Du sollst dir (k)ein Bildnis machen!

Zum 80. Geburtstag der Malerin Eleonore Frey-Hanken (1927-1975)


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2007
5 Seiten

Leseprobe

Du sollst dir (k)ein Bildnis machen!

Zum 80. Geburtstag der Malerin Eleonore Frey-Hanken (1927-1975)

MONIKA SPILLER

Wenn nicht Zeit und Raum die Malerin Eleonore Frey-Hanken von Oscar Wilde, dem feinsinnigen englischen Dichter, Denker und Dandy, trennten, so könnte man glauben, er hätte die folgende Sentenz justament angesichts ihrer Bildnisse geschrieben:

„Die einzigen Portraits, an deren Echtheit man glaubt, sind solche, in denen das Modell die Nebenrolle, die Persönlichkeit des Malers die Hauptrolle spielt.“

Solche Bilder wirken durch ihre unmittelbare Lebendigkeit; die Malerin schuf nicht simple Abbilder, sondern individuelle Charaktere. Eleonore Frey-Hankens Bildnisse sind kaum je „schön“, wohl aber wahrhaftig zu nennen – bei ihr wird das Porträt zum Psychogramm.

Im November 2007 hätte sie achtzig Jahre alt werden können, wenn sie nicht vor mehr als dreißig Jahren ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hätte. Ihre expressive Porträtmalerei jedoch hat die Jahrzehnte überdauert, sie ist von frappierender Frische und großer Intensität. Noch heute polarisiert sie das Publikum. Wie ihr eigener Lebensentwurf von einem Alles-oder-Nichts-Denken und -Handeln bestimmt scheint, so weckt sie auch beim Betrachter ihrer Bilder radikale Reaktionen: Begeisterung oder strikte Ablehnung, kaum je moderate Positionen.

Eleonore Hanken wurde in Oldenburg als einziges Kind auf einem großen Bauerngut geboren und von den Eltern gegen ihren Willen zur Hoferbin bestimmt. Zwanzigjährig verlor sie zunächst die Mutter durch Suizid, wenige Monate später starb auch der Vater. Nun verpachtete sie den Hof und beschritt zielsicher den Weg zur ersehnten Künstlerlaufbahn: zunächst besuchte sie die Kunstschule in Bremen und studierte dann 1949-52 an der Karlsruher Kunstakademie bei Wilhelm Schnarrenberger. Als Meisterschülerin verließ sie die Akademie. Ihre damalige Kommilitonin Lore Unger erinnert sich, daß Eleonore Hanken eine unter den Studenten der Nachkriegsjahre durchaus ungewöhnliche, auffallend mondäne Erscheinung war –und so hat sie sie damals auch porträtiert: eine junge Frau mit dunkel umschatteten Augen und zerbrechlich wirkenden Händen, mit elegantem Pelzmantel und einem bizarren Hut bekleidet (das Bild befindet sich heute im Besitz der Galerie Schloß Mochental). 1952 heiratete Eleonore Hanken den Bildhauer und Stoffdesigner Bert Frey; mit ihm lebte und arbeitete sie seit 1956 in Daisendorf bei Meersburg, wo sie auf dem Silberberg ein Grundstück mit kleinem Wohnhaus erworben hatten, das sie durch Umbauten und einen Atelierhaus-Neubau erweiterten und ihren Bedürfnissen als Künstler-Ehepaar anpaßten. Ihr Lebensstil unterschied sich deutlich von dem der dörflichen Einwohner.

Unbeirrt von Zeitströmungen und Moden des Kunstmarktes hat Eleonore Frey-Hanken ihr künstlerisches Werk geschaffen. In einer Zeit, in der zunächst das Informel, später dann die rasch wechselnden neuen Trends – Neo-Dada, Pop Art, Op Art, kinetische Kunst, Fluxus, Minimal Art - den Kunstmarkt in Westeuropa und Amerika dominierten, arbeitete sie höchst unzeitgemäß gegenständlich; sie bevorzugte das menschliche Porträt, über dessen Wert in der zeitgenössischen Kunst der renommierte Kunsthistoriker und Kritiker Will Grohmann damals lapidar so urteilte: „ ..die gegenwärtige Struktur von Kunst und Gesellschaft läßt den Porträtauftrag fast absurd erscheinen“. Daneben malte sie auch Landschaften, sowie einige Stadtansichten (z.B. Paris, Stuttgart) – aber sie alle sind, wie ihr expressiver Malduktus vermuten läßt, doch eher „Seelenlandschaften“ denn penible, topographisch getreue Abbilder. Einige Blumenstücke und Stilleben entstanden wohl vor allem, um den Wünschen potentieller Kunstkäufer zu entsprechen.

Es spricht von der Überzeugungskraft von Eleonore Frey-Hankens Frühwerk, auch von großem Selbstbewußtsein, ja unbändigem Ehrgeiz der jungen Malerin, daß sie sich mit ihren Gemälden 1959 in zwei der renommiertesten Galerien der europäischen Kunstszene jener Jahre in Einzelausstellungen vorstellen konnte: in Paris bei Marcel Bernheim und in München bei Wolfgang Gurlitt. Die Pariser Kritiken betonen die expressive Intensität der Porträts, die bis an die Grenze zur Karikatur geführt werde (L‘information artistique), der Kritiker des Journal de l’Amateur d’Art stellt den „aggressiven Realismus“ der Porträts den eher poetischen Landschaftsimpressionen und Blumenstücken gegenüber und im Combat konnte man lesen „Ces visages sont outrés, démesurés, souvent horribles; ils vous repoussent et pourtant il s’en dégage une étonnante présence, quelque chose de troublant et qui vous poursuit dans le souvenir.“ (26.1.1959)

Die Münchner Kritiker sahen die Ausstellung bei Gurlitt recht unterschiedlich, bemerkten in den Arbeiten pejorativ einen Zug ins Dekorative, in der Süddeutschen Zeitung war gar zu lesen „man kann die Farben schon von weitem schreien hören.“ (10.6.1959) Wilhelm Schnarrenberger, ihr früherer Professor an der Kunstakademie in Karlsruhe, ermutigte und bestärkte die von den Münchner Kritiken deprimierte Künstlerin hingegen mit folgenden Worten: „..ich finde die Kritiken nicht so schlecht. Es ist egal, was geschrieben wird und wenn diskutiert wird, ist es sogar gut... Anerkennung, Erfolg sind für einen jungen Künstler viel gefährlicher als Kritik... Sie müssen Geduld haben, schließlich sind Sie noch jung. Machen Sie gute Bilder mit demselben Elan und seien Sie streng, dann wird auch der Erfolg kommen. Wirklich gute, gegenständliche Maler sind sehr selten heute...“ Der Maler Otto Pankok, eine Generation älter als Eleonore Frey-Hanken und einer der Hauptvertreter des expressiven Realismus, beurteilte im Juni 1959 ihr malerisches Werk so: „daß dieser Weg und dieser malerische Stil absolut eigen (sei), und, was mir ganz besonders wichtig erscheint, daß diese Malereien die Probleme unserer Zeit richtiger deuten“ als die zeitgenössische Kunst.

Die zu Lebzeiten außerhalb Deutschlands, in Paris und Rom (wo sie zwischen 1967 und 1969 mehrfach hochrangige Kunstpreise erlangte), stärker beachtete Künstlerin war gewiß eine der „ursprünglichsten expressiven Begabungen der Region“, wie Eva Moser 1984 schrieb. Zu Eleonore Frey-Hankens Lebzeiten erkannten und anerkannten das allerdings gerade in dieser Region nur wenige: vergebens bewarb sie sich 1962 und 1967 um Aufnahme in die seinerzeit die regionale Kunstszene beherrschende Sezession Oberschwaben-Bodensee. Dabei überwogen damals die gegenständlich arbeitenden Künstler unter den Mitgliedern der Sezession – auch eine Eleonore Frey-Hanken hätte gut dazugehören können. Daß Otto Dix, der damals an der Spitze der Sezession stand, ihre Arbeit schätzte, darf vermutet werden – sie porträtierte den berühmten Maler-Kollegen (Besitz der Stadt Singen) und er malte im Gegenzug ihr Bildnis, das zeigt, wie er sie sah: eine herausfordernde Frau, sirenenhaft, stark und wild.

Dieser Malerin standen nur etwa ein Dutzend Jahre zur Verfügung, um ihre Kunst zur Reife zu bringen. Wie ein Signal steht am Beginn schon die Grundorientierung fest: das Selbstporträt „Mit roter Perücke“, 1957, zeigt, worauf es der Künstlerin zeitlebens ankommen wird: Wahrhaftigkeit, nicht schöner Schein, nicht Physiognomie, sondern Psyche... dabei erwies sich Frey-Hankens Blick auf die Modelle nicht selten als geradezu hellsichtig, entlarvend, unbequem, fordernd und herausfordernd. Bald folgen Porträts von Menschen aus der Bekanntschaft des Künstlerpaares Frey und aus Nachbarschaft in Meersburg-Daisendorf , später Protagonisten der römischen Bohème wie „Maria Matucci“ oder auch die seltsam morbide Erscheinung des „Domino“ (er diente auch dem Bildhauer Pericles Fazzini als Modell, in dessen Umkreis sich Eleonore Frey-Hanken während ihres Rom-Aufenthalts bewegte), bis hin zu den Porträts, die sie sich im Jahr vor ihrem Freitod, unterbrochen von Phasen krankheitsbedingter, künstlerischer Agonie, noch abrang, beispielsweise das des Konstanzer Psychotherapeuten „Dr. Hermann“.

Ganz unterschiedliche Charaktere, Junge, Alte, Männer und Frauen, Mondäne und ganz einfache Menschen waren für sie bildwürdig. Ihnen allen ist eines gemeinsam: ihre ungeheure Präsenz. Frey-Hanken nimmt die Personen häufig frontal auf. Eingespannt in die Bildfläche rücken die Dargestellten dem Betrachter sehr nah und wahren doch Distanz, bewahren ihre persönliche Integrität. In temperamentvoller „prima vista“-Malerei erfasst die Künstlerin ihr jeweiliges Gegenüber. Von den irritierenden, ungewöhnlichen Sitzungen berichteten verschiedene Zeitzeugen; eine Atmosphäre höchster Anspannung herrschte, in der die Künstlerin sichtbar, ja hörbar, um den ihr richtig erscheinenden Zugang zum Modell rang. Das konnte Stunden dauern, in denen kein Pinsel, kein Zeichenstift angerührt wurde. „Wenn ich einen Menschen malen will, dann, dann muß ich die Augen schließen, dann muß ich die Farbe finden, die zu ihm gehört...“, berichtete Susanne Carwin in einem Artikel , der im Oktober 1959 in der Deutschen Zeitung erschien. Wenn das feststand, wuchs das Porträt oft in Windeseile, eruptiv. Die Malerin kam durchweg mit einer knappen Palette aus – meist beschränkte sie sich auf ein, zwei Farbklänge, in denen sie Figur und Hintergrund gleichermaßen anlegte. Sie modellierte Gesicht und Figur kaum. Mit wenigen, sicheren Pinselstrichen fixierte sie Gesichtsausdruck und Körperhaltung – „kompromißlos wie die Natur“, wie Otto Grossmann in einem unveröffentlichen Manuskript einst treffend formulierte. Der Bildhintergrund schafft keine Raumillusion, sondern verschmilzt meist mit der Figur zu einer charakteristischen Einheit, die viel über Temperament und Befindlichkeit des Dargestellten zu vermitteln vermag. So entstanden Menschenbilder, die weit über das individuelle Abbild hinaus Gültigkeit haben.

Der Maler Erich Mansen, der zeitgleich mit Eleonore Frey-Hanken in Karlsruhe studierte und später Professor an der Akademie in Stuttgart war, urteilt so: „Ein psychopathischer Zug, der ihrem Wesen inhärent war, hat der Malerin entschieden geholfen, radikal zu werden und die Bilder auszuformulieren. Eine psychomotorisch ins Bild gebrachte Ornamentik erlaubte ihr, in einem Zugriff Modell und Ambiente zu einer aussagekräftigen Bildeinheit zu führen.“

Nach dem enormen Auftrieb, den ihr die Pariser Ausstellung geschenkt hatte und nach der erfolgreichen, künstlerisch fruchtbaren Zeit in Rom (1965-70), glich die Rückkehr nach Deutschland einem jähen Absturz aus schwindelnder Höhe. Persönliche Beziehungskrisen, fortschreitende Krankheit, wiederholte Aufenthalte in der Psychiatrie folgten. Mit Mitte vierzig war Eleonore Frey-Hanken psychisch am Ende, eine gebrochene Frau. An tatkräftiger Hilfe zahlreicher Menschen in ihrer Umgebung – von der Hilfe bei der Bewältigung des Alltags bis hin zu mäzenatischer Unterstützung – hat es nicht gefehlt in den wenigen Jahren bis zu ihrem Freitod. Verhindern konnte schließlich niemand, was geschah: einen Tag vor ihrem achtundvierzigsten Geburtstag endete ihr Leben.

Soll man es bittere Ironie des Schicksals nennen, daß einige ihrer besten Porträts in diesem wie auch im vergangenen Jahr auf der ART Karlsruhe gezeigt und dort stark beachtet wurden? Heute ist die Figuration längst wieder salonfähig beziehungsweise „kunstmessen-tauglich“. Was wird bleiben? Gute Malerei. Auch die von Eleonore Frey-Hanken.

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Details

Titel
Du sollst dir (k)ein Bildnis machen!
Untertitel
Zum 80. Geburtstag der Malerin Eleonore Frey-Hanken (1927-1975)
Autor
Jahr
2007
Seiten
5
Katalognummer
V118282
ISBN (eBook)
9783640210671
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Text erschien anläßlich des 80. Geburtstags in: Leben am See, Jahrbuch des Bodenseekreises, Bd. XXV, Tettnang 2007Der Text erschien anläßlich des 80. Geburtstags in: Leben am See, Jahrbuch des Bodenseekreises, Bd. XXV, Tettnang 2007
Schlagworte
Eleonore Frey-Hanken - das Porträt als Psychogramm
Arbeit zitieren
Dipl.phil. Monika Spiller (Autor), 2007, Du sollst dir (k)ein Bildnis machen! , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118282

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