In dieser Arbeit soll zunächst die grundlegende Frage geklärt werden, die der Vermutung über die Verknüpfung von Sprache und Ideologie inhärent ist: Was zeichnet eine Ideologie aus? Im Anschluss daran sollen dann in Anlehnung an die Ausführungen bei Braun (2007) Analyseaspekte dargestellt werden, mithilfe derer propagandistische Texte beschrieben werden können. Abschließend werden dann die bis dahin gewonnen Erkenntnisse vor dem Hintergrund einer möglichen Verschränkung von Sprache und Ideologie auf die sog. "Sportpalast-Rede" von J. Goebbels aus dem Jahr 1943 bezogen. Insbesondere im Hinblick auf die "Sportpalast-Rede" wird im dritten Abschnitt zu erläutern sein, inwieweit die Zusammensetzung des Publikums eine entscheidende Rolle bei der Wirkung der Rede gespielt hat.
Die Verknüpfung von Sprache und Ideologie, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus als auch in den vorangegangenen totalitären Systemen wie der faschistischen Regierung Mussolinis in Italien, stellt einen zunehmend bedeutenderen Zweig der sprachwissenschaftlichen Forschung dar, insofern als sie den Blick auf die Entwicklung von totalitären und faschistischen Regimen unter einem anderen Blickwinkel zu beschreiben und zu erklären versucht.
Im Zuge der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 geraten in der Folge insbesondere folgende Fragen in den Mittelpunkt der Analyse von Texten aus jener Zeit: Wie war es möglich, dass sich in Deutschland eine Partei wie die NSDAP etablieren konnte und inwieweit trug die vermeintliche Wirkungsmacht der parteipolitischen Reden, u.a. von J. Goebbels und A. Hitler dazu bei?
Da die Reden der damaligen Zeit in der heutigen Rezeption, beispielsweise im Schulunterricht oder im Rahmen universitärer Lehre nicht mehr in einer ähnlichen Form wie es zwischen 1933 und 1945 der Fall war, rezipiert werden, stellt sich ebenfalls die Frage nach der tatsächlichen Wirkung propagandistischer Texte. In Anlehnung an die Aussage Dieckmanns (1975) zu Beginn dieses Textes wird ebenfalls zu beschreiben sein, inwieweit Sprache als Werkzeug von Ideologien gesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ideologiebegriff
2.1 Verbindung zwischen Sprache und Ideologie
2.2 Propaganda
3. Methodisches Vorgehen bei der Analyse
4. Die Sportpalast-Rede 1943
4.1 Kontext und Textthema
4.2 Analyse der Verbalstrategien und ihrer Funktion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die enge Verschränkung von Sprache und Ideologie am Beispiel der Sportpalastrede von Joseph Goebbels aus dem Jahr 1943, mit dem Ziel, die propagandistischen Mechanismen und Wirkungsweisen nationalsozialistischer Rhetorik zu dekonstruieren.
- Verhältnis zwischen Sprache, Ideologie und politischer Macht
- Strukturelle Analyse propagandistischer Textmerkmale
- Rolle von Verbalstrategien, Präsuppositionen und Symbolwörtern
- Kontextuelle Einbettung nationalsozialistischer Redekunst
- Untersuchung der rhetorischen Überzeugungsressourcen
Auszug aus dem Buch
4.2 Analyse der Verbalstrategien und ihrer Funktion
Zunächst expliziert sich in der Rede eine starke Fokussierung auf Identifikationsformeln. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich mit Braun (2007) feststellen, dass die genutzten Identifikationsformeln (wir/unser) eine scheinbare Gemeinschaft konstituieren, indem sie „auf suggestive Weise dazu einladen, sich mit Personen, Gruppen oder Parteien zu identifizieren“ (Salamun 1988:15 zit. nach Braun 2007:209).
„Somit sind wir, wie von der ersten Stunde unserer Macht an durch all die zehn Jahre hindurch, fest und brüderlich mit dem deutschen Volke vereint!“ (Heiber 1972:206)
„Wir alle, Kinder unseres Volkes [...]“ (Ebd.:206)
„Wir beschreiten damit den Weg zum endgültigen Sieg.“ (Ebd.:206)
Die Konzentration auf inklusive Formen zeigt sich ebenfalls in der Form der Beziehungsgestaltung zwischen Emittent und Rezipient. Die Aktivität der Zuhörer ist folglich nicht durch Passivität gekennzeichnet, sondern erschöpft sich in sprachlichen Reaktionen auf Aussagen J. Goebbels:
[Rufe: „Aufhängen!“ Geschrei.] (Heiber 1972:206)
[Rufe: „Ja!“] (Ebd. 1972:206)
[Stürmische Rufe: „Ja!“ Stürmischer Beifall] (Ebd. 1972:206)
[Zwischenruf: „Wir haben nichts gegen ...!“] (Ebd. 1972:206)
Diese doppelt besetzte Position des Akteurs im sprachlichen Raum steht jedoch einer einseitig besetzten Position des Zuhörers gegenüber. Der Bezug auf „Das deutsche Volk“ verdeutlicht die bereits dargestellte Identifikation mit ideologischen Ansichten. J. Goebbels stellt anhand von unpersönlichen Ausdrücken („Volk“, „Nation“, „Bundesgenosse“) eine Beziehung zu den Zuhörern her. Salamun (1988) führt dazu weiter aus:
In artifiziellen und für den einzelnen nicht überblickbaren Gruppierungen wie der Nation, dem Staat [...], in denen wir entpersonalisiert bzw. die referentiellen Bezüge (oft vorsätzlich) im unklaren bleiben, [verhält es sich anders] und auf diese Weise [sollen] möglichst viele Rezipienten angesprochen werden. (Salamun 1988:15 zit. nach Braun 2007:210)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die grundlegende Forschungsfrage nach der Verbindung von Sprache und Ideologie im Nationalsozialismus sowie der Wirkmacht von Propagandatexten.
2. Ideologiebegriff: Dieses Kapitel definiert den Ideologiebegriff und erörtert die Funktionen von Sprache als Instrument zur Konstruktion und Stabilisierung ideologischer Weltbilder sowie den Begriff der Propaganda.
3. Methodisches Vorgehen bei der Analyse: Hier wird der theoretische Rahmen erläutert, der pragmatisch-stilistische Ansätze und die Theorie des Konstruktivismus nutzt, um propagandistische Texte methodisch zu untersuchen.
4. Die Sportpalast-Rede 1943: Das Hauptkapitel analysiert den historischen Kontext der Rede, die Rezeptionsbedingungen durch das Publikum und die sprachlichen Strategien zur Mobilisierung.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Goebbels' Rede insbesondere durch die geschickte Nutzung habitueller Vorprägungen und gezielter Sprachstrategien erfolgreich auf das Publikum wirkte.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Joseph Goebbels, Sportpalastrede, Propaganda, Sprache und Ideologie, Rhetorik, Verbalstrategien, Präsupposition, Ideologeme, Weltbildkonstruktion, Identifikationsformeln, Verführungspotential, Totaler Krieg, Diskursanalyse, Sprachgebrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie durch den gezielten Einsatz von Sprache im Nationalsozialismus ideologische Inhalte vermittelt und gesellschaftliche Zustimmung erzeugt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Ideologie und Sprache, die Funktionsweise von Propaganda sowie die rhetorische Analyse spezifischer nationalsozialistischer Reden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, wie die NS-Propaganda durch sprachliche Mittel ein ideologisch gefestigtes Weltbild beim Publikum erzeugte und die Forderung nach dem "totalen Krieg" legitimierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein sprachwissenschaftlicher Ansatz gewählt, der pragmatisch-stilistische Analysen mit der Theorie des Konstruktivismus verknüpft, um die Wirkungsweise von Texten zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Ideologiebegriffs, die methodische Herleitung und die konkrete Fallstudie der Sportpalastrede von 1943.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Nationalsozialismus, Propaganda, Verbalstrategien, Identifikationsformeln, Präsuppositionen und ideologische Weltbildkonstruktion.
Welche Rolle spielten die Zuhörer für den Erfolg der Sportpalastrede?
Die Analyse zeigt, dass die Zuhörer keine passiven Empfänger waren, sondern durch bereits vorhandene habituelle Einstellungen und die gezielte Auswahl des Publikums maßgeblich zum Erfolg der propagandistischen Inszenierung beitrugen.
Wie definiert der Autor das "Verführungspotential" im Kontext der Rede?
Das Verführungspotential bemisst sich danach, ob der Stil des Textes und die Art der Argumentation die beabsichtigte ideologische Wirkung bei den Rezipienten stützen und kongruent zueinanderstehen.
Warum nutzt Goebbels Begriffe wie "Lebenskampf" oder "Willensblock"?
Diese Neologismen und Schlagwörter dienen der Komprimierung von Programmen, der emotionalen Aufladung und der Konstituierung einer scheinbaren nationalen Einheit, um Relatives als Absolutum erscheinen zu lassen.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Sprache als Mittel und Ideologie?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Sprache kein isoliertes Werkzeug ist, sondern erst durch den Vollzug in einem ideologischen Rahmen – wie bei der Sportpalastrede – ihre spezifische Wirkungs- und Mobilisierungskraft entfaltet.
- Citation du texte
- Leon Lier (Auteur), 2021, Sprache und Ideologie im Nationalsozialismus. Eine Analyse der Sportpalastrede von Joseph Goebbels 1943, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1187376