Politische Konformität. Der Einfluss sozialer Normen auf das Wahlverhalten


Hausarbeit, 2022

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziale Konformität

3 Soziale Normen

4 Theorie der sozialen Identität

5 Diskussion

1 Einleitung

In Demokratien spielt das Wahlrecht eine zentrale Rolle. Wer wählt, nimmt aktiv Einfluss auf die Politik seines Landes. Dabei ist es den Einzelnen oft nicht bewusst, welchen Einfluss das eigene Umfeld auf die individuelle Wahlentscheidung und Partizipation hat.

Die experimentelle Sozialpsychologie befasst nun schon seit mehr als 50 Jahren mit diesem Phänomen, dass allgemeinhin als Konformität bekannt ist. Konformität bezeichnet das Anpassen des Denkens oder Verhaltens des Einzelnen an eine gruppenspezifische Norm (Coleman, 2004, S. 77). In der Literatur zeigt sich, dass dieses Verhalten auch bei Wahlen auftritt, wobei noch wenig über die Mechanismen, die der politischen Konformität zugrunde liegen, bekannt ist. Ein Einflussfaktor, der in diesem Zusammenhang zunehmend mehr Beachtung findet, ist die Theorie der sozialen Identität (Suhay, 2015, S. 222).

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich diese Arbeit mit folgender zentraler Fragestellung: Inwiefern wirkt sich des normativen Einflusses einer Identitäts­gruppe auf das Wahlverhalten aus? Ziel dieser Hausarbeit ist es, durch drei zentrale Aussagen aus der sozialpsychologischen Forschung den Einfluss von sozialen Normen auf das Wahlverhalten aufzuzeigen und zu diskutieren.

Zunächst wird in Kapitel zwei der Überbegriff der Konformität näher erläutert. Darauf aufbauend werden in Kapitel drei soziale Normen als Ursprung konformen Handelns innerhalb der Gruppe diskutiert. Anschließend werden in Kapitel vier der Ansatz der sozialen Identität als Erklärungsansatz für normkonformes Verhalten dargestellt. Die Arbeit endet mit einer Diskussion, die Schlussfolgerungen für Praxis und Forschung beinhaltet.

2 Soziale Konformität

Konformität bezeichnet in der Sozialpsychologie „the act of changing one's behavior to match the responses of others" (Cialdini & Goldstein, 2004, S. 606). Coleman (2004, S. 77) definiert Konformität noch spezifischer als Anpassung des Denkens oder Verhaltens von Individuen an eine gesellschaftliche oder gruppenspezifische Norm. Obwohl es keine einheitliche Definition in der vorherrschenden Literatur zum Konzept Konformität gibt, ist der Effekt der Konformität valide. Eine Meta-Analyse von Bond und Smith (1996, S. 124) fand länderübergreifende Beweise für Konformität, auch wenn konformes Verhalten von Kultur zu Kultur unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Deutsch und Gérard (1955, S. 629) identifizierten zwei Arten von sozialem Einfluss, die Konformität motivieren: Normeneinfluss und Informationseinfluss.

Informativer Einfluss bezieht sich auf die Anpassung der eigenen Meinung unter Berücksichtigung der führenden Meinungen anderer. Dieser Prozess basiert auf den Wunsch heraus „korrekt“ zu sein, d. h. die richtige Meinung zu vertreten. Normativer Einfluss hingegen basiert auf den Wunsch des Individuums, den positiven Erwartungen der anderen zu entsprechen (Deutsch und Gérard, 1955, S. 629). Dieser Prozess des normativen sozialen Einflusses wird von Schultz, Tabanico & Rendôn (2008, S. 386) beschrieben als "conformity to a group norm brought by a desire to be liked by the group members”. Konformität aus normativen Gründen liegt folglich in Situationen vor, in denen ein Individuum sich einer Gruppe gegenüber konform verhält, um von der Gruppe gemocht zu werden.

In der vorherrschenden Literatur wird oftmals von einer Unabhängigkeit des informativen und normativen Einflusses ausgegangen, obwohl beide Faktoren theoretisch sowie empirisch schwer voneinander zu trennen sind (Cialdini et al., 2004, S. 606). Dennoch deuten Forschungsergebnisse im Bereich der politischen Konformität darauf hin, dass vor allem soziale Normen einen erheblichen Einfluss auf die Wahlbeteiligung haben (Coleman, 2004, S. 76). Coleman (2004, S. 93f) analysierte hierzu Wahldaten verschiedener Länder und stellt fest, dass lokale Konformitätseffekte auf die Wahlbeteiligung als auch auf die Wahlentscheidung wirken. Parallel hierzu zeigt Perez-Truglia (2006, S. 29) in einer Datenanalyse, dass signifikante Konformitätseffekte bei den US-Wahlen 2008 wirkten. Der Forscher folgert daraus, dass „individuals are influenced by the mainstream political preferences in their groups of reference (Perez-Truglia, 2016, S. 16). Weshalb im folgenden Abschnitt auf die sozialen Normen einer Gruppe und dessen Wirkung auf das Individuum eingegangen wird.

3 Soziale Normen

Soziale Normen können definiert werden als „rules and standards that are understood by members of a group, and that guide and/or constrain human behaviour without the force of laws” (Cialdini & Trost, 1998, S. 152). Folglich sind soziale Normen vom Verhalten anderer abhängig. Hierbei unterscheiden Cialdini, Kallgren und Reno (1991, S. 202f) zwischen deskriptiven Normen und injunktiven Normen.

Deskriptive Normen beschreiben das Verhalten, das die meisten Menschen in bestimmten Situationen zeigen, d. h. eine deskriptive Norm bezieht sich auf die Wahrnehmung der Gruppenmitglieder, wie sich die Menschen gewöhnlich Verhalten (Cialdini et al., 1991, S. 202f). In Bezug auf politisches Verhalten würde dies bedeuten, dass ein Bürger wählen geht, wenn er denkt, dass andere Menschen in seiner sozialen Gruppe auch wählen gehen ("Wenn alle wählen gehen, wir es seine Richtigkeit haben").

Injunktive Normen beschreiben das Verhalten, welches erwünscht ist, d. h. Injunktive Norm bezieht sich auf die Wahrnehmung, welches Verhalten von der sozialen Gruppe gebilligt wird (Cialdini et al., 1991, S. 203f). Im politischen Kontext bedeutet dies, dass ein Bürger wählen geht, wenn er der Meinung ist, sein soziales Netzwerk erwartet, dass man wählen geht. ("Du solltest wählen").

Die Forschungsergebnisse zum Einfluss von deskriptiven und injunktiven Normen auf das Wahlverhalten sind gemischt. Gerber und Rogers (2009, S. 187) führten zwei randomisierte Feldexperimente durch, um die Wirkung von deskriptiven sozialen Normen auf die Wahlbeteiligung zu testen. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, das destruktive Normen („andere Menschen gehen wählen“) die Bereitschaft des Individuums erhöhten, selbst wählen zu gehen. Außerdem verstärkte die Reaktion der Wähler auf deskriptive soziale Normen die Wirkung anderer Faktoren. Somit ist zum Schlussfolgern, dass deskriptive Normen das Wahlverhalten direkt als auch indirekt beeinflussen (Gerber et al., 2009, S. 187).

Parallel hierzu zeigt eine Untersuchung von Blais, Calais und Coulombe (2018, S. 11), dass deskriptive Normen einen höheren Einfluss haben als injunktive Normen.

Im Gegensatz dazu fanden Panagopoulos, Larimer und Condon (2014, S. 16f) Belege für den Einfluss von injunktiven Normen auf das Wahlverhalten, aber keine Belege für den Einfluss von deskriptiven Normen.

Aufgrund der vorliegenden Forschungslage zu sozialen Normen kann davon ausgegangen werden, das soziale Normen direkt als auch indirekt einen erheblichen normativen Einfluss auf den Einzelnen ausüben. Hierbei ist aber eine genaue Aussage zu dem individuellen Einfluss von deskriptiven und injunktiven Normen mit dem heutigen Stand der Forschung zum Wahlverhalten nicht möglich. Um zu verstehen, weshalb soziale Normen einer Gruppe das Wahlverhalten beeinflussen, gibt es unterschiedlichste Erklärungsansätze. Ein vielversprechender Erklärungsansatz ist die Theorie der sozialen Identität, auf welchen im folgenden Abschnitt näher eingegangen wird.

4 Theorie der sozialen Identität

Die Theorie der sozialen Identität besagt, dass sich die soziale Identität eins Individuums durch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und dessen Wert für das Selbst definiert wird (Abrams & Hogg, 2010, S. 180). Die soziale Identität einer Person wird definiert als „the individual's knowledge that he belongs to certain social groups together with some emotional and value significance to him of this group membership“ (Tajfel, 1972, zitiert nach Abrams et al., 2010, S. 180). Die soziale Identität stellt neben der personalen Identität eine Teilmenge des Selbstbildes einer Person dar (Abrams et al., 2010, S. 180).

Die soziale Identität aus der wahrgenommenen Gruppenzugehörigkeit führt gemäß Tajfel zu einer Kategorisierung des sozialen Umfelds in In-Groups („wir“) und Out-Groups („die anderen“) (Abrams et al., 2010, S. 180f). Die Kategorisierung einer Person zu einer bestimmten In-Group definiert die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich zu anderen Gruppen (Out­Groups) sowie die wesentlichen Einstellungen, Verhaltensweisen und Normen dieser sozialen Identität. Folglich haben Mitglieder einer Identitätsgruppe normative Erwartungen an andere Gruppenmitglieder, d. h. sie erwarten, dass gemeinsame Verhaltensregeln von den Gruppenmitgliedern befolgt werden und glauben selbst wiederum auch, dass andere von ihnen erwarten, dass sie diese ebenfalls befolgen (Oakes, Turner & Haslam, 1991, S. 127). Individuen neigen dazu, sich den Einstellungs- und Verhaltensnormen ihrer In-Groups anzupassen, um dadurch dem Ideal-Gruppenmitglied zu entsprechen. Das Ideal­Gruppenmitglied zeichnet sich durch ein starkes Übereinstimmen der Einstellungen und Handlungen mit dem der In-Group aus sowie eine klare Abgrenzung zur Out-Group (Abrams et al., 2010, S. 181).

Durch die Kategorisierung des Individuums, überrascht es nicht, dass Forschungsvorhaben aufzeigen, dass soziale Normen am einflussreichsten sind, wenn sie von Personen stammen, mit denen eine gemeinsame Identität geteilt wird (Abrams, Wetherell, Cochrane, Hogg & Turner, 1990, S. 116f). Diese Erkenntnis lässt sich auch auf den politischen Kontext anwenden, wie eine Studie von Fowler und Kam belegt. Die Forscher zeigen in ihrer Untersuchung, dass Personen, die sich einer sozialen Gruppe zugehörig fühlen, sich eher politisch partizipieren, wenn die Identitätsgruppe auch an Wahlen teilnimmt (Fowler & Kam, 2007, S. 824).

Dieser Konformitätseffekt erstreckt sich auch auf die politische Meinung. Forschungsergebnisse belegen, dass Individuen die eigene abweichende oder kritische politische Meinung unterdrücken, um die Integrität zur Gruppe zu wahren. Dies zeigt, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe als wichtiger betrachtet wird als die eigene individuelle politische Meinung zu vertreten (Suhay, 2015, S. 243; Carlson & Settle, 2016, S. 25f). Hieraus ergibt sich ein Konfliktpotenzial zwischen gruppenbasierten Normen und individuellen persönlichen Präferenzen. Die Wahlentscheidungen von Individuen spiegeln folglich Kompromisse zwischen der Einhaltung politisch-sozialer Normen ihrer Identitätsgruppe einerseits und persönlichen Präferenzen andererseits wider (Pickup, Kimbrough & de Rooij, 2018, S. 6).

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Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Politische Konformität. Der Einfluss sozialer Normen auf das Wahlverhalten
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2022
Seiten
11
Katalognummer
V1185906
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpsychologie, Konformität, Politik, Soziale Konformität, Wahlverhalten, soziale Normen, Theorie der sozialen Identität, soziale Identität, politische Konformität
Arbeit zitieren
Nicole Spielbauer (Autor:in), 2022, Politische Konformität. Der Einfluss sozialer Normen auf das Wahlverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1185906

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