„Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, sondern immer nur mit sich selbst“, forderte Johann Heinrich Pestalozzi bereits 1790. Ein hoher Anspruch, den auch die Gründer der Laborschule Bielefeld an sich gestellt haben. Sie entwickelten ein Beurteilungssystem, das die Individualität der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt. Noten werden dabei weitestgehend
durch persönliche Berichte zum Lernvorgang ersetzt.
Wie die praktische Umsetzung dieser außergewöhnlichen Form der Beurteilung aussieht und welche Besonderheiten es diesbezüglich gibt, ist die zentrale Fragestellung, der ich nachgehen möchte.
Im ersten Teil der Arbeit setze ich mich zunächst mit den äußeren Rahmenbedingungen der Bielefelder Laborschule auseinander und stelle die einzelnen Stufen und ihre Merkmale vor. Sie bilden die Grundlage für das Verständnis des Beurteilungssystems, welches im
zweiten Teil der Arbeit ausführlich vorgestellt werden soll. Den Abschluss bildet ein kurzes
Schlusswort.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kurzportrait
2.1 Die äußeren Daten
2.2 Die vier Stufen und ihre Merkmale im Überblick
3. Die Beurteilung in der Laborschule
3.1 Aufwachsen ohne Noten – ein Beispiel
3.2 Die Berichte zum Lernvorgang
3.3 Die Umsetzung in den Stufen
3.4 Die Inhalte der Lernberichte
4. Schlusswort
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das pädagogische Beurteilungssystem der Bielefelder Laborschule, das sich durch den Verzicht auf herkömmliche Zensuren zugunsten individueller Lernberichte auszeichnet. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie dieses System in der Praxis umgesetzt wird und welche besonderen methodischen Aspekte die Begleitung der Lernentwicklung der Kinder prägen.
- Konzept und Gründungsgeschichte der Bielefelder Laborschule
- Strukturierung der Schullaufbahn in vier Entwicklungsstufen
- Methodik der Leistungsbeurteilung ohne Notenzeugnisse
- Aufbau und Funktion der individuellen Lernberichte
- Bedeutung der Lernbegleitung für das Arbeits- und Sozialverhalten
Auszug aus dem Buch
3.1 Aufwachsen ohne Noten – ein Beispiel
Martin wurde mit fünf Jahren in die Laborschule aufgenommen. Am Ende seines ersten Schuljahres erhält er von seiner Lehrerin einen Brief, der ihn und seine Eltern darüber informiert, was er in diesem ersten Jahr mit seiner Gruppe erlebt hat und welche besonderen Ereignisse, Feste und Ausflüge stattgefunden haben. Dieser erste Brief verdeutlicht besonders, wie Martin mit den neuen sozialen Herausforderungen fertig geworden ist und wie er sich in die Gruppe eingefunden hat.
In den beiden darauf folgenden Jahren erweitert sich der Brief seiner Lehrerin: Konnte Martin Rücksicht auf andere nehmen? Kann er anderen helfen? Ist er in der Lage, mit anderen Kindern zusammenzuarbeiten? Wie liest, rechnet, schreibt, zeichnet, misst, beobachtet und notiert Martin?
Nach drei Jahren verlässt Martin die altersgemischte Gruppe und geht in sein drittes Schuljahr über. Er kommt in eine Gruppe, mit der er nun bis zum Ende seiner Schulzeit zusammenbleiben wird. Er bekommt eine Betreuungslehrerin, die ihn auf seinem Weg begleitet und die er die meiste Zeit des Tages um sich haben wird. Fachunterricht wie Englisch oder Sport kommen zum bisherigen Unterricht hinzu. Seine Lehrerin schätzt nun zusätzlich das Zusammenwachsen seiner neuen Stammgruppe in Form eines Briefes ein. Aber auch ein persönlicher Brief an ihn gibt ihm darüber Aufschluss, wie er sich entwickelt hat und was seine Stärken sind. Auf sein Arbeits- und Sozialverhalten wird – neben vielen anderen Dingen – natürlich auch eingegangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verknüpft das pädagogische Ideal Pestalozzis mit dem Anspruch der Laborschule, Individualität statt Noten zu fördern, und definiert die zentrale Fragestellung der Arbeit.
2. Kurzportrait: Dieses Kapitel liefert einen Überblick über die Entstehungsgeschichte, den Auftrag als Versuchsschule sowie die Gliederung der elf Schuljahre in vier spezifische Stufen.
3. Die Beurteilung in der Laborschule: Hier wird der Kern des Beurteilungssystems detailliert analysiert, von der beispielhaften Entwicklung eines Schülers bis hin zur methodischen Gestaltung und Zielsetzung der Lernberichte.
4. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die positiven Auswirkungen der Lernberichte auf die Lernmotivation und den Abbau von Leistungsdruck und reflektiert den persönlichen Erkenntnisgewinn der Autorin.
Schlüsselwörter
Bielefelder Laborschule, Lernbericht, Leistungsbeurteilung, Pädagogik, Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, individuelle Förderung, Sozialverhalten, Lernentwicklung, Unterricht, Versuchsschule, Schulpraxis, Notenverzicht, Entwicklungsstufen, Kompetenzentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der alternativen Leistungsbewertung an der Bielefelder Laborschule, die weitestgehend auf Noten verzichtet und stattdessen qualitative Lernberichte nutzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen die schulorganisatorische Struktur der Laborschule, die pädagogischen Leitideen der Beurteilung sowie die praktische Ausgestaltung der Berichte über den gesamten Schullaufbahnverlauf hinweg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die praktische Umsetzung der Beurteilung ohne Zensuren funktioniert und welche Besonderheiten die pädagogische Begleitung der Schüler im Schulalltag kennzeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie einer deskriptiven Darstellung der pädagogischen Konzepte und praktischen Anwendungsbeispiele der Laborschule.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in ein Kurzportrait der Schule, eine detaillierte Erläuterung des Beurteilungsverfahrens inklusive konkreter Stufenmodelle und eine Analyse der inhaltlichen Merkmale der Lernberichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Laborschule, Lernbericht, individuelle Förderung, Leistungsbeurteilung, Reformpädagogik und Sozialverhalten sind die prägenden Begriffe der Arbeit.
Wie unterscheiden sich die Lernberichte in der Stufe I von denen in Stufe III und IV?
In Stufe I sind die Berichte als durchgehende Texte verfasst, die sich am Tagesgeschehen orientieren, während in den Stufen III und IV eine strukturierte Aufteilung in Betreuungslehrerberichte, Unterrichtsbeschreibungen und Einzelberichte erfolgt.
Welche Funktion erfüllen Noten an der Laborschule trotz des alternativen Systems?
Noten werden an der Laborschule erst bei Übergängen oder Schulabgängen vergeben, um die erforderlichen Berechtigungen und Zeugnisse für weiterführende Schulen oder Berufsausbildungen sicherzustellen.
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- Sophie Männel (Author), 2008, Das Beurteilungssystem der Bielefelder Laborschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118772