Besonders totalitäre Regime beziehen sich seit jeher auf vergangene Ereignisse, um ihre Machtstellung im Innern zu festigen und zu legitimieren. So findet die Instrumentalisierung eines historischen Exempels gerade bei innenpolitischen Krisen Verwendung.
Auch in der Epoche des Nationalsozialismus musste sich die politische Führung Anfang 1943 einer drohenden Destabilisierung ihres Systems entgegenstemmen. Auslöser hierfür war die verlorene Schlacht in Stalingrad, bei der hunderttausende deutsche Soldaten den Tod fanden, nachdem sie im November 1942 von den sowjetischen Armeen eingekesselt wurden. Die Niederlage ist der skrupellosen Kriegsführung der Parteispitze zuzuschreiben, die sich nicht davor scheute, ihre Truppen in der auswegslosen Lage ihrem Schicksal zu überlassen. Um ihre Machtstellung im Reich zu sichern, ging die NS-Führung die Taktik ein, der Öffentlichkeit die negativen Ereignisse an der Wolga zu verschweigen. Doch als Nachrichten über die tragischen Entwicklungen in Russland Angehörige der in Stalingrad festsitzenden Soldaten erreichte, zweifelten nicht nur (wie im Verlauf der Schlacht zunehmend der Fall) Teile des Generalstabs der Wehrmacht an Hitlers militärischen Führungsqualitäten, sondern auch die deutsche Bevölkerung.
Die Sorge vor dem Loyalitätsverlust zwang die NS-Führung schließlich, die Strategie der Verschwiegenheit aufzugeben und die Niederlage in Stalingrad zuzugeben. Mit dieser Aufgabe wurde Reichsmarschall Hermann Göring betraut, der mit einer Rede am 30.1.1943, dem zehnten Jahrestag der Machtergreifung, an die Öffentlichkeit trat. Darin bemühte er sich, die militärischen Fehlentscheidungen in Russland unter Einbezug der Schlacht bei den Thermopylen zu rechtfertigen. Der Tod des Spartiatenkönigs Leonidas im Kampf gegen das riesige Perserheer des Xerxes 480 vor Christus, war lange vor Beginn des "Dritten Reichs" im Bewusstsein breiter Kreise des damaligen Bildungsbürgertums, insbesondere der Offiziersfamilien, verankert.
Inwiefern sich dieser Rückgriff tatsächlich dafür eignete, die Katastrophe von Stalingrad zu legitimieren, und zugleich die sich verschlechternde Stimmung ranghoher Offiziere und der deutschen Bevölkerung abzufangen, möchte diese Arbeit aufdecken.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr.
2.1 Der Verlauf der Schlacht
2.2 Herodot als Richtungsgeber der späteren Rezeption
3 Die Schlacht um Stalingrad 1942/43
3.1 Informationen zur Schlacht
3.2 Reaktionen auf die Schlacht
4 Der Vergleich der Schlacht von Stalingrad mit der Schlacht bei den Thermopylen in Görings Rede vom 30.1.1943
4.1 Die Bedeutung der antiken Schlacht bei Göring
4.2 Wirkung des Vergleichs auf…
4.2.1 …die Bevölkerung
4.2.2 …die Offiziere
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht, inwieweit der von Hermann Göring in seiner Rede am 30. Januar 1943 gezogene Vergleich zwischen der verheerenden Niederlage der 6. Armee in Stalingrad und der antiken Schlacht bei den Thermopylen ein effektives Mittel darstellte, um dem wachsenden Unmut der deutschen Bevölkerung und des Generalstabs der Wehrmacht gegenüber der nationalsozialistischen Führung entgegenzuwirken.
- Instrumentalisierung historischer Exempel zur Legitimierung politischer Krisen
- Analyse der herodoteischen Überlieferung der Thermopylen-Schlacht
- Kritische Aufarbeitung der Ereignisse und der Stimmungslage rund um Stalingrad
- Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen
- Vergleich von soldatischem Ethos und militärischer Pflichterfüllung
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der antiken Schlacht bei Göring
Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring hielt am zehnten Jahrestag der Machtergreifung im Ehrensaal des Reichsluftfahrtsministeriums eine Rede vor ausgesuchten Mitgliedern der Wehrmacht. Der Reichsfeldmarschall bemühte sich dabei einerseits des Ehrentags zu gedenken und andererseits die Schwierigkeiten beim Russlandfeldzug zu erläutern. Es ist anzunehmen, dass ihm diese Aufgabe zufiel, da er als Oberbefehlshaber der Luftwaffe einen beachtlichen Anteil an der Katastrophe in Stalingrad hatte. Die Adressaten der Rede waren in erster Linie die Offiziere der Wehrmacht, da sie für die Parteispitze, wie erwähnt, eine große Gefahr für die innenpolitische Machtstellung darstellten. Aber auch an die Bevölkerung und an die Soldaten an den Fronten und in der Heimat war die Ansprache gerichtet. Sie wurde sowohl im deutschen Rundfunk ausgestrahlt, als auch in Stalingrad selber gehört. Neben der im Radio gehaltenen Rede vom 30.1.1943 gibt es auch eine für die Zeitungen veränderte Version. Der Reichsmarschall eröffnete seine Ansprache mit der Rückschau auf die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und sprach dem Diktator immer wieder große Fähigkeiten zu, die Deutschland letztlich den Endsieg bringen würden.
Hauptthema der Rede Görings ist allerdings der Russlandfeldzug, der den Deutschen zum Schutz Europas vor der Plutokratie, dem Bolschewismus und dem Judentum aufgedrängt worden sei. Bei der Darstellung des Gegners und seiner militärischen Stärke bediente sich Göring des jahrelang tief in die Bevölkerung eingetrichterten Klischees der Wilden aus dem Osten, die Europa in Besitz nehmen wollten. Er sprach davon, dass sie in „gewaltigen Massen“ und „Horden“ aufträten. Nur die Deutschen seien auserwählt und in der Lage gegen diesen starken Feind siegreich zu kämpfen und somit die westliche Welt „mit seiner ganzen Vergangenheit, seiner Kultur, seiner Größe, den unerhörten Werten“ zu schützen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf die Instrumentalisierung historischer Ereignisse durch totalitäre Regime am Beispiel der nationalsozialistischen Reaktion auf die Niederlage in Stalingrad.
2 Die Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr.: Dieses Kapitel skizziert den Verlauf der antiken Schlacht und analysiert die herodoteische Überlieferung als Grundstein für das spätere Heldenbild.
3 Die Schlacht um Stalingrad 1942/43: Es wird die militärische Katastrophe der 6. Armee sowie die Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung und beim Generalstab nach der Einkesselung dargestellt.
4 Der Vergleich der Schlacht von Stalingrad mit der Schlacht bei den Thermopylen in Görings Rede vom 30.1.1943: Das Kapitel untersucht Görings Rede als Versuch, die Niederlage ideologisch zu überhöhen und die Verantwortung von der Parteispitze auf das gesamte Volk zu übertragen.
5 Schlussbetrachtung: Das Fazit resümiert, dass der Vergleich zwar inhaltlich zur Ablenkung diente, seine Wirkung auf die Bevölkerung jedoch ambivalent und die moralische Bewertung durch betroffene Offiziere äußerst kritisch ausfiel.
Schlüsselwörter
Stalingrad, Thermopylen, Hermann Göring, Nationalsozialismus, Herodot, Propaganda, Leonidas, 6. Armee, Heldentum, Wehrmacht, Geschichtsbild, Legitimation, Opfertod, Erinnerungskultur, Zweiter Weltkrieg
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die rhetorische und politische Verknüpfung der historischen Thermopylen-Schlacht mit der deutschen Niederlage von Stalingrad durch Hermann Göring im Jahr 1943.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die Geschichte der Schlacht bei den Thermopylen, den Verlauf der Schlacht von Stalingrad, die Strategien der NS-Propaganda sowie die Rezeption historischer Vorbilder durch das Militär.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszufinden, ob Görings Vergleich als wirksames Instrument zur psychologischen Stabilisierung und Entlastung der NS-Führung in einer innenpolitischen Krise fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung zeitgenössischer Quellen wie Sicherheitsdienst-Berichten, Redemanuskripten, Memoiren sowie relevanter Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert den Verlauf beider Schlachten, die herodoteische Rezeption, die Stimmungslage der deutschen Bevölkerung und die verschiedenen Reaktionen von Offizieren der Wehrmacht auf den propagandistischen Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Stalingrad, Thermopylen, Propaganda, nationalsozialistische Führung, heroisches Sterben und soldatisches Pflichtethos.
Warum wählte Göring ausgerechnet die Schlacht bei den Thermopylen?
Das Beispiel sollte eine Parallele zwischen dem vermeintlichen "Kampf gegen den Osten" und dem opferbereiten Widerstand der Spartiaten ziehen, um den Tod der 6. Armee ideologisch zu legitimieren.
Wie reagierte die Bevölkerung auf den Vergleich?
Die Reaktionen waren gespalten; während einige Bürger froh über offizielle Informationen waren, lehnten andere den Vergleich als taktlos ab oder durchschauten die propagandistische Verzerrung.
Wie beurteilten Offiziere der Wehrmacht die Göring-Rede?
Die Bewertung war abhängig von der persönlichen Nähe zum Geschehen und der politischen Einstellung; einige nutzten den Ehrenkodex zur Rechtfertigung ihres Gehorsams, während Überlebende wie Joachim Wieder den Vergleich als unmoralisch kritisierten.
Erreichte der Vergleich das Ziel der NS-Führung?
Der Vergleich konnte kurzfristig zur Beruhigung beitragen, vermochte es jedoch nicht, das tiefe Entsetzen über das Ausmaß der Katastrophe und das Misstrauen gegenüber Hitler nachhaltig zu beseitigen.
- Quote paper
- B.A. Lutz Feike (Author), 2008, Eine Schlacht und ihr Nachleben - Die Schlacht bei den Thermopylen in der Epoche des Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118602