Jan W. van Deth: Deutschland in Europa

Ergebnisse des European Social Survey 2002 - 2003


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

36 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Gliederung des Buches
1.2. Vorbetrachtung
1.2.1 Sozialwissenschaftliche Methode des Vergleichs
1.2.2 Thesen und Fragestellungen des Autors
1.3 Einleitung des Buches

2. Das Buch „Deutschland in Europa“
2.1 Jan van Deth: „Politisches Interesse“
2.1.1 Engagement und Demokratie
2.1.2 Aspekte politischen Interesses
2.1.3 Politisches Interesse in Deutschland
2.1.4 Determinanten politischen Interesses
2.1.5 Politisches Interesse und Demokratie in Deutschland
2.1.6 Fazit
2.2 Jan van Deth: „Soziale Partizipation“
2.2.1 Bürger und Gesellschaft
2.2.2 Formen sozialer Partizipation
2.2.3 Soziale Beteiligung in Deutschland
2.2.4 Soziale Partizipation in Europa
2.2.5 Konsequenzen sozialer Partizipation
2.2.6 Fazit

3. Kritische Auseinandersetzung
3.1 Formale Kritik und Sachkritik
3.2 Inhaltliche Kritik
3.2.1 Konzeption
3.2.2 Herangehensweise und Methodik der Regressionsanalyse im ESS
3.2.3 Kritik der beim ESS angewandten Methode des persönlichen Interviews

4. Abschließende Würdigung

5. Literatur- und Quellenverzeichnis 35

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Determinanten politischen Interesses

Abbildung 2: Politisches Engagement in Europa

Abbildung 3: Politisches Interesse

Abbildung 4: Mediennutzungstypen 25 Abbildung 5: Lebenszufriedenheit in Europa

1. Einleitung

In der Öffentlichkeit wird häufig von „dem Ossi“ und „dem Wessi“ geredet. In den Köpfen scheint noch immer, fast 20 Jahre nach dem Mauerfall, eine gewisse Verbundenheit mit dem alten Staatsmuster zu existieren. Die europäische Integration hat sicherlich dazu beigetragen, die Unterschiede zwischen den Bürgern zu verringern. Besonders im ökonomischen Bereich hat die Europäische Union geholfen, gleiche Voraussetzungen zu schaffen. Doch gemeinsame Werte und Normvorstellungen lassen sich nicht von außen vorschreiben. Und die formale Zugehörigkeit zu einem Staat bedeutet noch nicht, sich auch mit diesem zu identifizieren und gleich zu fühlen. Existiert doch gerade wegen der enormen wirtschaftlichen Probleme im Osten Deutschlands noch häufig das Gefühl, der minderwertige, unfähige „Ossi“ zu sein. Wie sehr unterscheiden sich noch immer die Einstellungen der Bürger der beiden ehemaligen „Klassenfeinde“?

Ein altes afrikanischen Sprichwort unterstreicht: „Wenn du schnell vorwärtskommen willst, dann gehe allein; wenn du weit gehen willst, dann gehe zusammen." Wenn Deutschland auf Dauer eine ökonomische und politische Großmacht darstellen will und die Bevölkerung in wirtschaftlichem Wohlstand und Zufriedenheit leben soll, ist dies nur in Form eines gesellschaftlichen Miteinander und Füreinander möglich. Doch wie weit sind wir hiervon noch entfernt? Auf dem Papier ist Deutschland eins, aber die Bürger sprechen noch immer mit vielen Stimmen.

1.1 Gliederung des Buches

Das Buch „Deutschland in Europa“ ist im Dezember 2004 erschienen. Der Herausgeber, Jan van Deth, schrieb zusammen mit neun weiteren Autoren über die verschiedenen sozialen und politischen Einstellungen der deutschen Bevölkerung, in europäischer Perspektive, im Zeitraum Ende 2002 bis Anfang 2003.1

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel. Der erste Teil umfasst die sozialen und politischen Einstellungen, diese werden in fünf Unterkapiteln näher erläutert. Das zweite Kapitel nimmt eine Betrachtung der staatsbürgerlichen Orientierung vor, hier werden vier Unterkapitel zur näheren Analyse verwendet. Der dritte und letzte Abschnitt befasst sich mit dem sozialen und politischen Engagement und gliedert sich in drei Unterkapitel.

1. Teil allgemeine soziale und politische Orientierungen

- Einstellungen, die mit Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen zu tun haben
- Religiosität
- Wertorientierungen (Beurteilung des Verhältnisses von Leistung und Gleichheit sowie liberale Einstellungen der Bürger)
- Verbreitung und Charakter ethnozentristischer Orientierungen
- Zufriedenheit mit der Bildung als Determinante der gesellschaftlichen Integration der Bürger

2. Teil staatsbürgerliche Orientierungen

- Tugenden (erwünschte Einstellungen von Bürgern demokratischer Gesellschaften)
- verschiedene Varianten des politischen und sozialen Vertrauens
- politisches Interesse der Bürger
- Urteile der Bürger über die verschiedenen Staatsaufgaben

3. Teil soziales und politisches Engagement

- soziale Beteiligung (Vereinsaktivität)
- Formen politischer Partizipation
- Nutzung der Medien

Abschließend werden Erläuterungen zum European Social Survey 2002-2003 (ESS) vorgenommen. Das gesamte Buch stützt sich auf diese Studie zum Einstellungs- und Wertewandel in verschiedenen Ländern. Im Mittelpunkt steht eine repräsentative Bevölkerungsbefragung, die alle zwei Jahre wiederholt werden soll. Die Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensmuster der Bevölkerung, der betrachteten europäischen Länder, sollen in ihrer Interaktion mit den sich wandelnden politischen und ökonomischen Institutionen erklärt und beschrieben werden. Die Befragungen wurden mit Hilfe eines Face-to-Face Interviews sowie eines standardisierten Fragebogens durchgeführt.2

1.2. Vorbetrachtung

In dieser Arbeit wird eine Analyse des Buches „Deutschland in Europa“ von Jan van Deth vorgenommen. Den Anfang bildet die Bestimmung der Vergleichseinheit. Es werden die Thesen und Fragestellungen des Autors herausgearbeitet und vorgestellt und seine Einleitung in das Werk näher betrachtet.

Anschließend werden die beiden Unterkapitel „Politisches Interesse“ aus dem zweiten Kapitel des Buches, sowie „Soziale Partizipation“ aus dem dritten Kapitel näher betrachtet. Neben einer kurzen Beschreibung wird eine kritische Analyse des Inhalts vorgenommen. Dabei werden besonders Kritikpunkte des vorliegenden Werkes betrachtet und analysiert, aber auch positive Aspekte herausgearbeitet. Abschließend erfolgt eine umfassende formale sowie sachliche Kritik zum Gesamtwerk, den Intentionen des Autors sowie der Herangehensweise an das Werk.

1.2.1 Sozialwissenschaftliche Methode des Vergleichs

Zur Feststellung der Vergleichseinheit wird das Werk von Immerfall, „Einführung in den europäischen Gesellschaftsvergleich“ zu Rate gezogen. Anhand der darin definierten Einheiten für einen sozialwissenschaftlichen Vergleich wird eine Einordnung des Buches „Deutschland in Europa“ vorgenommen. Es kann festgestellt werden, dass es sich hier um einen intergesellschaftlichen Vergleich handelt.3 Die Vergleichseinheit soll bei dieser Art des Vergleiches territorial abgrenzbar sein und sozial unterschiedliche Kollektive behandeln. Als territorial abgrenzbare Einheiten sind hier die einzelnen europäischen Länder, besonders Deutschland, zu sehen. Die sozial unterschiedlichen Kollektive sind in diesem Fall die Bürger der einzelnen Länder. Der intergesellschaftliche Vergleich wird als doppelter Vergleich vollzogen, neben den einzelnen Ländern werden diese auch als Aggregate Ost- und Westeuropa miteinander verglichen. Soziale Kollektive sind in diesem Fall der ehemalige Sozialismus gegen den westlichen Kapitalismus. Es wird ein Vergleich von parallel existierenden Systemen vorgenommen.4

Bei der Erhebung der ESS-Daten wurde als Analyseebene die Mikroebene betrachtet, wobei der Fokus auf der Ebene der Individuen und ihres Verhaltens lag.

Diese Daten dienen schließlich dazu, auf der Makroebene einzelne Länder mit ihren Strukturen zu vergleichen.5

Als Zeiteinheit des Vergleichs lässt sich der Erhebungszeitraum 2002-2003 der ersten Erhebung der ESS-Daten ermitteln. Der Status Quo in Deutschland und Europa an sich, sowie im Verhältnis zueinander, wurden ermittelt. Mithilfe dieser Erhebung zu einem festgelegten Zeitpunkt konnte eine Querschnittsanalyse durchgeführt werden.6

Als Vergleichsfälle dienen den Autoren des Buches die 22 Länder (ohne Frankreich), welche an der ESS-Erhebung 2002 teilgenommen haben. Für Westeuropa sind das Österreich, Belgien, Schweiz, Dänemark, Spanien, Finnland, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Portugal, Schweden, Vereinigtes Königreich. Für Osteuropa wurden die Tschechische Republik, Ungarn, Polen und Slowenien betrachtet. Weiterhin wurde Deutschland, zumeist unterteilt in West- und Ostdeutschland, selten auch als gesamtdeutscher Staat, betrachtet.

Langfristig sollen mit Hilfe von Werken wie dem vorliegenden Tendenzen (Trendanalysen7) sowie Wandel (Veränderungen) von politischen und sozialen Einstellungen in Europa betrachtet und nachvollzogen werden. Die ESS-Studie soll alle zwei Jahre durchgeführt werden. Mit Hilfe dieser regelmäßigen Datenerhebung werden langfristige Entwicklungen nachvollziehbar.

Die Fragestellung des Vergleichs sowie der Vergleichsmaßstab befassen sich mit der europäische Perspektive, dabei geht es darum, Westdeutschland als westeuropäische Einordnung vorzunehmen und zu prüfen, ob Ostdeutschland Ähnlichkeiten mit postsozialistischen Gesellschaften besitzt.

1.2.2 Thesen und Fragestellungen des Autors

In einer ersten Unterthese stellt van Deth fest, dass Konzepte wie Deutschland und Europa zu heterogen sind. Er richtet deshalb die Frage auf die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen West- und Ostdeutschland bzw. West- und Osteuropa.

In seiner Hauptthese fragt er, ob „die sozialen und politischen Orientierungen in Deutschland insgesamt als eine eigenständige Kultur in Europa zu betrachten sind, oder ob es in Europa einen Unterschied zwischen West- und Osteuropa (die „alten“ und „neuen“ Demokratien) gibt, wobei die Orientierungen in Westdeutschland auch heutzutage noch eher den Einstellungsverteilungen in den westeuropäischen Ländern entsprechen und die Orientierungen in Ostdeutschland eher den osteuropäischen“8.

In einer zweiten Unterthese fragt der Autor, „Wie außergewöhnlich die Einstellungen der deutschen Bevölkerung im europäischen Vergleich sind“. Es wird die Frage aufgeworfen, ob mehr als zehn Jahre nach der Vereinigung die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland allmählich verschwunden sind und sich eine mehr oder weniger homogene deutsche Kultur gebildet hat. Weiterhin stellt van Deth die Frage, ob auch heute noch Unterschiede und Differenzen zwischen den alten und den neuen Bundesländern bestehen.

Er stellt den Anspruch, einen doppelten Vergleich in allen Beiträgen vorzunehmen: sowohl Deutschland in Europa und West- bzw. Ostdeutschland in West- bzw. Osteuropa. Es soll jedoch kein Vergleich aller europäischen Länder, sondern eine Analyse der sozialen und politischen Orientierungen in Deutschland in europäischer Perspektive vorgenommen werden. Als empirische Grundlage dient dafür die ESS- Studie.

Somit soll für alle Autoren eine klare, einheitliche Struktur entstehen, nach welcher sie die Ergebnisse der ESS-Daten 2002/2003 auswerten.

1.3 Einleitung des Buches

Der Autor stellt einleitend fest, dass Unterschiede in Ost- und Westdeutschland auf den ersten Blick fast verschwunden sind. Auf den zweiten Blick ergeben sich jedoch Verschiedenheiten, zum Beispiel ist die Arbeitslosenquote im Osten Deutschlands doppelt so hoch wie im Westen, und die Arbeitsproduktivität liegt bei nur 70 Prozent. Auch im Wahlverhalten sind Unterschiede erkennbar, so sind Die Grünen eher im Westen Deutschlands und Die Linke eher im Osten Deutschlands stark. Außerdem ist eine stagnierende Integration der alten und neuen Bundesländer zu verzeichnen.

„40 Jahre getrennte Erfahrungen […] haben in Ost- und Westdeutschland offensichtlich zu ganz verschiedenen sozialen und politischen Kulturen geführt“9. Nach dem anfänglichen Optimismus Anfang der 90er Jahre begann der Prozess der deutschen Vereinigung bald zu stagnieren.

Die deutsche Vereinigung schuf einen Staat mit etwa 80 Millionen Deutschen. Der Autor erklärt, dass jedoch keine Synthese stattfand. Die Auflösung der DDR könne auch als Ausdehnung der BRD in östlicher Richtung gesehen werden. Die Eingliederung der DDR in die BRD beschleunige die Transformation des sozialen und politischen Systems. Dem Institutionentransfer folge ein Finanz- und Elitentransfer von West nach Ost. Doch die rasche Transformation führe nach Meinung van Deths nicht zu einer schnellen Integration. Durch das Fernbleiben des wirtschaftlichen Aufschwungs in Ostdeutschland hat sich der Integrationsprozess erheblich erschwert. Enttäuschungen sowie eine retrospektive „Ostalgie“ waren zu verzeichnen. Die Erweiterung hat auch die BRD maßgeblich verändert. Die Vereinigung habe nicht einfach zu einer Vergrößerung geführt. Eine Annäherung fände statt, diese würde aber durch bestimmte Faktoren beeinflusst. Deshalb sei es wichtig, sowohl die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland als auch Gesamtdeutschland zu betrachten, erläutert der Autor.10

Deutschland in Europa

Im Jahre 2002 lebten etwa 82 Millionen Deutsche in der BRD, davon 40 Millionen Erwerbstätige. Deutschland ist das bevölkerungsstärkste Land in West- und Mitteleuropa. 2002 betrug der Anteil der Bundesrepublik am BIP der EU ein Viertel. Im globalen Waren- und Dienstleistungshandel lag sie direkt hinter den USA. Außerdem stellt Deutschland die größte Zahl der Mitglieder im Europäischen Parlament. Das vereinte Deutschland ist also eines der wichtigsten Länder, nicht nur in der EU, sondern auch weltweit.11

Dennoch stehen hinter diesen Zahlen große Unterschiede bei der Betrachtung von Ost- und Westdeutschland. So zeigen zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt große Differenzen. In einer anschließenden Tabelle12 zeigt van Deth sowohl Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern, als auch Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa auf. Der Autor spricht von der geografischen und demografischen Spitzenposition Deutschlands in Europa. Er geht auf die Lebenserwartung in Europa ein und stellt fest, dass Westdeutschland keine niedrigere Lebenserwartung als die meisten europäischen Länder hat. Die Lebenserwartung in Ostdeutschland ist etwas geringer als in Westdeutschland, aber höher als in allen ausgewählten osteuropäischen Ländern. Auch stellt er fest, dass die deutsche Bevölkerung relativ alt ist. Van Deth spricht im Zusammenhang mit Deutschland auch vom „gelähmten Gulliver“13. Er führt hierfür das pro Kopf BIP an. In Westdeutschland liegt dieses unter dem von vielen anderen westeuropäischen Ländern. Ostdeutschland hat hier jedoch immer noch einen großen Vorsprung vor Osteuropa. Das wirtschaftliche Wachstum ist eher gering und die Arbeitslosenquote eher hoch im Vergleich mit anderen Ländern. Die Wahlbeteiligung in Deutschland lässt sich mit der von anderen Spitzenländern in Europa vergleichen. Jedoch gibt es hier wieder Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.

In dem einleitenden Kapitel gibt der Autor einen ersten Hinweis darauf, dass es schwerfallen könnte, die These, dass Westdeutschland eher Westeuropa und Ostdeutschland eher Osteuropa zuzuordnen sei, mit ausreichend repräsentativen Fakten zu stützen. Bereits bei dieser ersten Betrachtung der Tabelle zur Position Deutschlands in Europa fällt es schwer, eindeutige Zuordnungen vorzunehmen. Obwohl lediglich vier osteuropäische Länder für den Vergleich betrachtet wurden, liegt Ostdeutschland zumeist über den Werten dieser Länder. Für die westeuropäische Einordnung standen wesentlich mehr Länder zur Verfügung. Hier ergibt sich jedoch, bei einer Betrachtung der einzelnen Länder, das Problem, dass teilweise sehr starke Unterschiede zwischen den einzelnen westeuropäischen Ländern bestehen. Es dürfte somit schwer fallen, anhand solcher Ergebnisse eine eindeutige westeuropäische Einordnung der BRD vorzunehmen.

Es stellt sich auch die Frage nach der Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Vier Länder für Osteuropa gegenüber 15 Ländern für Westeuropa bringen eine sehr ungleiche Gewichtung mit sich.

2. Das Buch „Deutschland in Europa“

In diesem Teil der Arbeit werden zwei Kapitel herausgegriffen und anhand je eines Beitrages exemplarisch vorgestellt. Die Kritik beschäftigt sich mit dem gesamten Werk „Deutschland in Europa“.

2.1 Jan van Deth: „Politisches Interesse“

Dieser Beitrag schließt das zweite Kapitel „staatsbürgerliche Orientierung“ ab. Er gliedert sich in fünf Unterkapitel. Autor des Beitrages „Politisches Interesse“ ist Jan van Deth.

2.1.1 Engagement und Demokratie

Das Interesse des Bürgers an der Politik wird als Voraussetzung dafür gesehen, dass Demokratien funktionsfähig arbeiten. Dass Bürger ihre Präferenzen zeigen, ist unabdingbar für demokratische Entscheidungen. Doch Präferenzen können nur durch ein Mindestmaß an politischen Informationen entstehen. Somit, so der Autor, werden Bürger, die sich politisch engagieren und etwas von Politik verstehen, ihre Forderungen dem politischen System gegenüber nicht übersteigern.14

Es wird jedoch festgestellt, dass Ablehnung und Desinteresse gegenüber der Politik allgegenwärtig sind. Dies lässt sich nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern beobachten. Eine zunehmende Entfernung vom politischen Geschehen und seinen Akteuren findet statt. Jan van Deth meint jedoch, dass ein Mangel an politischem Interesse nicht zwangsläufig als negativ oder sogar schädlich für die Demokratie zu sehen sei, denn eine allgemeine Steigerung des Interessenniveaus sei erkennbar. Wachsender Wohlstand sowie ein höheres Bildungsniveau hätten allgemein dazu geführt, dass Politik nicht mehr als notwendiger Teil von sozialen Konflikten angesehen werde und sich die Bürger somit stärker anderen Dingen zuwenden können. Der Autor führt weiterhin an, dass ein Mangel an politischem Interesse auch als Erfolg der traditionellen Politik angesehen werden könnte. Trotz der anerkannten Notwendigkeit von politischem Interesse lässt sich in den meisten Ländern ein eher geringes politisches Interesse feststellen. Auch durch eine weitere Steigerungen des Bildungsniveaus oder den Leistungen politischer Systeme könnte daran nichts verändert werden. Um das politische Interesse besser messen zu können wurden vier Kategorien ermittelt. Diese sind das subjektive politische Interesse, die Gesprächshäufigkeit über Politik, die Wichtigkeit von Politik sowie die Salienz.

Zu diesem Unterkapitel ist anzumerken, dass der Autor in der Überschrift von Engagement und Demokratie spricht, während im Beitrag hauptsächlich von Interesse und Demokratie gesprochen wird.

Bei Van Deths Feststellung, dass sich Bürger anderen Interessen zuwenden können, wenn sie Politik nicht mehr als notwendigen Teil sozialer Konflikte ansehen, stellt sich die Frage, ob dieses Hinwenden der Bürger zu anderen Bereichen wirklich als positiv zu bewerten ist. Natürlich ist die Feststellung positiv, dass Politik nicht mehr als Teil von sozialen Konflikten gesehen wird, doch wenn sich Bürger eher anderen Dingen als der Politik zuwenden, bedeutet es, dass weniger politische Partizipation stattfindet.

„Mangel an politischem Interesse kann auch als Erfolg der traditionellen Politik betrachtet werden“15. Dies ist zwar eine mögliche Interpretationsweise, dennoch sollte diese Aussage kritisch betrachtet werden, denn häufiger entsteht der Mangel an politischem Interesse doch aufgrund von Politikverdrossenheit. Unzufriedenheit mit den politischen Akteuren sowie dem System an sich führen dazu, dass Bürger sich nicht mehr am politischen Dialog sowie politischen Entscheidungen beteiligen.

Der Autor führt außerdem an, dass sich durch eine weitere Steigerung von Bildung oder der Leistung des politischen Systems keine Erhöhung des politischen Interesses erzielen lassen würde. Diese Aussage wird jedoch nicht weiter vertieft. Es stellt sich die Frage, woher er diese Behauptung nimmt. Auf welche Studien stützt er sich hier?

2.1.2 Aspekte politischen Interesses

Im Folgenden werden die vier Aspekte des politischen Interesses näher analysiert und definiert. Das subjektive politische Interesse wird als ein „einfaches Instrument zur Selbsteinschätzung des Niveaus des politischen Interesses“16 definiert. Ein zweiter Indikator ist die Gesprächshäufigkeit über Politik im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Van Deth stellt fest, dass diese Gesprächshäufigkeit ein klarer Indikator des politischen Interesses ist. Die Wichtigkeit von Politik im eigenen Leben spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, die persönliche Relevanz für den Einzelnen soll hier dargestellt werden. Normalerweise wenden sich Bürger anderen Lebensbereichen als der Politik eher zu, sie sehen diese als wichtiger oder ansprechender an. Schließlich nennt der Autor die Salienz, die relative Bewertung von Politik. Salienz betrachtet die Position von Politik im Vergleich zu anderen Lebensbereichen. Diese vier Kategorien ermöglichen es nun, verschiedene Aspekte des politischen Engagements näher zu untersuchen.

Anzumerken ist, dass es noch eine Vielzahl weiterer Aspekte gäbe, mit denen sich das politische Interesse eines Bürger definieren ließe, z.B. das Lesen von Fachliteratur, das Anschauen von Polittalksendungen oder auch die aktive Teilnahme an Politik. Doch da im Rahmen der ESS-Studie nur ein begrenztes zeitliches und finanzielles Budget für die Autoren des Fragebogens zur Verfügung stand, mussten einige (wichtige) Aspekte ausgewählt werden.

Der Unterschied zwischen Salienz und der persönlichen Bedeutung von Politik wird nicht eindeutig geklärt. Mit der Frage zur persönlichen Bedeutung der Politik: „Wie wichtig sind diese (folgenden) Bereiche in ihrem Leben: Familie, Freunde, Freizeit, Politik, Arbeit, Religion, Vereine; Verbände und Organisationen“17 wird eine Bewertung von Politik unter Berücksichtigung der anderen Lebensbereiche vorgenommen. Der Autor meint jedoch, dass nur die Salienz als relative Bewertung die Position von Politik im Vergleich zu den anderen Bereichen zum Ausdruck bringe. Auch fand bereits eine gewisse Beeinflussung der Befragten dadurch statt, dass die einzelnen Lebensbereiche aufgestellt wurden, denn der Begriff Politik wurde in der Mitte der Bereiche positioniert. Es sind genau drei Begriffe aus dem privaten Bereich über dem Begriff Politik angeordnet, sowie drei Begriffe unterhalb, die eher aus dem öffentlichen Bereich stammen. Es wäre interessant zu untersuchen, ob eine andere Bewertung bei einer abweichenden Positionierung des Begriffs Politik stattfinden würde.

2.1.3 Politisches Interesse in Deutschland

In Deutschland wurde das Niveau des politischen Interesses bisher vor allem mit der Frage nach dem subjektiven politischen Interesses untersucht. Van Deth führt dazu zwei Studien an, zum einen aus dem Institut für Demoskopie in Allensbach, welche seit 1960 jährlich durchgeführt wird, sowie die ALLBUS Studie, welche seit 1980 alle zwei Jahre durchgeführt wird. In einer Abbildung18 werden beide Studien grafisch dargestellt. Daraus lässt sich ein allgemeiner Anstieg des politischen Interesses in der BRD ablesen. Mit der Vereinigung 1990 geht dieser Trend jedoch erst einmal zurück. Der Autor führt an, dass in Westdeutschland der Anteil politisch interessierter Bürger 50 Prozent bzw. 30 Prozent (je nach Studie) betrage, im Osten seien diese Zahlen 3-5 Prozent niedriger. Van Deth bemerkt, dass auch nach dem Rückgang des Interesses an Politik Anfang der 1990er Jahre noch viele Deutsche angeben, sich für Politik zu interessieren.

Auch bei den Deutschen, welche in der ESS-Studie befragt wurden, stellte sich heraus, dass die Unterschiede im Hinblick auf das Niveau des subjektiven politischen Interesses in Ost- und Westdeutschland fast verschwunden sind. Der Autor merkt an, dass somit nicht auf einen Mangel an politischem Engagement hingewiesen werden könne. Die Wichtigkeit von Politik wird in beiden Teilen Deutschlands in etwa gleich eingestuft. Dennoch lassen sich Unterschiede feststellen. Zum Beispiel werden politische Gespräche im Osten häufiger als im Westen geführt. Bei dem Faktor Salienz gibt es nur geringe Unterschiede, im Vergleich zu anderen Lebensbereichen ist Politik nicht besonders wichtig.

Insgesamt gesehen ist das politische Interesse in beiden Teilen Deutschlands, im Vergleich zu Europa, sehr hoch. Dies wird in einer weiteren Grafik19 dargestellt. Insgesamt 21 Prozent der Deutschen sind sehr interessiert an Politik, der europäische Schnitt beträgt lediglich 11 Prozent. Der Autor geht auch darauf ein, dass in Westeuropa sowohl das Niveau des subjektiven politischen Interesses als auch die Wichtigkeit von Politik höher sind als in Osteuropa. Dort wird jedoch häufiger über Politik gesprochen. Die Salienz von Politik ist in beiden Teilen Europas gleich niedrig. Schließlich meint der Autor, dass diese Ergebnisse für drei von vier Werten den Ergebnissen der beiden Teile Deutschlands entsprächen. Er stellt fest, dass die osteuropäischen Länder kaum von den südeuropäischen Ländern zu unterscheiden sind. Die Unterschiede des Niveaus des politischen Interesses in Deutschland im Vergleich zu dem restlichen Europa sind somit wichtiger als die unterschiedlichen Mittelwerte in Ost- und Westeuropa.

Die These, dass Ostdeutschland Osteuropa und Westdeutschland Westeuropa zuzuordnen sei, wird in diesem Unterkapitel für das Niveau des politischen Interesses widerlegt.

Bei der Betrachtung der ALLBUS und Allensbachstudien stellt der Autor Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland von etwa 3-5 Prozentpunkten fest. Sind Ergebnisse in diesem Bereich wirklich als relevant zu betrachtet, oder können solche Zahlen nicht eher als allgemeine (eventuell regionale) Schwankungen betrachtet werden?

Allgemein lässt sich feststellen, dass die Graphen dieser beiden Studien sehr schwer nachzuvollziehen sind. Beide Studien werden in einer einzigen Grafik präsentiert, wobei sich die einzelnen Verläufe teilweise überlagern und das Ablesen der Werte somit schwer fällt. Die Graphenverläufe für das subjektive politische Interesse werden für Ost- und West- sowie Gesamtdeutschland betrachtet. Besonders die gesamtdeutsche Betrachtung liegt teilweise sehr nah an der Verlaufskurve der westdeutschen Betrachtung. Sinnvoller wären zwei einzelne Grafiken, aber besonders ein größerer Maßstab gewesen.

Für die zweite Grafik, welche das politische Engagement in Europa darstellt, nutzt der Autor die Aussage „durch einen eher flüchtigen Blick auf die Grafik geht sofort hervor [...]“20. Auch diese Grafik wirkt auf den ersten Blick eher chaotisch. Die vier Aspekte des politischen Interesses werden für alle europäischen Länder in einer einzigen Grafik dargestellt. Zusätzlich wurden die Mittelwerte für West- sowie Osteuropa eingefügt. Auch für dieses Beispiel wären verschiedene Grafiken sinnvoller gewesen.

Van Deth verwendet die Begriffe politisches Interesse und politisches Engagement teilweise synonym. Er spricht davon, dass die Unterschiede im Niveau des subjektiven politischen Interesses in Ost- und Westdeutschland fast verschwunden sind und resümiert, dass somit nicht auf einen Mangel an politischem Engagement hingewiesen werden kann. Diese Schlussfolgerung ist nicht logisch, denn reines Interesse bedeutet nicht, dass man sich auch für eine bestimmte Sache engagiert. Lediglich aus einem hohen Niveau von politischem Engagement könnte geschlussfolgert werden, dass auch das Interesse an Politik hoch ist. Van Deth schrieb zu diesem Thema in einem Beitrag zum Thema „Vergleichende politische Partizipationsforschung“, dass „politische Partizipation als Aktivität (Tätigkeit) verstanden wird – einfach nur fernzusehen oder zu behaupten, man fände Politik spannend, heißt noch lange nicht, dass man partizipiert.“21. Diese Feststellung widerlegt seine Aussage in dem vorliegenden Werk ebenfalls.

2.1.4 Determinanten politischen Interesses

Die Einflüsse bestimmter Determinanten auf die Indikatoren des politischen Interesses werden näher betrachtet.

Als erstes nennt van Deth soziodemographische Faktoren wie Schulbildung, Einkommen oder die gesellschaftliche Position des Einzelnen. Diese können einen signifikanten Einfluss auf das Niveau des subjektiven politischen Interesses sowie die Gesprächshäufigkeit haben. Zur Erklärung der Salienz und der Wichtigkeit von Politik kann die Bedeutung sowohl positiv als auch negativ sein. Um den Einfluss zu überprüfen, werden die Variablen Geschlecht, Alter, Bildung und Einkommen genutzt.

Eine zweite Gruppe sind die sozialen Kontakte, diese können sowohl fördernd als auch hemmend auf die Determinanten sein. Besonders auf das Niveau des subjektiven politischen Interesses und die Häufigkeit von Gesprächen können sie nachteilig wirken. Die sozialen Kontakte werden in zwei Kategorien unterteilt: Vereinsmitgliedschaft und das Treffen mit Verwandten und Freunden sowie private Treffen mit Arbeitskollegen.

Eine dritte Gruppe soll die Zufriedenheit des Einzelnen mit Politik widerspiegeln. Auch hier können sich sowohl positive als auch negative Einflüsse ergeben. So wirkt sich dieser Faktoren positiv auf das subjektive politische Interesse aus. Zufriedenheit hat jedoch einen eher negativen Einfluss auf die Salienz sowie die Wichtigkeit von Politik. Zufriedenheit wird deshalb wie folgt betrachtet:

1. die Art und Weise, wie Demokratie in Deutschland funktioniert
2. die gegenwärtige Wirtschaftslage in Deutschland
3. gegenwärtiges Leben der Befragten

In einer vierten Gruppe wird die Frage nach dem Vertrauen der Befragten in die politischen Akteure und Institutionen aufgestellt. Dabei wurde das Verrauen in Bundestag, Polizei, Politik und Justiz mit in die Analyse einbezogen. Dieser Faktor könnte insbesondere wichtig sein für das Niveau des subjektiven politischen Interesses sowie für die Häufigkeit politischer Gespräche.

Um den Einfluss der Determinanten festzustellen, wurden Regressionsanalysen vorgenommen. Im ersten Teil der Tabelle22 wird das Niveau des subjektiven politischen Interesses in den einzelnen Ländern betrachtet. Fünf Faktoren wurden ermittelt, die allgemein für das Interesse an Politik wichtig sind: Alter, Bildung, Vereinsmitgliedschaft, Wirtschaftszufriedenheit und Vertrauen in Politiker. Die Determinanten des Niveaus subjektiven politischen Interesses sind in Ost- und Westeuropa sowie in Ost- und Westdeutschland fast gleich. In Deutschland hat jedoch das Geschlecht keinen Einfluss auf das Niveau des subjektiven politischen Interesses. Im zweiten Teil der Tabelle wird die Häufigkeit politischer Gespräche betrachtet. Die soziodemografischen Faktoren sowie Aktivitäten in Vereinen und Gesprächshäufigkeit über Politik sind hier am wichtigsten. In Deutschland ist ein Blick auf die Wirtschaftszufriedenheit äußerst interessant. Je zufriedener die Deutschen sind, umso weniger reden sie über Politik. Im europäischen Vergleich lässt sich dies nicht feststellen.

Im dritten Teil der Tabelle wird die persönliche Wichtigkeit von Politik analysiert. Wichtig ist hier das Vertrauen in die Politik. Es gibt große Unterschiede zwischen 21 van Deth aus Berg-Schlosser, Müller-Rommel. S. 171

[...]


1 vgl. van Deth. S. 22

2 vgl. van Deth. S. 373 ff

3 vgl. Immerfall. S. 25

4 vgl. Pelinka. S. 12

5 vgl. Abromeit, Stoiber. S.34

6 vgl. Lauth. S.46 7 vgl. Lauth. S.47 8 van Deth. S.20

9 van Deth. S. 10

10 vgl. van Deth. S. 9ff

11 vgl. van Deth. S.14

12 vgl. van Deth. S. 18f

13 van Deth. S. 17

14 vgl. van Deth. S.275

15 van Deth. S. 276

16 van Deth. S. 277

17 van Deth. S. 277

18 van Deth. S. 279

19 van Deth. S. 281

20 van Deth. S. 281

21 van Deth aus Berg-Schlosser, Müller-Rommel. S. 171

22 van Deth. S. 286f

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Jan W. van Deth: Deutschland in Europa
Untertitel
Ergebnisse des European Social Survey 2002 - 2003
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Europäische Gesellschaften im Vergleich
Note
1,7
Autoren
Jahr
2008
Seiten
36
Katalognummer
V118659
ISBN (eBook)
9783640225194
Dateigröße
925 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deth, Deutschland, Europa, Europäische, Gesellschaften, Vergleich
Arbeit zitieren
Ba int. Jessica Mohr (Autor)Katrin Kiesel (Autor), 2008, Jan W. van Deth: Deutschland in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118659

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