Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Internet Governance Forum und beantwortet die Frage, ob das Forum ein erfolgreiches Multistakeholder-Modell oder ein ineffizienter "Talkshop" ist.
Sie stellt einen Versuch dar, die Debatte um das IGF und dabei vertretene Positionen nachzuzeichnen und zu diskutieren. Wichtige Fragen sind dabei: Welche Bedeutung kommt dem IGF in der globalen Internet-Governance-Architektur historisch und aktuell zu? Ist es das erfolgreiche Multistakeholder-Modell, wie es einst angedacht war, oder lediglich eine Gesprächsrunde ohne nachhaltigen Einfluss? Welche Veränderungen sind möglich und welche notwendig?
Hierfür soll zunächst erarbeitet werden, was unter dem diffusen Begriff Internet Governance verstanden wird und welche Problematiken mit den Definitionsversuchen einhergehen. Danach steht die Entstehungsgeschichte des Internet Governance Forums im Fokus und mit ihr die Entwicklung der Internet Governance.
Es folgt ein kurzer Überblick über die Organisationsstruktur des IGFs und seine Grundsätze. Im dritten und wichtigsten Teil geht es dann um die Herausforderungen und Probleme des Forums, aber auch um seine Erfolge. Diese sind in die Kategorien Zusammensetzung und Machtverteilung, Arbeitsfähigkeit, Ergebnisse und Konkurrenz unterteilt. Im letzten Abschnitt werden die Ergebnisse zusammengefasst und Vorschläge zur Zukunft des IGF diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Zu den Begriffen Governance, Internet Governance und Multistakeholderismus
1.1 Governance
1.2 Internet Governance
1.3 Multistakeholderismus
2 Die Entstehung des Internet Governance Forums (IGF)
2.1 Eine kurze Geschichte der Internet Governance
2.1.1 Phase 1: Technisches Regime 1957 – 1995
2.1.2 Phase 2: Institutionalisierung 1995 – 2003
2.1.3 Phase 3: Intergouvernementale Organisation 2003 – 2006
2.1.4 Phase 4: Nationale und wirtschaftliche Einflüsse 2006 – heute
2.2 Das Internet Governance Forum (IGF) heute
2.2.1 Ziele
2.2.2 Organisationsstruktur
3 Probleme und Herausforderungen des Internet Governance Forums (IGF)
3.1 Zusammensetzung und Machtverteilung
3.2 Arbeitsfähigkeit
3.3 Ergebnisse
3.4 Konkurrenz
Fazit und Zukunft des Internet Governance Forums
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Internet Governance Forum (IGF) kritisch hinsichtlich seiner Bedeutung und Effektivität als Multistakeholder-Modell in der globalen Internet-Architektur, mit dem Ziel, die Diskrepanz zwischen seinem ursprünglichen Anspruch als offene Diskussionsplattform und der realen politischen Einflussnahme sowie den strukturellen Problemen zu analysieren.
- Historische Entwicklung und Institutionalisierung der Internet Governance
- Analyse der Funktionsweise und Organisationsstruktur des IGF
- Kritische Beleuchtung von Zusammensetzung und Machtverteilung
- Untersuchung der Arbeitsfähigkeit und der inhaltlichen Ergebnisse
- Konkurrenz durch alternative Foren und Initiativen
Auszug aus dem Buch
3.1 Zusammensetzung und Machtverteilung
Einer der Aspekte, der immer wieder im Fokus solcher Kontroversen ist, ist die Zusammensetzung des IGF sowie die Macht- und Ressourcenverteilungen zwischen den Teilnehmenden. Wie Möller (2018) schreibt, zählt „[z]u den Voraussetzungen eines funktionierenden Multistakeholder-Prozesses […] unter anderem, dass alle relevanten Stakeholder einbezogen werden. Mit dieser Vielzahl an Perspektiven, die gleichberechtigt und konsensuell berücksichtigt werden, wird die Hoffnung nach besseren Lösungen verbunden[.]“ Theoretisch ist diese Voraussetzung beim IGF gegeben. Alle interessierten Stakeholder haben die Möglichkeit, digital oder analog, an den Veranstaltungen des IGF teilzunehmen und als erstes Multistakeholder Forum der Internet Governance wirkte das IGF tatsächlich wie ein „catalyst for many organizations, favouring an increase in actors’ diversity”. Es trug dabei maßgeblich zur Normalisierung der Teilhabe nicht-staatlicher Akteure, z.B. aus der Zivilgesellschaft, in vormals multilaterale Prozesse bei. Mit der Diversifizierung der Beteiligten hing auch eine Ausweitung der Themen von technischen auf weitere Bereiche wie Menschenrechte oder freien Wissenstransfer zusammen.
Dennoch bedeutet eine formale Offenheit nicht zwangsläufig eine repräsentative Teilnahme. Wie Statistiken zum letzten IGF-Treffen 2020 zeigen (s. Anhang 3), sind westliche Länder, darunter vor allem die USA und Deutschland, deutlich stärker vertreten als bspw. Teilnehmende aus dem asiatischen oder afrikanischen Raum. Das liegt u.a. an den je nach Entfernung zum Gastgeberland entstehenden hohen Anreisekosten. Das trifft in erster Linie ökonomisch schlechter gestellte Länder sowie zivilgesellschaftliche Organisationen, die gewöhnlich über geringere finanzielle Mittel verfügen als Regierungen oder Vertreter*innen aus der Privatwirtschaft. Bezeichnend für die westliche Orientierung des Forums ist neben der stärkeren Vertretung westlicher Nationen zudem die Tatsache, dass mit Polen als Gastgeber für das IGF 2021 das Forum nun zum vierten Mal hintereinander in Europa stattfindet. All das führt zu einer ebenso westlich geprägten Werte- und Normenbasis, in der sich Länder wie China oder Russland nicht repräsentiert sehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Zu den Begriffen Governance, Internet Governance und Multistakeholderismus: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Konzepte Governance, Internet Governance und den Multistakeholder-Ansatz als theoretisches Fundament für die weitere Analyse.
2 Die Entstehung des Internet Governance Forums (IGF): Hier wird die historische Entwicklung der Internet-Steuerung in vier Phasen bis zur Gründung des IGF sowie dessen Ziele und Organisationsstruktur dargelegt.
3 Probleme und Herausforderungen des Internet Governance Forums (IGF): Das Kapitel analysiert kritisch die Defizite in der Zusammensetzung, der Arbeitsweise und der Ergebnisfindung des Forums sowie die Konkurrenz durch andere Initiativen.
Fazit und Zukunft des Internet Governance Forums: Die Ergebnisse der Untersuchung werden zusammengefasst und aktuelle Reformvorschläge wie ein „IGF Plus“ im Kontext der zukünftigen Entwicklung diskutiert.
Schlüsselwörter
Internet Governance, IGF, Multistakeholderismus, Vereinte Nationen, WSIS, Governance, Internationale Beziehungen, Zivilgesellschaft, Digitalpolitik, Multilateralismus, Netzpolitik, Internetarchitektur, politische Partizipation, globale Zusammenarbeit, Reform des IGF.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem Internet Governance Forum (IGF) der Vereinten Nationen auseinander und hinterfragt, ob es seinen Anspruch als erfolgreiches Multistakeholder-Modell erfüllt oder lediglich eine ineffektive Gesprächsrunde darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die theoretischen Grundlagen der Internet Governance, die historische Entstehung des Forums, die Organisationsstruktur sowie die Herausforderungen wie Machtverteilung, Arbeitsfähigkeit und Konkurrenz durch andere Formate.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem idealisierten Multistakeholder-Ansatz des IGF und der Realität zu beleuchten und zu klären, welche Rolle das Forum in der globalen Internet-Architektur heute tatsächlich spielt und ob Reformen notwendig sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literatur- und Quellenanalyse, die theoretische Definitionen mit empirischen Daten (Teilnehmerstatistiken, Berichte) verknüpft, um das Wirken des IGF im Kontext internationaler Beziehungen zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Entwicklungsstufen der Internet-Steuerung, die spezifische Organisationsstruktur des IGF (MAG und Sekretariat) sowie die wesentlichen Kritikpunkte an dessen Effektivität und Repräsentativität detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Internet Governance, Multistakeholder-Ansatz, internationale Zusammenarbeit, Vereinte Nationen, Digitalpolitik und die strukturellen Defizite in der globalen Internet-Steuerung.
Warum wird das IGF oft als „Talk-Shop“ kritisiert?
Die Kritik gründet sich auf das Fehlen verbindlicher Entscheidungsbefugnisse und konkreter Resultate, was dazu führt, dass das Forum oft als Ort endloser, vager Diskussionen ohne politischen Einfluss wahrgenommen wird.
Welche Rolle spielt die „westliche Orientierung“ des IGF?
Die westliche Prägung bei der Auswahl der Gastgeber und die Dominanz westlicher Akteure führt dazu, dass sich Länder aus dem globalen Süden oder autoritär regierte Staaten wie Russland und China nicht ausreichend repräsentiert fühlen, was die Legitimität des Forums untergräbt.
Was umfasst der Vorschlag für ein „IGF Plus“?
Das Konzept des „IGF Plus“ sieht eine stärkere formelle Anbindung an die UN-Institutionen vor, um eine Brücke zwischen dem Diskussionsformat und konkreten politischen Entscheidungsträgern zu schlagen.
- Citation du texte
- Sophie-Eileen Gierend (Auteur), 2021, Das Internet Governance Forum. Erfolgreiches Multistakeholder-Modell oder ineffizienter „Talkshop“?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1187685