Descartes' Meditationes de prima philosophia: Wie begründet und wie weit reichend ist der Zweifel in der ersten Meditation?


Seminararbeit, 2007
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ziele und Funktionen des Zweifels

3. Der Zweifel als Methode
3.1 Anwendung festgelegter Regeln
3.2 Die Stufen des Zweifels

4. Die Reichweite des Zweifels
4.1 Was charakterisiert den methodischen Zweifel?
4.2 Grenzen des Zweifels

5. Eigene Beurteilung

Bibliogaphie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

René Descartes (1596 – 1650) gilt als Begründer der neueren Philosophie. Mit sei­nem Werk „Meditationes des prima philosophia“ löste er einen Paradigmenwechsel im Denken aus, der häufig als „subjektivistische Wende“ bezeichnet wird. Er etab­liert das Ich als Zentrum seiner Philosophie[1] und entwirft eine Methode, in der allein der eigene Verstand zur Wahrheitsfindung vonnöten ist, und in der andere Meinun­gen und tra­dierte Annahmen keine Berücksichtigung finden dürfen.[2] Die Metaphysik ist dabei für Descartes von fundamentaler Bedeutung: Bei einem Vergleich der Wis­senschaf­ten mit einem Baum entspricht die Metaphysik den Wurzeln;[3] also ist sie nicht das anzustrebende Ziel, sondern sie ist die Voraussetzung für die Erlangung und Aus­schöpfung allen verfügbaren Wissens – das enzyklopädische Ideal der Auf­klärung klingt bei Descartes bereits an.

Die Meditationes de prima philosophia bilden insbesondere für seine eigene natur­wissenschaftliche Arbeit eine metaphysische Grundlage, denn auf ihrer Basis wird eine Physik als angewandte Geometrie möglich. Hierfür ist es notwendig zu zeigen, dass es überhaupt eine au­ßerhalb des Bewusstseins existierende Körperwelt gibt und wie diese extramentale Realität vom Ich wahrgenommen werden kann, so dass gül­tige Urteile über sie ge­fällt werden können.[4]

Die Beweisführung tritt Descartes mit der Methode des Zweifels an, mit der zunächst alles bisherige Wissen in Frage gestellt wird – bis auf die intuitive Grundgewissheit „Ich denke“. Von diesem Fundament aus konstruiert er ein neuartiges Wissensgerüst, in dem zwischen denkender (res cogitans) und ausgedehnter Substanz (res extensa) unterschieden wird. Der methodische Zweifel ist bei Descartes Instrument der Erfah­rungsanalyse und führt zunächst zu dem Ergebnis, dass nicht denkunabhängige Dinge, sondern Bewusstseinsinhalte das unmittelbar Erfahrene sind. Röd deutet dies als einen grundlegenden Schritt in Richtung der neuzeitlichen transzendentalphiloso­phischen Einstellung, deren Gegenstand die Möglichkeitsbestimmung gegenständli­cher Erfahrung ist.[5] Descartes’ Methode hat die Aufgabe, dazu anzuleiten, die Bedin­gungen herbeizuführen, unter denen intuitive Erkenntnis erfolgen kann.[6] Sein erkennt­nistheoretischer Ansatz ist rein rationalistisch[7] und stellt einen deutlichen Bruch zum traditionellen aristotelischen Denken dar, deren Methoden Descartes kri­tisiert. Dem Programm der „okkulten Wissenschaften“, das hinter Naturphänomenen ok­kulte Eigenschaften als Ursache voraussetzt, setzt er seine analytische Methode entge­gen, die von den sichtbaren, evidenten Gegebenheiten ausgeht und diese me­thodisch analysiert. Der Methode des Syllogismus, die er zum Gewinn neuer Er­kenntnisse als nutzlos erachtet, stellt er den Erkenntnisgewinn aus Intuition und De­duktion entge­gen.[8]

Ich habe ein Thema zu Descartes‘ erster Meditation gewählt, weil ich untersuchen möchte, inwiefern Zweifel ein Instrument zur Gewinnung zweifelsfreier Gewissheit sein kann, was zunächst paradox erscheint. Ich analysiere hierfür zunächst die Ziele und Funktionen des methodischen Zweifels. Dann beschreibe ich die Methode selbst: die Regeln, die ihr zu Grunde liegen und deren Ausführung in der ersten Meditation. Des Weiteren werden die Reichweite des Zweifels, seine Charakteristika und Grenzen beleuchtet.

Die erste Meditation, die Ge­genstand dieser Hausarbeit ist, dient dazu, zunächst nicht nur alles Wissen, sondern vor allem die Grundlagen des vorhandenen Wissens radi­kal in Frage zu stellen, so dass am Ende dieser Meditation scheinbar nichts mehr gewiss ist.

2. Die Ziele und Funktionen des Zweifels

Descartes’ in den Meditationes angewandte Methode des Zweifels dient allein dem Erkenntnisgewinn. Die Methode wird zielgerichtet angewendet und führt nicht in den Nihilismus, sondern zu konstruktiven Ergebnissen. Zum einen hat der Zweifel eine korrektive Funktion gegenüber Vorurteilen. „Vorurteile“ meint in diesem Zusam­menhang Wissen, das nicht von der Vernunft überprüft wurde. Der Zweifel wird hier eingesetzt, als ob es gelte, einen verbogenen Stock durch einen Gegendruck wieder in die richtige Richtung zu biegen: Alles, was begründet bezweifelt werden kann, wird nicht für lediglich zweifelhaft gehalten, sondern behandelt, als ob es falsch wäre.[9] Der Zweifel in diesem Sinne ist die Folge des Anspruchs, dass Wissen sich rechtfertigen muss. Zum anderen hat der Zweifel eine selektive Funktion: Aus der Menge faktisch akzeptierter Urteile werden diejenigen herauspräpariert, die unbe­dingt gewiss sind. Um diejenigen Erkenntnisse zu isolieren, die von keinem Zweifel betroffen werden können, ist es notwendig, den Zweifel in der äußersten denkbaren Form anzuwenden. Nur so kann man die Gewissheiten erlangen, die jenseits des äu­ßersten Zweifels liegen.[10]

Der methodische Zweifel ist keine Fortsetzung des Zweifels der antiken Skeptiker, obwohl skeptische Einflüsse in Descartes’ Zeit von Bedeutung waren. Der Zweifel der antiken Skepsis ist deutlich weniger radikal als der methodische Zweifel und zielt nicht auf Erkenntnisgewinn, sondern darauf, dass Urteilsenthaltung die Lösung für bezweifelbare Fragen sei.[11] Descartes hingegen betreibt die Selbstaufhebung der Skepsis durch die äußerste Radikalisierung des Instrumentariums der Skepsis selbst: Er gewinnt Gewissheit durch den rationalen und methodischen Einsatz des Zwei­fels.[12]

Röd konstatiert für den methodischen Zweifel eine weitere, systematische Funktion: Der Zweifel wird von Descartes zielgerichtet dahingehend eingesetzt, dass er die Blickrichtung auf die Bewusstseinsinhalte und auf das Erkennen aus reiner Verstan­desleistung lenkt. Zudem wird eine Basis objektiv gewisser Wahrheiten errichtet. Diese beiden Funktionen der Methode betrachtet er als grundlegend für das System des Rationalismus.[13]

3. Der Zweifel als Methode

3.1 Anwendung festgelegter Regeln

„Descartes ist vor allem der Denker des Methodengedankens. Methode aber bedeutet bei ihm und von nun an ein Universalverfahren für jegliche Erkenntnis, durch feste Regeln be­schreibbar, von festen Prinzipien kontrollierbar und fähig, den Weg der Erkenntnis gegen Vorurteile, vorschnelle Annahmen und überhaupt gegen die Regellosigkeit der Ahnung und des Einfalls abzuschirmen.“[14]

Descartes’ Intention war also, eine streng rationale Methode zu entwickeln, mit der sich jedes denkbare Problem untersuchen lässt und die sich für alle wissenschaftli­chen Systeme im Allgemeinen anwenden lässt[15]. Die Prinzipien dieser Methode ent­nimmt er der Mathematik, genauso wie das Ideal der Gewissheit, von dem Lösungs­weg und Untersuchungsergebnis gekennzeichnet werden. Im „Discours de la méthode“ formuliert Descartes seine Methode anhand der folgenden vier Regeln, die er aus der Reflexion seines eigenen Verhaltens abgeleitet hat:[16]

a) Die Regel der Evidenz: Niemals eine Sache als wahr akzeptieren, die nicht evi­dentermaßen als wahr erkannt wird.
b) Die Regel der Zerlegung bzw. Analyse: Jedes Problem in so viele Teile zerglie­dern, wie es möglich und erforderlich ist, um das Problem leichter zu lösen.
c) Die Regel der Ordnung bzw. Synthese: Die erkannten Dinge zu ordnen; mit den einfachsten beginnend stufenweise aufsteigen bis zur Erkenntnis der am meisten zusammengesetzten.
d) Die Regel der Vollständigkeit: Sicherstellen, dass die gewonnenen Ergeb­nisse vollständig sind.[17]

Diese Methode durchläuft im Wesentlichen zwei Phasen: Eine Phase der Analyse, in der das Problem in Einzelfragen zergliedert wird und eine Phase der Synthese, in der die Antworten auf die Einzelfragen zu einem Gesamtbild geordnet werden. Der Wendepunkt tritt ein, wenn man bei seiner Analyse zu einem Endpunkt gelangt, der in einer zweifelsfreien Proposition besteht, die man intuitiv unmittelbar als evident erkennt. Von dieser gewissen Proposition ausgehend muss man per Deduktion wei­tere Propositionen gewinnen, die aus der ersten folgen und ebenfalls zweifelsfrei sind.[18] Intuition ist hierbei zu verstehen als einfaches und distinktes Erfassen, so dass hinsichtlich des Erfassten kein Zweifel übrig bleibt, Deduktion meint das, was aus dem mit Gewissheit Erkannten notwendig geschlossen wird.[19]

Descartes selbst vergleicht diese Methode mit jemandem, der sein Haus, das ein ma­rodes Fundament hat, abträgt und wieder aufbaut.[20] Mit dem Bild des Hauses meint er seine eigenen Meinungen und Überzeugungen, die er auf dem Fundament des ihm vermittelten Wissens aufgebaut hat.[21] Mit der Begründung, dass ihm die Dinge, die von einem einzigen Verstand geordnet und aufgebaut werden, vollkommener und in der Durchführung konsequenter erscheinen als die „aus mehreren Stücken zusam­mengesetzten und durch die Hand verschiedener Meister erstellten Werke“, will er ein neues Fundament legen und nur noch Annahmen gelten lassen, die „dem An­spruch der Vernunft gemäß“ gerechtfertigt werden können.

[...]


[1] vgl. Kreimendahl, Lothar: Hauptwerke der Philosophie, Rationalismus und Empirismus. Stuttgart: Reclam 1994 (Universal-Bibliothek. Interpretationen. 8742). S. 17.

[2] vgl. Engelen, Eva-Maria: Descartes. Leipzig: Reclam 2005.S. 30.

[3] vgl. Kreimendahl, L. Hauptwerke der Philosophie. S. 19.

[4] vgl. ebd. S. 22.

[5] vgl. Röd, Wolfgang: Die Idee der transzendentalphilosophischen Grundlegung in der Metaphysik des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Keutner, Thomas (Hg): Descartes. Frankfurt am Main u. a.:Lang 1993 (Auslegungen 3). S. 97f

[6] vgl. Röd, Wolfgang: Descartes. Die Genese des Cartesianischen Rationalismus.3. ergänzte Aufl. München: Beck 1995., S. 63.

[7] vgl. Perler, Dominik: René Descartes. 2., erweiterte Auflage. 2006. München: Beck 1998. S. 83.

[8] vgl. ebd. S. 44-50.

[9] vgl. Röd, W.: Descartes. s. 48.

[10] vgl. ebd. S. 49.

[11] vgl. Williams, Michael: Descartes and the Metaphysics of Doubt. In: Cottingham, John (Hg): Descartes. New York: Oxford University Press 1998. S. 30

[12] vgl. Röd, W.: Descartes. S. 52f.

[13] vgl. ebd. S. 50 – 53.

[14] Gadamer, Hans-Georg (Hg.): Philosophisches Lesebuch. Band 2. Ergänzte Neuausgabe. Frankfurt am Main: Fischer 1989. S. 71.

[15] vgl. Röd, W.: Descartes. S. 72

[16] vgl. ebd. S. 69

[17] Descartes, Discours de la Méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences: französisch-deutsch = Bericht über die methode, die Vernunft richtig zu führen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu erforschen. Stuttgart: Reclam 2001 (Universal-Bibliothek. Nr. 18100). S. 39 – 41.

[18] vgl. Perler, D.: René Descartes. S. 65.

[19] vgl. ebd. S. 53 – 54.

[20] vgl. Descartes: Discours de la Méthode. S. 31

[21] vgl. ebd. S. 31

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Descartes' Meditationes de prima philosophia: Wie begründet und wie weit reichend ist der Zweifel in der ersten Meditation?
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Modul 8 des Studienganges B.A. Kulturwissenschaft, Kurs 3314 - Einführung in die Metaphysik
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V118631
ISBN (eBook)
9783640220588
ISBN (Buch)
9783640598076
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Descartes, Meditationes, Zweifel, Meditation, Studienganges, Metaphysik
Arbeit zitieren
Alexandra Stoßnach (Autor), 2007, Descartes' Meditationes de prima philosophia: Wie begründet und wie weit reichend ist der Zweifel in der ersten Meditation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118631

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