerhinterziehungen konnten aber gerade die reichen Oberschichten die hohen Abgabenleistungen umgehen. So lag die Hauptsteuerlast insbesondere auf der ländlichen Bevölkerung. Deren Protest richtete sich nicht nur gegen die Höhe der Kopf- und Grundsteuersätze, sondern in zunehmendem Maße gegen die brutalen Eintreibungsmethoden der Steuerpächter.[27]

Während in Gallien, Spanien und Afrika die landwirtschaftliche Produktion zunahm, kam es in Italien zu einer Agrarkrise, in der die Zahl der ländlichen Bevölkerung abnahm. Dies lag unter anderem an den günstigeren Anbauverhältnissen und der damit verbundenen Konkurrenz in den Provinzen, an der zunehmenden Verarmung der freien italischen Bauern und an erhöhten Sklavenpreisen. Das Geld floss so aus Italien in die Provinzen ab, aus denen die teuren Luxusgüter für die reichen Oberschichten kamen.

Kaiser Pertinax versuchte der Zunahme brachliegender Ackerflächen in Italien durch die Vergabe unbewirtschafteter kaiserlicher Güter und eine damit verbundene zehnjährige Steuerfreiheit, besonders an Kleinbauern, entgegenzuwirken.[28] Diese ursprünglich freien Bauern konnten sich aber über kurz oder lang nicht der starken Konkurrenz der größtenteils weiterhin von Sklaven bewirtschafteten Latifundien erwähren. Gerade in dieser Zeit breitete sich das Kolonatssystem, einhergehend mit einer rechtlichen und sozialen Abwertung der Kolonen, sehr stark aus.

Insgesamt bot das römische Reich im 2. Jahrhundert ein Bild großer wirtschaftlicher und sozialer Gegensätze. Reichtum und Wohlstand in den Provinzen gehen einher mit einer zunehmenden Verarmung der einfachen freien Bevölkerung. Die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede zwischen den Provinzen und Italien hemmten die Entstehung eines einheitlichen Binnenmarktes, was sich wiederum auf den Geldmarkt auswirkte. Die Münzen verloren an Wert und die Preise stiegen. Als Folge dieser Verkettungen, die wie gezeigt auch durch Einzelmaßnahmen der Kaiser nicht abgefedert werden konnten, kam es zu einer Nivellierung der sozialen Verhältnisse innerhalb der plebs rustica; bedingt durch zunehmende Armut, Unterdrückung und Abhängigkeit. Die große Masse dieser bislang noch friedfertigen „humiliores“ bot gegenüber den privilegierten „honestiores“ ein ständiges Konfliktpotenzial, dass durch eine entsprechende Krise leicht entfacht werden konnte.

4. Die „Krise“ des 3. Jahrhunderts und Erhebungen der plebs rustica

Als Septimius Severus im Jahre 197 Clodius Albinus, seinen Rivalen im Kampf um den Kaiserthron, besiegte, kämpften auf beiden Seiten zusammen etwa 300.000 Soldaten um den Sieg. Die Zeiten früherer Bürgerkriege schienen sich zu wiederholen. Das Heer, dem im 3. Jahrhundert besonders wichtige Aufgaben zufielen, wurde zu einer Landplage. Die Kaiser wechselten in rascher Folge und sich gegen­seitig bekämpfende Heerführer – Soldatenkaiser – beherrschten schließlich die politische Szene.[29]

Bürgerliche Historiker vermuten die Ursachen der „Krise“ des römischen Reiches[30] in ver­schiedenen Erscheinungen: In der Ausrottung der Besten durch die Bür­gerkriege, in einer Revolution der Bauern und Landarbeiter gegen die Städte[31], in der Vernichtung der Staatsmacht durch das Heer[32], im Gegensatz zwischen neuen, „jungen“ und „überalterten“ Völkern[33], in einer geistigen „Revolution“, die durch das Christentum und andere östliche Kulte ausgelöst wurde, im Kampf zwischen zentrifugalen und zentripetalen Tendenzen[34] und weiteren Gründen. Aber all das erfasst nur Teile eines umfassenderen Prozesses.

Die sozialökonomischen Verhältnisse begannen sich, vor allem auf dem Lande stark und beschleunigt zu ver­ändern. Am Ende des 3. Jahrhunderts hatte sich der soziale Status verschiedener Schichten der ländlichen Produzenten, der Kolonen, Inquilinen, der mit einem peculium versehenen Sklaven, der Freigelassenen, der Kleinbauern u. a. so weit angenähert, dass Voraussetzungen für einen tiefgreifenden Wandlungsprozess in der Struktur der plebs rustica in der Spätantike gegeben waren.

Während des 3. Jahrhunderts gewannen die Aufstände der Kolonen, der übrigen bäuerlichen Bevölkerungsschichten und der Sklaven, die sich ihnen anschlossen an Größe und Bedeutung. Die Latronenbewegung erreichte ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß. Das Räuberunwesen blühte vor allem in Gegenden mit großen Vermögensunterschieden und in Zeiten wirtschaftlicher Depressionen. Schon während der Regierungszeit des Commodus hatten flüchtige Sklaven, Kolonen und desertierte Soldaten in Obergermanien für kriegsähnliche Zustände gesorgt.[35] Zu Beginn des 3. Jahrhunderts blühte das Räuberunwesen in Italien unter der Führung des Felix Bulla wieder auf, bis er im Jahre 207 gefangengenommen und hingerichtet wurde.[36] Im Gegendsatz zu Kolb[37] bin ich der Meinung, dass der vermehrte Zulauf der Menschen zu den Räuberbanden, nicht nur mit einem Versagen der römischen Ordnungsmacht in entlegenen Regionen zusammenhing, sondern durchaus sozial-ökonomische Ursachen hatte. Das gerade im Kernland Italien ein „antiker Robin Hood namens Felix Bulla mit 600 Mann“ die Regierungstruppen „foppte“, wiederspricht seiner These.[38] Im Jahre 269 kam es in Gallien zu einer Volksbewegung, die schließlich in die Aufstände der Bagauden mündete, auf die im weiteren noch näher eingegangen wird. Die Erhebung Gordians I. und Gordians II. im Jahre 238 in Nordafrika war mit einem Bauernaufstand verbunden; in den Jahren von 254 bis 262 kam es in Nordafrika erneut zu sozialen Unruhen von Bauern und Hirten einheimischer Stämme.

Es muss aber eindeutig herausgestellt werden, dass diese und andere Konflikte zwischen der römischen Oberschicht und der unzufriedenen niederen Landbevölkerung kein auslösender Moment für die „Krise“ des 3. Jahrhunderts waren, sondern vielmehr eine Konsequenz. Erst durch die wirtschaftliche Stagnation, der damit einhergehenden gesellschaftlichen Abwertung des Bauerntums und großer existenzieller Notlagen innerhalb der plebs rustica kam es zu den o. g. Aufständen und vielen anderen Erhebungen.

[...]


[1] Alföldy, G.: Römische Sozialgeschichte (³1984); Ders.: Soziale Konflikte im römischen Kaiserreich (1976). In: Schneider, H. (Hrsg.): Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der römischen Kaiserzeit (1981), S. 372-395; Giardina, A.: Der Mensch in der römischen Antike (1989); Grassl, H.: Sozialökonomische Vorstellungen in der kaiserzeitlichen griechischen Literatur. In: Historia 41 (1982); MacMullen, R.: Roman social relations. 50 B.C. to A.D. 284 (1974); Ders.: Enemies of the Roman order: treason, unrest, and alienation in the empire (1992); Vittinghoff, F. (Hrsg.): Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte in der römischen Kaiserzeit [Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 1 (1990)]. Eine ausführliche Literaturliste in der Bibliographie von Alföldy, G.; Krause, J.-U.: Schichten, Konflikte, religiöse Gruppen, materielle Kultur (1998), S. 519-530.

[2] Wie beispielsweise 285 die vorläufige Zerschlagung der Bagaudenbewegung durch Maximianus nur in einer kurzen Randnotiz der Paneg. Lat. 6 (7), 8, 3 Erwähnung findet: „ (...) in ipso ortu numinis sui Gallias effrenatas rei publicae ad obsequium reddidit“.

[3] Thompson, E. A.: Peasant Revolts in Late Roman Gaul and Spain. In: P & P 2 (1952), S. 11-23.

[4] Rostovtzeff, M. I.: Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich (1931).

[5] Apul., Met. 9,25-28. Die Kritik an sozialen Missständen verpackt Apuleius geschickt in seine Griechenlandbeschreibungen. Da er aus Madaura (Numidien) stammte, sich zum Abfassungszeitraum in Afrika aufhielt und das Werk wohl für den einheimischen Leser bestimmt war, scheint er indirekt die afrikanischen Verhältnisse zu schildern.

[6] Der reiche Bauer hetzt seine Hunde auf die Nachbarschaft und setzt seine Sklaven als Schlägertrupp ein.

[7] Plin., 18,48,172 erwähnt den Einsatz eines neuentwickelten plaumoratum (Räderpfluges) und 18, 72, 296 einer erstaunlichen Mähmaschine.

[8] Die Verbreitung des lukrativen Ölbaumanbaus in Afrika ist hier beispielhaft anzuführen.

[9] Vgl. Colum. 1,7,6(übersetzt von Ahrens, K.): „Der Klein- und Mittelbetrieb, der auf der Grundlage des ökonomischen Anreizes arbeitete, wurde rentabler als die Großwirtschaft, die mit Sklaven betrieben wurde.“

[10] CIL VIII, Suppl. 4, 25902.

[11] CIL VIII, Suppl. 4, 25943 und 26416.

[12] CIL VIII, Suppl. 4, 26416, 1,14-2,6.

[13] CIL VIII, Suppl. 4, 26416, 2.

[14] So versteckten sich die ägyptischen boukoloi im schwer zugänglichen Nildelta.

[15] ILS II/1, 6870 und zur Entscheidung des Kaisers CIL VIII/2, 10570 bzw. Suppl. 1, 14464.

[16] SHA, vita Comm. 7,7. Die Sicherstellung der Getreide- bzw. Nahrungsmittelversorgung einhergehend mit einer moderaten Preispolitik und der ausreichenden Proviantierung der Legionen hatte oberste Priorität für Volk und Kaiser.

[17] Rostovtzeff, M. I.: Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich (1931), S. 91.

[18] In seinen letzten Worten an seine Söhne (Caracalla und Geta) kommt zum Ausdruck, dass sie die Soldaten bereichern und sich sonst um nichts weiter kümmern sollten (Cass. Dio 76,15,2).

[19] Wie Berchem, D.: l´Annone Militaire. In: Mem. Soc. Ant. de Fr. (1937), S. 166-180 beschreibt.

[20] Für den Zeitraum von 198-238 hat Picard, G.: Castellum Dimmidi (1944) die Herkunft der in Numidien stationierten Legionäre gut rekonstruieren können.

[21] Auch wenn die marxistisch-leninistische Geschichtsschreibung immer wieder ein solches Bild hervorgekehrt hat, gibt es keine Belege dafür, dass die antike Gesellschaftsordnung ernsthaft von den Unterschichten angezweifelt wurde.

[22] Apul., Met. 8,15 berichtet über einen Vorfall, bei dem Bauern über ihre vagabundierenden Kollegen mit Steinen und Hunden herfielen.

[23] Anspruch und Wirklichkeit der römischen Ordnungsmacht klafften in diesem Sinne weit auseinander – trotz zahlreicher Neuerungen in der Infrastruktur und im Kommunikationswesen (siehe cursus publicus).

[24] Siehe hierzu die Liste der reichsten Männer der Prinzipatszeit in: Duncan-Jones, R.: The Economy of the Roman Empire. Quantitative Studies (²1982), S. 345. Unter den reichsten Zehn befinden sich drei liberti.

[25] Tert., De pall. 2.

[26] Beispielweise: unter Mark Aurel durch den Partherkrieg (161-166); Germanen- und Sarmateneinfälle im Donaugebiet (166); Gegenoffensiven gegen Markomannen-, Quaden- und Jazygeneinfälle (169-175); 2. Markomannenkrieg (177-180).

[27] Vgl. dazu: Brunt, P. A. (Hrsg.): The Roman Economy. Studies in Ancient Economic and Administrative History (1974), S. 82 ff.

[28] Herod. 2,4,6.

[29] Der heutige Inhalt des Begriffes „Krise“ scheint sich keinesfalls auf die Antike übertragen zu lassen. Trotzdem verwende ich ihn, mit dem Hinweis auf den sicherlich richtigen Einwand von Kolb, F.: Wirtschaftliche und soziale Konflikte im römischen Reich des 3. Jhs. n. Chr. In: Lippold, A. u. a.: Bonner Festgabe Johannes Straub [Beihefte der Bonner Jahrbücher 39 (1977)], Anm 2. M. E. sollte allerdings aus Überblicks- und Verständnisgründen nicht für jede historische Erscheinung ein eigener Begriff geprägt werden. Ich denke, dass jedem Historiker seine eigene, aus der jeweils aktuellen Lebenssituation resultierende Subjektivität durchaus bewusst ist oder zu mindestens sein sollte.

[30] Wobei Witschel, C.: Krise – Rezession – Stagnation? Der Westen des römischen Reiches im 3. Jh. n. Chr. (1999), S. 11 eine generelle „Krise“ im Reich gar bezweifelt und deshalb das Modell des „beschleunigten Wandels“ bevorzugt (S. 377).

[31] Rostovtzeff, S. 112.

[32] Bengtson, H.: Grundriss der römischen Geschichte mit Quellenkunde. Bd. 1: Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr. (³1982).

[33] Altheim, F.: Niedergang der Alten Welt (1952).

[34] Calderini, A. u. a.: Bis zum Beginn der Kaiserzeit (1964).

[35] Herod. 1,10-11,5; SHA, vita Comm. 16, 2. Ausführlicher zum bellum desertorum siehe S. 17.

[36] Cass. Dio 76,10.

[37] Kolb, S. 287.

[38] Ebenda.

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Details

Titel
Aufstände der plebs rustica in der römischen Kaiserzeit
Untertitel
Studien zur antiken Sozialgeschichte
Hochschule
Universität Rostock  (Heinrich Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften)
Note
2,1
Autor
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V118195
ISBN (eBook)
9783640217571
ISBN (Buch)
9783640217717
Dateigröße
1016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kaiserzeit, Aufstände, Imperium Romanum, Sozialgeschichte der Antike
Arbeit zitieren
Magister Artium Christian Hall (Autor), 2006, Aufstände der plebs rustica in der römischen Kaiserzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118195

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