Josef Redings "Generalvertreter Ellebracht begeht Fahrerflucht"

Interpretation und didaktische Anmerkungen für den Deutschunterricht


Unterrichtsentwurf, 2008

4 Seiten, Note: ohne


Leseprobe

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Die Kurzgeschichte „Generalvertreter Ellebracht begeht Fahrerflucht“ von Josef Reding thematisiert/behandelt einen Fall von Fahrerflucht. Die Hauptfigur, ein angesehener Generalvertreter namens Ellebracht, wird noch während der Weiterfahrt nach dem von ihm verursachten Unfall von seinen zunehmenden Gewissensbissen dazu bewogen, zum Ort des Geschehens zurückzukehren, um dem Opfer, einem von ihm angefahrenen Radfahrer, zu helfen.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Die eigentlich in der dritten Person (Er-Erzähler) erzählte Geschichte gewährt tiefe Einblicke in die Gedankenwelt der Hauptfigur/des Protagonisten. Der Autor bedient sich dazu vor allem des Stilmittels des inneren Monologs. Abgerissene Sätze, kurze Parataxen und grammatisch unvollständige Sätze (Ellipsen) enthüllen/offenbaren/veranschaulichen Ellebrachts seelische Verfassung, erkennbar z.B. in folgenden Sätzen: „Fehlte grade noch! dachte Ellebracht. Fehlte grade noch, dass ich nun wegen einer so geringen Sache [...]“ (Z. 10). „Und was dann? [...] Und mit dem neuen Haus? Und was sagt Ursula [...]?“ (Z. 33-34). In diesen Beispielen verstärken/unterstreichen/intensivieren Anaphern, kombiniert mit Parallelismen, den Eindruck großer Unruhe, den die Hauptfigur nach dem Vorfall macht/erweckt. Durch die Verbindung/Verknüpfung des inneren Monologs mit solchen Stilmitteln wird eine Unmittelbarkeit des Erzählten erreicht/erzielt, die den Leser in große Nähe zu den geschilderten Ereignissen bringt. Er wird gewissermaßen in die schwierige Lage des Protagonisten direkt hineinversetzt. Durch den inneren Monolog der Hauptfigur erfährt der Leser auch, was zuvor geschehen ist und Ellebracht in diese Gewissensnot gebracht hat. Denn gleich zu Beginn der Erzählung wird der Leser in die Gedankenwelt Ellebrachts versetzt, da dieser sich mit der „neuen Breite“ (Z. 1) des neuen Wagens für einen Fehler zu rechtfertigen versucht, der später als Unfallursache erkennbar wird. Ellebracht trägt im Verlauf der Geschichte einen inneren Konflikt aus, einen Konflikt zwischen Gewissen und Egoismus.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] In diesem Duell argumentiert Ellebrachts Egoismus mit dem gesellschaftlichen Ruf, dem beruflichen Erfolg und schließlich auch mit der Familie (vgl. Z. 24-36). Aber auch Ellebrachts Gewissen ist von Anfang an aktiv. Denn es kontrolliert seine physischen Reaktionen: Er ist nervös, verwirrt und unruhig. Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang das Wortspiel mit der Wortfamilie „Schweiß“/„schwitzen“: Gleich zu Beginn wird das ungewöhnliche Adjektiv „schweißig“ drei Mal kurz hintereinander verwendet (Z. 3-4). Der Pleonasmus verstärkt den Eindruck von „Angst“ (Z. 4) und Stress. Die Wortfamilie wird eingesetzt, um die inhaltliche Aussage: „Ellebracht ist nervös, gestresst“ zu intensivieren. Ellebrachts Nervosität überträgt sich so gewissermaßen auf den Leser. Die Wortfamilie durchzieht die Geschichte als Leitmotiv. In der zweiten Hälfte „stöhnt“ und „schwitzt“ Ellebracht (Z. 54); am Ende ist er nur noch „der Schwitzende“ (vgl. Z. 59, 65), d.h., das Schwitzen ist so stark, dass es zum Synonym für Ellebracht wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ähnlich zu deuten, also als Stress- und Angstsymptome, sind seine negativen Reaktionen auf verschiedene Sinneseindrü alt="Text Box: Detailbeobachtung 3: Gewissensbisse Wiederaufnahme 1: rhetorische Figuren Deutung: Unmittelbarkeit, Vorbereitung des Wendepunktes " align="left" height="94" hspace="12" width="274" />Die Gewissensbisse des Generalvertreters werden auf dieselbe Weise dargestellt wie vorher seine egoistischen Gedanken. So heißt es beispielsweise/z.B./etwa in Zeile 40: „Und wann ist der Mann mit dem Fahrrad bei seiner Familie? Der Mann, der mit ausgebreiteten Armen wie ein Kreuz am Straßenrand gelegen hat? Der Mann, der nur ein wenig den Kopf herumdrehte [...]?“ Auch hier drückt sich Ellebrachts Unruhe darin aus, dass Sätze elliptisch sind und Wörter tautologisch wiederholt werden (drei Mal „der Mann“). Die unbequemen Fragen sind als Klimax angeordnet. Sie steigern sich bis zu dem nachdrücklichen, bohrenden Vorwurf: „Du, wann ist dieser Mann bei seiner Familie?“ (Z. 43-44; entsprechend Z. 46-47 mit dem Begriff „Kreuz“). Anaphern und Parallelismen markieren Ellebrachts Gedankengang und machen den Prozess nachvollziehbar, an dessen Ende die Umkehr des Protagonisten steht. Der Leser kann direkt miterleben, wie in parallelen, assoziativen Satzstrukturen Schuldgedanken in Ellebracht aufkommen und wachsen. Sie bereiten den Wendepunkt, die Entscheidung in dem Konflikt, vor: Ellebrachts moralische Wende, die wenig später durch das Kreuz-Symbol an seinem Wagen ausgelöst wird.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Dem Kreuz kommt in dem Text besondere Bedeutung zu. Denn der Anblick des Kreuzes führt dazu, dass Ellebracht schließlich zum Unfallort zurückfährt. Auf der Inhaltsebene handelt es sich bei dem „Firmenzeichen auf der Kühlerhaube“ (Z. 49) offenbar um einen durch den Unfall verdrehten Mercedes-Stern (der Vertreter fährt laut Zeile 21 einen „Straßenkreuzer“, womit eine Mercedes-Limousine gemeint sein könnte). Obwohl der Mercedes-Stern eigentlich eine ganz andere Bedeutung hat und Reichtum und Luxus symbolisiert, sieht Ellebracht wegen seiner Schuld darin ein blutiges Kreuz (vgl. Z. 68), das für die Schuld des Generalvertreters steht. Der Generalvertreter ist die Ursache für den Unfall, dessen blutendes Opfer wie ein „menschliches Kreuz“ da liegt (Z. 76). Es gibt also eigentlich zwei Kreuze, die durch Ellebrachts Schuld miteinander verbunden sind: eines auf der Motorhaube (vgl. Z. 47) und eben jenes „menschliche Kreuz“. Und beide sind durch Ellebracht beschädigt worden. Der Stern auf der Motorhaube des Wagens ist „verbogen“ (Z. 50) wie der Charakter des Generalvertreters, der sich falsch entschieden hat. Als christliches Symbol steht das blutige Kreuz darüber hinaus für die Sühne und Vergebung von Schuld, nachdem der Sünder sie bereut hat und von seinem verkehrten Weg umgekehrt ist. Aber nicht nur die christliche Bedeutung einer Umkehr (im Sinne einer Buße im biblischen Sinn) kann mit dem Kreuz verbunden/assoziiert werden. Auch für einen nicht-religiösen Leser erschließt sich die symbolische Bedeutung des Kreuzes: als Zusammentreffen zweier Wege mit unterschiedlichen Richtungen wie bei dem sinnverwandten Wort „Kreuzung“. Auch Ellebracht steht mit seinem Auto an einer Kreuzung. Die Ampel steht symbolisch auf Rot, als sollte Ellebracht durch eine höhere Gewalt vor einem falschen Weg gewarnt werden. Ellebracht hat Zeit zum Nachdenken und kann entscheiden, ob er seine Richtung ändern will oder nicht. Das „Grün“ der Ampel (Z. 58) scheint dann den Weg für die Fahrerflucht endgültig frei zu machen. Doch Ellebracht kehrt um.

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Josef Redings "Generalvertreter Ellebracht begeht Fahrerflucht"
Untertitel
Interpretation und didaktische Anmerkungen für den Deutschunterricht
Hochschule
Nanjing University  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Seminar Texte verfassen
Note
ohne
Autor
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V118589
ISBN (eBook)
9783640213795
ISBN (Buch)
9783656479857
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Josef, Redings, Kurzgeschichte, Generalvertreter, Ellebracht, Fahrerflucht, Seminar, Texte
Arbeit zitieren
Dr. Dietmar Mehrens (Autor), 2008, Josef Redings "Generalvertreter Ellebracht begeht Fahrerflucht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118589

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