In dieser Arbeit wird das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Schule am Gebrauch der Sprache festgemacht, so dass sich mit der Theorie des Diskurses von Jürgen Habermas ein Fundament gelegen lässt, durch welches die Möglichkeit einer Verständigung sowie Einigung im zwischenmenschlichen Austausch nachvollziehbar wird. Die damit einhergehenden Bedingungen – die Transzendentalität und die Transzendenz – werden zum Anlass genommen, um diesem Modell mit Skepsis und Kritik zu begegnen: Für das Phänomen „Soziale Arbeit im schulischen Kontext“ lässt sich erstens mit dem Konzept „Sprachspiel“ von Ludwig Wittgenstein auf die damit einhergehenden Differenzen aufmerksam machen, welche beachtenswert werden, wenn verschiedene Disziplinen sowie Professionen aufeinandertreffen.
Dass sich diesbezüglich Schule und Soziale Arbeit durch eigene Deutungs- und Wertungsmuster auszeichnen, welche mit einer jeweils anderen Rationalität oder Kultur verbunden sind, lässt sich zweitens mit den Figuren „Ironikerin“ sowie „Metaphysiker“ nach Richard Rorty überzeichnen. Damit wird nachvollziehbar, weshalb im Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Schule eine Möglichkeit für Inkommensurabilität besteht: Die Lebensform und das Weltkonzept sind so verschieden, dass eine mit Gründen geführte Diskussion an Grenzen stößt.
Für die Soziale Arbeit im schulischen Kontext lässt sich drittens mit dem Konzept „Widerstreit“ von Jean-François Lyotard auf die sich daraus ergebenden Kontroversen aufmerksam machen, welche sich als eine weder zur Verständigung noch zur Einigung führbare Form von Konflikten darstellen – dessen sich die Beteiligten aber kaum bewusst sind. Ausgehend davon wird in dieser Arbeit zu einem sensiblen sowie reflexiven Gebrauch der Sprache angemahnt, was ermöglicht, sowohl die im Diskurs der Schulsozialarbeit geltenden Normen zu bezweifeln als auch das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Schule alternativ auszulegen – diesbezüglich wird im Fazit ein Versuch unternommen sowie ein Angebot vorgestellt: Statt im zwischenmenschlichen Austausch eine vermeintliche Gewissheit anzustreben und zu versuchen, das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Schule zu klären oder zu entscheiden, soll eine Machbarkeit sowie eine Verantwortlichkeit angestrebt werden.
Inhaltsverzeichnis
Prolog: Über diese Arbeit
Präliminarien
Idee
Thema
Kontext
Problem
Interesse
Prämisse
Fragen
Soziale Arbeit im schulischen Kontext
Soziale Arbeit
Schulsozialarbeit
Rahmenbedingungen im Erziehungs- und Bildungswesen
Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Schule
Kooperation
Kommunikation
Diskurs – Jürgen Habermas
Kontrafaktizität – Transzendentalität
Verständigung und Einigung
Lebenswelt
Immanenz – Transzendenz
Verhandlung
Diskurs von Sozialer Arbeit und Schule
Schule als Referenzsystem
Sprachspiel – Ludwig Wittgenstein
Soziale Arbeit als Sprachspiel (am Beispiel Sozialpädagogik)
Differenzen zwischen Sozialer Arbeit und Schule
Unterschiedlichkeit von Sprachspielen: Vorbehalt gegen eine Verständigung und Einigung
Unterschiedlichkeit von Sprachspielen: Beispiel gegen eine Verständigung und Einigung
Wie lassen sich Differenzen von Schule und Sozialer Arbeit mit dem Konzept «Sprachspiel» nach Ludwig Wittgenstein darstellen?
Ironie – Richard Rorty
Soziale Arbeit als Ironikerin
Inkommensurabilität zwischen Sozialer Arbeit und Schule
Unmöglichkeit einer Verständigung und Einigung
Wie wird die Inkommensurabilität von Schule und Sozialer Arbeit mit dem Konzept «Ironie» von Richard Rorty nachvollziehbar?
Widerstreit – Jean-François Lyotard
Soziale Arbeit im Widerstreit (am Beispiel Sozialarbeit)
Kontroversen zwischen Sozialer Arbeit und Schule
Schein einer Verständigung und Einigung: Vermeidung oder Ablenkung des Widerstreits
Schein der Verständigung und Einigung: Überlagerung oder Verdrängung des Widerstreits
Wie zeigen sich Kontroversen von Schule und Sozialer Arbeit im Konzept «Widerstreit» nach Jean-François Lyotard?
Fazit
Konklusion
Skepsis und Kritik gegenüber Transzendentalität
Skepsis und Kritik gegenüber Transzendenz
Prägnanz
Quintessenz
Verständigung als Machbarkeit statt Klärung
Einigung als Verantwortlichkeit statt Entscheidung
Das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Schule
Diskussion
Desiderate
Epilog: Über diese Arbeit
Zielsetzung & Themen
Die Masterarbeit untersucht das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Schule kritisch aus einer kommunikationstheoretischen Perspektive. Ziel ist es, die häufig als selbstverständlich vorausgesetzte Möglichkeit einer reibungslosen Verständigung und Einigung in der schulischen Zusammenarbeit zu hinterfragen, um durch eine sensible, reflexive Sprache zu mehr Gerechtigkeit im pädagogischen Alltag beizutragen.
- Analyse der Kommunikation in der Kooperation von Schule und Sozialer Arbeit.
- Theoretische Fundierung durch Jürgen Habermas, Ludwig Wittgenstein, Richard Rorty und Jean-François Lyotard.
- Problematisierung der Inkommensurabilität unterschiedlicher beruflicher Logiken und Sprachspiele.
- Überwindung des "Mythos Kooperation" zugunsten einer Anerkennung von Dissens und Widerstreit.
- Entwicklung von Perspektiven für eine verantwortliche, machbare pädagogische Praxis statt erzwungener Konsense.
Auszug aus dem Buch
Soziale Arbeit als Sprachspiel (am Beispiel Sozialpädagogik)
In «Eine Theorie der Sozialpädagogik» zeigt Michael Winkler (1988) auf, wie sich sowohl die Disziplin als auch die Profession durch ein Sprachspiel konstituieren, mit welchem «die verstreuten [...] Materialien in eine Ordnung gebracht werden», um sich über das Fach sowie den Beruf betreffende Themen zu verständigen und zu einigen (S. 9). So hängt die disziplinäre und professionelle Reflexivität massgeblich von der Kommunikation ab, welche «durch ein Reden in einer Sprache bestimmt wird, die man [...] ‘sozialpädagogisch’ nennen könnte» (S. 23). Die daran beteiligten Personen begreifen sich als Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, weil sie bezogen sowohl auf Theorie als auch auf Praxis Sozialpädagogik «im Sinn haben» und sich dieser Sprache bedienen, um «ihre eigene Welt [...] zu bestimmen» (S. 24).
Mit dem Terminus ‘Lebensform’ stellt Winkler das Fach sowie den Beruf damit als den Menschen umfassend prägende Deutungs- und Wertungsmuster dar, welche sich als «Diskurs» bezeichnen lassen (S. 24). «Der Begriff ‘Sozialpädagogik’ bezeichnet demnach [...] ein ‘Sprachspiel’ [...] [und] fungiert als Chiffre für diejenigen, die am Diskurs teilnehmen» (S. 24). Der darin enthaltene Index dient dazu, zur Sozialpädagogik gehörende Sachverhalte zu markieren und diesen Relevanz zuzuweisen, «weil sich damit der spezifische Sinn von sozialpädagogisch indizierten Phänomenen erfassen lässt» (S. 24). Dabei lassen sich die implizit vorhandenen Regeln des Sprachspiels – auch durch die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen – nicht explizieren, stattdessen stellt sich das Gefühl ein, «über ein Geheimnis zu verfügen, das dem Laien [...] unzugänglich scheint» (S. 25).
Zusammenfassung der Kapitel
Präliminarien: Einleitende Bestimmung der Arbeit, die Kooperation von Sozialer Arbeit und Schule kritisch als kommunikativen Prozess zu begreifen und die Notwendigkeit reflexiver Sprachanalyse hervorzuheben.
Soziale Arbeit im schulischen Kontext: Definition der Schulsozialarbeit als ambivalente Tätigkeit im Spannungsfeld zwischen eigener professioneller Identität und den institutionellen Anforderungen der Schule.
Diskurs – Jürgen Habermas: Theoretische Grundlegung durch die Universalpragmatik, wobei die Möglichkeiten und Grenzen von Verständigung und Einigung im zwischenmenschlichen Austausch erörtert werden.
Sprachspiel – Ludwig Wittgenstein: Anwendung des Sprachspiel-Konzepts, um die Differenzen zwischen den Welten und Rationalitäten von Schule und Sozialer Arbeit aufzuzeigen.
Ironie – Richard Rorty: Einführung der Figur der "Ironikerin" als Modell für eine professionelle Haltung, die Kontingenz und Inkommensurabilität statt falscher Gewissheiten akzeptiert.
Widerstreit – Jean-François Lyotard: Auseinandersetzung mit unvermeidbaren Konflikten, in denen keine Einigung möglich ist, und wie diese als "Widerstreit" produktiv zur Geltung gebracht werden können.
Fazit: Zusammenfassende Reflexion, die das Ziel einer "Machbarkeit" und "Verantwortlichkeit" statt einer erzwungenen Klärung der Verhältnisse proklamiert.
Schlüsselwörter
Schulsozialarbeit, Soziale Arbeit, Kommunikation, Kooperation, Sprachspiel, Diskurs, Inkommensurabilität, Widerstreit, Gerechtigkeit, Lebenswelt, Rationalität, Ironie, Kontingenz, Reflexivität, Profession
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Schule aus einer kommunikationstheoretischen Sicht. Sie hinterfragt kritisch, ob eine harmonische Kooperation im schulischen Kontext durch bloße Verständigung überhaupt möglich ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Kommunikation in institutionellen Kooperationen, die theoretische Differenz von professionellen Logiken sowie die philosophische Reflexion über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Konsens und Einigung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch eine skeptische und kritische Analyse des "Mythos Kooperation" Wege zu finden, wie Soziale Arbeit im schulischen Kontext ihre Identität bewahren und eine reflexivere, gerechtere Praxis des Umgangs mit dem "Fremden" entwickeln kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Studie, die philosophische Konzepte (Habermas, Wittgenstein, Rorty, Lyotard) auf sozialpädagogische Fragestellungen und empirische Forschungsergebnisse (u.a. von Christian Vogel) anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen des Diskurses und der Sprachspiele. Er überzeichnet die beteiligten Akteure als "Ironikerin" (Soziale Arbeit) und "Metaphysiker" (Schule), um Spannungen und unauflösbare Konflikte im Rahmen des "Widerstreits" nach Lyotard explizit zu machen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Schulsozialarbeit, Inkommensurabilität, Widerstreit, Kommunikation, Professionalität und Reflexivität.
Warum reicht der "gesunde Menschenverstand" laut Autor für die Schulsozialarbeit nicht aus?
Der Autor argumentiert mit Richard Rorty, dass der "gesunde Menschenverstand" nach Eindeutigkeit, Klärung und Dominanz strebt, während die Soziale Arbeit durch ihre Konfrontation mit komplexen Einzelfällen eher eine Haltung benötigt, die Ungewissheit als konstitutiv und nicht als Defizit wahrnimmt.
Wie bewertet der Autor den Appell an ein "besseres Kooperieren"?
Der Appell an ein "besseres Kooperieren" wird skeptisch gesehen, da er oft bloße Rhetorik bleibt und die tieferliegenden, systembedingten Inkommensurabilitäten der beteiligten Sprachspiele und Rationalitäten ignoriert, anstatt sich den Konflikten konstruktiv zu stellen.
- Arbeit zitieren
- Patrick Sprecher (Autor:in), 2020, Soziale Arbeit im schulischen Kontext. Die Ironikerin und der Metaphysiker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1183724