Joseph Beuys' Aktion "I like America and America likes me". Verlauf, Interpretation und Vergleich mit der Aktion "Der Chef The Chief. Fluxus Gesang"


Hausarbeit, 2021

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Begriffliche Erklärungen und Definitionen

2. Die Soziale Plastik I like America and America likes Me (1974)
2.1. KurzbeschreibungundAblaufderAktionvom23.-25.Mai,1974
2.2. Mythologischer und kultureller Hintergrund
2.3. Interpretation
2.3.1. Bedeutung der verwendeten Materialien und Requisiten
2.3.2. DerKojote-eineHommageandasVolkderlndianer
2.3.3. BeuysalsselbstheilenderSchamane

3. Der Chef The Chief. Fluxus Gesang (1964) - Beuys erste Einzelaktion

4. 10 Jahre später - Vergleich I like America and America likes Me (1974) mit Der ChefThe Chief. Fluxus Gesang (1964)

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

In dem Literaturklassiker „Der Kleine Prinz“ lässt der Autor, Antoine de Saint-Exupery, seinen Titelhelden, den kleinen Prinzen, auf einen Fuchs treffen. Zwei Individuen unterschiedlicher Gattungen begegnen sich, welche auf den ersten Blick weder etwas gemein haben, noch eine gemeinsame Kommunikationseben existiert. Ein „>sich vertraut miteinander machern“1- ist notwendig, erklärt der Fuchs dem Jungen, damit die beiden miteinander spielen können. Nachdem sie sich einander vertraut machten, wurden der Kleine Prinz und der Fuchs schließlich Freunde.2 Man könnte meinen, dass dieser Ausschnitt aus der bekannten Kindergeschichte dem deutschen Künstler Joseph Beuys zum Vorbild für eine seiner Aktionen diente. Denn auch Beuys hatte es mit seiner Aktion Hike America and America likes me aus dem Jahr 1974 zum Ziel, sich mit einem Wildtier anzugewöhnen und vertraut zu machen. Für diese Aktion bereiste der deutsche Künstler den amerikanischen Kontinent mit dem Ziel, einen nationalen Dialog zu beginnen, welchen er mit verschiedensten Requisiten und Hilfsmitteln in Gang bringen wollte. Das Wildtier, ein lebender Kojote, spielte dabei eine tragende Rolle.3

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Aktion I like America and America likes me aus dem Jahr 1974 vorzustellen, zu analysieren und mit Beuys‘ Fluxus Der Chef The Chief. Fluxus Gesang aus dem Jahr 1964 zu vergleichen. Zu Beginn wird der Begriff der Sozialen Plastik im Zusammenhang mit Beuys‘ erweiterten Kunstbegriff definiert und erklärt. Im weiteren Verlauf wird die Aktion I like America and America likes me beschrieben und der Ablauf der Aktion dargestellt. Um ein tieferes Verständnis für das Werk zu vermitteln wird der mythologische und kulturelle Hintergrund erörtert. Gleichzeitig wird durch die bisherigen Erkenntnisse anhand der verwendeten Requisiten, dem beteiligten Kojoten und der Schamanenrolle des Künstlers, eine Interpretation durchgeführt. Im Anschluss wird die Aktion Der Chef The Chief. Fluxus Gesang beschrieben und anhand des Vergleichs mit dem Werk I like America and America likes me analysiert und interpretiert. Dabei werden mit Hilfe verschiedener Gesichtspunkte wie der Örtlichkeit, dem Zweck der Aktion und dem Zustand der teilhabenden Tiere, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erörtert.

1. Begriffliche Erklärungen und Definitionen

Mit dem Ziel eine einheitliche Basis zum Verständnis der Arbeit zu schaffen, wird im folgenden Abschnitt der Begriff der Sozialen Plastik im Zusammenhang mit Beuys‘ erweiterten Kunstbegriff definiert und erklärt.

1.1. Der Erweiterte Kunstbegriff

Das wohl größte Vermächtnis des Künstlers Joseph Beuys ist sein Blickwinkel und Auffassung auf den Kunstbegriff. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderte sich dieser weg von den traditionellen Gattungen, Skulptur und Malerei, und die Vorstellung dessen, was Kunst ausmacht, weitete sich aus.4 Beuys trug maßgeblich zu der Erweiterung des Kunstbegriffs bei und interpretierte diesen ebenfalls neu. So veränderte er nicht nur Verfahren und Technik, sondern auch die von der Kunst behandelten Themen und machte das Individuum selbst zum Mittelpunkt seiner Kunst.5 Beuys erweiterter Kunstbegriff erklärt jeden Bereich, der in sozialen Beziehungen oder in der Gesellschaft wirkt, zu einem Tätigkeitsbereich der Kunst: den Staat, die Wissenschaft, die Religion, Mythen sowie auch die Wirtschaft.6 Mit dieser Herangehensweise beschränkte Beuys die Kunst nicht auf das vollendete Werk, sondern schloss die Kreativität, das Denken und das Handeln der Menschen mit ein.7 Somit sind alle Menschen fähig, Kunst zu erstellen und sollten diese Fähigkeit nutzen, um die Gesellschaft nachhaltig zu verändern.8 Eine der Kernaussagen des Künstlers reicht soweit, dass „Jeder Mensch ein Künstler ist“.9 So veränderte sich für Beuys nicht nur der Kunstbegriff, sondern auch die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft. Dieser wurde zum Aufklärer und Sozialarbeiter, welcher sich durch sein politisches Engagement auszeichnet, zum Schamanen, der heilend auf die Gesellschaft wirken kann und zum Ökologen, der um das Wohl der Umwelt besorgt ist.10 Kunst und Künstler hielt Beuys somit für die letzten noch nicht verbrauchte Instanzen, die es möglich machen, die vorherrschende Situation in der Welt nachhaltig zu verändern.11 Zudem kann Kunst therapeutisch wirken und Versöhnung fördern. Hierfür ist jedoch die Erweiterung der Idee der Kunst und des Kunstbegriffs notwendig, welche jegliche Kreativität miteinschließt.12 Kreativität war für Beuys allumfassend undjeder menschliche Ausdruck kann und sollte als kreativ und künstlerisch angesehen werden. Unabhängig davon, in welchem Bereich sich ein Individuum ausdrückt, ist, solange der Ausdruck verantwortungsvoll, kreativ und bewusst erfahren und ausgeübt wird, dieser als Kunst anzusehen.13 In Beuys Kunstverständnis waren die Grenzen zwischen Kunst und Leben schwimmend. Diese Einheit wird auch seine Biographie betreffend deutlich, welche seine Werke maßgeblich beeinflusst.14

1.2. Die Soziale Plastik

Nach einigen Jahren, in denen Beuys den erweiterten Kunstbegriff in Zeichnungen, Skulpturen und Aktionen visualisierte, begann Beuys in den 1970er Jahren mit einer neuen Form der Gestaltung - der Sozialen Plastik.15

Beuys kam zu der Überzeugung, dass Provokation allein nichtjene Veränderung bringen würde, die das Nachkriegsdeutschland und der Rest der Welt brauchte. Mit dem Ziel eine wirkliche Veränderung in der Welt zu bewirken, entstand die Idee der Sozialen Plastik.16 Die von Beuys in den 1970er Jahren entwickelte Theorie, basiert auf dem Konzept des erweiterten Kunstbegriffs und vereint Beuys‘ nahezu idealistischen Vorstellungen einer utopischen Gesellschaft, der „Wärmeplastik“17, mit der künstlerischen Praxis.18 Es wird deutlich, dass die Kreativität des Einzelnen nicht ausreicht. Sie muss im Kontext der allgemeineren sozialen Verantwortung entwickelt werden und eine Soziale Plastik schaffen, in derjedes Individuum vertreten ist und niemandes Essenz, Wesen und Qualität verloren geht.19 Das Werk der Sozialen Plastik ist somit nicht mehr nur der Gegenstand, der in Museen ausgestellt werden soll. Die Soziale Plastik ist viel mehr - eine körperliche Erfahrung, ein Denkprozess, ein soziales Ereignis und die Emotionen der Betrachter oder gar die Gesellschaft selbst.20 Beuys Kunst diente dazu, den Idealzustand der Sozialen Plastik zu erreichen und therapeutisch zu wirken.21 Sie muss nicht ästhetisch ansprechend sein, sondern primär sowohl in gesellschaftlichen als auch in politischen Lebensbereichen der Gesellschaft wirken.22 Für Beuys war das Leben und die Gesellschaft selbst eine Soziale Plastik, an der jeder erlaubt war zu arbeiten und diese mitzugestalten.23 Aus diesem Grund kann auch jeder Mensch ein Künstler sein, denn jedem ist es erlaubt die Soziale Plastik zu gestalten.24 Das grundlegende Ziel der Theorie der Sozialen Plastik ist es folglich, auf eine Kunst zu verweisen, deren vorrangige Aufgabe es sei, die Gesellschaft wachzurütteln, diese von innen nach außen zu formen und zu verbessern.25 Wie ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit, interpretiert Söke Dinkla Joseph Beuys‘ erweiterten Kunstbegriff und die Soziale Plastik.26 Die Soziale Plastik ist eine Art Idealzustand, den Beuys mit dem Begriff der Wärmeplastik gleichsetzt. Nur durch Menschlichkeit, menschliche Wärme und Emotionalität ist es möglich, diesen zu erreichen.27

2. Die Soziale Plastik I like America and America likes Me (1974)

2.1. Kurzbeschreibung und Ablauf der Aktion vom 23.-25. Mai, 1974

„Ich wollte mich ganz auf den Kojoten konzentrieren. Ich wollte mich isolieren, mich ganz abschirmen, nichts anderes sehen von Amerika als den Kojoten.“28

Mit diesem Ziel vor Augen verbrachte der Künstler, Joseph Beuys, im Jahr 1974 drei aufeinanderfolgende Tage, 23.-25. Mai, mit einem Kojoten, namens Little John, in einem New Yorker Galerieraum. Die neu eröffnete Galerie seines Galeristen Réne Block in dem Stadtviertel Soho, zeigte die dreitägige Aktion, in der sich das Wildtier und der Mensch kennenlemten und sich nach und nach aneinander gewöhnten.29 Acht Stunden pro Tag (10-18 Uhr) verbrachte Beuys zusammen mit dem wilden Tier in einem Ausstellungsraum der Galerie. Diese lange Aktionszeit ermöglichte Beuys eine Verknüpfung von Leben und Kunst.30 Beuys bewegte sich, saß oder stand, hüllte sich in eine Filzhülle ein und hielt einen gebogenen Stab, der aus dem Filz herausschaute.31 Gegen Ende der Aktion lagen beide Teilnehmer in einer Ecke des Raumes auf einem Haufen Stroh und schauten gemeinsam aus dem Fenster.32 Auch für diese Aktion galt Beuys Auffassung des erweiterten Kunstbegriffs:

Ich selbst bin in diesem Augenblick das Kunstwerk. Das heißt, es soll doch dahin kommen, dass der Mensch selbst das Kunstwerk wird [...] Und daß an dieser Realisation, die Welt zu einem Kunstwerk zu machen [Soziale Plastik], potentielljeder Mensch teilhaben kann.33

Es handelt sich bei der Aktion um eine Plastik, also eine materiell nicht fassbare Skulptur, die sich aus der Bewegung der Performance ergibt und nicht nur den Künstler, sondern auch den Kojoten zum Kunstwerk macht. Beuys übte mit der Aktion sowohl Kritik an der amerikanischen Gesellschaft als auch an dem Umgang der europäischen Siedler mit den Ureinwohnern zur Zeit der Kolonialisierung.34

Die Aktion begann bereits auf der Reise nach Amerika, auf der Beuys Assistenten dem Künstler während seines Fluges die Augen verbanden, um zu vermeiden, dass er etwas anderes sehen könnte als den Kojoten und die Räumlichkeiten, in denen die Beiden 3 Tage verbrachten. Nach seiner Landung am Kennedy-Flughafen in New York wurde Beuys in Filz gehüllt, in einen verhangenen Krankenwagen geladen und zur Galerie gefahren35, in der die Aktion stattfand. All das ohne, dass erjemals amerikanischen Boden berührt hatte.36 In der Galerie wartete der lebende Kojote auf den Künstler und es begannen Tage des schweigenden Dialogs der beiden Individuen. Eine schwarze Gitterbarriere trennte die Zuschauer von den beiden Repräsentanten37. Als eine Art Grenzlinie fungierend, teilte die Gitterbarriere, laut Beuys, die Räumlichkeiten in eine Zone der Freiheit für ihn und das Tier und sperrte die Zuschauer in einen Käfig.38 Einige Requisiten standen dem Künstler zur Verfügung: ein Strohhaufen, Filzbahnen, seine Handschuhe, eine Taschenlampe, einen Spazierstock und ein alter Hut. Zusätzlich wurden täglich ein Stapel fünfzig neuer Exemplare des Wall Street Journals geliefert.39 All diese Objekte und Elemente stammten aus der Welt des Künstlers, welcher sie dem

[...]


1 Saint-Exupéry 2015, 66f.

2 Vgl. Saint-Exupéry 2015, 66f.

3 Vgl. Schneede 2004, 48f.

4 Vgl. Klant/ Walch 2004, 8ff.

5 Vgl. Lüddemann, 2021.

6 Vgl. Soziale Plastik - Anthroposophie Schweiz, o. J.

7 Vgl. Lüddemann, 2021.

8 Vgl. Rauterberg, 2020.

9 Beuys in Taylor 2012, 38.

10 Vgl. Klant/Walch2004, 10f.

11 Vgl.Taylor2012,37.

12 Vgl.Taylor2012,38.

13 Vgl.Zumdick2014, 137.

14 Vgl.Riedl2014, 171.

15 Vgl. Designbote, 2020.

16 Vgl. Taylor2012, 20.

17 Riedl2014, 189.

18 Vgl. Lüddemann, 2021.

19 Vgl. Zumdick 2014, 149f.

20 Vgl. Maak, 2021.

21 Vgl.Riedl2014, 193.

22 Vgl. DieArbeit an der Sozialen Plastik, 2001.

23 Vgl. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, o.J.

24 Vgl. Riedl 2014, 186.

25 Vgl. Wolfe, 2019.

26 Vgl. Lüddemann, 2020.

27 Vgl. Riedl 2014, 188f.

28 Beuys inTisdall 1988, 11.

29 Vgl. Wienand 2016, 50f.

30 Vgl. Voigt 2000, 63.

31 Vgl. Wolfe, 2019.

32 Vgl. Voigt 2000, 63.

33 Beuys inKoepplin 1988, 10.

34 Vgl. Hoff2006, 194f.

35 Vgl. Abb. 1.

36 Vgl. Tisdall 1988, 6.

37 Vgl. Abb. 2.

38 Vgl. Hoff2006, 193ff.

39 Vgl. Hoff2006, 193.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Joseph Beuys' Aktion "I like America and America likes me". Verlauf, Interpretation und Vergleich mit der Aktion "Der Chef The Chief. Fluxus Gesang"
Hochschule
Universität Passau
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
23
Katalognummer
V1183103
ISBN (Buch)
9783346610195
Sprache
Deutsch
Schlagworte
joseph, beuys, aktion, america, verlauf, interpretation, vergleich, chef, chief, fluxus, gesang
Arbeit zitieren
Kiara Klugesherz (Autor:in), 2021, Joseph Beuys' Aktion "I like America and America likes me". Verlauf, Interpretation und Vergleich mit der Aktion "Der Chef The Chief. Fluxus Gesang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1183103

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