Buenos Aires – eine neue Heimat? - Die Integration der deutschen Juden in der argentinischen Hauptstadt 1933-1939


Diplomarbeit, 2007
61 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten.

Das heißt doch Auswanderer. Aber wir

Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß

Wählend ein anderes Land, wanderten wir doch auch nicht

Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer.

Sondern wir flohen […]

Bertolt Brecht[1]

1 Einführung

Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland im Jahre 1933 vollzog sich ein tiefgreifender Einschnitt für die deutsche Gesellschaft, in dessen Folge mit totalitärer und rassistischer Weltsicht von Anfang an gegen Oppositionelle und ethnisch definierte Gegner wie Juden und Roma vorgegangen wurde. Viele von ihnen wurden durch Bedrängung und Verfolgung zur Emigration gezwungen. Für Juden ebenso wie für die politischen Flüchtlinge bedeutete die Flucht eine Zäsur in ihrem Leben. Sie mussten ihre Heimat, Verwandte und Freunde zurücklassen, verloren materielle Güter und erworbene Qualifikationen und erlebten psychische Extremsituationen. Doch auch wenn Emigration zwangsweise eintritt, so ermöglicht sie immer auch neue Erfahrungen und Lernprozesse in den Zufluchtsländern.

Die Idee zu dieser Arbeit entstand durch eine Radiosendung im November 2006, in der Deutsche jüdischen Glaubens, die aus Bayern stammten und während des Dritten Reichs flüchten konnten, über ihre Emig­rationserfahrungen berichteten und die Herausforderungen schilderten, die sie durch die Umstellung von der bayerischen auf die unbekannte Kultur in Buenos Aires gezwungenermaßen meistern mussten.[2] Viele denken heute bei der argentinischen Hauptstadt vor allem an die dort nach Kriegsende „schutzsuchenden“ Nationalsozialisten. Dass Buenos Aires jedoch während des Dritten Reichs nach den USA und Palästina zum wichtigsten Zufluchtsort für deutsch-jüdische Flüchtlinge wurde, in dem sich ab 1933 eine kleine deutsch-jüdische Exil-Gemeinde bildete, ist nur den wenigsten bekannt.[3] Auch im Landesinneren von Argentinien kam es zu Ansiedlungen. Da jedoch auf dem Land völlig andere Lebensbedingungen herrschten, die mit den Verhältnissen in der südamerikanischen Metropole nicht vergleichbar waren, soll sich diese Arbeit lediglich auf den Integrationsprozess der deutsch-jüdischen Einwanderer in Buenos Aires konzentrieren.[4]

Die deutsche Exilforschung befasst sich bislang nur wenig mit dem Auswanderungsprozess und der Integration der deutschen Juden in die argentinische Gesellschaft. Die Vernachlässigung dieses Themas liegt zum einen an der geographischen Entfernung des Landes und dem damit einhergehenden Quellenmangel, zum anderen aber auch an der Geschichtswissenschaft, die sich nach 1945 vor allem mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und im Rahmen der Exilforschung fast ausschließlich mit den europäischen Zielländern und den USA beschäftigte.[5] Dies erstaunt angesichts der Tatsache, dass sich in Buenos Aires nicht nur viele deutsch-jüdische Einwanderer, sondern auch politische Flüchtlinge, Künstler und Intellektuelle niedergelassen haben, sodass mit der auch in Argentinien verstärkten nationalsozialistischen Aktivität innerhalb der zuvor ausgewanderten Deutschen die gesamte Bandbreite der deutschsprachigen Emigration aufeinander traf.[6]

Erst in den letzten Jahrzehnten wandte sich die Forschung den Untersuchungen des politischen während und des nationalsozialistischen Exils nach dem Kriege der deutsch-jüdischen Emigration zu, wobei vor allem die Fluchtbewegungen und Vergleiche internationaler Flüchtlingspolitik und weniger die sozialgeschichtliche Eingliederung in die Aufnahmeländer Gegenstand waren.[7] Während anfangs Darstellungen wie „Europäische Juden in Lateinamerika“ das jüdische Exil meist als namenlose Massenemigration behandelten, wandte sich in den 80er Jahren mit der von Röder und Strauss herausgegebenen Veröffentlichung des „Biographischen Handbuchs der deutschsprachigen Emigration nach 1933“ die Forschung mehr den jüdischen Einzelschicksalen zu.[8] Nun traten die Betrachtung des Exils „der kleinen Leute[9] und die Eingewöhnungsprobleme der Emigration in den Vordergrund.[10] In anderen lateinamerikanischen Ländern wie Chile und Ecuador wurde die Aufnahme und Integration deutsch-jüdischer Flüchtlinge eingehend untersucht. Für Argentinien liegt bis auf eine Studie von Levin über die Schicksale der Emigranten keine Untersuchung vor.[11] Eine umfassende Überblicksdarstellung über die gesamte deutschsprachige Emigration nach Argentinien liefert Saint Sauveur-Henn.[12] Neben Material „über“ Emigranten sind vor allem Briefe und Autobiographien der deutsch-jüdischen Auswanderer eine wertvolle Ergänzung zur wissenschaftlichen Literatur, die Eindrücke, Erfahrungen und Einstellungen der Anfangsjahre in Buenos Aires wiedergeben. Aber auch die Studie von Schwarcz, in der vor allem deutschsprachige Juden eines Altenheims nach 50 Jahren über ihre Identität und Integration in Argentinien befragt wurden, lieferte viel interessantes Informationsmaterial.[13] Wertvolle Quellen waren vor allem der Bericht des „Hilfsvereins deutschsprechender Juden“ von 1943 über „Zehn Jahre Aufbauarbeit“ aber auch Zeitungen und Zeitschriften, deren Berichterstattung und Leserbriefe sich häufig mit Emigrantenfragen auseinandersetzten und Rückschlüsse auf die Lebenssituation der deutsch-jüdischen Bevölkerung in Buenos Aires zulassen.[14] Bisher gibt es noch keine detaillierte Studie zu Wissenschaftlern, Musikern, Schauspielern und bildenden Künstlern, die nach Argentinien ausgewandert sind, sodass zum Einfluss der deutschen Juden auf die argentinische Kultur keine konkreten Aussagen getroffen werden können.[15]

Im Folgenden wird nun untersucht, ob und wie die deutschen Juden, die in den 30er Jahren nach Buenos Aires ausgewandert sind, sich dort in die Gesellschaft integriert haben und ob die argentinische Hauptstadt für sie eine neue Heimat wurde. Um die Flucht und den Integrationsprozess der deutschen Juden einigermaßen erfassen zu können, beschränkt sich diese Arbeit auf Buenos Aires, als die direkte Einwanderung ohne Transitländer noch möglich war. Nicht einbezogen werden die österreichischen Flüchtlinge, die nach dem „Anschluss“ von 1938 nach Buenos Aires kamen, da sich ihre soziale Zusammensetzung und Situation deutlich von den aus Deutschland[16] eingereisten Juden unterschied.[17] Miteinbezogen werden hingegen „Halbjuden“ und sogenannte „Nichtarier“, die nach nationalsozialistischem Verständnis zwar jüdischer Abstammung waren, sich aber vom Judentum religiös und ideell so weit entfernt hatten, dass sie sich selbst nicht mehr als Juden betrachteten.[18] Da die Exilerfahrung ein individuell und gleichzeitig kollektiv erfahrener, gravierender Bruch in ihrem Leben darstellte, gliedert sich die vorliegende Untersuchung nach den drei Stationen, die die Emigranten erlebten: Die Flucht aus Deutschland, die Ankunft in Buenos Aires und letztlich die Eingliederung in die argentinische Gesellschaft. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt dabei auf den Jahren der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 bis Kriegsbeginn 1939.

Der erste Teil der Analyse (Kapitel 2) behandelt die Flucht. Dabei werden nicht nur die Einschnitte der nationalsozialistischen Vertreibungspolitik für das jüdische Leben und die dadurch ausgelösten Auswanderungswellen, sondern auch die Fluchthilfe durch verschiedene Hilfsorganisationen aufgezeigt. Besonderer Beachtung bedarf es hierbei der Untersuchung der Berufs- und Sozialstruktur der aus Deutschland emigrierten Juden sowie der Gründe für die Wahl des Fluchtziels Argentinien und der mit der Flucht verbundenen Schwierigkeiten und Kosten. Das Kapitel schließt mit einer Darstellung der Veränderung der argentinischen Einwanderungspolitik im historischen Kontext und die Wege und Möglichkeiten der Immigration in den La-Plata-Staat.

Die zweite Station der deutsch-jüdischen Flüchtlinge beschreibt die ersten Monate nach ihrer Ankunft in Buenos Aires (Kapitel 3). Da die Stadt traditionell stark von europäischer Einwanderung des 19. Jahrhunderts geprägt war, stießen sie auf eine nicht unbedeutende deutsche Gemeinschaft. Sie mussten aber bald feststellen, dass das NS-Regime nicht an den Grenzen Deutschlands Halt machte, sondern seine Arme bis nach Lateinamerika ausstreckte. In diesem Zusammenhang werden nicht nur die anfänglichen Probleme kultureller und sozialer Art, mit denen die Einwanderer gleich nach dem Eintreffen in Buenos Aires zu kämpfen hatten, aufgezeigt, sondern auch die ersten Anlaufstellen vorgestellt, die ihnen in der Anfangszeit halfen. Dabei ist insbesondere die Arbeit des Hilfsvereins deutschsprechender Juden hervorzuheben, der den deutsch-jüdischen Flüchtlingen eine umfassende soziale Infrastruktur bot.

Der größte Teil der Untersuchung wird sich in Kapitel 4 mit dem Themenkomplex der Integration und dem Alltagsleben der deutschen Juden in Buenos Aires befassen, die den Einwanderern zahlreiche Anpassungsprozesse, sowohl im beruflichen und sozialen als auch im sprachlichen, religiösen und kulturellen Bereich abverlangte. Der Verlust des in Deutschland erworbenen sozialen Status und der vielfach erforderliche Berufswechsel führten zu großen Herausforderungen für die Neuankömmlinge. Wie gliederten sie sich in bestehende Strukturen ein? Wo trafen sich die deutschen Juden und welche Organisationen und Institutionen haben sie gegründet? In diesem Zusammenhang ist vor allem nach den Beziehungen der deutsch-jüdischen Flüchtlinge zur deutschen Gemeinde, den politischen Flüchtlingen und der bestehenden jüdischen Gemeinde zu fragen.

In Kapitel 5 wird auf Basis der Assimilationstheorie von Esser untersucht, bis zu welchem Grad sich die erste Generation in Buenos Aires integrierte. Im Schlusskapitel folgt schließlich ein kurzer Ausblick auf die zweite Generation.

2 Die Flucht

2.1 Situation der Juden im Dritten Reich

Die Familien der meisten deutschen Juden lebten schon seit vielen Generationen in Deutschland, die ersten jüdischen Gemeinden auf deutschem Gebiet sind bis ins 4. Jahrhundert zurückzuverfolgen.[19] Um mehr Akzeptanz zu erlangen, hatte sich ein Großteil der in Deutschland lebenden Juden mit der Zeit an die deutsche Gesellschaft und Kultur angepasst. Sie waren damit von Juden in Deutschland zu Deutschen jüdischen Glaubens geworden, wenn sie ihre religiöse Bindung zum Judentum nicht sogar völlig aufgegeben hatten.

Sie identifizierten sich mit der bürgerlich humanistisch liberalen Tradition der deutschen Kultur, die von vielen Juden getragen und gefördert worden war, und setzten diesen Teil der Kultur mit Deutschland gleich.[20]

Sogar der jüdische Gottesdienst war in Teilen an den protestantischen angeglichen worden, indem zum Beispiel das Orgelspiel und die Predigt in deutscher Sprache eingeführt worden waren.[21] Gerade Juden, die als Soldaten für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, legten einen ausgeprägten deutschen Patriotismus an den Tag und fühlten sich vor antisemitischen Übergriffen sehr sicher.[22] Vor allem aber wussten viele der Verfolgten nicht einmal mehr von ihren jüdischen Wurzeln. Die jüdisch-ethnische Identität gewann erst mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus an Bedeutung, als die Juden plötzlich nach nationalsozialistischen Rassekriterien von ihrem gewohnten Umfeld ausgestoßen wurden. Der antisemitische Boykott leitete am 1. April 1933 die offiziellen Verdrängungsmaßnahmen von Juden aus dem öffentlichen Leben ein, die sich zunächst vor allem gegen Regimegegner und jüdische Akademiker richteten und bis zu 38 000 Juden zur Auswanderung bewegten.[23] Im Zuge der „Gleichschaltung“ 1933 wurden alle deutschen Institutionen nach der faschistischen Ideo­logie ausgerichtet und unliebsame Personen aus dem gesamten öffentlichen Dienst entlassen, wodurch die ersten Flüchtlingsströme ausgelöst wurden. Aus Tabelle 1 wird ersichtlich, dass die ersten Flüchtlinge aufgrund der geographischen Nähe vor allem in den europäischen Nachbarländern Zuflucht suchten, da man nur an einen vorübergehenden Auslandsaufenthalt glaubte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Repressionen im Rahmen der „Arisierung“ schränkten das jüdische Leben zunehmend ein und entzogen den Familien nach und nach die Existenzgrundlage. Trotzdem sanken zunächst die Auswandererzahlen wieder und viele zögerten die Auswanderung im Glauben an die Rechtsstaatlichkeit und aus Angst vor dem Ungewissen hinter den Grenzen hinaus.[24] Eine zweite Fluchtwelle löste die Verabschiedung der Nürnberger Gesetze am 12. September 1935 aus, die der jüdischen Bevölkerung die deutsche Staatsbürgerschaft entzog. Abgesehen von den einschneidenden rechtlichen Folgen bewirkte diese Entwurzelung vor allem eine Identitätskrise der deutschen Juden. Sie degradierte sie zu Menschen zweiter Klasse und Staatenlosen, sodass der Auswanderungsdruck durch das NS-Regime erhöht wurde. Während anfangs die Wahl der neuen Heimat noch relativ frei war, verringerten die potentiellen Zielländer aufgrund der Flüchtlingsströme kontinuierlich ihre Aufnahmequoten.[25] Außerdem beschränkte die durch den Ausschluss aus dem Wirtschaftsleben verursachte Verarmung, von der im Jahre 1936 schon ungefähr 20 % der zuvor eher wohlhabenden jüdischen Bevölkerung betroffen war, die Auswanderungsmöglichkeiten.[26] Die Olympischen Spiele im selben Jahr führten zu einer scheinbaren Beruhigung der antisemitischen Handlungen, sodass die Flüchtlingszahlen 1937 leicht auf 23 000 sanken. Mit zunehmender Kriegswahrscheinlichkeit in Europa verschob sich die Auswanderung jedoch zunehmend auf Übersee. Diese war zwar mit den erforderlichen Papieren bis 1938 relativ unproblematisch, bedeutete aber eine noch größere finanzielle Belastung für die Auswanderer:[27] Abgesehen von der Reichsfluchtsteuer von 25 % des steuerpflichtigen Vermögens[28] fielen für die bis zu vierwöchige Überfahrt von Hamburg nach Buenos Aires unter anderem Reisekosten zwischen 340 Reichsmark (RM) in der dritten Klasse und 1 285 RM in der ersten Klasse an.

Die Reichspogromnacht am 9. November 1938, in der die meisten jüdischen Geschäfte zerstört und Juden willkürlich verhaftet, deportiert und ermordet wurden, machte die letzte Hoffnung auf ein Leben in Deutschland zunichte. Sie löste eine Massenflucht von schätzungsweise 75 000 bis 80 000 Juden aus, weil die Auswanderung nahezu die einzige Alternative zum Konzentrationslager darstellte. Zu dieser Zeit richteten sich die Auswanderungsziele schon nicht mehr nach den Präferenzen der Flüchtlinge, sondern nach der Asylpolitik der einzelnen Länder, sodass die Emigranten in der Regel weder Ziel noch Zeitpunkt ihrer Ausreise wählen konnten.[29]

Im Hinblick auf die damalige Lebenssituation der deutschen Juden wird klar, dass das Verlassen des Landes nur schwer ohne fremde Hilfe möglich war, da schon allein der fehlende deutsche Reisepass durch den Entzug der Staatsbürgerschaft zum Hindernis wurde. Lehnten anfangs zentrale jüdische Organisationen die Ausreise noch als „Fahnenflucht“[30] ab, erkannten sie zunehmend die Notwendigkeit, die Auswanderung zu unterstützen. So konnte der 1933 gegründete jüdische Dachverband, die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, bis 1939 3 814 Personen bei der Ausreise nach Argentinien unterstützen.[31] Ab 1936 gab ein internationales Korrespondenznetzwerk jüdischer Organisationen umfassende Informationen zu Einwanderungsmöglichkeiten und zur aktuellen Lage in den einzelnen Ländern heraus.[32] Die Reichsvertretung half schon vor der Ausreise noch in Deutschland durch Darlehen, sprachliche Vorbereitung und Berufsumschulung von akademischen zu handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen, wobei die Handwerksschulen ab 1936 nur noch für die Auswanderung und nicht mehr für den innerdeutschen Bedarf ausbilden durften. Der jüdische Dachverband geriet allerdings im darauf folgenden Jahr in finanzielle Schwierigkeiten und konnte nur noch eingeschränkt helfen.[33]

Mit Kriegsausbruch stiegen die Preise für die Überfahrt nach Argentinien sehr stark an, bis schließlich die zivile Personenschifffahrt 1940 kriegsbedingt völlig zusammenbrach und eine Ausreise direkt nach Übersee fast unmöglich wurde. Man floh überstürzt wieder mehr in die europäischen Nachbarländer, um von dort aus die weitere Auswanderung zu organisieren. So kamen viele Flüchtlinge erst auf großen Umwegen über Transitländer nach Argentinien, bis 1941 die Auswanderung der Juden aus dem Deutschen Reich schließlich gänzlich verboten wurde.[34]

2.2 Umfang, Berufs- und Sozialstruktur der deutsch-jüdischen Argentinien-Emigration 1933-1939

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Angaben der Reichsvertretung zufolge lebten 1933 schätzungsweise über eine halbe Million Glaubensjuden[35] in Deutschland, also weniger als ein Prozent der Reichsbevölkerung, von denen zwischen 1933 und 1939 rund 247 000 flüchteten.[36] Über die Zahl der speziell nach Argentinien ausgewanderten Juden sind in der Literatur verschiedenste Zahlen zu finden:

Diese Abweichungen sind nicht auf die unterschiedlichen Zeiträume zurückzuführen, sondern vielmehr auf die undurchsichtige Quellenlage. Einerseits lassen sich illegale Immigration und Binnenwanderung zwischen den lateinamerikanischen Ländern in Statistiken lediglich abschätzen, andererseits mussten Reisende erster Klasse keine Angaben zu ihrer Religion machen und sind deshalb in offiziellen Statistiken als jüdische Flüchtlinge nicht erfasst worden. Am realistischsten erscheinen Hochrechnungen des argentinischen Hilfsvereins deutschsprechender Juden, demzufolge 1933 bis 1943 ungefähr 45 000 jüdische Flüchtlinge aus dem deutschen Sprachgebiet in den La-Plata-Staat gekommen sind.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Die Mehrheit der jüdischen Auswanderer kam aus größeren Städten: Rund 67 % der Juden lebte im Dritten Reich in Orten mit mehr als 100 000 Einwohnern, ein Viertel allein in Berlin.[37] Dahingegen verteilte sich die gesamtdeutsche Bevölkerung nur zu 27 % auf Großstädte, sodass die Urbanisierung der Juden offensichtlich bereits deutlich weiter vorangeschritten war als die der Gesamtbevölkerung. Dies unterschied die jüdische Bevölkerung vom Rest der Deutschen, der sich genau umgekehrt auf Stadt und Land verteilte. Die Herkunft der Emigranten verwundert etwas in Anbetracht der Tatsache, dass die antisemitischen Angriffe auf dem Land oftmals stärker waren. Dies führte zur Landflucht, weil die Juden in der Anonymität der Großstadt ihre jüdische Identität zunächst noch verbergen konnten. Dass gerade die Stadtbevölkerung auswanderte lag daran, dass die Berufsverbote vor allem städtische Beschäftigungsgruppen wie Anwälte, Ärzte und Künstler betrafen und die Stadtbewohner im Allgemeinen flexibler und mobiler waren als die Landbewohner.[38]

Mit der Herkunft hängen auch die Arbeitsbereiche der Flüchtlinge zusammen[39]: Die meisten Juden, die 1933 im Deutschen Reich lebten, gehörten dem mittleren Bürgertum an. Im primären Sektor waren mit lediglich 1,7% fast keine Juden tätig, auch in Industrie und Handwerk mit 23,1 % im Vergleich zu den übrigen Deutschen nur wenige. Dagegen arbeitete im öffentlichen Dienst und in Dienstleistungen (12,5 %) sowie Handel und Verkehr (61,3 %) ein vergleichsweise großer Teil jüdischer Erwerbstätiger.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Folgenden soll nun speziell auf die Argentinien-Auswanderer eingegangen werden. In welchen Berufsfeldern waren sie tätig und inwiefern beeinflusste ihre Sozialstruktur die Auswanderungsbereitschaft?

Wie auch schon bei den Emigrationszahlen gibt es keine eindeutigen Angaben über die Beschäftigungsbereiche der jüdischen Bevölkerung. Die Statistik des Deutschen Reiches ist wegen der teils indirekten Emigration über Transitländer unbrauchbar. Auch die Statistik der argentinischen Einwanderungsbehörde hilft nicht weiter, weil Reisende erster Klasse nicht erfasst wurden. Abgesehen davon wären möglicherweise falsche Berufsangaben auf den Visaanträgen miteinzurechnen, die durch die argentinische Einwanderungspolitik herbeigeführt wurden. Da der La-Plata-Staat vorrangig die landwirtschaftliche Ansiedlung förderte, richteten sich viele deutsche Auswanderer bei ihren Angaben nach den gefragten Berufsrichtungen und erhofften sich dadurch bessere Chancen auf eine Einreisegenehmigung. So reisten beispielsweise von 1933 bis 1945 angeblich 24 % männliche Landwirte und Tagelöhner zweiter und dritter Klasse aus Europa nach Argentinien ein, was jedoch angesichts der zuvor skizzierten Berufsstruktur nicht der Wahrheit entsprechen konnte.[40] Die Frage, in welchen Berufszweigen die jüdischen Flüchtlinge in Argentinien letztlich Arbeit fanden, wird in Kapitel 4.1 behandelt. Als realistisch erscheint eine Hochrechnung des Hilfsvereins deutschsprechender Juden von 1943:

[...]


[1] Brecht, Gedichte, S. 137.

[2] „Bayern bei den Gauchos“, Radiosendung vom 19.11.2006, 12.05 Uhr auf Bayern 2.

[3] Newton, Indifferent Sanctuary, S. 395.

[4] Einen guten Überblick über deutsche Ansiedlungsversuche im Landesinneren Argentiniens gibt Saint Sauveur-Henn, Un siècle d’émigration allemande, S. 409-491.

[5] Strauss, Essays, S. 317.

[6] Saint Sauveur-Henn, Exotische Zuflucht, S. 243.

[7] Lacina, Emigration 1933-1944. — Schafft-Kulas, Emigrationsverhalten.

[8] Schrader/Rengstorf, Europäische Juden in Lateinamerika. — Röder/Strauss, BHB 1. — Loewy, Zum Paradigmenwechsel, S. 213.

[9] Benz, Das Exil.

[10] Lutz, Mythen der Exilforschung, S. 79.

[11] Levin, Historias de una Emigración. — Für Chile: Wojak, Exil in Chile. — Für Ecuador: Kreuter, Wo liegt Ecuador?.

[12] Saint Sauveur-Henn, Un siècle d’émigration allemande.

[13] Schwarcz, Trotz allem.

[14] Hilfsverein, Zehn Jahre. — Allgemeiner Überblick in: Maas, Deutsche Exilpresse in Lateinamerika.

[15] Krohn, Handbuch der deutschsprachigen Emigration, S. 149.

[16] Unter „Deutschland“ ist im Folgenden das Deutsche Reich in seinen damaligen geographischen Grenzen unter Einbeziehung des Saarlandes (ab 1.11.1936 Teil Deutschlands) zu verstehen.

[17] Blaschitz, Auswanderer, Emigranten, Exilanten.

[18] Vuletic, Christen jüdischer Herkunft.

[19] Levin, Die deutsch-jüdische Emigration, S. 105.

[20] Moneke, Die Emigration der deutschen Juden, S. 31.

[21] Schafft-Kulas, Emigrationsverhalten, S. 37f.

[22] Ebenda, S. 35.

[23] Hofer, Stufen der Judenverfolgung, S. 176.

[24] Strauss, Jewish Emigration (I), S. 330.

[25] Moneke, Die Emigration der deutschen Juden, S. 48. — Schafft-Kulas, Emigrationsverhalten, S. 93.

[26] Jackisch, El Nazismo, S. 67.

[27] Schwarcz, Die deutschsprachigen Juden in Lateinamerika, S. 209. — Mühlen, Fluchtziel, S. 25.

[28] Die zur Verhinderung der Kapitalflucht 1931 eingeführte Reichsfluchtsteuer war 1934 ab einem Vermögen von 50 000 Reichsmark (RM) und einem Einkommen über 20 000 RM fällig. Vgl. Cohn/Gottfeld, Auswanderungsvorschriften, S. 30f, 61, 101.

[29] Strauss, Jewish Emigration (I), S. 326. — Moneke, Die Emigration der deutschen Juden, S. 63.

[30] Benz, Die Juden in Deutschland, S. 315.

[31] Die Reichsvertretung übernahm nach der Gleichschaltung die soziale Versorgung der Juden. Im Rahmen der Auswanderung arbeitete sie auch eng mit den jüdischen Hilfsorganisationen im Ausland zusammen. Ab 1935 schloss sie sich mit dem Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau zusammen. Sie finanzierte sich bis 1938 durch Steuern der jüdischen Gemeindemitglieder. Vgl. Adler-Rudel, Jüdische Selbsthilfe, S. 15, 217. — Reisekosten Vgl. Cohn/Gottfeld, Auswanderungsvorschriften, S. 101.

[32] Darin waren auch Briefe von Einwanderern mit Erfahrungsberichten abgedruckt. Vgl. Strauss, Jewish Emigration (II), S. 396.

[33] Adler-Rudel, Jüdische Selbsthilfe, S. 12, 78, 127.

[34] Moneke, Die Emigration der deutschen Juden, S. 99, 114f.

[35] Diese Zahl schließt nur die Juden ein, die sich zum israelitischen Glauben bekennen bzw. einer jüdischen Gemeinde angehören. Nach den Nürnberger Gesetzen wurden zu dieser Zahl ungeachtet ihrer Identität und ihres religiösen Bekenntnisses alle Personen hinzugerechnet, die nach nationalsozialistischen Rassekriterien jüdischer Abstammung waren.

[36] Jackisch, El Nazismo, S. 51. — Rosenstock, Exodus, S. 373.

[37] Moneke, Die Emigration der deutschen Juden, S. 15.

[38] Grossmann, Emigration, S. 51.

[39] Moneke, Die Emigration der deutschen Juden, S. 15.

[40] Statistik der argentinischen Einwanderungsbehörde 1933-1945, in: Jackisch, El Nazismo, S. 159.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Buenos Aires – eine neue Heimat? - Die Integration der deutschen Juden in der argentinischen Hauptstadt 1933-1939
Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
61
Katalognummer
V118388
ISBN (eBook)
9783640211692
ISBN (Buch)
9783640211821
Dateigröße
906 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buenos, Aires, Heimat, Integration, Juden, Hauptstadt
Arbeit zitieren
Daniela Höchtl (Autor), 2007, Buenos Aires – eine neue Heimat? - Die Integration der deutschen Juden in der argentinischen Hauptstadt 1933-1939, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118388

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