Kaum ein Thema wurde und wird mit solcher Ausdauer und so kontrovers in der deutschen Gesellschaft diskutiert, wie das Gesundheitssystem, seine Probleme und mögliche Lösungen für die Zukunft. Zentraler Gegenstand der heutigen Debatte sind die steigenden Kosten einer älter werdenden Gesellschaft und die daraus resultierenden Finanzierungs- und Verteilungsprobleme. In einem mehr und mehr ökonomisch ausgerichteten, dem Marktprinzip huldigenden Politikverständnis gewinnen Rationierungsgedanken an Raum. Schon diskutieren Gesundheitspolitiker den Wert einer kurzen Lebensverlängerung eines Krebskranken aus ökonomischer Sicht:„Sind uns die zwei Monate Lebensverlängerung für einen Krebskranken 40000 Euro wert?“, sollen die Patienten mehr Verantwortung für ihre Gesundheit, d.h. im Klartext mehr Eigenbeteiligung an den Kosten übernehmen bzw. werden die Leistungen, für die die Gemeinschaft solidarisch aufkommt, rationiert.
Mit der Finanzierungs- und Rationierungsdebatte eng verknüpft ist die Frage der sozialen Ungleichheit der verschiedenen Gruppen der Gesellschaft im Hinblick auf den Zugang zu Gesundheitsleistungen und die Finanzierung des Gesundheitssystems. So erklärt es der Soziologe Weede in der F.A.Z. vom 15.06.2007 als „völlig unmöglich, ein System zu schaffen, das keine Ungleichheit schafft". Sauga geht noch weiter und präzisiert diese Ungleichheit der Finanzierung der deutschen Sozialsysteme (dessen eine zentrale Säule das Gesundheitssystem darstellt) als eine beispiellose Verlagerung der Lasten auf die Schultern der abhängig Beschäftigten, der Arbeitnehmer. Zugleich alimentieren die jungen Erwerbstätigen überproportional die ältere Generation der Rentner, besteht ein Ungleichgewicht in der Lastenverteilung zwischen den Generationen der Gesellschaft.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 These zur Rolle des Gesundheitssystems in der Gesellschaft
3 Sozialstruktur der Gesellschaft
4 Gesundheitssystem der Gesellschaft
5 Bedeutung der Ausgestaltung des Gesundheitssystems für die Sozialstruktur am Beispiel Deutschlands
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Ausgestaltung von Gesundheitssystemen und der Sozialstruktur einer Gesellschaft. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welchen Einfluss Finanzierungsmodelle und Zugangsregeln auf die soziale Ungleichheit, die Chancengerechtigkeit und den Gesundheitsstatus verschiedener Schichten und Gruppen haben.
- Soziale Schichtung und gesundheitliche Ungleichheit
- Strukturelle Analyse deutscher Gesundheitssystemmodelle
- Einfluss von Finanzierungsformen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen
- Vergleich zwischen Status Quo, Bürgerversicherung und Pauschalprämienmodell
- Verteilungsfolgen und Gerechtigkeitsaspekte im Gesundheitswesen
Auszug aus dem Buch
Bedeutung der Ausgestaltung des Gesundheitssystems für die Sozialstruktur am Beispiel Deutschlands
Der in der ersten These ausgedrückte Zusammenhang zwischen sozialer Schichtzugehörigkeit und Zugang zu Gesundheitsleistungen, einen Lebenswandel und Risiken für Krankheit und früheren Tod ist Gegenstand aktueller Forschung. So wurde im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durch Wolf der Zusammenhang von sozialer Ungleichheit, Krankheit und Gesundheit in einer Querschnittsstudie der Bevölkerung des Raums Köln (Altersgruppe: 30-60) untersucht. Wie in der ersten These postuliert, wird nachgewiesen, dass Zusammenhänge zwischen gesundheitlichen Belastungen und gesundheitlichem Fehlverhalten, schlechter Gesundheit und der gesellschaftlichen Hierarchie der Berufe bestehen.
Auch internationale Studien belegen den Zusammenhang von Ungleichheit und Gesundheit. So wird ein Zusammenhang höherer Sterberaten und Beruf oder Schichtzugehörigkeit des Vaters nachgewiesen (siehe Abbildung 4).
Neben den besonderen beruflichen Belastungen, ungesunderem Verhalten (Rauchen, Alkoholkonsum, usw.) spielen hierzu auch Zugangs- und Finanzierungsungerechtigkeiten zu Leistungen im Gesundheitssystem eine Rolle. So wird im deutschen Gesundheitssystem mit der Trennung in gesetzliche und private Krankenversicherung insbesondere über das Einkommen eine faktische Ungleichheit beim Leistungsniveau der Gesundheitsversorgung realisiert. Auch verweist Richter auf den Zusammenhang von Praxisgebühr und niedrigerer Inanspruchnahme von gesundheitsbezogenen Leistungen durch einkommensschwache Bevölkerungsgruppen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die kontroverse Debatte um das deutsche Gesundheitssystem vor dem Hintergrund steigender Kosten und sozialer Verteilungsprobleme.
2 These zur Rolle des Gesundheitssystems in der Gesellschaft: In diesem Kapitel werden zwei zentrale Thesen aufgestellt, die den Einfluss der Systemgestaltung auf die soziale Ungleichheit und den Gesundheitszustand der Bevölkerung adressieren.
3 Sozialstruktur der Gesellschaft: Es werden soziologische Grundlagen der Sozialstruktur erläutert, wobei der Fokus insbesondere auf Schichtenansätzen zur Differenzierung der Bevölkerung liegt.
4 Gesundheitssystem der Gesellschaft: Dieses Kapitel definiert das Gesundheitssystem als System der Gesundheitsversorgung und führt Zielkriterien wie Finanzierungs- und Zugangsgerechtigkeit ein.
5 Bedeutung der Ausgestaltung des Gesundheitssystems für die Sozialstruktur am Beispiel Deutschlands: Das Hauptkapitel analysiert empirische Zusammenhänge zwischen Schichtzugehörigkeit und Krankheit und bewertet drei verschiedene Finanzierungsmodelle auf ihre sozialen Auswirkungen.
6 Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz der Untersuchung ab, in der die aufgestellten Thesen durch die Analyse bestätigt werden.
Schlüsselwörter
Sozialstruktur, Gesundheitssystem, soziale Ungleichheit, Finanzierungsgerechtigkeit, Bürgerversicherung, Pauschalprämienmodell, Gesundheitsversorgung, Schichtzugehörigkeit, Soziallasten, Gesundheitsökonomie, soziale Gerechtigkeit, Lebenslauf, Krankheit, Sterberate, Leistungsniveau.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Gesundheitssystem einer Gesellschaft deren Sozialstruktur beeinflusst und inwiefern verschiedene Finanzierungsmodelle soziale Ungleichheiten verstärken oder abbauen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die soziale Schichtung, die Finanzierung und der Zugang zu medizinischen Leistungen sowie die Auswirkungen gesundheitspolitischer Reformen auf verschiedene soziale Gruppen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beurteilung, ob und wie die Ausgestaltung eines Gesundheitssystems – insbesondere in Deutschland – den Zugang zu Gesundheitsleistungen und damit den Gesundheitszustand sozialer Schichten determiniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung soziologischer Schichtenmodelle sowie die Auswertung empirischer Daten und Modellergebnisse zur Simulation verschiedener Finanzierungskonzepte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und Krankheit belegt sowie drei Konzepte (Status Quo, Bürgerversicherung, Pauschalprämienmodell) hinsichtlich ihrer Verteilungseffekte auf verschiedene Einkommensklassen und Haushaltstypen analysiert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten über die Begriffe soziale Ungleichheit, Gesundheitsökonomie, Finanzierungsgerechtigkeit und Sozialstrukturanalyse beschreiben.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung eine Rolle?
Die Arbeit zeigt auf, dass diese Trennung im deutschen System faktische Ungleichheiten beim Zugang und Leistungsniveau schafft, die über das Einkommen gesteuert werden.
Welchen Einfluss hat das Pauschalprämienmodell laut der Analyse?
Das Modell würde laut der Simulation die Erwerbstätigen insgesamt entlasten, da der Beitrag einkommensunabhängig erhoben wird, weist jedoch spezifische Belastungseffekte für bestimmte Haushaltstypen auf.
Welche Bedeutung hat die Altersstruktur für die Analyse der Finanzierung?
Die Analyse zeigt, dass der Zusammenhang von Alter und Versicherungsbeitrag in verschiedenen Systemen unterschiedlich gewichtet wird, was jeweils zu differenzierten Entlastungs- oder Belastungseffekten führt.
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- Inga Schirrmann (Author), 2007, Die Bedeutung des Gesundheitssystems für die Sozialstruktur einer Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118326