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«Dem Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen» - Aufkommen der Ökonomie und Rückzug der Natur

Spiegelung des gesellschaftlichen Umbruchs im ersten Akt des "Faust" Zweiter Teil?

Title: «Dem Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen» - Aufkommen der Ökonomie und Rückzug der Natur

Seminar Paper , 2005 , 38 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Andree Czerwinski (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Die vorliegende Arbeit beginnt mit einem einleitenden Wirtschaftsteil, der diese wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen – von ersten liberalistischen Diskursen in Frankreich, über die eng-lische Freihandelsbewegung bis hin zur deutschen Entwicklung – und ihre sozioökonomischen Auswirkungen nachzeichnen soll. Um die wirtschaftlichen Veränderungen kenntlich zu machen, sollen zunächst die unterschiedlichen Merkantilismusausprägungen der drei Länder thematisiert werden. Hiervon ausgehend soll verdeutlicht werden, inwieweit Goethe im ersten Akt des Faust II auf die Begebenheiten seiner Zeit anspielt. Zu diesem Zweck muss die Eröffnungsszene des Werkes untersucht werden. Es soll betrachtet werden, ob dieser eine Prologfunktion im Werk zukommt, ob sie ein literarisches Thema für die weitere Handlung vorgibt. Nach der ersten Szene spielt das Geschehen in der Gesellschaft des Hofes. Der Staat ist verschuldet, das alte System be-darf einer Erneuerung. Daher soll beleuchtet werden, inwieweit die wirtschaftliche Neubelebung der literarischen Gesellschaft mit in der Goethe-Zeit erfahrbaren Entwicklungen korrespondiert. Führt die Entstehung einer neuen Wirtschaftsform tatsächlich zu einer Verbesserung der Verhältnisse? Bedingt das neue Marktsystem die Beziehung des Menschen zur Natur? Welches ist die neue Instanz, die die Gesellschaft – nach der Zurückdrängung des feudalen Systems - zusammenhält? Die literarischen Antworten Goethes auf all diese Fragen sollen in dieser Arbeit interpretiert werden. Besondere Bedeutung kommt hier der Untersuchung der zwischen Analyse der Systemkrise und der Erneuerung des wirtschaftlichen Systems liegenden Mummenschanz-Szene zu, in der die Gesellschaft literarisch seziert wird. Auf keinen Fall sollen Goethes eigene wirtschaftstheoretische Ansichten analysiert werden. Dies wird Teil einer späteren Arbeit sein. Im vorliegenden Text geht es vielmehr um die Kenntlichmachung literarischer und realgeschichtlicher Parallelitäten. Wie spiegelt der erste Akt des Faust II diese Zeit der Veränderungen wider?

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeit der Veränderungen in Europa

2.1. Vom Colbertismus zu Quesnay: Frankreich

2.2. Der englische Merkantilismus

2.3. Liberalistischer Ideenwandel

2.4. Industrialisierung in England: Umsetzung des liberalistischen Postulats

2.5. Wirtschaftlicher Rückstand in Deutschland

2.6. Einzug des wirtschaftlichen Fortschritts in Deutschland

2.7. Zwischenfazit

3. Anmutige Gegend – Natur und Abglanz

3.1. Erwachen im reinen Naturzustand

3.2. Farbiger Abglanz: Der Schein wird Thema

4. Das Sein vor dem Schein: Systemkrise im Reich

4.1. Die Zustandsbeschreibung der Minister

4.2. Systemdiagnose: „Hier aber fehlt das Geld“

4.3. Das Wesen des Geldes: Geld-Schein

4.4. Kompetenzübertragung des Kaisers: Auslieferung an den Schein

5. Mummenschanz: Scheinhafte Vorführung des Neuen

5.1. Die Geburt einer neuen Gesellschaft

5.2. Erneuerung der Wirtschaftsform: Die neue Natürlichkeit der Märkte

5.3. Einzug des Reichtums: Verwechslung von Schein und Sein

5.4. Der Reichtum übernimmt die Regie: Entstehung einer neuen Religion

5.5. Triumph des Reichtums - Degradierung des Kaisers

6. Das Sein nach dem Schein

6.1. Wiedergeburt der Gesellschaft: Wirtschaftlicher Aufschwung

6.2. Der Grund des Aufschwungs – Retrospektive

6.3. Das neue Prinzip: Alles beim Alten?

7. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Reflexion ökonomischer und gesellschaftlicher Umbrüche der Goethe-Zeit im ersten Akt von Goethes „Faust II“. Ziel ist es, die Parallelen zwischen der realgeschichtlichen Entwicklung vom Merkantilismus zum modernen Wirtschaftssystem und der literarischen Darstellung am Kaiserhof nachzuzeichnen, wobei insbesondere die Rolle von Schein und Reichtum analysiert wird.

  • Wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung vom Merkantilismus zum Liberalismus in Europa.
  • Die Systemkrise am Kaiserhof und die Einführung des Papiergeldes als „magische“ Wertschöpfung.
  • Allegorische Sezierung der Gesellschaft in der Mummenschanz-Szene.
  • Die Rolle von Schein und Reichtum als neue Religion der Gesellschaft.
  • Goethes literarische Antwort auf die Anfänge der Industrialisierung und deren Folgen.

Auszug aus dem Buch

4.3. Das Wesen des Geldes: Geld-Schein

Das von Mephistopheles gepriesene Geld geht – wie dessen Rede zu entnehmen ist – mit Imagination einher. Ihm kommt kein tatsächlicher Wert zu. Legitimiert wird es lediglich dadurch, dass es von der Gesellschaft ersehnt wird. Es handelt sich bei dem Geld also um etwas der Gesellschaft Immanentes und nicht etwa um einen unerwünschten Fremdkörper. Dorothea Lohmeyer bezeichnet Mephistopheles als „das Prinzip des Scheins“ Weiterhin betont sie, dass dieser das der Gesellschaft Fehlende ersetze. Demnach liefert sich der Kaiser mit der Betrauung Mephistopheles´, das höfische Geld zu vermehren, einem Schein aus, den die Summe seiner Untergebenen ersehnt, der der Gesellschaft also fehlt. „Es fehlt an Geld, nun gut so schaff es denn“ (V. 4926), befiehlt der Kaiser daher.

Karl Eibl betont die Arbitrarität des Geldes, das nichts anderes als ein Zeichen sei. Dass dieses an die Stelle eines tatsächlichen Werts rücken soll, stelle einen entscheidenden Modernisierungsschub dar. Als „zweite Modernisierungsschwelle“ identifiziert Eibl den bloßen Schein der Deckung des Papiergeldes. Er spricht von der „Nutzung der ‚Produktivkraft’ Phantasie“. Körner und Sielaff bescheinigen schon der geschichtlichen Vorverlegung der Papiergeldausgabe einen „Schleier des Fieberhaften und Unwirklichen.“

Hans Christoph Binswanger sieht die moderne Wirtschaft als alchemistischen Prozess. Die frühen Alchemisten versuchten mit Hilfe des „Steins der Weisen“, aus unedlem Metall Gold herzustellen. Es herrschte die Ansicht, dass das aurum potabile auch in jedem unedlen Metall enthalten sei. In der modernen Wirtschaft sieht Binswanger nun die Alchemie in anderer Form weitergeführt. Dadurch, dass dem an sich wertlosen Papiergeld ein Wert zukomme, sei hier der gleiche Prozess verwirklicht wie in der Alchemie. Im Gegensatz zu einer „wirklichen“ Wertschöpfung identifiziert Binswanger in der modernen Wirtschaft eine magische Wertschöpfung, die prinzipiell unendlich sei. Im Gegensatz zur Ansicht der klassischen Nationalökonomie Smithscher Prägung geht zunehmendes Wachstum also nicht mit einer Steigerung der Arbeitstätigkeit einher, sondern mit dem Vertrauen auf nicht durch Arbeit gehobene Bodenschätze. Das Geldkapital sei der Stein der Weisen der Wirtschaft, so Binswanger. Diesen Stein der Weisen sieht er durch Faust repräsentiert.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Einbettung des „Faust II“ ein und umreißt die Untersuchung der sozioökonomischen Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts im ersten Akt.

2. Zeit der Veränderungen in Europa: Dieses Kapitel analysiert den Übergang vom merkantilistischen System hin zu liberalistischen Wirtschaftsformen in Frankreich, England und Deutschland.

3. Anmutige Gegend – Natur und Abglanz: Hier wird die Eröffnungsszene als Naturzustand interpretiert, in der Faust zur Ruhe kommt, bevor er mit dem Schein der Welt konfrontiert wird.

4. Das Sein vor dem Schein: Systemkrise im Reich: Die Analyse konzentriert sich auf die finanzielle Notlage am Kaiserhof und die fatale Einführung des Papiergeldes durch Mephistopheles.

5. Mummenschanz: Scheinhafte Vorführung des Neuen: Dieses Kapitel untersucht das Maskenspiel als allegorische Darstellung der modernen Gesellschaft, in der alles zur Ware wird.

6. Das Sein nach dem Schein: Hier wird der wirtschaftliche Aufschwung nach der Mummenschanz betrachtet, der auf dem blinden Vertrauen in das ungedeckte Papiergeld basiert.

7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen: Goethe spiegelt die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit wider, wobei der Reichtum als neues, von der Realität entkoppeltes Ideal die Herrschaftsstrukturen ersetzt.

Schlüsselwörter

Faust II, Johann Wolfgang Goethe, Merkantilismus, Liberalismus, Papiergeld, Wirtschaftskrise, Schein, Sein, Reichtum, Industrialisierung, Mummenschanz, Allegorie, Adam Smith, Moderne Wirtschaft, Wertschöpfung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert, wie Johann Wolfgang Goethe im ersten Akt seines Werkes „Faust II“ die wirtschaftlichen und sozialen Transformationen seiner Zeit – insbesondere den Übergang vom Feudalismus zur modernen Geldwirtschaft – literarisch verarbeitet.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zu den Schwerpunkten gehören der wirtschaftshistorische Wandel, die Analyse des Papiergeldes als „magisches“ Konstrukt, die allegorische Struktur der Mummenschanz-Szene sowie das Spannungsfeld zwischen der natürlichen Welt und der ökonomisierten Moderne.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Die Forschungsfrage lautet, inwiefern der erste Akt von „Faust II“ als Spiegelung des gesellschaftlichen Umbruchs der Goethe-Zeit gelesen werden kann und welche Rolle die Entkoppelung von Sein und Schein in diesem Prozess spielt.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den literarischen Text unter Einbeziehung ökonomischer Theorien (wie denen von Adam Smith oder den Physiokraten) und historischer Kontexte interpretiert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine ökonomische Einleitung, eine Untersuchung der Eröffnungsszene („Anmutige Gegend“), eine detaillierte Analyse der Systemkrise am Kaiserhof und der anschließenden Mummenschanz-Episode sowie die Betrachtung der Folgen dieses ökonomischen Wandels.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?

Zentrale Begriffe sind Faust II, Merkantilismus, Liberalismus, Schein, Papiergeld, Reichtum, Allegorie, Industrialisierung und das Verhältnis von Natur und moderner Wirtschaft.

Warum spielt die Einführung des Papiergeldes in der Arbeit eine solch zentrale Rolle?

Die Einführung des Papiergeldes wird als der entscheidende Punkt der Systemkrise identifiziert, an dem das Vertrauen in imaginäre Werte den direkten Bezug zur Realität und zur produktiven Arbeit verdrängt.

Wie bewertet die Arbeit die Rolle des Kaisers im Kontext der ökonomischen Neuerungen?

Der Kaiser wird als eine Figur dargestellt, die ihren Machtverlust durch das Unwissen gegenüber den ökonomischen Manipulationen von Mephistopheles und Faust („Plutus“) nicht erkennt und letztlich zur Marionette des neuen Systems des Reichtums wird.

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Details

Title
«Dem Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen» - Aufkommen der Ökonomie und Rückzug der Natur
Subtitle
Spiegelung des gesellschaftlichen Umbruchs im ersten Akt des "Faust" Zweiter Teil?
College
Ruhr-University of Bochum  (Germanistisches Institut)
Course
J.W. Goethe: „Faust I/II“
Grade
1,0
Author
Andree Czerwinski (Author)
Publication Year
2005
Pages
38
Catalog Number
V118469
ISBN (eBook)
9783640214884
ISBN (Book)
9783640214952
Language
German
Tags
Grenzenlosen Vertrauen» Aufkommen Rückzug Natur Goethe I/II“
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Andree Czerwinski (Author), 2005, «Dem Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen» - Aufkommen der Ökonomie und Rückzug der Natur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118469
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