Bedarfslagen von unbegleiteten, ausländischen Minderjährigen in Deutschland


Bachelorarbeit, 2016

49 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Unbegleitete ausländische Minderjährige
2.1 Ressourcen
2.2 Problemlagen
2.3 Hilfebedarf

3 Bedarfsermittlung - Anerkennung
3.1 Liebe - Interkulturalität und Zugehörigkeit
3.2 Recht - rechtliche Gleichbehandlung
3.3 Wertschätzung - Eigenschaften, Kompetenzen und Leistungen

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINLEITUNG

„Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern ein einsames Leben führt! Ihm zehrt der Gram das nächste Glück vor seinen Lippen weg, ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo sich Mitgebome spielend fest und fester mit sanften Banden aneinander knüpften.“ (Goethe 1950, S. 5)

Dieses Zitat ist seit über 200 Jahren nach wie vor aktuell und fasst sehr treffend ein Bild in Worte, das derzeit an vielen Stellen in Deutschland von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen (uaM) gezeichnet wird. Doch wie problematisch ist die Situation wirklich? Was sind die Belastungen, von denen hier die Rede ist, und gibt es nicht auch positive Aspekte? Ist es möglich ein ganzheitliches Bild zu zeichnen und darin auch die Ambivalenzen darzustellen? Und vor allem, welche Bedürfnisse müssen beachtet werden, welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden um diese prekäre Situation von uaM zu verbessern?

Jährlich nehmen mehrere hunderttausend Menschen den Weg aus ihrem Heimatland auf sich, um in Deutschland eine bessere Zukunft zu suchen und zu finden. Es waren noch nie so viele Menschen wie heute überhaupt bereit und aufgrund von Kriegen und anderen Bedrohungen gezwungen, ihren Lebensmittelpunkt so drastisch zu verändern. Unterstützt werden diese Veränderungen durch technologisch bedingte Entwicklungen wie verbesserte Mobilität, Kommunikation und eine fortschreitende Globalisierung (vgl. Mecheril 2004, S. 7). Dabei gibt es ganz verschiedene Gründe und Geschichten hinter den Zahlen, die kaum zu vergleichen sind und es nicht möglich machen, ein homogenes Bild der Gruppe der Migrant innen1 und Flüchtlinge zu zeichnen. Eine große Herausforderung der gegenwärtigen Politik ist dabei, diejenigen Personen zu identifizieren, die internationalen Schutz benötigen und diesen im Rahmen der Migrationsbewegungen auch zu gewährleisten (vgl. Hargasser 2016, S. 49).

Besonders zu beachten ist dabei, dass in einem von zwei Fällen Flüchtling auch Minderjährige r bedeutet (vgl. Jordan 2000, S. 18). Davon suchen wiederum 6% unbegleitet und damit getrennt von ihren Familien Asyl (vgl. BAMF 2016, S. 22L). Es wird angenommen, dass diese eine besonders vulnerable Gruppe in den verschiedenen Migrationsbewegungen darstellen.

Hierzu gibt es immer mehr eindringliche Berichte von Menschenrechtsorganisationen, welche den Blick auf die Gefahren und teils erbärmlichen Lebensbedingungen richten, denen diese Zielgruppe ausgesetzt ist (vgl. Hargasser 2016, S. 49). Eines haben alle ihre Angehörige nämlich in jedem Fall gemeinsam: dem Weg nach Deutschland ging eine schmerzhafte Trennung von Eltern, Geschwistern und Heimat voraus. Meist werden diese Bedingungen mit Blick auf die Chancen, die in der Erwartung von Schutz vor Verfolgung und Krieg, dem Wunsch nach Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen und der Hoffnung nach Bildung und persönlicher Entwicklung gegenüber stehen, in Kauf genommen (vgl. Dahlgaard 1998, S. 74). So muss der viel zu oft defizitäre Blick der sozialen Arbeit in Beziehung auf ihre Klient innen geweitet werden, um die Ressourcen und Chancen der Zielgruppe anerkennen und weiterentwickeln zu können.

Nach Ankunft in Deutschland, und damit inzwischen auch dem ersten Kontakt mit der deutschen Jugendhilfe, sehen uaM sich jedoch zunächst mit ihrer rechtlichen Situation konfrontiert, die sehr komplex ist und die Lebenssituation dieser Migrant innengruppe in entscheidendem Maße bestimmt (vgl. Hargasser 2016, S. 49). Denn Kinder und Jugendliche, die in Deutschland Asyl suchen, stehen spezifischen Sozialisationsbedingungen gegenüber: Politik, Recht und gesellschaftliche Strukturen vermitteln ihnen zum Teil auf verschiedensten Ebenen, dass sie nicht willkommen und kaum Räume für sie vorgesehen sind. Diese Unsicherheiten und Nicht-Anerkennung haben unter anderem Auswirkungen auf ihre Identitätsbildung. So entsteht ein Spannungsfeld aus der vermuteten besonderen Bedürftigkeit der Jugendlichen bei gleichzeitig extrem beschränkten Handlungsmöglichkeiten der Professionellen in diesem Feld. Dabei wird eine Realität von Lebenslagen von uaM, als ,ausländische[1] Jugendliche mit besonderen Erfahrungen, angenommen, die im Vergleich zur Konstruktion einer Normalität in Deutschland sozialisierter Jugendlicher2 steht.

Im Titel dieser Arbeit wird hierfür provokativ eine verallgemeinerte Charakterisierung der Zielgruppe aus den Initialen von uaM gebildet: Ungefördert, ausgegrenzt, machtlos. Diese als Frage formulierte Reihung von Adjektiven leitet durch die Thematik. Es soll kritisch hinterfragt werden, ob die Lebenslagen von uaM auf diese Weise treffend beschrieben werden können und welche Bedarfslagen sich in diesem Fall daraus ergeben. In welchen Aspekten sind uaM also ungefordert, ausgegrenzt und machtlos und wie sieht hingegen ihr Bedarf aus? Wie kann also diese Beschreibung ins Gegenteil umgekehrt werden, so dass sie gefordert, eingegrenzt und machtvoll werden? Denn im Kontext deutscher Jugendhilfe muss eben dies besonders interessieren, um bedarfsgerechte Hilfen zu ermöglichen.

Als allgemeine Bedarfslagen wurden hierfür anfangs Bildung, Anerkennung und Perspektive aufgrund ihrer Relevanz innerhalb verschiedener soziologischer Theorien in den Blick genommen. Diese haben für uaM große Bedeutung und versprechen in Verbindung mit ihren Lebenslagen gut diskutiert werden zu können. Um dem beschränkten Umfang dieser Arbeit jedoch gerecht zu werden und sich dennoch in einer angemessenen wissenschaftlichen Ausführlichkeit mit dem Thema beschäftigten zu können, musste sich auf eine Bedarfslage beschränkt werden. Die Anerkennungstheorie nach Hegel mit ihrem weiten Einflussbereich, die im Zusammenhang mit Geflüchteten und auch Jugendlichen immer wieder erwähnt wird, erschien dafür besonders attraktiv. Dementsprechend finden die beschreibenden, provokativen Adjektive des Titels dieser Arbeit von uaM in den von Hegel und Mead vorgeschlagenen drei Formen der Anerkennung - Liebe, Recht und Wertschätzung - direkte Aufklärung.

So schließt sich zunächst als Einstieg in den ersten Hauptteil an die Hinführung zum Thema eine genauere Begriffsklärung der unbegleiteten ausländischen Minderjährigen an. Drei spezifische Charakteristika dieser Zielgruppe werden daraufhin in Abgrenzung zur konstruierten Normalität von in Deutschland sozialisierten Gleichaltrigen kritisch beleuchtet: Zunächst werden die besonderen Ressourcen, die durch ihren spezifischen Hintergrund bestehen, behandelt um den defizitären Blick zu öffnen. Im Anschluss werden die Problemlagen beschrieben, welche sich auf die Komplexität der Folgen von Trennung von der Herkunftsfamilie, Migration und Flucht sowie die Minderjährigkeit der Zielgruppe begründen. Als Abschluss dieses Hauptteils wird der sich daraus ergebende besondere Hilfebedarf durch die Jugendhilfe in den Fokus genommen sowie das damit verbundene Spannungsfeld zwischen Kindeswohl, Kindeswillen und Abwehr von Immigration aufgemacht.

Dabei spielen im ersten Teil vor allem Fragen nach den Auswirkungen von Migration und Flucht für uaM eine Rolle. Welche psychologischen oder physiologischen Risiken bergen die Erfahrungen der Minderjährigen verbunden mit der Art der Aufnahme im Zufluchtsland? Und woraus ergibt sich ein Hilfebedarf gegenüber der deutschen Jugendhilfe, obwohl dies womöglich nicht den Ressourcen von uaM gerecht wird? Denn solche Fragen sind unabdingbar, wenn Betreuung und Unterbringung der Zielgruppe den Anforderungen einer individuellen alters- und bedarfsgerechten Entwicklungsforderung nach dem Achten Sozialgesetzbuch Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII) gerecht werden sollen.

Daraufhin wird im zweiten Hauptteil die daraus entstehende spezifische Bedarfslage der Jugendlichen nach Anerkennung in enger Verbindung mit den vorab dargestellten Lebenslagen von uaM ermittelt. Dies fuhrt dazu, dass es in der Anerkennungsform der Liebe vorrangig um Interkulturalität und Zugehörigkeitsfragen, bei Recht um rechtliche Gleichbehandlung und bei der Wertschätzung um soziale Wertschätzung von Eigenschaften, Kompetenzen und Leistungen geht. Dabei soll deutlich werden an welchen Stellen Handlungsbedarf unabdingbar ist, um jungen Menschen aber auch der gesamten Gesellschaft eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Abschließend werden die Ergebnisse verdichtet und aus Erkenntnissen und Forderungen ein Ausblick auf eine weiterführende Auseinandersetzung mit diesem Themengebiet gegeben. Hierbei sollen besonders auch Schlussfolgerungen für die Praxis Sozialer Arbeit gezogen werden. Denn letztendlich soll Jugendhilfe in ihrem Ziel unterstützt werden, eine bedarfsgerechte Versorgungs- und Unterbringungsstruktur zu ermöglichen und für die individuellen Bedarfslagen von uaM zu sensibilisieren.

2 UNBEGLEITETE AUSLÄNDISCHE MINDERJÄHRIGE

„Dort, wo ich herkomme, ist das Leben zum Leben ungeeignet.“ (Karniner 2002, S. 127)

Jugendliche, die unbegleitet nach Deutschland kommen, sind kein plötzlich auftretendes, neues Phänomen. Neu ist nur die große Zahl grenzüberschreitender Migrant innen, für die große Distanzen überwindbar werden und daher diesen Weg auf sich nehmen. Darunter befinden sich seit den 70er Jahren auch immer mehr Minderjährige, die ohne Begleitung von Angehörigen in Deutschland ankommen oder erst vor Ort von Begleiter innen verlassen werden (vgl. Detemple 2015, S. 13).

Zunächst wurde diese Personengruppe sehr allgemein als ,Kinderflüchtlinge‘ bezeichnet. Seit einer Spezifizierung der Zielgruppe mit der Unterscheidung von Minderjährigen mit Begleitung von Sorgeberechtigten und diejenigen ohne solche Begleitung wurde vorrangig der Begriff der , unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ‘ (umF) verwendet, den vor allem der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V. (BumF) vehement fordert. Doch genauso steht die vom Bundesfamilienministerium vorgeschlagene Bezeichnung ,unbegleitete minderjährige Ausländer innen ‘ (umA) nicht außer Kritik. Denn diese würde ausschließlich aus einer Nicht-Zugehörigkeit begründet und lasse die tatsächliche Schutzbedürftigkeit und Vulnerabilität durch das Ersetzen des Flüchtlingsbegriffs außen vor. So wird diese Bezeichnung für die jungen Menschen damit begründet, „dass bei deren Einreise keineswegs erwiesen sei, ob es sich bei den Jugendlichen um anerkannte Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention handle oder nicht“ (BumF 2015b). Während der BumF dies kritisch sieht, kann aus Sicht des Gesetzgebers eine klare Logik zur exakteren und rechtlich einwandfreieren Benennung erkannt werden, da der Flüchtlingsbegriff als solcher wenig präzise und im wissenschaftlichen Kontext nur mit Vorsicht verwendet werden kann (vgl. Detemple 2015, S. 10). So soll die Zielgruppe nicht in erster Linie als ,Ausländer_innen‘ oder Flüchtlinge wahrgenommen werden, „sondern als Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer Flucht spezifische Bedürfnisse haben, aber die gleichen Ansprüche auf Hilfen und Unterstützung wie andere Minderjährige auch.“ (BumF 2015b)

Dabei ist zu beachten, dass Migrant innen und Flüchtlinge auf den gleichen Wegen, unter gleichen Bedingungen unterwegs sind und unabhängig von ihrem Status im Ankunftsland auch die gleichen Erfahrungen der Gewalt und Entbehrung machen (vgl. Detemple 2015, S. 14).

So ist im Folgenden kein bestimmter Rechtsstatus gemeint, wenn von ,Flüchtlingen[1] die Rede sein wird. Doch aus den genannten Gründen wird sich in der vorliegenden Arbeit für die Bezeichnung , unbegleitete ausländische Minderjährige [1] (uaM) entschieden. Hierdurch steht die Minderjährigkeit der Zielgruppe im Fokus und es werden keine Gründe der Einreise nach Deutschland vorausgesetzt. Diese Bezeichnung wird auch aus Sicht der Jugendhilfe aufgrund ebendieser Betonung der Personengruppe als Minderjährige, für die sie sich ja hauptsächlich zuständig fühlt, als fachlich korrekt angesehen (vgl. Lippmann 2015, S. 4).

Zwar wird die Bezeichnung ,uaM‘ in der fachlichen Diskussion in Deutschland derzeit noch ohne eindeutige Definition verwendet, doch ergibt sich durch genauere Betrachtung der einzelnen Termini eine Annäherung:

UaM reisen unbegleitet, also ohne Begleitung eines Erwachsenen, ein, der die Verantwortung durch Gesetz oder Gewohnheit für sie trägt. Sie leben meist schon über einen längeren Zeitraum von Eltern oder Sorgeberechtigten getrennt und haben somit meist keine enge Bezugsperson, die ihnen Schutz bieten kann (vgl. Löhlein 2010, S. 29). Als ,Ausländer_innen‘ wurden sie nicht in Deutschland geboren und besitzen keine deutsche Staatsbürgerschaft. Außerdem haben sie zwar nur ihren tatsächlichen und nicht ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland, sind jedoch mit der Absicht eingereist, längerfristig ihren Wohnort nach Deutschland zu verlagern. Damit geht einher, dass sie meist illegal ins Land kommen, da es kaum legale Wege für sie gibt, nach Deutschland einzureisen, um Asyl zu beantragen. Unabhängig davon, ob sie in Deutschland als Flüchtlinge oder als Migrant innen gelten, waren sie vor ihrer Ankunft meist großen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt.

Minderjährig nach deutschem Recht sind Kinder und Jugendliche, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) ist geregelt, dass Minderjährige beispielsweise nur beschränkt geschäftsfähig sind, unter elterlicher Sorge stehen, nicht prozessfähig sind und kein Wahlrecht haben (vgl. § 2 BGB). Demnach geht der Gesetzgeber davon aus, dass Minderjährige auf Betreuung und Hilfe Erwachsener angewiesen sind. Dementsprechend ist im SGB VIII festgeschrieben, dass vor allem das Kindeswohl sicherzustellen ist (vgl. § 8a SGB VIII).

Zusammenfassend kann demnach die Zielgruppe als Kinder und Jugendliche, die das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, die sich außerhalb ihres Herkunftslandes befinden und nicht von einem Sorgeberechtigten betreut werden, definiert werden.

Grundsätzlich sind Fluchtursachen für Kinder und Jugendliche die gleichen wie bei Erwachsenen: Sie fliehen aus Krisengebieten, vor Kriegen und bewaffneten Konflikten, vor Verfolgung oder Armut. Doch gibt es auch spezifische Fluchtgründe, wie den Wunsch nach Bildung, Angst vor der Rekrutierung als Kindersoldaten oder auch Gewalt im familiären Umfeld, wenn ihnen dort Ausbeutung, sexuelle Gewalt oder Zwangsheirat droht (vgl. Rieger 2010, S. 21).

Gründe für eine alleinige Flucht Minderjähriger sind ebenso vielfältig. Manche uaM beginnen gemeinsam mit Eltern und Geschwistern die Flucht und werden unterwegs von ihren Familien getrennt. Andere fliehen, nachdem ihre Familien umgekommen oder verschollen sind. Einige Kinder, aber vor allem Jugendliche, treffen eigenständig die Entscheidung zur Flucht ohne ihre Verwandten. Andere werden von ihren Eltern weggeschickt, um aus einer Gefahrensituation in Sicherheit zu gelangen. Oft sind sie in einer Position, in der sie nicht selbst verstehen, warum dies alles geschieht. Auch können sie meist nicht das ganze Ausmaß der Entscheidung erkennen, was die Erfahrung der Trennung und des Verlustes schwerer zu verarbeiten macht (vgl. Hargasser 2016, S. 88; Meißner 2003b, S. 144).

Die Organisation der Flucht wird seit der sinkenden Aufhahmebereitschaft vor allem wirtschaftlich hoch entwickelter Staaten immer schwieriger und kostspieliger, womit sie kaum mehr ohne Hilfe von Erwachsenen zu realisieren ist (vgl. Ehring 2011, S. 12). Wenn also beispielsweise Ressourcen nicht reichen um allen Familienmitgliedern die Flucht zu ermöglichen, wird in Kauf genommen, die eigenen Kinder in eine unsichere aber geschütztere Zukunft zu schicken (vgl. Detemple 2015, S. 15). Aufgrund von Versorgung durch die Jugendhilfe, Aussicht auf Ausbildung und bessere Integrationschancen, stellen uaM für ihre Familien oft diejenigen dar, die es am ehesten schaffen könnten, in Deutschland Fuß zu fassen (vgl. Rieger 2010, S. 21).

Während das Thema erst in den letzten Monaten wirklich präsent in der medialen Berichterstattungen geworden ist, gibt es schon seit Jahren Prognosen für eine immer weiter steigende Zahl von in Deutschland ankommenden uaM (vgl. Jehles und Pothmann 2016, S. 33). So ist im August 2016 von etwa 51.000 Minderjährigen und 13.000 jungen Volljährigen, die unbegleitet nach Deutschland eingereist sind und zu diesem Zeitpunkt im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht, versorgt, betreut und unterstützt wurden, auszugehen. Allein im Jahr 2014 wurden rund 11.600 uaM nach § 42 SGB VIII aufgrund unbegleiteter Einreise in Obhut genommen, was immerhin einem Anteil von 24% aller Inobhutnahmen entspricht. Innerhalb von vier Jahren von 2010 bis 2014 verdreifachte sich somit die Zahl von uaM auf eine bislang nicht erreichte Größenordnung (vgl. BumF 2015a, S. 3).

Die meisten uaM stammen aus Afghanistan, weitere Hauptherkunftsländer sind derzeit Eritrea, Somalia, Irak und Syrien. Doch der Anteil derjenigen, die aus Syrien kommen, fallt größer aus, je aktueller die Daten sind (vgl. Jehles und Pothmann 2016, S. 39). Zur Altersverteilung kann festgehalten werden, dass im Jahr 2015 fast 70% der in Obhut genommenen uaM 16 oder 17 Jahre alt waren und nur knapp 10% jünger als 14 Jahre. Auffällig ist, dass zwar insgesamt 90% dieser Zielgruppe männlich sind, jedoch der Anteil der weiblichen uaM in jüngeren Altersklassen höher ist (vgl. Statistisches Bundesamt 2016, S. 12).

Dieser kurze Blick in die Statistik zeigt, dass die Fallzahlen in den letzten Jahren nicht nur stark angestiegen sind, sondern zumindest bis Anfang 2016 weiter zugenommen haben. „So deutet derzeit wenig darauf hin, dass die mit der Unterbringung, Versorgung und Betreuung von umF verbundenen Aufgaben für die Kinder- und Jugendhilfe in den nächsten Jahren weniger werden.“ (Jehles und Pothmann 2016, S. 41) Denn trotz eines möglichen Einbruchs der Zahl der ankommenden uaM aufgrund schwierigerer Fluchtwege, beispielsweise durch die Schließung der Balkanroute, werden weiter junge Menschen mit besonderen Erfahrungen nach Deutschland kommen. Vor allem für ein gutes, zukünftiges Leben der Zielgruppe in Deutschland ist eine bedarfsgerechte Unterstützung und Förderung elementar und eine mögliche Inklusion als Gewinn für die Gesellschaft nur durch Anerkennung dieser erreichbar.

Zu beachten ist, dass uaM nicht nur in Bezug auf Geschlecht, Alter, Herkunft, ethnische Zugehörigkeit und Religion eine heterogene Gruppe darstellen, sondern auch im Hinblick auf ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit und ihre gegenwärtigen Lebenssituationen. Dennoch ist erkennbar, dass verschiedene Variablen sich bei uaM ähnlich gestalten und daraus wiederum ähnliche Ressourcen, Problemlagen und Hilfebedarf resultieren (vgl. Hargasser 2016, S. 97). Die Besonderheit entsteht im Vergleich zu einer konstruierten Normalität von in Deutschland sozialisierten Jugendlichen, die mit Bezugspersonen in einem Heimatland leben, das ihnen Schutz bietet. So ergeben sich aus der Zielgruppe der uaM wie aus jeder anderen auch durch individuelle Hintergründe, Erfahrungen und Entwicklungen sehr individuelle Bedarfslagen. Doch soll im Folgenden auf kennzeichnende Merkmale dieser Personengruppe eingegangen werden.

Nicht ignoriert werden darf dabei die Kritik, dass implizite NormalitätsvorStellungen mitunter gerade zur Stilisierung von Problemgruppen beitragen können und damit dieser Zielgruppe in ihrer Gesamtheit und Ambivalenz nicht gerecht werden kann (vgl. King und Schwab 2000, S. 210). So muss dabei die Sensibilität für Konfliktpotentiale, welche verknüpft sind mit dem Sprachwechsel, der Entwurzelung und der Identitätsverunsicherung, bewahrt werden ohne die Vielfältigkeit von uaM zu übergehen.

2.1 RESSOURCEN

Um dem oft defizitären Blick auf Klient innen der Sozialen Arbeit zu entgehen und ein ganzheitliches Bild von uaM zu zeichnen, sollen im Folgenden zunächst die besonderen Ressourcen dieser in den Fokus gerückt werden.

Zweifellos sind uaM massiven Belastungen ausgesetzt, aufgrund derer sie in gewisser Weise auf Hilfe angewiesen sind, doch können sie keinesfalls als hilflos bezeichnet werden. Denn diese Kinder und Jugendlichen sind „nicht nur Opfer, sondern kompetente, aktiv handelnde Menschen, die sich an schwierigste Situationen angepasst und diese überlebt und bewältigt haben, indem sie ihre vielfältigen Ressourcen und Kompetenzen einsetzten“ (Hargasser 2016, S. 100). Sie besitzen individuelle Schutzmechanismen, Bewältigungsstrategien und eine hohe Überlebenskompetenz, was keinesfalls in der pädagogischen Arbeit unterschätzt werden darf.

Zu Beginn muss die Komponente des Alters der uaM beachtet werden. Junge Menschen emigrieren oft mit mehr Gelöstheit als ältere und sind flexibler gegenüber Veränderungen aufgrund der Flucht. Ihnen gelingt es meist schneller, die Sprache zu lernen, sich in der neuen Kultur und im neuen Umfeld einzuleben und Kontakte zu knüpfen (vgl. Möller 2009, S. 94). Dabei spielt auch eine Rolle, dass sie ihr Fortgehen oft nicht als endgültig annehmen (vgl. Grinberg und Grinberg 1990, S. 145ff.). Damit sind vergleichsweise gute Chancen geschaffen, mit einer positiveren Ausgangssituation ein neues Leben zu beginnen.

Des Weiteren fällt auf, dass die meisten uaM selbst ein stark ressourcenorientiertes Denken vorweisen. Scheinbar setzen sie den Fokus nicht auf das, was ihnen fehlt, sondern auf das was sie haben und glauben erreichen zu können (vgl. Detemple 2015, S. 76). An dieser Stelle liegt die Vermutung nahe, dass dies als Bewältigungsstrategie aus Erfahrungen resultiert, bei denen sie trotz widriger Umstände Selbstwirksamkeit erleben und dies ihre Zuversicht stärken konnte.

Diese Einstellung wird nicht nur von grundsätzlicher Akzeptanz geprägt, sondern auch von der optimistischen Überzeugung, dass auch wieder bessere Zeiten kommen. So hilft der Blick in die Zukunft und die Aktivität im Erreichen dieser, vergangene Erlebnisse nicht als hemmend Einfluss nehmen zu lassen. Sie tragen nach Meinung von Fachkräften auch einen großen Eigenanteil dazu bei, in Deutschland nicht nur physisch anzukommen, sondern ihr Leben umfassend in die Hand zu nehmen. Dies wird durch ihr Autonomiebestreben sehr deutlich, welches durch ihre unbegleitete Flucht ausgeprägt ist und sie rascher erwachsen werden ließ (vgl. ebd., S. 77L).

So muss auch ihre Leistung, den Weg einer meist anstrengenden und ungewissen Flucht unbegleitet erfolgreich überstanden zu haben, Anerkennung finden. Dementsprechend beweisen sie mit ihrer Ankunft in Deutschland schon eine gewisse Unbeugsamkeit und Beharrlichkeit und dass sie meist klare Strategien entschlossen verfolgen, um ihrem Ziel einer guten Zukunft näherzukommen (vgl. Detemple 2015, S. 72).

Trotz Widerständen sind sie dadurch oftmals in der Lage, im Alltag die Motivation aufzubringen, um anstehende Aufgaben zu bewältigen und den Weg zu ihrem selbstgesteckten Ziel zu gehen. So können Bildungsmotive bei uaM stark von denen in Deutschland sozialisierter Gleichaltriger abweichen, da sie oft einen starken Wunsch nach Selbstversorgung und finanzieller Unterstützung der zurückgelassenen Familie entwickeln (vgl. Mehari und Schenk 2004, S. 167ff.). Die Fähigkeit, ihr Ziel im Auge zu behalten, gelingt ihnen vergleichsweise gut und kann möglicherweise darauf zurückgeführt werden, dass sie dafür schon viele Entbehrungen auf sich genommen und es trotzdem soweit geschafft haben. Vor allem in der ersten Zeit des Aufenthalts der uaM in Deutschland scheint der psychische Prozess der Integration relativ unproblematisch, da sie sich aufgrund des Bedürfnisses nach Anpassung und dem Wunsch bleiben zu können sehr um Integration bemühen (vgl. Dembowski 2001, S. 34).

All diese Ressourcen sind jedoch individueller Natur und können nicht ohne weiteres verallgemeinert werden. Dennoch kennzeichnen sie viele uaM aufgrund ihrer ähnlichen Hintergründe. Genauso haben sie natürlich auch Zweifel, müssen motiviert werden und setzen Frust in destruktive Verhaltensweisen um (vgl. Detemple 2015, S. 77). Auch dies hat seine Gründe und Berechtigung, wie im Folgenden dargestellt wird. Doch zunächst kann zusammenfassend festgehalten werden, dass es sich bei den jungen Flüchtlingen eben auch um eine Gruppe von „Menschen mit Ideen, Ressourcen und Kompetenzen“ (Fritzsche 2010, S. 164) handelt.

2.2 PROBLEMLAGEN

UaM kennzeichnen selbstverständlich altersbedingte Konflikte und Problemlagen, wie sie auch bei in Deutschland sozialisierten Gleichaltrigen erlebt werden. Doch kommen durch vergangene Erlebnisse, aktuelle Lebenssituation und ungewisse Zukunftsplanung weitere Herausforderungen hinzu, auf die an dieser Stelle eingegangen werden soll, um die besonderen Lebensumstände von uaM darzustellen. Neben den lebenslaufbedingten Herausforderungen sind sie als Flüchtlingskinder - vor allem mit sogenannter schlechter Bleibeperspektive - generell schlechter als ,deutsche[1] Altersgenossen gestellt und ihre Rechte auf Schutz, Teilhabe, gesundheitliche Versorgung und Bildung in Deutschland werden oft monatelang nur eingeschränkt oder gar nicht gewahrt (vgl. Unicef 2016).

[...]


1 Im Folgenden wird das Gender Gap im Zuge der angewandten geschlechtergerechten Sprache verwendet, um auch auf die Vielzahl sexueller Orientierungen hinzuweisen.

2 Diese Bezeichnung soll im Weiteren in Bezug auf die Sozialisationstheorie verwendet werden, da die Bezeichnung ,deutsch1 als völlig unzureichend und nicht sinnvoll erscheint. Zwar muss Sozialisation als lebenslanger Prozess verstanden werden, doch so wie die Begriffe der Bildung, Erziehung, Reifung und Enkulturation in enger Beziehung zum Sozialisationsbegriff stehen, findet diese zunächst vor allem in der Phase der Kindheit und Jugend statt, wo sich eine Ich-Identität ausbildet und Voraussetzungen für ein autonomes und handlungsfähiges Subjekt geschaffen wird (vgl. Hurrelmann 2006, S. 16; 38). Aufgrund fehlender alternativer Begrifflichkeiten und der nach wie vor juristischen Richtigkeit, soll in Abgrenzung dazu die Bezeichnung ,Ausländer_innen‘ in Anführungszeichen zur Markierung der daran geübten Kritik, verwendet werden. Dabei muss auch die gesellschaftliche Leugnung von Pluralität von ,deutschem1 Aussehen und Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit sowie der Konstruktion von (Nicht-)Zugehörigkeit beachtet werden (mehr dazu bei Melter 2006, S. 40£).

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Bedarfslagen von unbegleiteten, ausländischen Minderjährigen in Deutschland
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
49
Katalognummer
V1187689
ISBN (Buch)
9783346621450
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedarfslagen, minderjährigen, deutschland
Arbeit zitieren
Theresa Hauff (Autor:in), 2016, Bedarfslagen von unbegleiteten, ausländischen Minderjährigen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1187689

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