Die Gefahr im Wesen der Technik. Über die Bedeutung der Kunst in Heideggers Technikphilosophie


Hausarbeit, 2020

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Technik als Entbergen
2.1 Bestand und Ge-stell
2.2 Geschick und Gefahr

3. Das Rettende
3.1 Das Ge-stell als ziellose Mobilmachung
3.2 Kunst als alternative Weise des Entbergens

4. Zusammenfassende Betrachtungen und Conclusio

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1953 verfasste der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889 - 1976) einen Technikaufsatz mit dem Titel „Die Frage nach der Technik“, in dem es primär darum geht, das Wesen der Technik zu ergründen. Damit knüpft Heidegger an die gegenwartsdiagnostischen Überlegungen der 1930er Jahre und insbesondere der Beiträge zur Philosophie, geschrieben zwischen 1936 und 1938, an.1 Beginnend referiert er über das alltägliche und gewöhnliche Verständnis von Technik, was Heidegger wie folgt wiedergibt:

„Jedermann kennt die beiden Aussagen, die unsere Frage beantworten. Die eine sagt: Technik ist ein Mittel für Zwekke [sic]. Die andere sagt: Technik ist ein Tun des Menschen. Beide Bestimmungen der Technik gehören zusammen. Denn Zwekke [sic] setzen, die Mittel dafür beschaffen und benutzen, ist ein menschliches Tun.“2

Technik wird so als ein Mittel zum Zweck gesehen, sprich instrumental, sowie als ein Produkt menschlichen Tuns, also anthropologisch verstanden. Zur Technik gehöre demnach das „Verfertigen und Benützen von Zeug, Gerät und Maschinen, gehört dieses Verfertigte und Benützte selbst, gehören die Bedürfnisse und Zwecke, denen sie dienen.“3 Dieses Verständnis bestimmt Heidegger als die instrumentale und anthropologische Bestimmung der Technik, indessen sie als instrumentum, d.h. als das Ganze der eben aufgezählten Einrichtungen verstanden wird.4 Im Grunde wird die Technik so als ein vom Menschen kontrolliertes Werkzeug gesehen und Heidegger spricht dem eine teilweise Richtigkeit zu, erkennt aber auch eine gewisse Problematik in dieser Form der Betrachtung:

„Am ärgsten sind wir jedoch der Technik ausgeliefert, wenn wir sie als etwas Neutrales betrachten; denn diese Vorstellung, der man heute besonders gern huldigt, macht uns vollends blind gegen das Wesen der Technik.“5

Das Wesen der Technik, ihre Essenz, wird durch das alltägliche Verständnis von Technik übersehen. Was Heidegger mit dem Wesen zu Technik zu finden hofft, verdeutlicht er mit dem Beispiel des Baumes. Das Wesen des Baumes, was ihn als Baum bestimmt und ausmacht, ihn durchwaltet, ist nicht der Baum selbst, der sich zwischen den übrigen Bäumen antreffen lässt. Auf diese Weise übersieht seine zeitgenössische Gesellschaft die Gefahr einer Betrachtung der Technik als Kontrollierbares. Hinter der instrumentalen und anthropologischen Bestimmung tut sich noch viel mehr auf. Diese Hausarbeit nimmt sich an, das in Folge des Aufsatzes herausgearbeitete Wesen der Technik nach Heidegger darzulegen und den damit aufkommenden Problemhorizont zu umreißen. Was ist das Rettende gegenüber der Gefahr im Wesen der Technik ? Heidegger bringt hier die Kunst ins Spiel; wieso ihr inmitten Heideggers Technikphilosophie solche Bedeutung zukommt, ist Ziel dieser Hausarbeit. Wie kann Kunst vor Technik retten? Dafür muss zuerst verstanden werden, was für Heidegger Technik ist, bzw. worin das Wesen der Technik besteht.

2. Technik als Entbergen

Die instrumentale Bestimmung ist für Heidegger zwar richtig, aber Heidegger unterscheidet zwischen richtig und wahr. Das Richtige stellt zwar etwas Zutreffendes am Vorliegenden fest, das dafür aber nicht in seinem Wesen enthüllt werden muss.6 Das Wahre ereignet sich dort, wo solch ein Enthüllen geschieht und so ergründet sich das Instrumentale im Bereich der Kausalität:

„Ein Mittel ist solches, wodurch etwas bewirkt und so erreicht wird. Was eine Wirkung zur Folge hat, nennt man Ursache. [...] Wo Zwecke verfolgt, Mittel verwendet werden, wo das Instrumentale herrscht, da waltet Ursächlichkeit, Kausalität.“7

Heidegger stellt fest, dass das Instrumentale der Technik auf dem Prinzip der Ursächlichkeit, bzw. Kausalität beruht. Damit bewegt sich Heideggers Analyse dahin, das traditionelle Kausalitätsverständnis zu beleuchten, das auf Aristoteles‘ (384 v. Chr. - 322 v. Chr.) Vier- Ursachen-Lehre beruht: „Was die Technik, als Mittel vorgestellt, ist, enthüllt sich, wenn wir das Instrumentale auf die vierfache Kausalität zurückführen.“8 Wie aus dem Namen vorgeht, spricht Aristoteles von vier Ursachen, aus denen sich das Konzept der Kausalität zusammensetzt: 1. causa materialis (Materialursache), das Material oder der Stoff als etwas Vorhandenes, aus dem ein Gegenstand besteht, 2. causa formalis (Formursache), die Form oder Gestalt, die das Material eingeht, 3. causa finalis (Zweckursache), das ist der Zweck oder Ziel und letztlich 4. causa efficiens (Wirkursache), das ist der anfängliche Anstoß oder Effekt, der ein Ding erwirkt.9 Am Beispiel einer Silberschale, so wie Heidegger es in „Die Frage nach der Technik“ verwendet, sehe das wie folgt aus: Die causa materialis wäre beispielsweise Silber in der Form - causa formalis - einer Schale. Ihre causa finalis, d.h. ihr Zweck wäre die Verwendung zum Opferdienst, der Form und Stoff der Schale bestimmt. Die causa efficiens, der die Schale verwirklichende Effekt, wäre demnach der Silberschmied. Heidegger fährt fort, die Vier-Ursachen-Lehre zu hinterfragen. Eine Ursache wird meist als etwas Bewirkendes begriffen, d.h. als ein Erzielen von Erfolgen und Effekten.10 Die causa efficiens, der Effekt, hat dabei für das Verständnis von Kausalität eine so maßgeblich bestimmende Rolle, dass die cau sa finalis im Verständnis aus dem Bereich des zur Kausalität Zugehörigen verdrängt wird.11 Doch das Verständnis von Kausalität bei den antiken Griechen wie Aristoteles hat nichts mit Wirken und Bewirken zu tun, wie es die nachkommenden Zeitalter begriffen, was Heidegger terminologisch erklärt.

„Causa, casus, gehört zum Zeitwort cadere, fallen, und bedeutet dasjenige, was bewirkt, daß etwas im Erfolg so oder so ausfällt. [...] Was wir Ursache, die Römer causa nennen, heißt bei den Griechen arnov, das, was ein anderes verschuldet. Die vier Ursachen sind die unter sich sich zusammengehörigen Weisen des Verschuldens.“12

Das Verschulden des griechischen Denkens unterscheidet sich vom späteren Verständnis als Bewirken. Heidegger erklärt das Verschulden am bekannten Beispiel der Silberschale. Das Silber als causa materialis der Schale ist mitschuld an dieser, die Schale schuldet, d.h. verdankt dem Silber ihre Stofflichkeit.13 Ebenso ist die Schale an die Gestalt als Schale, ihre Schalenhaftigkeit als causa formalis, verschuldet.14 Eine folgenreiche Missdeutung geschieht dann, wenn es um die causa finalis geht. Vor allem bleibt die Schale Schuld an jenem, „was zum voraus die Schale in den Bereich der Weihe und des Spendens eingrenzt.“15 Diese Eingrenzung ist mehr noch eine beendende Umgrenzung.

[...]


1 Vgl. Figal, G., Martin Heidegger zur Einführung, Hamburg 1992, S. 160.

2 Heidegger, M., „Die Frage nach der Technik“, in: ders., GA 7, Vorträge und Aufsätze (1936 - 1935), herausg. v.

F.-W. v. Herrmann, Frankfurt a.M. 2000, S. 7.

3 Ebd., S. 7f.

4 Vgl. Ebd., S. 8.

5 Ebd., S. 7.

6 Vgl. Heidegger, M., „Die Frage nach der Technik“, S. 9.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Vgl. Heidegger, „Die Frage nach der Technik“, S. 9.

10 Vgl. Ebd., S. 10.

11 Vgl. Ebd.

12 Ebd.

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Ebd.

15 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Gefahr im Wesen der Technik. Über die Bedeutung der Kunst in Heideggers Technikphilosophie
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Das Wesen des Nihilismus bei Heidegger und Severino
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V1187867
ISBN (Buch)
9783346620446
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heidegger, Technikphilosophie, Gestell, Hölderlin, Kunstphilosophie, Nihilismus
Arbeit zitieren
Amon Raun (Autor:in), 2020, Die Gefahr im Wesen der Technik. Über die Bedeutung der Kunst in Heideggers Technikphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1187867

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