Die Ordnung der Zeit bei Gérard Genette und Eberhard Lämmert.

Ein Vergleich.


Seminararbeit, 2007

15 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Begriffe
1.1 Die Ordnung
1.2 Die Dauer
1.3 Die Frequenz

2. Vergleich der Zeitmodelle Lämmerts und Genettes
2.1 Die literaturtheoretischen Ansätze
2.1.1 Der morphologische Ansatz Eberhard Lämmerts
2.1.2 Der strukturalistische Ansatz Gérard Genettes
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede

3. Kritikpunkte

4. Fazit

Einleitung

Wie in jedem anderen Gebiet der Literaturwissenschaft, gab es auch im Bereich der Erzähltheorie große Fortschritte. Die zunehmende Systematisierung und Differenzierung ermöglichten es, eine Erzählung immer genauer zu untersuchen und sie in ihre funktionalen und strukturellen Bestandteile zu zerlegen. Zwei herausragende Vertreter der Erzählforschung, Eberhard Lämmert und Gérard Genette, mit ihren Modellen zur Untersuchung narrativer Zeitverhältnisse sollen in dieser Hausarbeit vorgestellt werden. Aufgrund des außerordentlichen Umfangs ihrer Werke, konzentriert sich diese Arbeit hauptsächlich auf einen Vergleich der Zeitmodelle Lämmerts und Genettes und deren Ordnung. Textgrundlage hierfür bilden Genettes ‚discours du récit‘ und Lämmerts ‚Bauformen des Erzählens‘.

Nachdem im ersten Teil dieser Hausarbeit die zentralen Begriffe der Ordnung, der Dauer und der Frequenz geklärt werden sollen, setzt sich der zweite Teil zum Ziel, die literaturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen zu erläutern. Nachdem im dritten Abschnitt Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, sollen im Anschluss auch Kritikpunkte an den Zeitmodellen Genettes und Lämmerts näher beleuchtet werden.

1. Begriffe

Die Erzählung verfügt über besondere Zeitverhältnisse, da zwischen der Zeit der Erzählung und der Zeit des Geschehens unterschieden wird[1]. Die Differenzierung von erzählter Zeit und Erzählzeit fand erstmalig 1946 bei Günther Müller Verwendung, wobei die Relation dieser beiden Elemente zueinander das Erzähltempo (vitesse) konstituiert[2].

Genette legt drei Kriterien zur Analyse der Zeitverhältnisse innerhalb der Erzählung fest: die Ordnung, die Dauer und die Frequenz. Diese sollen im weiteren Verlauf auch hier als Gliederungspunkte dienen.

1.1 Die Ordnung

Die Ordnung bezeichnet allgemein „das Verhältnis zwischen der Anordnung der Ereignisse in der erzählerischen Darstellung und ihrer quasi-realen Chronologie. Die Ordnung kann chronologisch, anachronisch oder achronisch sein“[3]. Der innerhalb der Erzählung am häufigsten zutreffende Fall ist die Anachronie. Zugleich bildet eben diese Thematik die Grundlage für die detailierten Untersuchungen Eberhard Lämmerts und Gérard Genettes. Letzterer definiert die Anachronie wie folgt: „Anachronien […] [sind] Formen von Dissonanz zwischen der Ordnung der Geschichte und der Erzählung“[4]. Obwohl einem jeden Text aufgrund der Linearität der Sprache eine gewisse Chronologie zugrundeliegt, ist es innerhalb der Erzählung schon allein aufgrund höherer Wirksamkeit durchaus üblich, die Zeitpunkte der Geschehnisse und den Moment des Berichtens innerhalb der Erzählung umzustellen. Verursacht werden Anachronien durch Rückwendungen und Vorausdeutungen[5].

Lämmerts Klassifikation der Anachronien orientiert sich stark an deren Funktion innerhalb der Erzählung. Der analeptische Erzählprozess wird untergliedert in die aufbauende Rückwendung, deren Funktion eine „nachgeholte Exposition“[6] ist, sowie die auflösende Rückwendung, die „mit allen ihren Ähnlichkeiten und Kontrasten das Gegenstück der aufbauenden [ist]“[7]. Mittels der auflösenden Rückwendung wird nachträglich entlarvt, was in der Erzählung zuvor unbekannt war. Diese Form der Anachronie findet häufig Verwendung in Kriminalromanen. Lämmert unterscheidet weiterhin verschiedene Formen eingeschobener Rückwendungen, welche an dieser Stelle nur kurz genannt werden können.

Der Rückschritt bereitet zum einen „einzelne Handlungsphasen vor“, zum anderen „können [Rückschritte] selbst Träger von Nebenhandlungen sein“[8]. Ein Rückschritt kann parallel oder abschweifend sein, wobei die Zuordnung nicht eindeutig sein muss, sondern „ganz beim Leser [liegt]“[9]. Lämmert unterscheidet neben dem Rückschritt zwei weitere analeptische Prozesse: Wird in den fortschreitenden Handlungsfluss eine Rückwendung eingeschoben, ohne, dass dadurch das Gegenwartsgeschehen relevant beeinträchtigt wird, so spricht er von Rückgriffen. Im Gegensatz zum Rückschritt hat der Rückgriff keine eigenständige Geschichte zum Inhalt[10]. Den Rückblick hingegen bezeichnet Lämmert als den „wohl bedeutsamste[n] Typus der eingeschobenen Rückwendungen“[11]. Oftmals löst der Rückblick, der auch als Lebensüberschau bezeichnet wird, einen Wendepunkt innerhalb der Handlungsebene aus und verursacht die Vergegenwärtigung vergangener Erlebnisse[12].

Prolepsen werden von Lämmert untergliedert zwei Hauptkategorien: zukunftsungewisse und zukunftsgewisse Vorausdeutungen. Letztere beinhaltet einführende Vorausdeutungen, welche beispielsweise Kapitelüberschriften darstellen können, als auch abschließende Vorausdeutungen. Ein Vorgriff ist dann zukunftsungewiss, wenn der Erzähler auf einen übergeordneten Standpunkt verzichtet und somit an einen begrenzten Wahrnehmungshorizont gebunden ist[13].

Genettes Kategorisierung der Anachronien bedient sich zweier zusätzlicher Kriterien: der Reichweite und des Umfangs. Der Abstand des anachronischen Eingriffs zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Erzählung bestimmt die Reichweite. Die Dauer dieses Prozesses konstituiert den Umfang.

Analepsen und Prolepsen sind nach Genettes ‚discours du récit‘ intern, wenn das in der Anachronie beschriebene Geschehen Bestandteil des Zeitabschnitts der eigentlichen Geschichte ist. Ist dies nicht der Fall, liegt eine externe Anachronie vor[14]. Partiell sind Analepsen und Prolepsen, im Falle ihrer Unabhängigkeit von der Basiserzählung. Als komplett wird eine Anachronie bezeichnet, wenn sie „ohne Kontinuitätsbruch zwischen den beiden Segmenten der Geschichte an die Basiserzählung zurückgebunden wird“[15]. Retrospektionen, wie Genette die Analepsen auch bezeichnet, können außerdem heterodiegetisch, oder homodiegetisch sein. Diese Klassifikation richtet sich danach, ob die Retrospektion „den Handlungsstrang der Basiserzählung“[16] betrifft.

1.2 Die Dauer

Mittels der Dauer kann bestimmt werden, welchen Zeitraum innerhalb der Erzählung die Darstellung eines Sachverhalts einnimmt. So selten, wie eine Erzählung ohne Retrospektion und Antizipation auskommt, so unmöglich ist es auch, eine absolute Isochronie herzustellen[17].

Das dialektische Zeitverhältnis der Erzählung beschreibt Thomas Mann sehr treffend in seinem Roman ‚der Zauberberg‘:

Die Erzählung […] hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich aber auch sternenweit von ihr entfernen kann.[18]

Bezüglich des Aspekts der Dauer beschreiben Genette und Lämmert ähnliche Segmente, welche Genette jedoch weiterführend differenziert.

Lämmert nimmt eine Dreiteilung der möglichen Relationen von erzählter Zeit und Erzählzeit an. Zeitdeckendes Erzählen liegt vor, wenn beide „Partien von gleicher Dauer“[19] sind. Dies trifft beispielsweise beim Erzählen innerhalb einer szenischen Darstellung zu. Ist die Erzählzeit länger als die erzählte Zeit, nennt Lämmert dies eine Dehnung, welche vorzugsweise verwendet wird, um die Wichtigkeit innerer Vorgänge zu unterstreichen. Beim summarischen Erzählen, auch zeitraffendes Erzählen genannt, ist dagegen die Relation von Erzählzeit und erzählter Zeit umgekehrt. Das Geschehen wird in der Erzählung beliebig stark gekürzt, wobei einzelne Bestandteile komplett wegfallen können. Derartige Komprimierungen bezeichnet Lämmert als das „negativ kennzeichnende Prinzip allen Erzählens“[20]. Eine weitere Differenzierung der Raffung ergibt für Lämmert zusätzliche Typen der zeitlichen Dissonanz: die Sprungraffung, die Schrittraffung, sowie die sukzessive und die iterative Raffung. Sämtliche zeitliche Elemente können in beliebiger Kombination innerhalb einer Erzählung verwendet werden.

Genettes Aufteilung orientiert sich nicht nur an der Klassifizierung Lämmerts; er übernimmt sie sogar mit wenigen Veränderungen. Während Lämmert die Aussparung der Klasse des zeitraffenden Erzählens zuordnet, entwickelt Genette hierfür eine separate Kategorie: die Ellipse. Die Ellipse kann entweder wörtlich im Text markiert sein- so bezeichnet Genette sie als explizite Ellipse-, oder als implizite Ellipse keinerlei Hinweise auf Aussparung enthalten[21]. Das letzte von Genettes fünf Elementen der Erzählgeschwindigkeit ist die Pause. Die Pause liegt vor, wenn die Erzählung fortfährt, während das Geschehen stillsteht[22].

[...]


[1] Martinez, Matias/ Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 5. Aufl. München: Beck, 2003. S. 30.

[2] Arnold, Heinz Ludwig/ Detering, Heinrich [Hrsg.]: Grundzüge der Literaturwissenschaft. 6. Aufl. München: Dt. Taschenbuch- Verlag, 2003. S. 297.

[3] Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. S. 191.

[4] Genette, Gérard: Die Erzählung. München: Fink,1994. S. 23.

[5] Die Begriffe Rückwendung und Vorausdeutung wurden von Lämmert geprägt, im Folgenden werden hierfür vorwiegend die von Genette entlehnten Bezeichnungen Analepse und Prolepse verwendet.

[6] Lämmert, Eberhard: Bauformen des Erzählens. 8. unveränd. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1988. S.104.

[7] Ebd. S.108.

[8] Ebd. S.113.

[9] Ebd. S.117.

[10] Ebd. S. 123.

[11] Ebd. S.128.

[12] Ebd. S.128ff.

[13] Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. S. 37.

[14] Genette, Gérard: discours du récit. S. 31f.

[15] Ebd. S. 42.

[16] Ebd. S. 33.

[17] Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. S. 39. Begründet wird diese These hier mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Sprecher und möglichen Gesprächspausen.

[18] Mann, Thomas: Der Zauberberg. Gesammelte Werke in 12 Bänden. Bd. 3. Frankfurt am Main: 1960. S. 748f. Die von Mann als musikalisch real bezeichnete Zeit entspricht der Erzählzeit.

[19] Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1986.S.42.

[20] Lämmert, Eberhard: Bauformen des Erzählens. S. 83.

[21] Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. S. 43.

[22] Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. S. 44.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Ordnung der Zeit bei Gérard Genette und Eberhard Lämmert.
Untertitel
Ein Vergleich.
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
Erzähtheorie
Note
3,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V118600
ISBN (eBook)
9783640224128
ISBN (Buch)
9783640224609
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeit, Gérard, Genette, Eberhard, Lämmert, Erzähtheorie, Strukturalismus, Morphologie, Ordnung, Dauer, Frequenz, Zeitmodelle
Arbeit zitieren
Susanne Ackermann (Autor), 2007, Die Ordnung der Zeit bei Gérard Genette und Eberhard Lämmert., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118600

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