In jeder Geschichtsepoche gab es Personen, die aufgrund unterschiedlicher Eigenschaften und Umstände in der besonderen Gunst ihres Herrschers standen und speziellen Einfluss auf dessen Politik und Entscheidungsgewalt nehmen konnten. Daher lässt sich das Phänomen der Günstlinge nicht auf eine spezifische Dekade oder ein spezifisches Jahrhundert limitieren.1 Die Forschung ist sich allerdings weitgehend einig, dass das 17. Jahrhundert als klassisches Zeitalter der Günstlinge betrachtet werden kann.2 Es soll an dieser Stelle noch darauf hingewiesen werden, dass es für den Begriff des Günstlings,
wie an späterer Stelle noch dargestellt wird, verschiedene Bezeichnungen gibt.3
Im 17. Jahrhundert waren Günstlinge ein gesamteuropäisches Phänomen, welches auch in der Öffentlichkeit bekannt war. Daher kann durchaus von einer Art „Quasi- Institutionalisierung“ des Günstlingswesens im 17. Jahrhunderts gesprochen werden.4 Im Papsttum war dies auch de jure der Fall – das Amt des Kardinalnepoten stellte seit 1538 ein offizielles Amt dar und weist, wie unten noch gezeigt wird (↓ Kap. 3.3), in vielen Teilen Gemeinsamkeiten mit den Günstlingen der weltlichen Herrscher auf. Die Forschung beschäftigt sich seit Mitte der 1990er Jahre mit der Günstlingsthematik. Bereits 1974 erschien ein Aufsatz von Jean Bérenger5 zu diesem Thema. Dieser fand zum damaligen Zeitpunkt aber wenig Resonanz. Neben zahlreichen Einzelstudien über prominente Günstlinge wie Richelieu, Olivares und Buckingham stellt der 1999 erschienene
Band „The world of the favourite“ einen wichtigen Beitrag zur Forschung
dar.6 Des Weiteren erschien 2003 ein Band, mit dem Titel „Der zweite Mann im Staat, dessen Fokus auf deutschen Fällen liegt sowie das Werk „Der Fall des Günstlings“7, das sich mit unterschiedlichen Günstlingen in ganz Europa und vor allen Dingen mit deren Sturz befasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen
2.1 Der frühneuzeitliche Fürstenhof
2.1.1 Begriff und Funktionen
2.1.2 Organisation und personelle Zusammensetzung
2.1.3 Zeremoniell
2.1.4 Attraktivität des Hofes – Gunst
2.2 Günstlinge: Aufstieg, Konsolidierung, Funktion und Fall
2.2.1 Historischer Abriss
2.2.2 Begriff und Charakteristika
2.2.3 Das Verhältnis zwischen Herrscher und Günstling
2.2.4 Machterhalt und Fall
3. Günstlingskarrieren
3.1 George Villiers (1592-1628), 1. Herzog von Buckingham
3.1.1 Der Hof der Stuarts
3.1.2 Buckingham – ein typischer Günstling?
3.2 Adam Graf von Schwarzenberg (1583-1641) – Günstling und kurfürstlicher Diplomat
3.3 Der Kardinalnepot – die römische Sonderform des Günstlings
3.3.1 Gemeinsamkeiten mit dem Günstling
3.3.2 Die Spezifika des Kardinalnepoten
4. Der Widerhall in der Öffentlichkeit
4.1 Öffentlichkeit und Legitimation
4.2 Der Günstling im Drama
4.3 Der Günstling in der zeitgenössischen Theorie
4.4 Reaktionen auf George Villiers
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Günstlingswesens an europäischen Höfen im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert mit einem besonderen Fokus auf dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sowie der Rolle der Günstlinge als politische Akteure.
- Struktur und Funktion des frühneuzeitlichen Hofes als Zentrum der Macht.
- Karrieren und Machtmechanismen beispielhafter Günstlinge (Buckingham, Schwarzenberg, Kardinalnepoten).
- Die Konstruktion und Beeinflussung von Öffentlichkeit und Image durch die Günstlinge.
- Die Rolle von Literatur und zeitgenössischer Theorie in der Bewertung des Günstlingswesens.
- Die politischen Folgen von Günstlingskarrieren und die Ursachen für deren häufigen Sturz.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Buckingham – ein typischer Günstling?
England, Spanien und Frankreich zählten in der Frühen Neuzeit zu den größten Monarchien Europas. Wie oben bereits erwähnt (↑ S. 15), ist es besonders signifikant, dass gerade diesen drei Monarchien die prominentesten Günstlinge entstammten. Im englischen Fall war dies u.a. George Villiers, der vor allen Dingen durch seine Charakterisierung in Alexandre Dumas’ „Die drei Musketiere“ bekannt ist, die der wissenschaftlichen Einschätzung nicht unähnlich ist:
„Günstling zweier Könige, Millionär, allmächtig in einem Land, das er je nach Laune in Aufruhr brachte oder wieder befriedete, war Georges Villiers, Herzog von Buckingham, eine jener fabelhaften Existenzen, die noch nach Jahrhunderten die Nachwelt in Erstaunen setzen. Selbstbewusst, von seiner Macht überzeugt und sicher, dass die für die übrige Menschheit gültigen Gesetze ihm nichts anhaben konnten (…).”
Es gelang, ihm die Gunst Jakobs I. zu erlangen, zum Herzog von Buckingham ernannt zu werden und zudem zahlreiche Ämter auf sich zu vereinen. Er kontrollierte die Patronage Jakobs I. und Karls I.; der Zugang zum König war ohne seine Zustimmung praktisch unmöglich, geschweige denn ein Hofamt zu erlangen. Obgleich nie offiziell, war er doch faktisch der einflussreichste Mann des innersten Kreises um den König. Darüber hinaus schaffte er es bis 1628, dem Jahr, in dem er ermordet wurde, zum most unpopular man aufzusteigen. Abgesehen von der allerdings großen Ausnahme, dass er es geschafft hat, über den Tod seines Gönners hinweg seine Position zu behaupten, entspricht George Villiers in vieler Hinsicht einem typischen frühneuzeitlichen Günstling, wie oben dargestellt wurde (↑ Kapitel 2.2). Im Gegensatz zu Männern wie William Herbert, dritter Graf von Pembroke, der sämtliche wichtigen Hofämter auf sich vereinte (Lord Chamberlain, Lord Stewart) und einflussreiches Mitglied des Privy Councils war, oder der mächtige Minister Robert Cecil, Earl of Salisbury der die höchsten politischen Ämter bekleidete (u. a. Lord High Treasurer, Lord Privy Seal, Secretary of State), hing die Stellung Buckinghams immer von der Gunst des Königs ab. Er besaß keine rechtliche Grundlage, die seine Position absicherte. Dennoch übte Buckingham den größten Einfluss auf den König, insbesondere auf Karl I. aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen des Günstlingswesens als gesamteuropäisches Phänomen des 17. Jahrhunderts und Darlegung der Forschungsfragen.
2. Grundlagen: Analyse des frühneuzeitlichen Hofes als zentralem Machtorgan und Erläuterung von Aufstieg, Funktion und Fall der Günstlinge.
3. Günstlingskarrieren: Exemplarische Untersuchung der Karrieren von George Villiers (Buckingham), Adam Graf von Schwarzenberg und der Sonderform des Kardinalnepoten.
4. Der Widerhall in der Öffentlichkeit: Analyse der zeitgenössischen Wahrnehmung von Günstlingen durch Öffentlichkeit, Literatur, Drama und Theorie.
5. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Günstlingsrollen als Vorzeichen des Absolutismus und deren Abhängigkeit von herrscherlicher Gunst.
Schlüsselwörter
Günstling, Frühe Neuzeit, Fürstenhof, Patronage, Macht, Öffentlichkeit, Imagepflege, Buckingham, Richelieu, Kardinalnepot, Patronagepolitik, Legitimation, Hofgesellschaft, politischer Einfluss, Klientelnetzwerk.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Rolle des Günstlings an europäischen Höfen im 17. Jahrhundert, speziell wie diese Akteure Macht ausübten und in der zeitgenössischen Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Struktur des frühneuzeitlichen Hofes, die Mechanismen der Günstlingsmacht, die Bedeutung der Patronage und die mediale Inszenierung bzw. Kritik an Günstlingen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das „Image“ der Günstlinge zu ihrer Zeit herauszuarbeiten und zu untersuchen, wie diese durch instrumentalisierte Presse oder Kunst ihr Bild in der Öffentlichkeit zu steuern versuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse aktueller Forschungsergebnisse, vergleichende Fallstudien (z.B. Richelieu, Buckingham, Olivares) und die Untersuchung zeitgenössischer Quellen wie Schmähschriften und Theaterstücke.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Günstlingswesens, eine detaillierte Betrachtung prominenter Karrierebeispiele und eine Analyse der öffentlichen Resonanz in Drama und Theorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Günstling, Frühe Neuzeit, Patronage, Macht, Imagepflege und öffentliche Meinung beschreiben.
Wie unterscheidet sich der Kardinalnepot von einem weltlichen Günstling?
Der Kardinalnepot war zwar funktional ein Günstling, aber (zumindest temporär von 1538 bis 1692) institutionell als Vize-Papst und Verwalter der päpstlichen Korrespondenz abgesichert.
Warum war der Widerhall auf Buckingham besonders kritisch?
Buckingham stand aufgrund seiner militärischen Misserfolge, seiner auffälligen Familienpolitik und seines enormen Machtzuwachses im Zentrum einer massiven, regierungsfeindlichen Polemik, die schließlich in seiner Ermordung gipfelte.
- Quote paper
- Benjamin Riebsamen (Author), 2008, Die Rolle des Günstlings am europäischen Hof im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118720